Montag, 30. November 2015

Das zinstragende Kapital.



In dem zinstragenden Kapital ist aber die Vorstellung vom Kapitalfetisch vollendet, die Vorstellung, die dem aufgehäuften Arbeitsprodukt, und noch dazu fixirt als Geld, die Kraft zuschreibt, durch eine eingeborne ge-heime Qualität, als reiner Automat, in geometrischer Progression Mehrwerth zu erzeugen, sodaß dies aufge-häufte Arbeitsprodukt, wie der Economist meint, allen Reichthum der Welt für alle Zeiten als ihm von rechtswe-gen gehörig und zufallend schon längst diskontirt hat. Das Produkt vergangner Arbeit, die vergangne Arbeit selbst, ist hier an und für sich geschwängert mit einem Stück gegenwärtiger oder zukünftiger lebendiger Mehr-arbeit. 

Man weiß dagegen, daß in der That die Erhaltung, und insoweit auch die Reproduktion des Werths der Pro-dukte vergangner Arbeit nur das Resultat ihres Kontakts mit der lebendigen Arbeit ist; und zweitens: daß das Kommando der Produkte vergangner Arbeit über lebendige Mehrarbeit grade nur solange dauert, wie das Kapitalverhältniß dauert; das bestimmte sociale Verhältniß, worin die vergangne Arbeit selbständig und übermächtig der lebendigen gegenübertritt.  
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Das Kapital III, MEGA II.15; S. 388 [MEW 25, S. 412]  





Sonntag, 29. November 2015

Fiktives Kapital, III.



Soweit wir die eigenthümliche Form der Akkumulation des Geldkapitals und Geldvermögens überhaupt bis jetzt betrachtet haben, hat sie sich aufgelöst in Akkumulation von Ansprüchen des Eigenthums auf die Arbeit. Die Akkumulation des Kapitals der Staatsschuld heißt, wie sich gezeigt hat, weiter nichts als Vermehrung einer Klasse von Staatsgläubigern, die gewisse Summen auf den Betrag der Steuern für sich vorwegzunehmen be-rechtigt sind. In diesen Thatsachen, daß sogar eine Akkumulation von Schulden als Akkumulation von Kapital erscheinen kann, zeigt sich die Vollendung der Verdrehung, die im Kreditsystem stattfindet. Diese Schuldschei-ne, die für das ursprünglich geliehene und / längst verausgabte Kapital ausgestellt sind, diese papiernen Dupli-kate von vernichtetem Kapital, fungiren für ihre Besitzer soweit als Kapital, als sie verkaufbare Waaren sind, und daher in Kapital rückverwandelt werden können.

Die Eigenthumstitel auf Gesellschaftsgeschäfte, Eisenbahnen, Bergwerke etc. sind, wie wir ebenfalls gesehn haben, zwar in der That Titel auf wirkliches Kapital. Indeß geben sie keine Verfügung über dies Kapital. Es kann nicht entzogen werden. Sie geben nur Rechtsansprüche auf einen Theil des von demselben zu erwerben-den Mehrwerths. Aber diese Titel werden ebenfalls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie wenn der Ladungsschein einen Werth erhielte neben der Ladung und gleichzeitig mit ihr. Sie werden zu nominellen Re-präsentanten nicht existirender Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existirt daneben und ändert durchaus nicht die Hand dadurch, daß diese Duplikate die Hände wechseln. 
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Das Kapital III, MEGA II.15; S. 473f. [MEW 25, S. 493f.




Samstag, 28. November 2015

Die Bildung von fiktivem Kapital.



Die Bildung des fiktiven Kapitals nennt man kapitalisiren. Man kapitalisirt jede regelmäßig sich wiederholende Einnahme, indem man sie nach dem Durchschnittszinsfuß berechnet, als Ertrag, den ein Kapital, zu diesem Zinsfuß ausgeliehen, abwerfen würde; z. B. wenn die jährliche Einnahme = 100 £ und der Zinsfuß = 5 %, so wären die 100 £ der jährliche Zins von 2000 £, und diese 2000 £ gelten nun als der Kapitalwerth des juristischen Eigenthumstitels auf die 100 £ jährlich. Für den der diesen Eigenthumstitel kauft, stellen die 100 £ jährliche Einnahme dann in der That die Verzinsung seines angelegten Kapitals zu 5 % vor. Aller Zusam- menhang mit dem wirklichen Verwerthungsproceß des Kapitals geht so bis auf die letzte Spur verloren, und die Vorstellung vom Kapital als einem sich durch sich selbst verwerthenden Automaten befestigt sich.

Auch da, wo der Schuldschein – das Werthpapier – nicht wie bei den Staatsschulden rein illusorisches Kapital vorstellt, ist der Kapitalwerth dieses Papiers rein illusorisch. Man hat vorhin gesehn, wie das Kreditwesen associirtes Kapital erzeugt. Die Papiere gelten als Eigenthumstitel, die dies Kapital vorstellen. Die Aktien von Eisenbahn-, Bergwerks-, Schifffahrts- etc. Gesellschaften stellen wirkliches Kapital vor, nämlich das in diesen Unternehmungen angelegte und fungirende Kapital, oder die Geldsumme, welche von den Theilhabern vor-geschossen ist, um als Kapital in solchen Unternehmungen verausgabt zu werden. Wobei keineswegs ausge-schlossen ist, daß sie auch bloßen Schwindel vorstellen. 


Aber dies Kapital existirt nicht doppelt, einmal als Kapitalwerth der Eigenthumstitel, der Aktien, und das andremal als das in jenen Unternehmungen wirklich angelegte oder anzulegende Kapital. Es existirt nur in jener letztern Form, und die Aktie ist nichts als ein Eigenthumstitel, pro rata, auf den durch jenes zu realisirenden Mehrwerth. A mag diesen Titel an B, und B ihn an C verkaufen. Diese Transaktionen ändern nichts an der Natur der Sache. A oder B hat dann seinen Titel in Kapital, aber C sein Kapital in einen bloßen Eigenthums-titel auf den von dem Aktienkapital zu erwartenden Mehrwerth verwandelt. 

Die selbständige Bewegung des Werths dieser Eigenthumstitel, nicht nur der Staatseffekten, sondern auch der Aktien bestätigt den Schein, als bildeten sie wirkliches Kapital neben dem Kapital oder dem Anspruch, worauf sie möglicher Weise Titel sind. Sie werden nämlich zu Waaren, deren Preis eine eigenthümliche Bewegung und Festsetzung hat. Ihr Marktwerth erhält eine von ihrem Nominalwerth verschiedne Bestimmung, ohne daß sich der Werth (wenn auch die Verwerthung) des wirklichen Kapitals änderte.

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Das Kapital III, MEGA II.15; S. 464f. [MEW 25, S. 484f.]






Freitag, 27. November 2015

Ökonomische Gesetze?


Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produk-tivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktions-kraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonisti-scher Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein, nur inner-halb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reducirt. 

Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwerth auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, ge-geben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwerthung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Nothwendigkeit, die Pro-duktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Unter-gangs. 

Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, sodaß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Be-dingungen immer mehr die Gestalt eines von den Producenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollirbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr geräth sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. 

Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Uebermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem Uebermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zusammengebracht, die Masse des pro-ducirten Mehrwerths sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird. 
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Das Kapital III, MEGA II.15; S. 241 [MEW 25, S. 254f.]


Nota. – Das mächtigste Mittel, mit dem der Stalinismus die Marx'schen Lehren um ihre revolutionäre Spreng-kraft gebracht hat, war ihre Umdeutung zu einer objektivistischen Gesetzessammlung. Wie die Natur im Großen und Ganzen, so wäre die Geschichte der Menschen im Besonderen, und wären ganz speziell die historisch auf einander folgenden Produktionsweisen von Gesetzen durchherrscht, von denen ganz im Dunkeln bleibt, wer sie erlassen haben könnte.

Gegen Proudhon und andere Reformer, die den Kapitalismus meinten durch Manipulationen in der Zirkula-tionssphäre, durch Ausschaltung des Zwischenhandels oder Abschaffung des Geldes überwinden zu können, hebt Marx immer wieder hervor, dass das Kapitalverhältnis in den Produktionsbedingungen begründet ist, und diese schaffen Zwangsläufigkeiten, die 'mit der Unerbittlichkeit von Naturgesetzen' wirken, ohne dass die Individuen sich ihnen durch freien Willen entziehen könnten und ohne selbst sich ihrer bewusst zu werden. Obiges ist eine von den 'Stellen', auf die die Rede von den ökonomischen 'Gesetzen' sich beruft – und an denen zugleich ihr rein gleichnishafter Gebrauch augenfällig wird. Es läuft immer wieder nur auf dies eine hinaus: Die Menschen machen ihre Geschichte nicht unter frei gewählten Bedingungen; aber sie machen sie selber.

Nota II. Ginge es um die 'absolute Konsumtionskraft', nämlich um die faktischen Bedürfnisse aller Gesell-schaftsmitglieder, so müsste es unter kapitalistischen Bedinungen keinerlei Verwertungsprobleme und Absatz-krisen geben. Es zählt aber nur die mit Geld bewehrte Konsumtionskraft, die "über fremde Arbeit verfügt". Es geht nicht um die Bedürfnisse selbst, sondern darum, wieviel sie unter den gegebenen Eigentumsverhältnissen gelten.
JE



Donnerstag, 26. November 2015

Kredit und fiktives Kapital.


Abgesehn von dem Aktienwesen – das eine Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des kapitalistischen Systems selbst ist, und in demselben Umfang, worin es sich ausdehnt und neue Produktions-sphären ergreift, die Privatindustrie vernichtet –, bietet der Kredit dem einzelnen Kapitalisten oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine inner-/halb gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes Eigentum und dadurch über fremde Arbeit. Das Kapital selbst, das man wirklich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die Basis zum Kreditüberbau.

Es gilt dies besonders im Großhandel, durch dessen Hände der größte Teil des gesellschaftlichen Produkts passiert. Alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise noch berech-tigten Explikationsgründe verschwinden hier. Was der spekulierende Großhändler riskiert, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigentum.
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Das Kapital III, MEW Bd. 25, S. 455



Nota. – Hier wird handgreiflich, dass der sogenannte Wert keine Sache, sondern ein Verhältnis ist; und das Aus-schlaggebende an dem Verhältnis ist, dass es als ein solches gilt. Denn fraglich ist am fiktiven Kapital und seinen spekulativen Geschäften nicht die Realität des verschobenen Stoffs – Gebrauchswert –, sondern ledig-lich das Eigentum daran, und das ist allerdings ein Verhältnis 'nur' in dem Maß, wie es gilt.
JE


Mittwoch, 25. November 2015

Das Reich der Freiheit beginnt, wo die Arbeit aufhört.


Mattheuer, Die Flucht des Sisyphus, 1972

Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit ständiger Erweiterung ihres Reproduktionspro-zesses hängt also nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und bloße Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt der Natur der Sache nach jenseits der eigentlichen materiellen Produktion. 

Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformationen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse [sich erweitern]; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. 

Die Freiheit in diesem Gebiete kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationelle regeln, unter ihre gemeinsame Kontrolle bringen, statt von ihnen als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftauf-wand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollzieht. Aber es bleibt immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist ihre Grundbedingung.
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Das Kapital III, MEW Bd. 25, S. 826




Montag, 23. November 2015

Das Kapital ist kein Ding, sondern ein Verhältnis.


denara

Aber das Kapital ist kein Ding, sondern ein bestimmtes, gesellschaftliches, einer bestimmten Gesellschaftsfor-mation angehöriges  Produktionsverhältnis, das sich an einem Ding darstellt und diesem Ding einen spezifi-schen Charakter gibt.
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Das Kapital III, MEW 25, S. 822




Sonntag, 22. November 2015

Wesen und Erscheinung II.




Die Vulgärökonomie tut in der Tat nichts, als die Vorstellungen der in den bürgerlichen Produktionsverhältnis-sen befangenen Agenten dieser Produktion zu verdolmetschen, zu systematisieren und zu apologetisieren. Es darf uns also nicht wundernehmen, dass sie gerade in der entfremdeten Erscheinungsform dieser Verhältnisse, worin diese prima facie abgeschmackt und vollkommene Widersprüche sind – und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen –, wenn ge-rade hier die Vulgärökonomie sich vollkommen bei sich selbst fühlt und ihr diese Verhältnisse umso selbstver-ständlicher erscheinen, je mehr der innere Zusammenhang an ihnen verborgen ist, sie aber der ordinären Vor-stellung geläufig sind.
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Kapital III, MEW 25, S. 825

Nota. - Das ist so eine von den Stellen, die die dogmatische Epigonie unfehlbar zitiert, wenn es ihr wiedermal nützlich scheint, Marx als Hegelianer hinzustellen. Es ist ein beiläufiger Satz, der sich nicht einmal auf die pp. Dialektik, sondern ganz banal darauf bezieht, dass sich in der Wissenschaft manches als komplizierter erweist, als es für das Auge des Laien aussieht. 
JE

Samstag, 21. November 2015

Le Platonisme où va-t-il se nicher?


Le platonisme où va-t-il se nicher! – "Wo überall wird sich der Platonismus noch einnisten!" seuzt Marx an einer ganz beiläufigen Stelle über die Fetischisierung des Gebrauchswerts.* Dass der Platonismus überall schon drinsteckt und sich gar nicht erst einnisten muss, wo immer Hegel'sche Dialektik webt und wabert; und selbst schon, wo der Alltagsverstand des Krämers waltet – ist ihm selber noch nicht klar. 

Dass die Bedeutung – der 'Begriff' – das Wesen der Dinge ausmacht und ihre Wirklichkeit bloß Erscheinung ist, spukt selbst ihm noch immer durch den Hinterkopf, wo im Stirnlappen doch längst die kritische Auffassung Platz gegriffen hat: dass die 'Bedeutung' der Dinge immer nur das ist, was ein Subjekt mit ihnen im Lebens-vollzug anfängtweil es eine Absicht auf sie hat.

*) Marx, Das Kapital I,
MEW Bd. 23, S. 388 Anm. 






Freitag, 20. November 2015

Wesen und Erscheinung.


An einer Stelle bezeichnet Marx den Wert als das 'Wesen' des Tauschwerts. Nun sind Wert und Tauschwert ein und dasselbe. Tauschwert ist er, soweit ich den unmittelbaren Tauschakt Ware-Geld-Ware betrachte. Wert ist er, wenn ich den Gesamtprozess der gesellschaftlichen Reproduktion betrachte. Nicht der Begriff ändert sich, sondern lediglich der Gesichtspunkt des Begreifenden. Hier das Wesen von der Erscheinungsform zu unter-scheiden, ist richtig falsch.





Donnerstag, 19. November 2015

Entwertung, oder: Gesellschaftliche Geltung als Fakt.



Fabrikant X bietet eine Schreibtischlampe A für hundert Mark an. Fabrikant Y kann durch eine technische Neuerung viel sparen und bietet eine qualitativ identische Lampe A' für fünfundsiebzig Mark an. X sagt: Ich bestehe auf meinen hundert Mark, soviel ist sie ja wirklich wert! Mag sein, sagt der Kunde, aber ich kaufe lieber bei Y, bei dem ist's billiger.  Da setzt X zähneknirschend sein Preisschild herab.

Das ist das, was wirklich geschieht. Alles weitere wäre Theorie.



Mittwoch, 18. November 2015

Wie der Wert erhalten bleibt.




Es kann also nur insofern gesagt werden, daß er diese Werthe reproducirt, als sie ohne die Arbeit verfaulen würden, nutzlos wären; aber ebenso wäre die Arbeit ohne sie nutzlos. Soweit der Arbeiter diese Werthe re-producirt, geschieht es nicht dadurch, daß er ihnen höhern Tauschwerth giebt, oder in irgend einen Prozeß mit ihrem Tauschwerth tritt, sondern sie überhaupt dem einfachen Process der Production unterwirft, überhaupt arbeitet. Aber es kostet ihm keine höhere Arbeitszeit neben der die er zu ihrer Verarbeitung und höhern Ver-werthung braucht. Es ist eine Bedingung worin ihn das Capital gestellt hat zu arbeiten. Er repro-ducirt sie nur dadurch daß er ihnen einen höhern Werth giebt und dieses höhern Werth geben ist = seinem Arbeitstag. Sonst läßt er sie, wie sie sind. 

Daß ihr alter Werth erhalten bleibt geschieht dadurch daß ihnen ein neuer zugefügt, nicht daß der alte selbst reproducirt wird, geschaffen wird. So weit sie Product frührer Arbeit sind bleibt ein Product frührer Arbeit, eine Summe früher vergegenständlichter Arbeit ein Element seines Products, enthält das Product ausser seinem Neuwerth auch noch den alten. Er producirt also in der That an diesem Product nur den Arbeitstag, den er ihm zufügt und die Erhaltung des alten Werths kostet ihm absolut nichts, ausser was es ihm kostet den neuen zuzufügen. Für ihn ist er nur Material und bleibt solches, wie es auch die Form ändert; also unabhängig von seiner Arbeit Vorhandnes. Daß dieses Material, das bleibt, da es nur andre Form erhält, selbst schon Arbeitszeit enthält, ist Sache des Capitals, nicht seine; ist ebenfalls unabhängig von seiner Arbeit und besteht fort nach derselben, wie es vor derselben bestand. 

Diese s. g. Reproduction kostet ihm keine Arbeitszeit, sondern ist die Bedingung seiner Arbeitszeit, da sie nichts ist denn den vorhandnen Stoff als Material seiner Arbeit setzen, sich zu ihm als Material verhalten. Er ersezt also durch den Akt des Arbeitens selbst, nicht durch die Hinzufügung besondrer Arbeitszeit zu diesem Behufe, die alte Arbeitszeit. Er ersezt sie einfach durch Zufügen neuer, wodurch die alte im Product erhalten bleibt und Element eines neuen Products wird. Der Arbeiter ersezt also nicht mit seinem Arbeitstag den Roh-stoff und das Instrument, so weit sie Werthe sind. Diese Erhaltung des alten Werths erhält / der Capitalist also eben so gratis, als die surplus Arbeit. Aber er erhält sie gratis, [nicht] weil sie dem Arbeiter nichts kostet, sondern das Resultat davon ist, daß das Material und Arbeitsinstrument in seiner Hand sich schon der Voraussetzung nach sich befindet, und der Arbeiter daher nicht arbeiten kann, ohne die in gegenständlicher Form schon in der Hand des Capitals vorhandne Arbeit zum Material seiner Arbeit zu machen und daher auch die in die-sem Material vergegenständlichte Arbeit zu conserviren. Der Capitalist zahlt also dem Arbeiter nichts dafür daß das Garn und die Spindel – ihr Werth – sich dem Werth nach im Gewebe wiederfindet, also erhalten hat. Dieß Erhalten geschieht einfach durch das Zusetzen neuer Arbeit, die höhern Werth zusezt. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 268f. [MEW 42, S. 273f.]  


Nota. Ein Problem gibt es nur, weil das halbfertige Produkt, bevor es weiterverarbeitet werden konnte, schon einmal verkauft und sein Tauschwert schon einmal realisiert worden ist. Dass er trotzdem erhalten bleibt, wäre ein Mysterium, wenn es sich beim Wert um eine sachliche Eigenschaft des Produkts handelte. Es handelt sich allerdings 'nur' um eine gesellschaftliche Geltung. Das Produkt 'galt' zuvor als Vergegenständlichung von sound-soviel 'gesellschaftlich notwendiger Arbeit', weshalb sollte es nach Hinzufügung neuer Arbeit nicht mehr als diese gelten? (Tatsächlich ist der 'reproduzierte' Wert gesunken, weil sich das Kapital mittlerweile entwertet hat; auch eine Sache der Geltung, nicht des Materials.)

Noch ist das für Marx – wir sind in Heft III – nicht selbstverständlich, sonst müsste er sich nicht solange dabei aufhalten.
JE



Dienstag, 17. November 2015

Der Arbeitslohn steigt mal über, fällt mal unter den Wert der Arbeitskraft.



Die Capitalien accumuliren sich schneller als die Bevölkerung; damit steigt das Salair; damit die Population; damit die Kornpreisse; damit die Schwierigkeit der Production und damit die Tauschwerthe. Bei diesen wird also endlich auf Umweg angelangt. Das Moment mit der Rente wollen wir hier noch, wo es sich nicht um größre Schwierigkeit der Production,  / sondern umgekehrt um Wachsthum der Productivkräfte handelt, ganz weglassen. Mit der Accumulation der Capitalien steigt das Salair, wenn die Population nicht gleichzeitig wächst; der Arbeiter heirathet, Sporn wird der Production [der Kinder] gegeben oder seine Kinder leben besser, sterben nicht vorzeitig etc. Kurz die Population wächst. 

Ihr Wachsthum aber bringt Concurrenz unter den Arbeitern hervor, und zwingt so den Arbeiter sein Arbeits-vermögen wieder zu seinem Werthe dem Capitalist zu verkaufen oder momentan auch noch darunter. Jezt nun verfügt das accumulirte Capital, das unterdeß langsamer herangewachsen ist, über das surplus das es früher in der Form des Salairs, also als Münze ausgab, um den Gebrauchswerth der Arbeit zu kaufen, wieder als Geld, um es als Capital in der lebendigen Arbeit zu verwerthen und da es jezt auch über größre Menge Arbeitstage verfügt, wächst sein Tauschwerth wieder. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 264f. [MEW 42, S. 270] 


Nota. – Der Wert der Arbeitskraft ist eine gedachte Linie, um die herum die wirklichen Löhne schwanken. Die sind real. Der Wert ist so real, wie es jeder statistische Durchschnitt ist: Er ist ein Verhältnis; aber eben kein Ding. Das Verhältnis ist die Abstraktion davon, wie sich wirkliche Menschen verhalten.

Auf der einen Seite haben wir den 'gesellschaftlichen Gesamtarbeitstag': Die Gesamtheit der Arbeitsstunden – angenommen, ihre Qualität wäre durchschnittlich –, auf der andern die als gültig anerkannten Bedürfnissen. Dazwischen liegt als tertium die 'Produktivität der Arbeit' alias der technologische Entwicklungsstand der Pro-duktivkräfte. In den 'als gültig anerkannten Bedürfnissen' ist allerdings die Klassenspaltung der Gesellschaft mit einbegriffen. Der Wert ist das schwankende Verhältnis zwischen ihnen.
JE




Montag, 16. November 2015

Ein Subjekt, das wesentlich Vermittlung ist.

Verteiler

Es ist wichtig zu bemerken, daß der Reichthum als solcher, i. e. der bürgerliche Reichthum immer in der höchsten Potenz ausgedrückt ist in dem Tauschwerth, wo er als Vermittler gesezt, als die Vermittlung der Extreme von Tauschwerth und Gebrauchswerth selbst. Diese Mitte erscheint immer als das vollendete ökonomische Verhältniß, weil es die Gegensätze zusammenfaßt, und erscheint schließlich immer als eine Einseitig Höhere Potenz gegenüber den Extremen selbst; weil die Bewegung oder das Verhältniß, das / als vermittelnd zwischen den Extremen ursprünglich erscheint, dialektisch dazu nothwendig fortführt, daß es als Vermittlung mit sich selbst erscheint, als das Subject, dessen Momente nur die Extreme sind, deren selbststän-dige Voraussetzung es aufhebt, um sich durch ihre Aufhebung selbst als das allein Selbstständige zu setzen. 

So in der religiösen Sphäre Christus der Mittler zwischen Gott und dem Menschen – bloses Circulationsinstru-ment zwischen beiden – wird ihre Einheit, Gottmensch, und wird als solcher wichtiger denn Gott; die Heiligen wichtiger als Christus; die Pfaffen wichtiger als die Heiligen. Der totale Oekonomische Ausdruck, selbst einsei-tig gegen die Extreme, ist immer der Tauschwerth, wo er als Mittelglied gesezt ist; z. B. Geld in der einfachen Circulation; Capital selbst als Vermittler zwischen Production und Circulation. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 246f. [MEW 42, S. 250] 


Nota. - Der Vergleich mit Gott und Jesus ist Persiflage; und der Rückgriff auf den Hegeljargon wäre es nicht?
JE



Sonntag, 15. November 2015

Grenzen sind für das Kapital nur zu überwindende Schranken.


Das Capital aber als die allgemeine Form des Reichthums – das Geld – repräsentirend, ist der schranken- und maaßlose Trieb über seine Schranke hinauszugehn. Jede Grenze ist und muß Schranke für es sein. Es hörte sonst auf Capital – das Geld als sich selbst producirend zu sein. Sobald es eine bestimmte Grenze nicht mehr als Schranke fühlte, sondern als Grenze sich in ihr wohl fühlte, wäre es selbst von Tauschwerth zu Gebrauchs-werth, von der allgemeinen Form des Reichthums zu einem bestimmten substantiellen Bestehn desselben herabgesunken. 

Das Capital als solches schafft einen bestimmten Mehrwerth, weil es keinen unendlichen at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung mehr davon zu schaffen. Die quantitative Grenze des Mehrwerths er-scheint ihm nur als Naturschranke, als Nothwendigkeit, die es be-ständig zu überwältigen und über die es beständig hinauszugehn sucht. Die Schranke erscheint als ein Zufall, der überwältigt werden muß. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 249 [MEW 42, S. 252f.]


Nota. - Der Hegeljargon dient ihm nur als Metapher, wer kann das übersehen?
JE



Samstag, 14. November 2015

Ideell und reell.




Daraus aber daß das Capital jede solche Grenze als Schranke sezt und / daher ideell darüber weg ist, folgt keineswegs, daß es sie real überwunden hat, und da jede solche Schranke seiner Bestimmung widerspricht, bewegt sich seine Production in Widersprüchen, die beständig überwunden, aber ebenso beständig gesezt werden. Noch mehr. Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Aufhebung durch es selbst hintreiben.
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 322f. [MEW 42, S. 323]



Nota. - 'Erkennen lassen' ist ideell gemeint, 'hintreiben' reell. Das eine ist nicht schon das andere. Damit die Bestimmungen, die im Begriff 'gemeint' sind, in Raum und Zeit Platz greifen, muss ein Subjekt tätig werden; für sich allein ist der Begriff leer und dumm.
JE


Freitag, 13. November 2015

Was soll dieses Blog?




Was soll das werden? Ein Kommentar zu den Grundrissen am Faden ausgewählter Textstellen?

Teils, teils. Die Grundrisse sind in sachlicher Hinsicht das Unternehmen, den gewaltigen Stoff der Politischen Ökonomie kritisch zu durchdringen. 

Aber in methodologische Hinsicht sind die der mühselige und schließlich doch geglückte Versuch, sich Hegel aus dem Kopf zu schlagen.

Das will ich en détail belegen, anhand von 'Stellen', ja.

Das geht immer wieder in die Kritik der Politischen Ökonomie selber über, das ist sachlich unvermeidlich und ist mir auch recht so; schaden kann es jedenfalls nicht.





Haben Sie's bemerkt? In den stalinistischen Heiligenbildchen wie dem Obigen trägt Marx immer denselben Sonntagsrock, in dem er auch zum Photographen ging. Ich glaube aber, zuhaus hatte er eine Strickjacke an (und auf dem Schreibtisch hatte er kaum ein Photo von Freund Engels, eher von den Töchtern). JE

Donnerstag, 12. November 2015

Gesellschaftlich notwendige Arbeit.


Gerhard Walter

Das Capital zwingt die Arbeiter hinaus über die nothwendige Arbeit zur Surplusarbeit. Nur so verwerthet es sich und schafft Surpluswerth. Aber andrerseits sezt es die nothwendige Arbeit nur, soweit und insofern sie Sur-plusarbeit ist und diese realisirbar ist als Surpluswerth. Es sezt also die Surplusarbeit als Bedingung für die noth-wendige, und den Surpluswerth als Grenze für vergegenständlichte Arbeit, Werth überhaupt. Sobald es die erstre nicht setzen kann, sezt es die leztre nicht und auf seiner Grundlage kann nur es sie setzen. 

Es beschränkt also – wie die Engländer sich ausdrücken durch artificial check – Arbeit und Werthschöpfung und zwar aus demselben Grunde, warum und insofern es Surplusarbeit und Surpluswerth sezt. Es sezt also seiner Natur nach eine Schranke für Arbeit und Werthschöpfung, die im Widerspruch mit seiner Tendenz steht sie ins Maaßlose zu erweitern. Und indem es ebensowohl eine ihm spezifische Schranke sezt, wie anderseits über jede Schranke hinaus treibt, ist es der lebendige Widerspruch.
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 334 [MEW 42, S. 336]



Nota.  Vexierstück ist auch hier wieder die 'gesellschaftlich notwendige' Arbeit. Gesellschaftlich notwendig ist diejenige Arbeit, die unter gegebenen technologischen Bedingungen erforderlich wäre, einen Gebrauchswert bestimmter Qualität zu erzeugen  sofern sich dieser als Tauschwert realisieren lässt. Da sind mehrere Bedin-gungen drin enthalten, von denen sich die letzte nicht von vornherein sicherstellen lässt; denn ob dieser be-stimmte Gebrauchswert schließlich einen Käufer findet, der bereit und fähig ist, seinen Tauschwert zu reali-sieren, muss sich erst noch erweisen: auf dem Markt. 

Was hier aussieht wie das ineinander-Umschlagen von Begriffen, ist nichts anderes als die begriffliche Fassung einer vielfachen Wechselbedingung; Wechselbedingung aber von Ereignissen, die tatsächlich stattfinden  oder am Ende vielleicht doch nicht, womit rückwirkend die ganze Reihe hinfällig wird. Wenn das Resultat nicht ein-tritt, war alle vorangegangene Arbeit umsonst. Es ist keine Aneinanderreihung von Stationen, so erscheint es nur dem analytischen Begriffsfetischisten, sondern ein und derselbe Handlungsstrang: So erscheint es der An-schauung – freilich auf erhöhtem Gesichtspunkt. Daran ist nichts mysteriös.
JE 





Mittwoch, 11. November 2015

Ein Universalkapital kann es nicht geben.



Da der Werth die Grundlage des Capitals bildet, es also nothwendig nur durch Austausch gegen Gegenwerth existirt, stößt es sich nothwendig von sich selbst ab. Ein Universalcapital, ohne fremde Capitalien sich gegenüber, mit denen es austauscht – und von dem jetzigen Standpunkt aus hat es nichts sich gegenüber als Lohnarbeit oder sich selbst – ist daher ein Unding. Die Repulsion der Capitalien von einander liegt schon in ihm als reali-sirtem Tauschwerth. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 334 [MEW 42, S. 336]





Montag, 9. November 2015

Der Stoff und seine Formen.


zoibrina

Indem so die lebendige Arbeit durch ihre Verwirklichung im Material dieses selbst verändert, eine Verände-rung, die durch den Zweck der Arbeit bestimmt, und die zweckmässige Thätigkeit derselben – (eine Verän-derung die nicht wie im todten Gegenstand das Setzen der Form als äusserlich dem Stoff, bloser verschwinden-der Schein seines Bestehns) – wird das Material so in bestimmter Form erhalten, der Formwechsel des Stoffs dem Zweck der Arbeit unterworfen. Die Arbeit ist das lebendige, gestaltende Feuer; die Vergänglichkeit der Dinge, ihre Zeitlichkeit, als ihre Formung durch die lebendige Zeit. 

Im einfachen Productionsprozeß – abgesehn vom Verwerthungsprocess – wird die Vergänglichkeit der Form der Dinge benuzt um ihre Brauchbarkeit zu setzen. Indem aus der Baumwolle Garn wird, aus dem Garn Gewe-be, aus dem Gewebe gedrucktes etc Gewebe, oder gefärbtes etc, und aus diesem sage ein Kleid hat sich 1) die Substanz der Baumwolle in allen diesen Formen erhalten. (Im chemischen Process haben sich im von der Ar-beit geregelten Stoffwechsel überall Equivalente (natürliche) ausgetauscht etc); 2) in allen diesen subsequenten Processen hat der Stoff eine nützlichere Form erhalten, weil eine ihn mehr dem Consum aneignende; bis er zu-lezt die Form erhalten, worin er direkt Gegenstand desselben werden kann, wo also die Aufzehrung des Stoffs und die Aufhebung seiner Form menschlicher Genuß wird, seine Veränderung sein Gebrauch selbst ist. 

Der Stoff der Baumwolle erhält sich in allen diesen Processen; in der einen Form des Gebrauchswerths geht er unter um einer höhren Platz zu machen, bis der Gegenstand als Gegenstand der unmittelbaren Consumtion da ist. Indem aber die Baumwolle als Twist gesezt ist, ist sie in einer bestimmten Beziehung auf eine fernere Art der Arbeit gesezt. Träte diese Arbeit nicht ein, so ist nicht nur die Form nutzlos an ihr gesezt worden, d. h. die frühere Arbeit wird nicht durch die neue bestätigt, sondern auch der Stoff ist verdorben, indem er in der Form als Twist nur Gebrauchswerth hat, insofern er wieder verarbeitet wird: nur noch Gebrauchswerth ist in Bezug auf den Ge-brauch, den die fernere Arbeit davon macht; nur Gebrauchswerth ist, insofern seine Form als Twist aufgeho-ben / wird zu der von Gewebe; während die Baumwolle in ihrem Dasein als Baumwolle unendlicher Nutzan-wendungen fähig ist. So wäre ohne die fernere Arbeit der Gebrauchswerth von Baumwolle und Twist, Material und Form verhunzt; er wäre vernichtet, statt producirt worden.
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 272f. [MEW 42, S. 278]


Nota. – Sachlich gesehen, nämlich unterm Gesichtspunkt des Zwecks der Arbeit: dem beabsichtigten Ge-brauchswert der Ware, handelt es sich eben nur um einen Arbeitsprozess; es ist die spezifische Form der industriellen Arbeitsteilung, der ihn in viele Einzelteile zerlegt, die nicht einmal mehr in derselben Fabrik erledigt werden; und die Einzelteile müssen jedesmal erst zu Tauschwerten, zu Geld werden, müssen verkauft sein, damit der nächst-höhere Gebrauchswert daraus werden und das Stück Gebrauchswert überhaupt bleiben kann – denn sonst wäre auch der Tauschwert verloren.
JE



Sonntag, 8. November 2015

Verwertung ist zugleich Entwertung.



Genau betrachtet erscheint nämlich der Verwerthungsprocess des Capitals – und das Geld wird nur zu Capital durch den Verwerthungsprocess – zugleich als sein Entwerthungsprocess, its demonetisation. Und zwar nach doppelter Seite hin. Erstens, soweit das Capital nicht die absolute Arbeitszeit vermehrt, sondern die relative nothwendige Arbeitszeit vermindert durch / Vermehrung der Productivkraft, reducirt es die Productionsko-sten seiner selbst – soweit es als bestimmte Summe von Waaren vorausgesezt war, seinen Tauschwerth: 

Ein Theil des bestehnden Capitals wird beständig entwerthet, durch Verminderung der Productionskosten, zu denen es reproducirt werden kann; nicht Verminderung der Arbeit die in ihm vergegenständlicht ist, sondern der lebendigen Arbeit, die nun nöthig ist, um sich in diesem bestimmten Product zu vergegenständlichen. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 315f. [MEW 42, S. 316]



Nota.  Der Wert ist nicht eine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine Geltung, die ihm gesellschaft-lich zugerechnet wird. Denn der Wert bemisst sich nicht nach dem Quantum Arbeit, das gestern tatsächlich in dem Produkt vergegenständlicht wurde, sondern an dem Arbeitsquantum, das nötig wäre, wenn er heute neu hergestellt werden müsste. Es geht beim Wert nämlich nicht um wirkliche, von diesem oder jenem lebendigen Arbeiter tatsächlich an einem Stück Materie geleistete Arbeit, sondern wiederum nur um das Quantum Arbeit, als das es gilt: um die gesellschaftlich notwendige Arbeit; denn wenn der wirkliche Arbeiter auch eine Dreiviertelstun-de daran gearbeitet hat, so gilt sie nur als eine halbe Stunde, wenn dieses Werkstück im gesellschaftlichen Durchschnitt von einem durchschnittlichen Arbeiter in einer halben Stunde hergestellt werden kann. Und ist über Nacht die durchschnittliche, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für dieses Produkt entsprechend ge-sunken, dann gilt die Dreiviertelstunde tatsächlich geleisteter Arbeit womöglich nur als 20 Minuten. – Und das ist keine Phantasie, sondern gesellschaftlich wirklich: Der Arbeiter dürfte recht bald arbeitslos werden.
JE

Samstag, 7. November 2015

Die zivilisatorische Mission des Kapitals.



Wie also die auf das Capital gegründete Production einerseits die universelle Industrie schafft – d. h. Surplus-arbeit, werthschaffende Arbeit – so anderseits ein System der allgemeinen Exploitation der natürlichen und menschlichen Eigenschaften, ein System der allgemeinen Nützlichkeit, als dessen Träger die Wissenschaft selbst so gut erscheint, wie alle physischen und geistigen Eigenschaften, während nichts als An-sich-Höheres, Für-sich-selbst-Berechtigtes, ausser diesem Zirkel der gesellschaftlichen Production und Austauschs erscheint. 

So schafft das Capital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesell-schaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Production einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle frühren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen. Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntniß ihrer selbstständigen Gesetze erscheint selbst nur als List um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegen-stand des Consums, sei es als Mittel der Production zu unterwerfen. 

Das Capital treibt dieser seiner Tendenz nach ebenso sehr hinaus über nationale Schranken und Vorurtheile, wie über Naturvergötterung, und überlieferte, in bestimmten Grenzen selbstgenügsam eingepfählte Befriedi-gung vorhandner Bedürfnisse und Reproduction alter Lebensweise. Es ist destructiv gegen alles dieß und be-ständig revolutionirend, alle Schranken niederreissend, die die Entwicklung der Productivkräfte, die Erweite-rung der Bedürfnisse, die Mannigfaltigkeit der Production, und die Exploitation und den Austausch der Natur- und Geisteskräfte hemmen. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 322 [MEW 42, S. 323]


Nota. -  Jede andere Form der gesellschaftlichen Reproduktion kann sich damit bescheiden, zu stagnieren oder gar in vermindertem Umfang fortzufahren; allein die kapitalistische Produktionsweise muss ihren Umfang mit jedem Produktionszyklus erweitern. Zwar durch Krämpfe und Krisen, aber im Ergebnis muss sie immer fortschreiten. Sie ist nicht eine unter anderen Gesellschaftsformen, sie ist die Umwälzung in Permanenz.
JE

Freitag, 6. November 2015

Das Kapital kombiniert die Kraft der Masse mit dem handwerklichen Geschick der Einzelnen.


So weit die Vereinigung ihrer Kräfte ihre Productivkraft vermehrt, ist es keineswegs gesagt, daß sie numerisch das Arbeitsvermögen alle zusammengenommen besässen – wenn sie nicht zusammen arbeiteten, wenn also nicht zu der Summe ihrer Arbeitsvermögen das Surplus hinzukäme, das nur durch und in ihrer vereinigten, combinirten Arbeit existirt. Daher das gewaltsame Zusammentreiben des Volks in Aegypten, Etrurien, Indien etc zu Zwangsbauten und öffentlichen Zwangswerken. 

Das Capital bewirkt dieselbe Vereinigung in andrer Weise, durch seine Manier des Austauschs mit der freien Arbeit. Daß das Capital es nicht mit der vereinzelten, sondern mit der combinirten Arbeit zu thun hat, wie es an und für sich schon eine sociale, combinirte Kraft [ist,] ein Punkt, der vielleicht schon hier in der allgemeinen Entstehungsgeschichte des Capitals zu behandeln. [...] Die Bevölkerung einerseits mag weit genug entwickelt sein, und die Unterstützung, die sie in Anwendung von Maschinerie etc findet, andrerseits so weit, daß die blos aus der materiellen, massenhaften Vereinigung – und im Alterthum ist es immer dieses massenhafte Wirken der zusammengezwungnen Arbeit – hervorgehende Kraft überflüssig ist, und geringere lebendige Arbeitsmasse nöthig ist verhältnißmässig. 

Je mehr die Production noch auf bloser Handarbeit beruht, Anwendung der Muskelkraft etc, kurz der körper-lichen Anstrengung und Arbeit der Einzelnen, desto mehr besteht die Erhöhung der Productivkraft in ihrem massenhaften Zusammenarbeiten. Bei dem halbkünstlerischen Handwerk tritt der Gegensatz der Besonderung und / Vereinzelung hervor; die Geschicklichkeit der einzelnen, aber uncombinirten Arbeit. 

Das Capital in seiner wahren Entwicklung combinirt die Massenarbeit mit dem Geschick, aber so daß die erste ihre physische Macht verliert und das Geschick nicht im Arbeiter, sondern in der Maschine existirt und der durch wissenschaftliche Combination mit der Maschine als Ganzes wirkenden factory. Der gesellschaftliche Geist der Arbeit erhält eine objektive Existenz ausser den einzelnen Arbeitern. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 428f. [MEW 42, S. 434f.



Nota. –  Das war die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Die gegenwärtige digitale Revolution führt die Arbeitsteilung zu einem paradoxalen Extrem fort. Nicht nur das handwerkliche Geschick, sondern alle Verausgabung physischer Kraft ist in die Maschine verlegt; was kombiniert wird, ist nicht die lebendige Arbeit von Massen, sondern sind Massen von Maschinen – und selbst deren Kombination wird von Maschinen be-sorgt. Übrig bleibt als menschliche Arbeit die Erfindung der Maschinen (die wiederum von Maschinen gebaut werden) und ihre Überwachung. 

Es ist die Surplusarbeit einer Handvoll künstlerischer Wissenschaftler, die allein die Verwertung einer noch nie dagewesenen Summe von Kapital zu besorgen hat, deren notwendige Arbeit an der Grenze der Messbarkeit liegt. – Oder, anders gesagt, man wird neue Begriffe brauchen, die hergebrachten passen nicht mehr.
JE

Donnerstag, 5. November 2015

Warum die Profitrate fällt.



Der wirkliche Mehrwerth ist bestimmt durch das Verhältniß der Surplusarbeit zur nothwendigen Arbeit, oder durch die Portion des Capitals – die Portion der vergegenständlichten Arbeit, die sich gegen lebendige Arbeit austauscht, zu der Portion vergegenständlichter Arbeit, wodurch sie ersezt wird. Der Mehrwerth in der Form des Profits aber wird gemessen an dem Totalwerth des dem Productionsprocess vorausgesezten Capitals. 

Die Rate des Profits hängt also – denselben Mehrwerth, dieselbe Surplusarbeit im Verhältniß zur nothwendigen Arbeit vorausgesezt – ab von dem Verhältniß des Theils des Capitals der gegen lebendige Arbeit ausgetauscht wird zu dem Theil der in der Form von Rohmaterial und Productionsmittel existirt. Je geringer also die gegen lebendige Arbeit ausgetauschte Por-/tion wird, um so geringer wird die Rate des Profits. In demselben Verhältniß also, worin in dem Productionsprocess das Capital als Capital grösseren Raum einnimmt in Proportion zu der un-mittelbaren Arbeit, je mehr also der relative Surpluswerth wächst – die werthschaffende Kraft des Capitals – um so mehr fällt die Rate des Profits
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 620f. [MEW 42, S. 639