Samstag, 31. März 2018

Die pragmatische Wiederherstellung der kritischen Methode.


Begriffe ohne Anschauung sind leer, hatte Kant den rationalistischen Dogmatikern seiner Zeit, zu denen er eben noch selbst gehört hatte, hinter die Ohren geschrieben. Begriffe werden nicht ergriffen, sondern vom reflektierenden Verstand aus Anschauungen gemacht. Das sollte als Die Kopernikanische Wende der Philoso- phie in die Lehrbücher eingehen. Doch Kant war noch keine zehn Jahre tot, da geisterte der Begriff schon wieder als sich selbst bewegendes Subjekt/Objekt durch die Metaphysik.

Dazwischen lag eine wahrhaftige Konterrevolution im Denken. Der Begriff erhebt sich als Absoluter Geist über alle Realität und verleibt sich selbst noch die Iche ein, die Geschichte, die ganze Welt ist nichts als die Parusie des Begriffs, eine zyklische Bewegung, in der er, durch die Endlichkeit hindurch, am Ende doch wieder zu sich zurückkehrt.

In der Gestalt des Hegel'schen Systems kehrte der dogmatische Rationalismus - mit mystizistischen Strähn- chen, das ist wahr - für drei Jahrzehnte zur Herrschaft zurück und vermochte selbst die literarische Erinnerung an die Kritische, die Transzendentalphilosophie zu tilgen.

Dem hat das Aufkommen der Hegel'schen Linken im deutschen Vormärz nicht wirklich Abhilfe geschaffen. Die Hegel'sche Schule war im wilden Bacchanal der Kritischen Kritik zerfallen, das war alles. An eine Rückkehr zum weiland mutwillig abgerissenen transzendentalen Ansatz dachte von den Philosophen keiner.

Nicht als Philosoph hat Marx die Hegel'sche Mystifikation überwunden, sondern als Historiker und Kritiker der Politischen Ökonomie. Sein wissenschaftliches Lebensthema war ihm von Engels in den Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie vorgegeben worden, und lange glaubte er, das lückenhafte Klassische System der Politischen Ökonomie nach Hegels dialektischer Methode vervollständigen zu sollen. Und da fand sich, dass nicht die Begriffe sich bewegen, sondern die wirklichen historischen Subjekte. Unter großen Mühen kam er schließlich dazu, den Begriff auf sein kritisch gebotenes Maß zurückzuführen: als kritisches Instrument in der Hand des analysierenden Historikers. Dessen bestimmte Aufgabe ist gerade, die Stellen ausfindig zu machen, die von den Begriffen nicht 'erfasst' werden, und an denen der historische Bericht die Lücke füllen muss: Nicht der Wertbegriff begründet das Kapital, sondern die Vertreibung des Landvolks vom Boden begründet das Wertgesetz.

Marx hat Fichte nicht gelesen, das lässt sich (fast) schlüssig dokumentieren und bei Gelegenheit werde ich das tun; die Dialektik in ihrer ursprünglichen, kritischen und rationellen Gestalt in Form des Fichte'schen analy- tisch-synthetischen Verfahrens, hat er nicht gekannt. Er hat auch nicht mit metatheoretischen Spekulationen über die richtige Methode begonnen, sondern mit der Analyse selbst, und musste die gebotene kritische Wen- dung auf denkpragmatischem Weg an der Stelle einführen, wo sie unvermeidlich wurde.

Nicht der Begriff 'schlägt um', sondern ein Begreifender wechselt den Gesichtspunkt, das ist das ganze Ge- heimnis der pp. Dialektik.

*

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Täti- ges ist, ein Gesetztes; es bleibt keine Tätigkeit mehr, sondern ein Produkt, aber nicht etwa ein anderes Produkt als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor dem Vorstellen des Ich vorherging; sondern bloß das Handeln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert; so etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschau- ung, welche auf die Tätigkeit als solche geht.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32f. 


Man nennt die innere Thätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den Begriff... Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst. ...

Im gemeinen Bewusstseyn kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser Bewusstseyn, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusst- seyn der Anschauung erhebt man sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und jede Anschauung mit Bewusstseyn bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit die Richtung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem besonderen Falle, das Object der Anschauung / vor der Anschauung vorher daseyn soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung sieht man, dass dieser nichts anderes sey, als die Anschauung selbst, nur nicht als solche, als Thätigkeit, sondern als Ruhe aufgefasst. 
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ders., Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre,[1797] SW I, S. 533f.



Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanismus. 
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ders., Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 182


*

Derlei Reflexionen finden sich bei Marx nicht. Er bleibt eng an seinem Gegenstand, nur nebenher spottet er über das statische Denken der Begriffshuber.* Es geht aber um die Methode, die er an seinem Gegenstand tatsächlich entwickelt, und nicht um das, was er darüber sagt. 
*) s. Randglossen zu A. Wagners "Lehrbuch der politischen Ökonomie", MEW 19, S. 373

30. 8. 15

Freitag, 30. März 2018

Dialektik als Kritik.


Diese Mißverständnisse Ricar-/dos gehn offenbar daraus hervor, daß er selbst nicht klar über den Process war, noch sein konnte als Bourgeois. Einsicht in diesen Process ist = dem statement, daß das Capital nicht nur, wie A. Smith meint Commando über fremde Arbeit ist, in dem Sinne wie jeder Tauschwerth es ist, weil er seinem Besitzer Kaufmacht giebt, sondern daß es die Macht ist sich fremde Arbeit ohne Austausch, ohne Equivalent, aber mit dem Schein des Austauschs, anzueignen. 

Ricardo weiß A. Smith und andren gegenüber, die in denselben Irrthum verfallen über Werth as determined by labour, und über Werth as determined by the price of labour (wages) nie anders zu refütiren als so: daß er sagt mit dem Product derselben Quantität Arbeit kann man bald mehr, bald weniger lebendige Arbeit in Bewegung setzen, d. h. er betrachtet das Product der Arbeit in Bezug auf den Arbeiter nur als Gebrauchswerth – den Theil des Products den er braucht um leben zu können als Arbeiter. 

Woher es aber kömmt, daß auf einmal der Arbeiter in dem Austausch nur Gebrauchswerth repräsentirt oder nur Gebrauchswerth aus dem Austausch zieht, ist ihm by no means klar, wie schon seine nie allgemein, sondern stets an einzelnen Beispielen demonstrirende Argumentation gegen A. Smith beweist. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 447f. [MEW 42, S. 456


Nota.  Das ist der Sinn der dialektischen Darstellungsweise bei Marx: ein kritischer. Den Ökonomen wird demonstriert, was sie tatsächlich sagen, was sie stattdessen zu erklären hätten, aber nicht erklären können – nämlich in ihrer eigenen Begriffsscholastik. Konkret: Es wird gezeigt, dass der dialektische Umschlag von Gebrauchswert in Tauschwert gerade nicht stattfindet  und dies bei der Ware par excellence, der Arbeitskraft. Die bürgerliche Wirtschaftsweise ist eben kein System, das sich auf dialektische Weise "bewegt"; nämlich (selber) setzt und entgegesetzt. Das ist nur ihr Schein.
JE, 27. 9. 15








Donnerstag, 29. März 2018

Stoff und ökonomische Formbestimmung.


Soweit die reine Form, die ökonomische Seite des Verhältnisses betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier eigentlich noch ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen unter-schiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt werden kann, daß er noch ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die formell unterschieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die Austauschenden; in derselben Bestimmung gesezt; die Gegenstände ihres Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind, sondern aus-drücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind; endlich der Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben als Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt wer-den. 

Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt des Austauschs als Gleichgeltende und zugleich als Gleichgültige gegen / einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und be-währen sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur so als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger individueller Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre sonstigen individuellen Eigenheiten. 

Was nun den Inhalt angeht ausserhalb dem Akt des Austauschs, der sowohl Setzen als Bewähren der Tausch-werthe, wie der Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb der ökonomischen Form-bestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche Besonderheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre natürliche Bedürfniß der Austauschenden, oder beides zusammengefaßt, der verschiedene Gebrauchswerth der auszutauschenden Waaren. 

Dieser der Inhalt des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung liegt, so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden, macht vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das Individuum B und in dem-selben Gegenstand seine Arbeit realisirt hätte, wie das Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production hin betrachtet. 

Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm; diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen Gleichheit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin sie zu einander als produc-tiv treten. 

Nach dieser natürlichen Verschiedenheit betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für B, und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt die natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß der Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander, sondern integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als objectivirt in der Waare ein Bedürfniß für das Individuum A ist und vice versa; so daß sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaftlicher Be-ziehung zu einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch das Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine fähig ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produ-ciren und jeder dem andren als Eigenthümer des Objekts des Bedürfnisses des andren gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres Bedürfniß / etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S165ff.   [MEW 42, S. 167f.]    



Nota. - Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel Gabriel direkt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet, sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progres-siv seine Gedanken klärt und um die darauf passenden Wörter ringt. Er 'kokettiert' dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucksweise', sondern bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken über-haupt auf dem Papier festhalten zu können. 

Der Inhalt falle 'noch ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie, in der er noch ganz befangen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der gesellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammenfassen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie'. 

Und auch der Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder bestimmte Vorstel-lungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle, die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Begriffe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE 29. 2. 16

Mittwoch, 28. März 2018

Marx'sche Pädagogik.

Kinder als Kugelgiesser an der Barrikade
aus FAZ.NET, 28.03.2018-07:13 

Eine schwere Rüge ins Klassenbuch
Marx unterschied zwischen Erziehung und Bildung und wollte die Kinder technisch schulen. Diese Chance wurde vertan: Heute werden Kinder zum Schleimen, Petzen und Mobben motiviert. 

von Dietmar Dath

Sarkastisch beendet Marx im März 1859 einen Text über den Bildungsstand der Besitzlosen in einer der fortgeschrittensten Industrienationen der Welt, indem er feststellt, dass einschlägige Artikel in den englischen Fabrikgesetzen zwar forderten, „dass die Kinder Bescheinigungen über den Schulbesuch bringen, aber nicht, dass sie etwas gelernt haben müssen“.^ Inzwischen sind wir weiter. Lernen heißt jetzt unter anderem, „gemeinsam ins Gespräch kommen“ über Fragen wie: „Wovor hast du Angst?“

Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.

So jedenfalls wünscht sich’s ein aktuelles Pädagogiklehrbuch zur Vermittlung „emotionaler Kompetenz“, das erklären will, „wie Kinder in der Gemeinschaft stark werden“. Ein anderes schlägt Übungen vor, bei denen die Kleinen sich „mit ihrem Namen identifizieren“ sollen, und „für ältere Kinder kann die Übung modifiziert werden. Sie schreiben auf dem Papierbogen die Buchstaben ihres Vornamens senkrecht untereinander. Zu jedem Buchstaben schreiben sie nun ein Wort auf, das sie in irgendeiner Weise beschreibt. Statt einem Wort können auch mal zwei oder drei Worte aufgeschrieben werden. Besonders schwierige Buchstaben im Namen wie x oder y werden einfach ausgelassen.“ Denn was man nicht gleich oder leicht schafft, das spart man sich am Besten, lernt so der kleine Xaver, der sich dann halt mit der Letternfolge „Aver“ identifiziert, worüber sich die Banknachbarinnen „Slvia“ (biodeutsch) und „Ala“ (muslimisch, beide ohne das störende y) bestimmt mit ihm freuen.

Das klingt sehr anders als bei Marx, der erstens noch zwischen Erziehung und Bildung unterschied, zweitens beides mit der Förderung körperlicher und geistiger Beweglichkeit verwirklichen wollte und drittens eine „polytechnische Ausbildung“ wünschte, welche „die allgemeinen Prinzipien aller Produktionsprozesse vermittelt und gleichzeitig das Kind und die junge Person einweiht in den praktischen Gebrauch und die Handhabung der elementaren Instrumente aller Arbeitszweige“.*

Absicht dabei war, „die Arbeiterklasse weit über das Niveau der Aristokratie und Bourgeoisie“ und deren Bildungsideale zu heben, wodurch Letztere also aufgehoben und übertroffen, keineswegs aber vergessen und verloren sein sollten – die heranwachsenden Menschen wünschte sich Marx dazu befähigt, ihre Geschicke allmählich selbst zu lenken, weswegen er die Sozialdemokratie früh für ihr lasches Verhältnis zur Bildung hart anging, etwa in der „Kritik des Gothaer Programms“: „Der Paragraf über die Schulen hätte wenigstens technische Schulen (theoretische und praktische) in Verbindung mit der Volksschule verlangen sollen.“**

Diese Chance wurde vertan. Dafür haben wir jetzt das von angeblich lebenslangem Lernen für alle gekennzeichnete Informationszeitalter, in dem, siehe oben, schon Kinder angeleitet werden, miteinander Gefühlslobbyismus zu spielen, und Erwachsene auf dem Handy bei Langeweile sogenannte „Bubbles“ abschießen können, eine Beschäftigung, für die damit geworben wird, man erwerbe und verbessere so das „strategische Denken“.

In Wirklichkeit reagiert man während solcher „Games“ wie eine Trivialmaschine auf Reize, die von vernunftlosen Vorrichtungen ausgehen, gemäß den schlimmen Unheilsworten von Marx aus dem April 1856: „All unser Erfinden und unser ganzer Fortschritt scheinen darauf hinauszulaufen, daß sie materielle Kräfte mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen Kraft verdummen. Dieser Antagonismus zwischen moderner Industrie und Wissenschaft auf der einen Seite und modernem Elend und Verfall auf der andern Seite, dieser Antagonismus zwischen den Produktivkräften und den gesellschaftlichen Beziehungen unserer Epoche ist eine handgreifliche, überwältigende und unbestreitbare Tatsache.“***

Wer diesen elenden „gesellschaftlichen Beziehungen“ der Gegenwart früh genug in Kita oder Grundschule unterworfen wird, kann dann zu dem Zeitpunkt, da es fürs Überleben dieses Erziehungs- und Bildungssystems schließlich Reifebescheinigungen gibt, zwar keinen Strahlensatz anwenden, kein Krabbeltierchen bestimmen, keine Verbrennungsreaktion aufschreiben und weder deklinieren noch konjugieren, aber dieses umfassende Unvermögen ist in Gruppen gelernt worden, nur darauf kommt’s an.

Selbst die Opposition gegen das sozial Vorhandene denkt mittlerweile in solchen naturwüchsigen Gruppen, und auch der Schritt aus dem niederen ins höhere Bildungswesen befreit nicht davon, weil Wohlmeinende an der Universiät Erkennntisinteresse und Erkenntnisarbeit verwechseln. Denn zwar ist empirisch wahr, dass erst mit dem Eintritt von Angehörigen verfolgter, ausgebeuteter oder unterdrückter Gruppen in Forschung und Lehre große Teile der (nicht nur) historischen Wahrheit plötzlich in den akademischen Blick rücken, weil diese Leute eben das nötige Erkenntnisinteresse mitbringen, während die Angehörigen der Täterkollektive ihren (teils geerbten) Vorteil aus jenem Unrecht zogen und eher ein Verkenntnisinteresse haben. Unwahr aber ist, dass irgendeine Gruppe (sagen wir: Arbeiterinnensöhne oder Migrantentöchter) einen epistemisch privilegierten Zugang zur Wahrheit besitzt, sei sie am Unrecht nun ausübend oder erleidend beteiligt (gewesen). 

Die Verwechslungen, die da passieren, müsste man geduldig diskutieren, aber die dafür erforderliche Sprache ist, wie Horkheimer schon in den Fünfzigern sah, „tot“, genau wie jede Menge sonstigen Bildungsgutes, und zwar „weil der Einzelne, der zum anderen spricht, als Einzelner, sagen wir als denkendes Subjekt, nichts mehr zu sagen hat – in dem Sinn, wie es heißt: ‚Der hat nichts zu sagen‘, das heißt, der ist ohnmächtig, er kann nichts vollbringen, auf sein Wort hin geschieht nichts“. Noch die sachlich zutreffendsten Äußerungen der scheinbar Mächtigsten erleben wir vor diesem Hintergrund heute als Unfälle aus Themaverfehlung, verhunztem Satzbau und schierem Lallen, etwa bei der Kanzlerin. Diese Entwertung der ehemals den Einzelnen zukommenden Mitteilungsfertigkeiten kommt für Leute, die sich an Marx erinnern, alles andere als überraschend. Denn das Individuum selbst, als bildungsfähiges Subjekt, ist eine Idee aus der Zeit des Konkurrenzkapitalismus, gesetzt unter Motti wie „Talent setzt sich durch“ oder „Fleiß gewinnt“, wofür als logische Voraussetzung eine breite Streuung der Mittel zum Gewinnen und Sichdurchsetzen vorliegen muss, also: des Eigentums.

Diese Eigentumsstreuung, lehrt Marx, weicht im kapitalistischen Spiel aber früher oder später mit Notwendigkeit der Konzentration des Kapitals – „je ein Kapitalist schlägt viele tot“.° Am Ende steht eine Wirklichkeit, in der zum Beispiel eine Erfinderin, wenn sie eine Erfindung erfindet, mit der sie im Konkurrenzkapitalismus reich geworden wäre, ihren Einfall nur noch a.) einer Bank, b.) einem Konzern oder c.) irgendeinem Venturedeppen verkaufen kann, sonst verbünden sich die drei und machen die Frau samt Idee einfach platt. Dieser allgemeinen Schutzgeld- und sonstigen Erpresserrealität entkommen auch Personen in vormals „freien Berufen“ nicht mehr, und so verwandeln sich die vom Kapitalismus zunächst versachlichten (das heißt: auf Leistungen gestellten) sozialen Beziehungen langsam in paradox unpersönlich-persönliche, nämlich solche der Abhängigkeit vom Wohlwollen abstrakt aller („likes“) und konkret einfach zufällig Vorgesetzter. 

In dieser Horrorlandschaft lernen die Kinder folgerichtig, wie man beliebt und unterwürfig zugleich ist, sich so darstellt und mit dieser Darstellung eins wird, also: schleimen, petzen, Mobbing, mit den Wölfen heulen und den eigenen Namen im Stuhlkreis tanzen (statt Gleichungssysteme oder Grammatik). 

Die Eigentumsstreuung von vor zweihundert Jahren ist nicht wiederherstellbar, jedenfalls (entgegen den radikalliberalen Träumen der Leserschaft von „eigentümlich frei“) kaum ohne Vernichtung der gegenwärtigen (und sei’s dezentralen und modularen) globalen Großproduktion, die man sich nicht wünschen sollte, weil sie vor allem Chaos und Massensterben brächte. Das Konkurrenzspiel liegt historisch stromaufwärts, es ist kein Rückgriff darauf zu haben. Das gesamtgesellschaftliche Erpresserwesen lässt sich nur noch für alle aufheben oder für niemanden. Dazu, wie das gehen könnte, hat sich Marx bekanntlich ausführlichere Gedanken gemacht als zur polytechnischen Erziehung; man lese sie nach. 

Bis diese Gedanken aber jemand umsetzt, hat man von der Einsicht in die beschriebenen Zusammenhänge und von etwaigen Bildungsresten im armen Schädel nicht viel, weshalb momentan allerlei uralter Hordenmuff, der neuerdings unter dem schicken Namen „Identität“ wieder im Angebot ist, einer wachsenden Anzahl Unzufriedener Erlösung von ihrer entwerteten Individualität verspricht. Verschmäht man das, so winkt als Trostpreis einstweilen nichts außer dem bisschen Selbstachtung derjenigen, die, wenn sie auf anonyme Weisung des großen Ganzen hin verblöden, seelisch verarmen, intellektuell verstummen, glotzen, klicken und übern Schirm wischen sollen, nicht auch noch dankbar für all die bunte Abwechslung sind. 


**) MEW 19, S. 30
***) MEW 12, S. 4.
°) MEW 23, [Kapital I], 791


Nota. - Marxens Überlegungen zur Erziehung und Bildung der Arbeiterkinder nennt die Ziele, die die Arbeiterbewegung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung anvisieren muss. Er war jedoch ein Gegner dieser Gesellschaftsordnung und betrieb deren Sturz. Über die Erziehung in einer Idealwelt hat er sich wohlweislich nicht den Kopf zerbrochen. Nur soviel steht fest: Freie Zeit galt ihm als die prosaische Realform von Freiheit.
JE 




Dienstag, 27. März 2018

Die als flüchtig gesetzte Substanz.


Das Geld in seiner lezten, vollendeten Bestimmung erscheint nun nach allen Seiten als ein Widerspruch, der sich selbst auflöst; zu seiner eignen Auflösung treibt. Als allgemeine Form des Reichthums steht ihm die ganze Welt der wirklichen Reichthümer gegenüber. Es ist die reine Abstraction derselben, – daher so festgehalten blose Einbildung. Wo der Reichthum in ganz materieller, handgreiflicher Form als solcher zu existiren scheint, hat er [als Geld] seine Existenz blos in meinem Kopf, ist ein reines Hirngespinst. Midas.

Andrerseits als materieller Repräsentant des allgemeinen Reichthums wird es blos verwirklicht, indem es wieder in Circulation geworfen, gegen die einzelnen besondren Weisen des Reichthums verschwindet. In der Circula-tion bleibt es als Circulationsmittel; aber für das aufhäufende Individuum geht es verloren und dieß Verschwin-den ist die einzig mögliche Weise es als Reichthum zu versichern. 

Die Auflösung des Aufgespeicherten in einzelnen Genüssen ist seine Verwirklichung. Es kann nun wieder von andren Einzelnen aufgespeichert werden, aber dann fängt derselbe Prozeß von neuem an. Ich kann sein Sein für mich nur wirklich setzen, indem ich es als bloses Sein für andre hingebe. Will ich es festhalten, so verdun-stet es unter der Hand in ein bloses Gespenst des wirklichen Reichthums. 

Ferner: Das Vermehren desselben durch seine Aufhäufung, daß seine eigne Quantität das Maaß seines Werths ist, zeigt sich wieder als falsch. Wenn die andren Reichthümer sich nicht aufhäufen, so verliert es selbst seinen Werth in dem Maaß in dem es aufgehäuft wird. Was als seine Vermehrung erscheint, ist in der That seine Abnahme. Seine Selbstständigkeit ist nur Schein; seine Unabhängigkeit von der Circulation besteht nur in Rücksicht auf sie, als Abhängigkeit von ihr. Es giebt vor allgemeine Waare zu sein, aber ihrer Natürlichen Besonderheit wegen, ist es wieder eine besondre Waare, deren Werth sowohl von Nachfrage und Zufuhr abhängt, als er wechselt mit seinen spezifischen Productionskosten. 

Und da es selbst in Gold und Silber sich incarnirt, wird es in jeder wirklichen Form einseitig; so daß wenn das eine als Geld das andre als besondre Waare und vice versa erscheint und so jedes in beiden Bestimmungen erscheint. Als der absolut Sichre, ganz von meiner Individualität unabhängige Reichthum, ist es zugleich als das mir ganz äusserliche, das Absolut Unsichre, das durch jeden Zufall von mir getrennt werden kann. Ebenso die ganz widersprechenden Bestimmungen desselben als Maaß, Circulationsmittel, und Geld als solches. 

Endlich in der lezten Bestimmung widerspricht es sich noch, weil es den Werth als solchen / repräsentiren soll; in der That aber nur ein identisches Quantum von veränderlichem Werth* repräsentirt. Es hebt sich daher auf als vollendeter Tauschwerth. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 157f. [MEW 42, S. 160]


*) nämlich als Edelmetall; aber auch die Papierwährungen wechseln ihren Wert nach Marktlage. Dagegen wird der Reichtum längst nicht mehr als Geld angehäuft, sondern "in Papieren angelegt". Deren Börsenwerte wer-den in Geld angegeben. Es steht nicht für eine Sache ein – den Wert –, sondern für ein Verhältnis: den Wert. Und ein Verhältnis ist veränderlich in dem Maße, wie die sich gegeneinander Verhaltenden ihr Verhalten än-dern.
JE, 26. 10. 15


Montag, 26. März 2018

Die Bedingungen für die Entstehung des Systems sind nicht die Regeln seines Fortbestands.


Wenn z. B. das Weglaufen der Leibeignen in die Städte eine der historischen Bedingungen und Vorausset- zungen des Städtewesens ist, so ist es keine Bedingung, kein Moment der Wirklichkeit des ausgebildeten Städtewesens, sondern gehört zu seinen vergangnen Voraussetzungen, den Voraussetzungen seines Werdens, die in seinem Dasein aufgehoben sind. Die Bedingungen und Voraussetzungen des Werdens, des Entstehns des Capitals unterstellen eben, daß es noch nicht ist, sondern erst wird; sie verschwinden also mit dem wirklichen Capital, mit dem Capital das selbst, von seiner Wirklichkeit ausgehend, die Bedingungen seiner Verwirklichung sezt. 

So z. B. wenn bei dem ursprünglichen Werden des Geldes oder des für sich seienden Werths zu Capital eine Accumulation – sei es durch Ersparung an den durch eigne Arbeit geschaffnen Producten und Werthen etc – auf Seiten des Capitalisten vorausgesezt ist, die er als Nichtcapitalist vollbracht hat – wenn also die Voraus- setzungen des Werdens des Geldes zu Capital als gegebne äussere Voraussetzungen für die Entstehung des Capitals erscheinen – so, sobald das Capital als solches geworden ist, schafft es seine eignen Voraussetzungen, nämlich den Besitz der realen Bedingungen für Schöpfung von Neuwerthen ohne Austausch – durch seinen eignen Productionsprocess. 

Diese Voraussetzungen, die ursprünglich als Bedingungen seines Werdens erschienen – und daher noch nicht von seiner Action als Capital entspringen konnten – erscheinen jezt als Resultate seiner eignen Verwirklichung, Wirklichkeit, als gesezt von ihm – nicht als Bedingungen seines Entstehens, sondern als Resultate seines Daseins. Es geht nicht mehr von Voraussetzungen aus, um zu werden, sondern ist selbst vorausgesezt, und von sich ausgehend, schafft die Voraussetzungen seiner Erhaltung und Wachsthums selbst. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2,  S. 368 [MEW 42, S. 372]


Nota. - Der 'Grund' eines Systems liegt außerhalb seiner und kommt in ihm nicht vor, und die immanente, "logische" Analyse kann ihn nicht ergründen. - Dieser Gedanke kommt in der ontologischen Dialektik Hegels natürlich nicht vor: Da ist durchgehend das Eine, als Substanz gefasste Große Subjekt am Wirken. Nun ist Hegels Dialektik eine dogmatische Parodie der kritischen, analytisch-synthetischen Methode Fichtes. Der Gedanke, dass der Grund eines Systems nur außerhalb seiner gefunden werden kann, ist dort ein durchgängiges Denk- motiv. Wer das, was an Hegel allenfalls brauchbar ist, vom Kopf auf die Füße stellen will, wird sich bei Fichte wiederfinden.
JE, 28. 8. 15



Sonntag, 25. März 2018

Zum Individuum wird der Mensch durch den Austausch.



Der Mensch vereinzelt sich erst durch den historischen Process. Er erscheint ursprünglich als ein Gattungs-wesen, Stammwesen, Heerdenthier – wenn auch keineswegs als ein ζω̃ον πολιτιϰόν im politischen Sinn. 

Der Austausch selbst ist ein Hauptmittel / dieser Vereinzelung. Er macht das Heerdenwesen überflüssig und löst es auf. Sobald die Sache sich so gedreht, daß er als Vereinzelter nur mehr sich auf sich bezieht, die Mittel aber, um sich als Vereinzelter zu setzen, sein sich Allgemein- und Gemeinmachen geworden sind. In diesem Gemeinwesen ist das objektive Dasein des Einzelnen als Eigenthümer, sage z. B. Grundeigenthümer voraus-gesezt und zwar unter gewissen Bedingungen, die ihn an das Gemeinwesen ketten, oder vielmehr einen Ring in seiner Kette machen. 

In der bürgerlichen Gesellschaft steht der Arbeiter z. B. rein objektivlos, subjektiv da; aber die Sache, die ihm gegenübersteht, ist das wahre Gemeinwesen nun geworden, das er zu verspeisen sucht, und von dem er ver-speist wird. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 399f. [MEW 42, S. 404]


Nota. - Das wahre Gemeinwesen, das er zu verspeisen sucht und von dem er verspeist wird, ist offenbar der zu Geld gewordene Tauschwert. Zum Einzelnen kann er nur in diesem Gemeinwesen werden. Anders: Als Aus-tauschender führt der Mensch zugleich eine private und eine öffentliche Existenz. Öffentlich wird er, sobald er mit dem geldgewordenen Tauschwert in Berührung kommt.
JE, 28. 9. 15

Samstag, 24. März 2018

Die Kritik und der Schein vom System.

Tinguely, Méta.Harmonie II

Wieso aber überhaupt eine begriffliche Darstellung, wieso nicht bloß historischer Bericht, "wie alles gekommen ist"; wieso eine Darstellung, "als ob" die Begriffe sich selber "setzen und entgegesetzen"? 

Das ist nichts anderes als die Frage: "wieso aber überhaupt eine Kritik?" 

Die Kritik ist nämlich immner nur die Frage nach der Rechtfertigung, nämlich der Rechtfertigung dessen, was ist, durch den Schein, durch die "transzendentale Dialektik" der Kategorienwirtschaft, in der das "Sein" eben immer erscheint als notwendig, also vernünftig; nämlich in der Logik, im Vernunftgesetz selbst begründet.

Denn wenn dem tatsächlich so wäre, dass "die bürgerliche Ökonomie" - sowohl ihr realer Prozess als auch dessen ideale Darstellung in der Wissenschaft - ein organisches System darstellt, in dem 'jedes Gesetzte zugleich Voraussetzung aller andern' Gesetzten ist; oder genauer: wenn der reale Prozess der bürgerlichen Produktion sich wirklich in dem Sinn darstellen ließe, als ob dort 'alles seine richtige Ordnung hat', Eines alles andre und alles Andre ein jedes Einzelne begründet... -, dann rechtfertigt es sich ipso facto: "Rechtfertigen" ist ableiten aus idealen Gründen (hier deutlich: die Abkunft der 'Kategorien' aus dem Zwecken, d. h. der 'Theorie' aus 'dem Prak- tischen'); also wenn die klassische Nationalökonomie es wirklich vollbracht hätte, die Realität des bürgerlichen Produktionsprozesses als ein geschlossenes System logischer Wechselbestimmungen, als ein kohärentes Gebäu- de einander gegenseitig tragender Kategorien darzustellen, dann... wäre dem reellen System der bürgerlichen Produktionsweise nicht mehr aus Gründen beizukommen. Es wäre also nicht zu kritisieren. Es wäre lediglich zu "verwerfen" - aus 'Motiven', 'Interessen', 'Begierden'; nur "abzulehnen" aus Privatbeweggründen, seien diese auch "kollektiv" und "massenhaft" privat; nicht aber aufzulösen aus gültigen, nämlich allgemeinen Gründen.

Langer Rede kurzer Sin: Der Zweck der wissenschaftlich Kritik der politischen Ökonomie ist die Zersetzung des ideologischen Scheins, in dem die bürgerliche Produktionsweise als gerechtfertigt gilt; nämlich - das ist der Kern - die Darstellung des bürgerliche Appropriationsgesetzes als Äaquivalententausch - nachdem freilich faktisch die Expropriation der Produzenten reell schon vorausgesetzt ist; aber eben nicht in der idealen Repräsentation, allgemeinen Vorstellung.

Und Träger dieses Scheins - des Äquivalententauschs - ist das Axiom der bürgerlichen Welt- und Lebensan- schauung von "dem Menschen" als Arbeiter!

27. 9. 87 







Freitag, 23. März 2018

Der universelle Vermittler.


Die Exakte Entwicklung des Capitalbegriffs nöthig, da er der Grundbegriff der modernen Oekonomie, wie das Capital selbst, dessen abstraktes Gegenbild sein Begriff, die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Aus der scharfen Auffassung der Grundvoraussetzung des Verhältnisses müssen sich alle Widersprüche der bürgerlichen Production ergeben, wie die Grenze, an der es über sich selbst hinaus treibt.

Es ist wichtig zu bemerken, daß der Reichthum als solcher, i. e. der bürgerliche Reichthum immer in der höchsten Potenz ausgedrückt ist in dem Tauschwerth, wo er als Vermittler gesezt, als die Vermittlung der Extreme von Tauschwerth und Gebrauchswerth selbst. Diese Mitte erscheint immer als das vollendete ökonomische Verhältniß, weil es die Gegensätze zusammenfaßt, und erscheint schließlich immer als eine Einseitig Höhere Potenz gegenüber den Extremen selbst; weil die Bewegung oder das Verhältniß, das / als vermittelnd zwischen den Extremen ursprünglich erscheint, dialektisch dazu nothwendig fortführt, daß es als Vermittlung mit sich selbst erscheint, als das Subject, dessen Momente nur die Extreme sind, deren selbstständige Voraussetzung es aufhebt, um sich durch ihre Aufhebung selbst als das allein Selbstständige zu setzen. 

So in der religiösen Sphäre Christus der Mittler zwischen Gott und dem Menschen – bloses Circulationsinstrument zwischen beiden – wird ihre Einheit, Gottmensch, und wird als solcher wichtiger denn Gott; die Heiligen wichtiger als Christus; die Pfaffen wichtiger als die Heiligen. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 246f. [MEW 42, S. 250f.]


Nota. – Wert ist – nach seiner Erscheinung, sagt Marx, was immer das heißen mag – nichts als Tauschwert. Genauer gesagt, er ist gar nicht, sondern vermittelt bloß. Ist im Moment der Vermittlung, könnte man allenfalls sagen. Zwischen wem? Zwischen sich und dem Gebrauchswert? Zwischen den Reichtümern und den Bedürf-nissen, denn nichts anderes stellen die Gebrauchswerte dar  nämlich sofern sie Gebrauchswerte werden im Moment ihres Verzehrs. 

Doch die Bedürfnisse sind keine abstrakten, womöglich gleichen Größen, sondern sie sind die Bedürfnisse von Diesem oder Jenem. Wären Dieser und Jener gleich, so gälten auch ihre Bedürfnisse gleich. Aber sie sind ver-schieden, das ist schon von Natur so.* Irgendeinen Maßstab (oder persönlichen Schiedsrichter) müsste man immer suchen, wenn man die Verteilung angemessen, "gerecht" vornehmen will.  Die bürgerliche Gesellschaft nun misst den Anteil eines jeden am gesellschaftlichen Reichtum an der Menge fremder Arbeitskraft, über die er, qua Kaufkraft, verfügt. Aber das liegt nicht am Tauschwert selbst, sondern an der Klassenspaltung, auf der er beruht.
JE, 11. 10. 15

*) Marx hat die Gleicheitspropheten in der Kritik des Gothaer Programms darauf hingewiesen.

Donnerstag, 22. März 2018

Vermittlung, Für-sich-sein und gegenseitige Anerkennung.



Aber dieß ist nicht alles: Das Individuum A dient dem Bedürfnisse des Individuums B vermittelst der Waare a, nur insofern und weil das Individuum B dem Bedürfniß des Individuums A vermittelst der Waare b dient und vice versa. Jedes dient dem andren um sich selbst zu dienen; jedes bedient sich des andren wechselseitig als seines Mittels. 

Es ist nun beides in dem Bewußtsein der beiden Individuen vorhanden: 1) daß jedes nur seinen Zweck erreicht, soweit es dem andren als Mittel dient; 2) daß jedes nur Mittel für das andre (Sein für andres) wird als Selbst-zweck (Sein für sich); 3) daß die Wechselseitigkeit, wonach jedes zugleich Mittel und Zweck, und zwar nur seinen Zweck erreicht, insofern es Mittel wird, und nur Mittel wird, insofern es sich als Selbstzweck sezt, daß jeder sich also als Sein für andres sezt, insofern er Sein für sich, und der andre als Sein für ihn, insofern er Sein für sich – daß diese Wechselseitigkeit ein nothwendiges fact ist, vorausgesezt als natürliche Bedingung des Aus-tauschs, daß sie aber als solche jedem der beiden Subjekte des Austauschs gleichgültig ist, und ihm diese Wech-selseitigkeit nur Interesse hat, so weit sie sein Interesse als das des andren ausschliessend, ohne Beziehung darauf befriedigt. 

D. h. das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des Ge-/sammtakts erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten anerkannt, aber als solches ist es nicht Motiv, sondern geht so zu sagen nur hinter dem Rücken der in sich selbst reflectirten Sonderinteressen, dem Einzelinteresse im Gegensatze zu dem des andren vor. Nach dieser lezten Seite kann das Individuum höchstens noch das tröstliche Bewußtsein haben, daß die Befriedigung seines gegensätzlichen Einzelinteresses grade die Verwirklichung des aufgehobnen Gegensatzes, des gesell-schaftlichen allgemeinen Interesses ist. 

Aus dem Akt des Austauschs selbst ist das Individuum, jedes derselben in sich reflectirt als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subject desselben. Damit ist also die vollständige Freiheit des Individuums gesezt: Freiwillige Transaction; Gewalt von keiner Seite; Setzen seiner als Mittel, oder als dienend, nur als Mittel um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Uebergreifende zu setzen; endlich das selbstsüchtige Interes-se, kein darüber stehendes verwirklichend; der andre ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Interesse verwirkli-chend anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche Interesse eben nur in der Dop-pelseitigkeit, Vielseitigkeit, und Verselbstständigung nach den verschiednen Seiten der Austausch des selbst-süchtigen Interesses ist. Das allgemeine Interesse ist eben die Allgemeinheit der selbstsüchtigen Interessen. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 167f. [MEW 42, S. 169f.


 
Nota. - Das bürgerliche Individuum ist a priori als vergesellschaftet gesetzt: So 'findet es sich vor'. Vergesellschaftet aber nicht naturwüchsig durch leibhaftige Angehörigkeit zu einer Lebensgemeinschaft, sondern vorab vermittelt durch eine überpersönliche Instanz, den Markt; außerdem können die Andern ihm fremd bleiben. Als Markt-teilnehmer ist er eine öffentliche Person, ansonsten wird er privat, was er in den naturwüchsigen Gemeinschaf-ten niemals konnte.

Nota II. - Wenn Sie übrigens meinen, Vermittlung, Fürsichsein und Anerkennung seien Hegel'sche Schlüssel-wörter, liegen sie nur halb richtig. Zuvor waren sie nämlich Fichte'sche Schlüsselwörter, bei dem hat sie der andere geklaut.
JE


Mittwoch, 21. März 2018

Geld, Symbol und allgemeine Anerkennung.



Die Verwandlung der Waare in Tauschwerth sezt sie aber nicht einer bestimmten andren Waare gleich, sondern drückt sie als Equivalent, ihr Austauschbarkeitsverhältniß zu allen andren Waaren aus. Diese Vergleichung, die im Kopf mit einem Schlag vorgenommen ist, wird in der Wirklichkeit nur in einem bestimmten, durch das Bedürfniß bestimmten Umkreis realisirt, und nur successive. (Z. B. ich tausche der Reihe nach ein Ein-/kommen von 100 Thalern, wie es meine Bedürfnisse mit sich bringen, gegen einen ganzen Umkreis von Waaren aus, deren Summe = dem Tauschwerth von 100 Th.) 

Um also die Waare auf einen Schlag als Tauschwerth zu realisiren und ihr die allgemeine Wirkung des Tauschwerths zu geben, reicht der Austausch mit einer besondren Waare nicht aus. Sie muß mit einem dritten Ding ausgetauscht werden, das nicht selbst wieder eine besondre Waare ist, sondern das Symbol der Waare als Waare, des Tauschwerths der Waare selbst; das also sage die Arbeitszeit als solche repräsentirt, sage ein Stück Papier oder Leder, welches einen aliquoten Theil Arbeitszeit repräsentirt. (Ein solches Symbol unterstellt die allgemeine Anerkennung; es kann nur ein gesellschaftliches Symbol sein; es drückt in der That nur ein gesellschaftliches Verhältniß aus.) 

Dieß Symbol repräsentirt die aliquoten Theile der Arbeitszeit; den Tauschwerth in solchen aliquoten Theilen, als fähig sind durch einfache arithmetische Combination alle Verhältnisse der Tauschwerthe unter einander auszudrücken. Dieß Symbol, dieß materielle Zeichen des Tauschwerths ist ein Product des Tausches selbst, nicht die Ausführung einer a priori gefaßten Idee. (In fact wird die Waare, die als Mittler des Austauschs gebraucht wird, erst nach und nach in Geld verwandelt, in ein Symbol; sobald das geschehn ist, kann ein Symbol derselben sie selbst wieder ersetzen. Sie wird jezt bewußtes Zeichen des Tauschwerths.)
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 78f. [MEW 42, S. 79]


Nota.  Begriff ist Symbol. Als solches unterstellt es allgemeine Anerkennung: Das ist der springende Punkt, denn die kann historisch gegeben oder nicht gegeben sein, und das ist eine rein faktische Frage. 

Eine logische Schwierigkeit  nämlich beim Gebrauch der Begriffe  liegt darin, dass das Symbol sowohl eine Klasse wirklicher konkreter Dinge bezeichnen kann, als auch eine bloße gedankliche Abstraktion oder gar Projektion. Ob das eine oder das andere, sieht man dem Symbol selber nicht an; man kann sie verwechseln.
JE, 7. 10. 15

 

Dienstag, 20. März 2018

Ein Allgemeines gibt es nur als Vermittlung.

Howard Terpning, Crow Pipe Ceremony
 
Die Arbeitszeit selbst existirt als solche nur subjektiv, nur in der Form der Thätigkeit. Insofern sie als solche austauschbar (selbst Waare) ist, ist sie nicht nur quantitativ, sondern qualitativ bestimmt und verschieden, keineswegs allgemeine, sich gleiche Arbeitszeit; sondern entspricht als Subjekt ebensowenig der die Tausch-werthe bestimmenden allgemeinen Arbeitszeit, wie die besondren Waaren und Producte ihr als Objekt entsprechen. 

Der Satz von A. Smith, daß der Arbeiter neben seiner besondren Waare eine allgemeine Waare produciren muß, in andren Worten daß er einem Theil seiner Producte die Form des Geldes geben muß, überhaupt seiner Waare, soweit sie nicht als Gebrauchswerth für ihn, sondern als Tauschwerth dienen soll – heißt subjektiv ausgedrückt, weiter nichts, als daß seine besondre Arbeitszeit nicht unmittelbar gegen jede andre besondre Arbeitszeit ausgetauscht werden kann, sondern daß diese ihre allgemeine Austauschbarkeit erst vermittelt werden, daß sie eine gegenständliche von ihr selbst verschiedne Form annehmen muß, um diese allgemeine Austauschbarkeit zu erlangen.

Die Arbeit des Einzelnen, im Akt der Production selbst betrachtet, ist das Geld, womit er unmittelbar das Product, den Gegenstand seiner besondren Thätigkeit kauft; aber es ist ein besondres Geld, das eben nur dieß bestimmte Product kauft. Um unmittelbar das allgemeine Geld zu sein, müßte sie von vornherein nicht besondre Arbeit, sondern allgemeine sein, d. h. von vorn herein als Glied der allgemeinen Production gesezt sein. In dieser Voraussetzung aber würde nicht erst der Austausch ihr den allgemeinen Charakter geben, sondern ihr vorausgesezter gemeinschaftlicher Character würde die Theilnahme an den Producten bestimmen. 

Der gemeinschaftliche Character der Production würde von vorn herein das Product zu einem gemeinschaftli- chen, allgemeinen machen. Der ursprünglich in der Production stattfindende Austausch – der kein Austausch von Tauschwerthen wäre, sondern von Thätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären, durch gemeinschaftliche Zwecke – würde von vornherein die Theilnahme des Einzelnen an der gemeinschaftli- chen Productenwelt einschliessen. Auf der Grundlage der Tauschwerthe, wird die Arbeit erst durch den Aus-tausch als allgemein gesezt. Auf dieser  [=der gemeinschaftlichen] Grundlage wäre sie als solche gesezt vor dem Austausch; d. h. der Austausch der Producte wäre überhaupt nicht das Medium, wodurch die Theilnahme des Einzelnen an der allgemeinen Production vermittelt würde. Vermittlung muß natürlich stattfinden. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 102 [MEW 42, S. 103f.


Nota.  Aller Kollektivismus wie alle Ganzheits- und Gemeinschaftstümelei war Marx herzlich fremd. Den Kommunismus stellte er sich vor als eine Vereinigung der Freien und Gleichen, nicht als das Versickern des autonomen bürgerlichen Subjekts im urwüchsigen Gemeinwesen. Gesellschaft sollte er sein in einem eminenteren Sinn als die bürgerliche, nämlich so, dass die Freien und Gleichen ihre wechselseitige Vermittlung selber und bei klarem Bewusstsein vornehmen, statt sie einem blinden Mechanismus zu überlassen, der hinter ihrem Rücken webt und wirkt. Nicht ein Ganzes sollte er sein, sondern das Allgemeine, in dem jeder seine Freiheit hat, die ihre Schranke nur in der Freiheit der andern Gleichen findet, mit denen er sich vermittelt.
JE

Sonntag, 18. März 2018

Was begrifflich vorhergeht, kommt historisch danach.


Wenn in der Theorie der Begriff des Werths dem des Capitals vorhergeht, andrerseits aber zu seiner reinen Entwicklung wieder eine auf das Capital gegründete Productionsweise unterstellt, so findet dasselbe in der Praxis statt. Die Oekonomen betrachten daher das Kapital auch nothwendig bald als Schöpfer der Werthe, Quelle derselben, wie andrerseits sie Werthe für die Bildung des Capitals voraussetzen und es selbst nur als eine Summe von Werthen in einer bestimmten Function darstellen. 

Die Existenz des Werths in seiner Reinheit und Allgemeinheit sezt eine Productionsweise voraus, worin das einzelne Product aufgehört hat, ein solches für den Producenten überhaupt und noch mehr für den einzelnen Arbeiter zu sein und ohne die Realisirung durch die Circulation nichts ist. Es ist keine formelle Bestimmung für den, der einen Infinitesimaltheil einer Elle Cattun schafft, daß sie Werth ist, Tauschwerth. Wenn er nicht einen Tauschwerth, Geld geschaffen, hätte er überhaupt nichts geschaffen. Diese Werthbestimmung selbst hat also zu ihrer Voraussetzung eine gegebne historische Stufe der gesellschaftlichen Productionsweise und ist selbst ein mit derselben gegebnes, also historisches Verhältnis. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 174 [MEW 42, S. 177]


Nota. – Erinnert sich noch einer? Bis 1990 gab es auf Erden ein kollektivistisches, "sozialistisches" Gesell-schaftssystem mit (mehr oder weniger) zentral gelenkter Staatswirtschaft, das sich mühte, den 'Wert' der Pro-duktion zu ermitteln, ohne zu bemerken, dass das Problem dabei kein technisches – das Ermitteln – war, son-dern dass ihre Produkte schlicht und einfach einen 'Wert' nicht hatten. Sie hatten Gebrauchswert, meist einen ge-ringen, aber Tauschwert hatten sie gar nicht. In Millionenauflage erschienen Lehrbücher der Politischen Ökono-mie des Sozialismus, in denen allen Ernstes von 'sozialistischer Marktwirtschaft' die Rede war - Markt ohne Kapi-talverhältnis! Markt ohne Konkurrenz! Wert ohne... Austausch von Arbeit und Kapital. 

Im selben Staatsverlag erschienen in der Regel die Werke von Marx zur Kritik der Politischen Ökonomie. Wie war solcher Schwachsinn möglich? Ganz einfach: Es gab keine öffentliche Kritik. Was immer der Staatsverlag druckte, war das jeweils letzte Wort. Dass dieses Gesellschaftssystem untergegangen ist, ist sachlich nicht scha-de. Gedanklich hat es den Verdienst, dass jene Verheerung des Geistes zu einem Ende gekommen ist.
JE, 18. 11. 15