Freitag, 31. August 2018

Stoff und Form.

Giuseppe Sanmartino

Im Arbeitsproceß tritt der Arbeiter als Arbeiter in ein normales, durch die Natur und den Zweck der Arbeit selbst bestimmtes thätiges Verhältniß zu den Productionsmitteln. Er eignet und behandelt sie als blosses Mittel und Material seiner Arbeit. Die selbstständige, an sich  fest- / haltende und ihren eignen Kopf habende Exi- stenz dieser Productionsmittel, ihre Trennung von der Arbeit, wird jezt thatsächlich aufgehoben. Die gegenständ- lichen Bedingungen der Arbeit treten in ihrer normalen Einheit mit der Arbeit, als blosse Materie und Organe ihres schöpferischen Wirkens auf. 

Das Fell, das der Arbeiter gerbt, behandelt er als blosen Gegen- stand seiner productiven Thätigkeit, nicht als Capital. Er gerbt nicht dem Capitalisten die Haut. So weit der Productionsproceß blos Arbeitsproceß ist, verzehrt der Arbeiter in diesem Prozeß die Productionsmittel als blosse Lebensmittel der Arbeit. So weit aber der Productions- proceß zugleich Verwerthungsproceß ist, verzehrt der Capitalist in ihm das Arbeitsvermögen des Arbeiters oder eignet sich die lebendige Arbeit als Lebensblut des Capitals an. Das Rohmaterial, überhaupt der Arbeitsgege- nstand, dient nur dazu, fremde Arbeit einzusaugen und das Arbeitsinstrument dient nur als Conductor, Leiter für diesen Einsaugungsprozeß

Indem das lebendige Arbeitsvermögen den gegenständlichen Bestandtheilen des Capitals einverleibt ist, wird dieß zu einem belebten Ungeheuer, und fängt an zu wirken „als hätt' es Lieb' im Leibe“. Da die Arbeit blos in einer bestimmten nützlichen Form Werth schafft und da jede besondre nützliche Art Arbeit Material und Mittel von spezifischem Gebrauchswerth erheischt, Spindel und Baumwolle u. s. w. für die Spinnarbeit, Amboß, Ham- mer und Eisen für die Schmiedearbeit u. s. w., kann die Arbeit nur eingesaugt werden, soweit das Capital die Gestalt der für bestimmte Arbeitsprocesse erheischten spezifi- schen Productionsmittel annimmt und nur in dieser Gestalt kann es leben- dige Arbeit einsaugen. 

Hier sieht man also, warum dem Capitalisten, dem Arbeiter und dem politischen Oekonomen, der den Arbeits- proceß nur als vom Capital angeeigneten Arbeitsproceß zu denken fähig ist, die stofflichen Elemente des Arbeits- processes wegen ihrer stofflichen Eigenschaften als Capital gelten und warum er unfähig ist, ihre stoffliche Exi- stenz als blosser Factoren des Arbeitsproceßes los zu lösen von der mit ihnen verquickten gesellschaftlichen Eigen- schaft, die sie zu Capital macht. Er kann das nicht, weil wirklich derselbe identische Arbeitsproceß, dem die Pro- ductionsmittel durch ihre stofflichen Eigenschaften als blosse Lebensmittel der Arbeit dienen, dieselben Produc- tionsmittel in blosse Einsaugungsmittel der Arbeit verwandelt. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 80
f.   



Nota. - Das Anschauliche, Historische, Qualitative - all das ist Stoff, an dem diese oder jene Form erscheint. Die Form macht den Stoff für menschliche Zwecke nützlich oder unnütz, doch ohne Stoff gibt es sie nicht. Es gibt keinen Stoff ohne Form (Was nicht erscheint, ist kein Stoff), doch welche Form das ist, bedarf noch weiterer Be- stimmung; aber der Stoff ist, was und wie er ist. Die gesellschaftliche Eigenschaft ist gegenüber seiner stofflichen Existenz die formale Bestimmung. Beide von einander zu unterscheiden ist ein dialektisches Kunststück, das nur dem reflektierenden Analytiker gelingt - wenn er will. Und im konkreten Fall ist das eine politische Bedingung.
JE

Donnerstag, 30. August 2018

Das Mysterium der Transsubstantiation.


Wenn ein Capitalist von 500 Thalern 400 in Productionsmittel verwandelt und 100 in Kauf von Arbeitsvermö- gen auslegt, bilden diese 100 Thaler sein variables Capital. Mit diesen 100 Thalern kaufen die Arbeiter Lebens mittel, sei es vom selben Capitalisten, sei es von andren. Die 100 Thaler sind nur die Geldform dieser Lebensmit- tel, die also in der That den stofflichen Bestand des variablen Capitals bilden. 

Innerhalb des unmittelbaren Productionsprocesses existirt das variable Capital nicht mehr: weder in Geldform, noch in Waarenform, sondern in der Form der lebendigen Arbeit, die es sich durch den Kauf des Arbeitsvermögens angeeignet hat. Und nur durch diese Verwandlung des variablen Capitals in Arbeit wird überhaupt die in Geld oder Waaren vorgeschoßne Werthsumme in Capital verwandelt. 

Obgleich also der Kauf und Verkauf des Arbeitsvermögens, wodurch die Verwandlung eines Theils des Capitals in variables Capital bedingt ist, ein vom unmittelbaren Productionsproceß getrennter und selbstständiger, ihm vorherge- hender Proceß ist, bildet er die absolute Grundlage des capitalistischen Productionsprocesses und bildet ein Mo- ment dieses Productionsprocesses selbst, wenn wir ihn als Ganzes betrachten und nicht nur im Augenblick der unmittelbaren Waarenproduction. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 79 



Nota. - Vor der Produktion war das variable Kapital noch da, und nach der Produktion ist es in vergrößerter Menge wieder da. Während der Produktion selbst jedoch war es verschwunden. Während der Produktion ist reelle Arbeit da; für die hat die Politische Ökonomie aber kein Zeichen. Warum auch? Die Verwandlung des Lohns in Lebensmittel, der Verzehr der Lebensmittel und deren Verbrennung zu Arbeitskraft fand außerhalb des Produktionsprozesses, außerhalb der Fabrik in der Wohnung des Arbeites statt. 

Als er die Fabrik wieder betrat, war die Kraft da, auch wieder ihr - unveränderter - Tauschwert; aber außerdem ihr neu hinzugekommener Gebrauchswert. Arbeit, Gebrauch, Verzehr - das sind qualitative Bestimmungen, die sich anschauen lassen, aber nicht in Begriffe fassen, nicht zu andern Begriffen in ein logisches Verhältnis setzen kann. 

Nur eine Darstellung, die über das analytisch-diskursive Aneinanderreihen von Begriffen hinausgeht und auf das anschaulich-historisch-Faktische ausdehnt, kann daher das Ganze des Prozesses erfassen.
JE





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Dienstag, 28. August 2018

Ein ungleicher Austausch.

jamesros

Lebensmittel sind eine besondre stoffliche Existenzform worin das Capital dem Arbeiter gegenübertritt, bevor er sie durch Verkauf seines Arbeitsvermögens aneignet. Aber sobald der Productionsprocess beginnt, ist das Ar- beitsvermögen bereits verkauft, die Lebensmittel also, wenigstens de jure, in den Consumtionsfonds des Arbei- ters übergegangen. Diese Lebensmittel bilden kein Element des Arbeitsprocesses, welcher neben dem wirken- den Arbeitsvermögen selbst nichts voraussetzt ausser Arbeitsmaterial und Arbeitsmittel. 

In der That muß der Arbeiter sein Arbeitsvermögen durch Lebensmittel erhalten, aber diese seine Privatcon- sumtion, die zugleich Reproduction seines Arbeitsvermögens ist, fällt ausserhalb des Productionsprocesses der Waare. Es ist möglich, daß in der capitalistischen Production thatsächlich die ganze disponible Zeit des Arbei- ters vom Capital absorbirt wird, daß also der Verzehr der Lebensmittel thatsächlich als ein bloser Incident des Arbeitsprocesses selbst erscheint, wie der Verzehr von Kohle durch die Dampfmaschine, von Oel durch das Rad oder von Heu durch das Pferd, wie die ganze Privatconsumtion des arbeitenden Sklaven, ...

Wie sich das aber immer thatsächlich gestalten mag, die Lebensmittel, sobald der freie Arbeiter sie verzehrt, sind Waaren, die er gekauft hat. Sobald sie in seine Hand übergehn, also umsomehr, sobald sie von ihm verzehrt werden, haben sie aufgehört, Capital zu sein. Sie bilden / also keines der stofflichen Elemente, worin das Capital im unmittelbaren Productionsproceß erscheint, obgleich sie die stoffliche Existenzform des variablen Capitals bilden, das auf dem Markt, innerhalb der Circulationssphäre als Käufer von Arbeitsvermögen auftritt.
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 78
f.   



Nota. - Das variable Kapital verschwindet im Produktionsprozess: Es wurde als Gebrauchswert verzehrt. Es ent- steht - wird erarbeitet - ein neues Qantum Tauschwert, das an seine Stelle tritt und zunächst das Wertquantum des variablen Kapitals ersetzt; aber unter den normalen Bedingungen der kapitalistischen Produktion größer ist als je- nes. Und weil die Wertmenge größer geworden ist, heißt das Kapital, das der Kapitalist als Preis für das Arbeits- vermögen auslegt, "variabel". Mysteriös ist daran nichts mehr. Es wird ein Quantum vernichtet und es wird ein neues Quantum produziert.
JE 

Montag, 27. August 2018

Der Verbrauch des Arbeitsvermögens ist die Arbeit selbst.

 

Wir haben gesehn, daß die Verwandlung von Geld in Capital in zwei selbstständige, ganz verschiednen Sphären angehörige und getrennt von einander existirende Processe zerfällt. Der erste Proceß gehört der Sphäre der Waarencirculation an und geht daher auf dem Waarenmarkt vor. Es ist der Kauf und Verkauf des Arbeitsvermögens. Der zweite Prozeß ist der Consum des gekauften Arbeitsvermögens oder der Productionsproceß selbst. 

In dem ersten Proceß stehn sich Capitalist und Arbeiter nur als Geldbesitzer und Waarenbesitzer gegenüber und ihre Transaction ist, wie die zwischen allen Käufern und Verkäufern, ein Austausch von Equivalenten. Im zweiten Proceß erscheint der Arbeiter pro tempore als lebendiger Bestandtheil des Capitals selbst und die Cate- gorie des Austauschs ist hier gänzlich ausgeschlossen, da der Capitalist alle Faktoren des Productionsprocesses, sachliche wie persönliche, sich durch Kauf angeeignet hat, bevor dieser Proceß beginnt. 

Obgleich aber beide Processe selbstständig neben einander / existiren, bedingen sie sich wechselseitig. Der erste leitet den zweiten ein, und der zweite führt den ersten aus. 

Der erste Proceß, der Kauf und Verkauf des Arbeitsvermögens, zeigt uns Capitalist und Arbeiter nur als Käufer und Verkäufer von Waare. Was den Arbeiter von andren Waarenverkäufern unterscheidet, ist nur die spezifische Na- tur, der spezifische Gebrauchswerth der von ihm verkauften Waare. Aber der besondre Gebrauchswerth der Waaren ändert durchaus nichts an der ökonomischen Formbestimmtheit der Transaction, nichts daran daß der Käufer Geld und der Verkäufer Waare vorstellt. 

Um also zu beweisen, daß das Verhältniß zwischen Capitalist und Arbeiter durchaus nichts als ein Verhältniß zwi- schen Waarenbesitzern ist, die zu ihrem wechselseitigen Vortheil und durch einen freien Contract Geld und Waare mit einander austauschen, genügt es den ersten Prozeß zu isoliren und an seinem formellen Charakter fortzuhalten. Dieß einfache Kunststück ist keine Hexerei, aber es bildet den ganzen Weisheitsvorrath der Vul- gärökonomie. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 77
f.   



Nota. - Der 'zweite Prozess' geht in der ganzen Politischen Ökonomie unter, nicht bloß der vulgären. Unter geht, dass der Kapitalist die Arbeitskraft gewissermaßen als ein Samenkorn gekauft hat, das sich, sobald es die Werkstatt erreicht, als lebendige Arbeit zu einer reifen Frucht entfaltet. Doch die gehört ihm rechtens, weil er das Samenkorn bezahlt hat.

Der Doppelcharakter der Arbeit, der nicht-formale, sondern substanzielle Unterschied zwischen ihrem Tausch- und ihrem Gebrauchswert ist Marxens eigentliche Entdeckung und der Kern der Kritik der Politischen Ökono- mie. Es wundert nicht, dass die Politischen Ökonomen dazu neigten, vom Gebrauchswert zu schweigen.
JE





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Sonntag, 26. August 2018

Doppelcharakter der Arbeit.

 
Aus dem früher Entwickelten folgt, daß der Ausdruck „vergegenständlichte Arbeit“ und der Gegensatz von Capital als vergegenständlichter Arbeit zur lebendigen Arbeit grosser Mißdeutung fähig ist.

Ich habe bereits früher gezeigt, daß die Analyse der Waare auf „Arbeit“ bei allen bisherigen Oekonomen zwei- deutig und unvollständig ist. Es genügt nicht sie auf „Arbeit“ zu reduciren, sondern auf Arbeit in der Doppel- form, worin sie sich einerseits als konkrete Arbeit im Gebrauchswerth der Waaren darstellt, andrerseits als gesellschaft- lich nothwendige Arbeit im Tauschwerth berechnet wird. 

Vom ersten Gesichtspunkt hängt alles von ihrem besondren Gebrauchswerth, ihrem spezifischen Charakter ab, der eben dem von ihr geschaffnen Gebrauchswerth den spezifischen Stempel aufdrückt und ihn zu einem kon- kreten Gebrauchswerth im Unterschied von andren, zu diesem bestimmten Artikel macht. Dagegen wird von ihrer besondern Nützlichkeit, ihrer bestimmten Natur und Art und Weise ganz und gar abstrahirt, soweit sie als Werthbildendes Element berechnet oder die Waare als ihre Vergegenständlichung berechnet wird. 

Als solche ist sie unterschiedlose, gesellschaftlich nothwendige, allgemeine Arbeit, ganz und gar gleichgültig gegen jeden besondren Inhalt, weshalb sie auch an ihrem selbstständigen Ausdruck, dem Geld, an der Waare als Preiß, einen allen Waaren gemeinschaftlichen und nur durch Quantität unterscheidbaren Ausdruck erhält. Nach der erstren Seite stellt sich die Sache im bestimmten Gebrauchswerth der Waare, ihrer bestimmten dinglichen Existenz, nach der zweiten im Geld dar, ob dieß nun als Geld, oder als blosses Rechengeld im Preisse der Waare existire. Nach der ersten Seite handelt es sich ausschließlich um die Qualität, nach der zweiten blos um die Quantität der Arbeit. 

Nach der ersten Seite stellt sich der Unterschied der konkreten Arbeit in der Theilung der Arbeit, nach der zweiten in ihrem unterschiedlosen Geldausdruck dar. Innerhalb des Productionsprocesses nun tritt uns dieser Unterschied activ entgegen. Es sind nicht mehr wir, die ihn machen, sondern er wird im Productionsproceß selbst gemacht. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 66
f. 



Nota. - Dieses Manuskript von 1863-65 stellt viel mehr einen Rohentwurf zum Kapital dar, als die ebenfalls so genannten Grundrisse. Während Marx in jenen ohne formellen Rahmen, aber nach unterschiedlichen Plänen das faktische und begriffliche Material sammelt, das er zur späteren Ausarbeitung brauchen würde (und nachträg- lich ein Inhaltverzeichnis anlegte, das die Herausgeber der ersten MEGA als Kapitelüberschriften missverstanden), sehen wir ihn hier bereits mit der logischen Darstellung und dem editorischen Aufbau beschäftigt. Natürlich stellen sich Begriffsfragen bei der Darstellung im Zusammenhang noch einmal und schärfer als bei der ersten Sichtung, weshalb sich die Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses stellenweise lesen wie ein Schulungstext zur Einführung in die Kritik der Politischen Ökonomie. Die Wiederholungen sind wenig unterhaltend, doch machen sie den Text um vieles anschaulicher als die endgültige Ausarbeitung für ein gelehrtes Publikum.
JE


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Samstag, 25. August 2018

Reales Sein, ideales Gelten.

 
Wenn wir den Productionsproceß unter zwei verschiednen Gesichtspunkten betrachten 1) als Arbeitsproceß, 2) als Verwerthungsproceß, so liegt schon darin, daß er nur ein einziger, untheilbarer Arbeitsproceß ist. Es wird nicht doppelt gearbeitet, einmal um ein zweckgemässes Product, einen Gebrauchswerth zu schaffen, die Producti- onsmittel in Producte zu verwandeln, und das andremal um Werth und Mehrwerth zu schaffen, um den Werth zu verwerthen. 

Die Arbeit wird nur in ihrer bestimmten, konkreten, spezifischen Form, Weise, Existenzweise zugesetzt worin sie die zweckbestimmte Thätigkeit ist, die die Productionsmittel in ein bestimmtes Product, Spindel und Baum- wolle z. B. in Garn verwandelt. Es ist nur Spinnarbeit etc, die zugesetzt wird und die durch ihre Zusetzung fort- während mehr Garn producirt. Werthsetzend ist diese reale Arbeit, so weit sie einen normalen bestimmten Grad von Intensivität besitzt (oder nur zählt, so weit sie ihn besitzt) und soweit diese reale Arbeit von gegebner Inten- sivität in bestimmten, durch die Zeit gemeßnen Quantitäten, sich im Product materialisirt.  

Hörte der Arbeitsproceß auf bei dem Punkt, wo das Quantum der in der Form des Spinnens etc zugesetzten Arbeit = dem Quantum der im Arbeitslohn enthaltnen Arbeit, so würde kein Mehrwerth producirt. Der Mehrwerth stellt sich daher auch dar in einem Mehrproduct, hier als Quantum Garn überschüssig über das Quantum, dessen Werth = dem Werth des Arbeitslohns. Als Verwerthungsproceß erscheint der Arbeitsproceß daher dadurch, daß die in ihm zugesetzte konkrete Arbeit ein Quantum gesellschaftlich nothwendiger Arbeit ist (durch seine Intensivi- tät), = einem gewissen Quantum gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit gesetzt ist und dadurch, daß dieß Quan- tum ausser dem im Arbeitslohn enthaltnen ein zuschüssiges Quantum darstellt. 

Es ist die quantitative Berechnung der besondren konkreten Arbeit als nothwendiger gesellschaftlicher Durchschnitts- arbeit, eine Berechnung, der aber das reale Moment erstens der normalen Intensivität der Arbeit (daß zur Her- stellung eines bestimmten Quantums Products nur die dazu gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit verwandt wird) und der Verlängerung des Arbeitsprocesses über seine zum Ersatz des Werths des variablen Capitals noth- wendige Dauer entspricht.
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 66



Nota. - Die Unterscheidung von Tauschwert und Gebrauchswert wäre buchstäblich gegenstandslos, würde sich nicht das real materiale Mehrprodukt als ein ideal geltender Mehrwert darstellen. Letzterer ist der 'wesentliche' Zweck der Produktion, aber um als solcher gelten zu können, muss er "zuschüssiger" Gebrauchswert sein.  

Der Übergangspunkt ist die Verallgemeinerung = das Absehen von der Individualität. Ein Allgemeines kann nicht sein. Ein Seiendes kann lediglich allgemein gelten - nämlich für alle gelten; als dies oder das. Möglich wird dieses, indem sie alle zu einander in einem Verhältnis stehen: alle in einem. Dies allgemeine Verhältnis ist der Markt, auf dem sie sich alle im Verhältnis der Konkurrenz begegnen. So und nicht anders vollbringt Seiendes das Kunststück, sich in Geltendes zu "verwandeln". Nicht zu vergessen: Es gilt mir etwas immer nur in Hinblick auf eine Absicht, die ich verfolge.


Nachtrag. - Nur weil Marx nach dem Ursprung des Mehrwerts und dem Wesen der Ausbeutung sucht, stößt er schließlich und endlich auf den Doppelcharakter der Arbeit, nämlich ihre Fähigkeit, durch ihren Gebrauch mehr zu erzeugen, als ihre Herstellung gekostet hat. Und nun auf einmal erhält der Gebrauchswert, den 'die Ökonomen' bislang achtlos hatten links liegen lassen, eine ganz eminente, nämlich die entscheidende 'formbestimmende' Rolle für die bürgerliche Wirtwschaftsweise.
JE






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Freitag, 24. August 2018

Entfremdung beiderseits.

 
Historisch betrachtet erscheint diese Verkehrung als der nothwendige Durchgangspunkt, um die Schöpfung des Reichthums als solchen, d. h. der rücksichtslosen Productivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit, welche allein die materielle Basis einer freien menschlichen Gesellschaft bilden können, auf Kosten der Mehrzahl zu erzwingen. Es muß durch diese gegensätzliche Form durchgangen werden, ganz wie der Mensch seine Geisteskräfte zu- nächst sich als unabhängige Mächte gegenüber religiös gestalten muß. Es ist der Entfremdungsproceß seiner eignen Arbeit. 

Insofern steht hier der Arbeiter von vorn herein höher als der Capitalist, als der letztre in jenem Entfremdungs- proceß wurzelt und in ihm seine absolute Befriedigung findet, während der Arbeiter als sein Opfer von vorn herein dagegen in einem rebellischen Verhältniß steht und ihn als Knechtungsproceß empfindet. 

So weit der Productionsproceß zu gleich wirklicher Arbeitsproceß ist und der Capitalist als Aufseher und Leiter desselben eine Function in der wirklichen Production zu verrichten hat, bekömmt seine Thätigkeit in der That einen spezifischen, mannigfaltigen Inhalt. Aber der Arbeitsproceß selbst erscheint nur als Mittel des Verwert- hungsprocesses, ganz wie der Gebrauchswerth des Products nur als Träger seines Tauschwerths. 

Die Selbstverwerthung des Capitals – die Schöpfung von Mehrwerth – ist also der bestimmende, beherrschen- de und übergreifende Zweck des Capitalisten, der absolute Trieb und Inhalt seines Thuns, in der That nur der rationalisirte Trieb und Zweck des Schatzbildners – ein durchaus armseliger und abstrakter Inhalt, der den Ka- pitalisten von einer andren Seite ganz ebenso sehr unter der Knechtschaft des Capitalverhältnisses erscheinen läßt, wenn auch von andrer Seite her, auf dem entgegengesetzten Pol, als den Arbeiter. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 65 



Nota. - Der Gedanke, dass der Kapitalist tiefer in der Entfremdung steckt als der Arbeiter, sofern nämlich jener in aufrührerischem Widerspruch zu einer Situation steht, in der der Kapitalist vielmehr seine Befriedigung fin- det, entspricht einer Darstellung Hegels im 'Herr-und-Knecht'-Kapitel der Phänomenologie des Geistes und hat viele Exegeten zum Schreiben angeregt. 

Die wissenschaftliche Darstellung von der Realität der Ausbeutung wäre ohne Sinn und Zweck ohne die Mög- lichkeit eines Bewusstseins von der Ausbeutung. Die Möglichkeit eines solchen Bewusstsein beruht keineswegs auf der 'konkreten Erfahrung des Arbeiters in der Fabrik': Dort verkleistert ihm die Verdinglichung die Augen ebenso wie dem Kapitalisten. Die Lücke, die sich in seiner Entfremdung auftut, ist vielmehr der Unwille gegen seine Klassenlage. Aus diesem Unwillen, der ein Politikum ist, wird unter günstigen Bedingungen (und bei wissenschaftlicher Aufklärung) vielleicht eine Einsicht in die Verdoppelung des Produktionsprozesses zu Arbeits- und Verwertungsprozess; doch ganz sicher nicht andersrum.
JE




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Donnerstag, 23. August 2018

Der Durchschnitt macht sich nicht allein.


Damit die Arbeitszeit des Arbeiters im Verhältniß zu ihrer Dauer Werth setze, muß sie gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit sein. D. h. der Arbeiter muß in einer bestimmten Zeit das normal gesellschaftliche Quantum zweckmäs- siger Arbeit verrichten, und der Capitalist zwingt ihn daher, daß seine Arbeit wenigstens den normal gesell- schaftlichen Durchschnittsgrad von Intensivität besitze. Er wird so viel wie möglich sie über dieß Minimum zu steigern suchen und in einer gegebnen Zeit so viel Arbeit als möglich aus ihm zu extrahiren suchen, denn jede Intensivität der Arbeit über den Durchschnittsgrad schafft ihm Mehrwerth. 

Er wird ferner den Arbeitsproceß so viel wie möglich zu verlängern suchen über die Schranken hinaus, die gearbeitet werden muß um den Werth des variablen Capitals, den Arbeitslohn, zu ersetzen. Bei gegebner In- tensivität des Arbeitsprocesses wird er seine Dauer, bei gegebner Dauer desselben seine Intensivität möglichst zu vermehren streben. Der Capitalist zwingt den Arbeiter seiner Arbeit den Normalgrad von Intensivität, wo möglich einen höhren Grad zu geben und er zwingt ihn, so viel wie möglich seinen Arbeitsproceß über die zur Ersetzung des Arbeitslohns nöthige Zeitdauer zu verlängern. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 62



Nota. -  'Der Kapitalist' tut das, und sein Konkurrent tut es auch. Ein jeder drückt an seiner Stelle, und so ergibt sich schließlich ein Minimum an 'notwendiger Arbeitszeit.' Der Marktpreis ist nur dessen nachträgliche Sanktion. In der Zirkulation erscheint es. Aber es entsteht im Arbeits(!)prozess.
JE



Mittwoch, 22. August 2018

Maskerade.


 
Auf Grundlage der capitalistischen Production erscheint diese Fähigkeit der vergegenständlichten Arbeit sich in Capital zu verwandeln, d. h. die Productionsmittel zu verwandeln in Mittel des Commando über und der Explo- itation von lebendiger Arbeit, als ihnen an und für sich zukommend (wie sie ja δυνάμει damit auf dieser Basis verbunden ist), unzertrennbar von ihnen, daher als Eigenschaft, die ihnen als Dingen, als Gebrauchswerthen, als Produc- tionsmitteln zukommt. Diese erscheinen daher an und für sich als Capital und das Capital daher, welches ein be- stimmtes Productions-/verhältniß ausdrückt, ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältniß, worin innerhalb der Pro- duction die Besitzer der Productionsbedingungen zu den lebendigen Arbeitsvermögen treten als ein Ding, ganz wie der Werth als Eigenschaft eines Dings und die ökonomische Bestimmung des Dings als Waare, als seine dingli- che Qualität erschien, ganz wie die gesellschaftliche Form, welche die Arbeit im Geld erhielt, sich als Eigenschaf- ten eines Dings darstellte.

In der That ist die Herrschaft der Capitalisten über die Arbeiter nur die Herrschaft der verselbstständigten, dem Arbeiter gegenüber verselbstständigten Arbeitsbedingungen (wozu ausser den objektiven Bedingungen des Produc- tionsprocesses – den Productionsmitteln – auch die objektiven Bedingungen der Erhaltung und Wirksamkeit der Arbeitskraft, also die Lebensmittel gehören) über den Arbeiter selbst, obgleich dieß Verhältniß sich erst verwirk- licht im wirklichen Productionsproceß, der wie wir gesehn, wesentlich Productionsproceß von Mehrwerth ist, was die Erhal- tung des alten Werths einschließt, Selbstverwerthungsproceß des vorgeschoßnen Capitals ist. 

In der Circulation treten sich Capitalist und Arbeiter nur als Waarenverkäufer gegenüber, aber durch die spezi- fisch polarische Natur der Sorten von Waaren, die sie einander verkaufen, tritt der Arbeiter nothwendig in den Productionsproceß ein als Bestandtheil des Gebrauchswerths, des realen Daseins und des Werthdaseins des Capitals, obgleich sich erst innerhalb des Productionsproceß dieß Verhältniß verwirklicht und der als Käufer von Arbeit nur δυνάμει existirende Capitalist erst zum wirklichen Capitalisten wird, wenn der durch den Verkauf seines Ar- beitsvermögens eventualiter in Lohnarbeiter verwandelte Arbeiter in jenem Proceß erst wirklich unter das Com- mando des Capitals tritt. 


Die Functionen, die der Capitalist ausübt, sind nur die mit Bewußtsein und Willen ausgeübten Functionen des Capitals – des sich verwerthenden Werths durch Einsaugung der lebendigen Arbeit – selbst. Der Capitalist functionirt nur als personnificirtes Capital, das Capital als Person, wie der Arbeiter nur als die personnificirte Arbeit, die ihm als Qual, als Anstrengung, die aber dem Capitalisten als Reichthum schaffende und vermeh- rende Substanz gehört, wie sie als solche in der That als dem Capital im Productionsproceß einverleibtes Element, sein lebendiger, variabler Factor erscheint. 

Die Herrschaft des Capitalisten über den Arbeiter ist daher die Herrschaft der Sache über den Menschen, der todten Ar- beit über die lebendige, des Products über den Producenten, da ja in der That die Waaren, die zu Herrschaftsmitteln (aber blos als Mittel der Herrschaft des Capitals selbst) über die Arbeiter werden, blosse Re- sultate des Productionsprocesses, die Producte desselben sind. Es ist dieß ganz dasselbe Verhältniß in der materi- ellen Production, im wirklichen Gesellschaftlichen Lebensproceß – denn dieß ist der Productionsproceß – wel- ches sich auf dem ideologischen Gebiet in der Religion darstellt, die Verkehrung des / Subjekts in das Objekt und umgekehrt.
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 62ff.



Nota. - Hier steht es nun endlich: Was sich begriffsdogmatisch gelehrten Betrachtern immer wieder als Formen- wechsel aufdrängt, sind in ihrer prosaischen Wirklichkeit die unterschiedlichen Funktionen, die Dinge und Men- schen im Verlauf des produktiven Prozesses auszuüben haben - die Agenten des Kapitals mit Bewusstesin und Willen, die Verkäufer der Arbeitskraft bewusstlos und unwillig. Das bestimmende Moment ist der Prozess sel- ber, doch der besteht in seiner Wirklichkeit im Tun lebendiger Menschen.

Ist nicht aber die Rede von 'Wesentlichem'? Der bürgerliche Produktionsprozeß sei wesentlich Produktionspro- zess von Mehrwert! Was aber bedeutet das? Dass er andernfalls gar nicht stattfände. Mehrwert ist der Zweck der Produktion, sofern sie nämlich von Kapitalbesitzern betrieben wird. Befriedigung von Lebensbedürfnissen oder Lob und Preis des Schöpfers könnten Zwecke der Produktion sein; doch nicht, wenn die Produktion für den Markt geschieht und die Produktionsmittel in den Händen einer Klasse monopolisiert sind. Wenn die es sind, die die Produktion betreiben, dann dient sie wesentlich der Mehrwertbildung; alles andere ist ihr zufällig.
JE

 

Dienstag, 21. August 2018

Das Inkrement.

  P. Breughel d. J.

Was aber nun den lebendigen Factor des Verwerthungsprocesses betrifft, so ist 1) der Werth des variablen Capitals dadurch zu erhalten, daß er ersetzt wird, reproducirt wird, d. h., daß den Productionsmitteln ein so grosses Quantum Arbeit zugesetzt wird als der Werth des variablen Capitals / oder des Arbeitslohns betrug; 2) ein Increment seines Werths, Mehrwerth zu schaffen, dadurch daß ein Ueberschuß von Arbeitsquantum über das im Arbeitslohn enthaltne, ein zusätzliches Arbeitsquantum im Product vergegenständlicht wird.
 

Darin entspricht der Unterschied zwischen dem Gebrauchswerth des vorgeschossenen Capitals oder der Waa- ren, worin es existirte, und der Gestalt des Gebrauchswerths des Capitals im Arbeitsproceß, dem Unterschied zwischen dem Tauschwerth des vorgeschossenen Capitals und der Erscheinung des Tauschwerths des Capitals im Verwerthungsproceß, daß dort das Productionsmittel, das constante Capital, in derselben Gebrauchswerth- form in den Proceß tritt, die die Waaren, woraus es besteht, vorher hatten, während an die Stelle der fertigen Gebrauchswerthe, woraus das variable Capital bestand, der lebendige Factor der in neuen Gebrauchswerthen sich verwerthenden Arbeitskraft, realen Arbeit tritt, und daß hier der Werth der Productionsmittel, des constan- ten Capitals, als solcher in den Verwerthungsproceß tritt, während der Werth des variablen Capitals gar nicht in denselben eintritt, sondern ersezt wird durch die werthschöpferische Thätigkeit, als Verwerthungsproceß exi- stirende Thätigkeit des lebendigen Factors tritt. 
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Ökonomisches Manuskript 1863-1865,
MEGA II/4.1, S. 61f.



Nota. - Es gibt in der gesellschaftichen oder physikalische Welt kein Zweites, das sich ebenso beschreiben ließe: Das variable Kapital hat sich in seiner Geldform aufgelöst und an seine Stelle tritt eine bloße Energie! Das ist ein Stoffwechsel sondergleichen. Man kann ihn mit einem willkürlichen Namen bezeichnen, aber in einen Begriff fassen lässt er sich nicht.
JE