Mittwoch, 30. September 2015

Tout ce que je sais, c'est que je ne suis pas marxiste.



...aber ich muß sagen, daß, wenn das Moritzchen* ihn darin richtig zitiert, daß Barth in allen Marxschen Schriften nur das einzige Beispiel der Abhängigkeit der Philosophie etc. von den materiellen Daseinsbedin-gungen finden kann, daß Descartes die Tiere für Maschinen erklärt, mir der Mann leid tut, der so was schreiben kann. Und wenn der Mann noch nicht entdeckt hat, daß, wenn die materielle Daseinsweise das primum agens ist, das nicht ausschließt, daß die ideellen Gebiete eine reagierende, aber sekundäre Einwirkung auf sie hinwie-derum ausüben, so kann er doch unmöglich den Gegenstand begriffen haben, worüber er schreibt. Aber, wie gesagt, das ist alles zweiter Hand, und Moritzchen ist ein fataler Freund. Auch die materialistische Geschichts-auffassung hat deren heute eine Menge, denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu studieren. Ganz wie Marx von den französischen "Marxisten" der letzten 70er Jahre sagte: "Tout ce que je sais, c'est que je ne suis pas Marxiste." [Ich weiß bloß, daß ich kein Marxist bin.]

*) der Rezensent Moritz Wirth 
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Engels an Conrad Schmidt, 5. 8. 1890, MEW 37, S. 436




Dienstag, 29. September 2015

Freisetzung der Arbeitskraft.


I. Repin, Wolgatreidler

Auf der einen Seite werden historische Processe vorausgesezt, die eine / Masse Individuen einer Nation etc in die Lage, wenn zunächst nicht von wirklichen freien Arbeitern versezt haben, doch von solchen, die es δυνάμει sind, deren einziges Eigenthum ihr Arbeitsvermögen und die Möglichkeit es auszutauschen gegen vorhandne Werthe; Individuen, denen alle objektiven Bedingungen der Production als fremdes Eigenthum, als ihr Nicht-Eigenthum gegenüberstehn, aber zugleich als Werthe austauschbar, daher aneigenbar zu einem certain degree durch lebendige Arbeit. 

Solche historische Auflösungsprocesse sind sowohl Auflösung der Hörigkeitsverhältnisse, die den Arbeiter an Grund und Boden und den Herrn des Grund und Bodens fesseln, aber sein Eigenthum an Lebensmitteln faktisch voraussetzen – dieses ist in Wahrheit sein Ablösungsprozeß von der Erde; Auflösung der Grundeigen-thumsverhältnisse, die ihn als yeoman constituirten, freien arbeitenden kleinen Grundeigenthümer oder Pächter (colonus), freien Bauern; {Die Auflösung der noch ältern Formen von Gemeinschaftlichem Eigenthum und realem Gemeinwesen versteht sich von selbst}; Auflösung der Zunftverhältnisse, die sein Eigenthum an dem Arbeitsinstrument voraussetzen und die Arbeit selbst, als handwerksmässige bestimmte Geschicklichkeit, als Eigenthum (nicht nur Quelle desselben); ebenso Auflösung der Clientelverhältnisse in den verschiednen Formen, worin Nicht-Eigenthümer als Mitconsumenten des Surplusproduce im Gefolge ihrer Herren erscheinen und als Aequivalente die Livree ihres Herren tragen, an seinen Fehden theilnehmen, persönliche Dienstlei-stungen thun, eingebildete oder reale etc. 

In allen diesen Auflösungsprocessen wird sich bei genauerer Prüfung zeigen, daß Verhältnisse der Production aufgelöst werden, worin vorherrscht:Gebrauchswerth, Production für den unmittelbaren Gebrauch; der Tauschwerth und die Production desselben das Vorherrschen der andren Form zur Voraussetzung hat, daher auch in allen diesen Verhältnissen Naturallieferungen und Naturaldienste über Geldzahlung und Geldleistung vorherrscht. Doch dieß nur neben bei. Es wird sich bei näherer Betrachtung ebenso finden, daß alle die aufgelösten Verhältnisse nur mit einem bestimmten Grad der Entwicklung der materiellen (und daher auch der geistigen) Productivkräfte möglich waren. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 404f. [MEW 42, S. 409]






Montag, 28. September 2015

Zum Individuum wird der Mensch durch den Austausch.




Der Mensch vereinzelt sich erst durch den historischen Process. Er erscheint ursprünglich als ein Gattungs-wesen, Stammwesen, Heerdenthier – wenn auch keineswegs als ein ζω̃ον πολιτιϰόν im politischen Sinn. 

Der Austausch selbst ist ein Hauptmittel / dieser Vereinzelung. Er macht das Heerdenwesen überflüssig und löst es auf. Sobald die Sache sich so gedreht, daß er als Vereinzelter nur mehr sich auf sich bezieht, die Mittel aber, um sich als Vereinzelter zu setzen, sein sich Allgemein- und Gemeinmachen geworden sind. In diesem Gemeinwesen ist das objektive Dasein des Einzelnen als Eigenthümer, sage z. B. Grundeigenthümer voraus-gesezt und zwar unter gewissen Bedingungen, die ihn an das Gemeinwesen ketten, oder vielmehr einen Ring in seiner Kette machen. 

In der bürgerlichen Gesellschaft steht der Arbeiter z. B. rein objektivlos, subjektiv da; aber die Sache, die ihm gegenübersteht, ist das wahre Gemeinwesen nun geworden, das er zu verspeisen sucht, und von dem er ver-speist wird. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 399f. [MEW 42, S. 404]


Nota. - Das wahre Gemeinwesen, das er zu verspeisen sucht und von dem er verspeist wird, ist offenbar der zu Geld gewordene Tauschwert. Zum Einzelnen kann er nur in diesem Gemeinwesen werden. Anders: Als Aus-tauschender führt der Mensch zugleich eine private und eine öffentliche Existenz. Öffentlich wird er, sobald er mit dem geldgewordenen Tauschwert in Berührung kommt.
JE


Sonntag, 27. September 2015

Dialektitk als Kritik.



Diese Mißverständnisse Ricar-/dos gehn offenbar daraus hervor, daß er selbst nicht klar über den Process war, noch sein konnte als Bourgeois. Einsicht in diesen Process ist = dem statement, daß das Capital nicht nur, wie A. Smith meint Commando über fremde Arbeit ist, in dem Sinne wie jeder Tauschwerth es ist, weil er seinem Besitzer Kaufmacht giebt, sondern daß es die Macht ist sich fremde Arbeit ohne Austausch, ohne Equivalent, aber mit dem Schein des Austauschs, anzueignen. 

Ricardo weiß A. Smith und andren gegenüber, die in denselben Irrthum verfallen über Werth as determined by labour, und über Werth as determined by the price of labour (wages) nie anders zu refütiren als so: daß er sagt mit dem Product derselben Quantität Arbeit kann man bald mehr, bald weniger lebendige Arbeit in Bewegung setzen, d. h. er betrachtet das Product der Arbeit in Bezug auf den Arbeiter nur als Gebrauchswerth – den Theil des Products den er braucht um leben zu können als Arbeiter. 

Woher es aber kömmt, daß auf einmal der Arbeiter in dem Austausch nur Gebrauchswerth repräsentirt oder nur Gebrauchswerth aus dem Austausch zieht, ist ihm by no means klar, wie schon seine nie allgemein, sondern stets an einzelnen Beispielen demonstrirende Argumentation gegen A. Smith beweist. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 447f. [MEW 42, S. 456


Nota.  Das ist der Sinn der dialektischen Darstellungsweise bei Marx: ein kritischer. Den Ökonomen wird demonstriert, was sie tatsächlich sagen, was sie stattdessen zu erklären hätten, aber nicht erklären können – nämlich in ihrer eigenen Begriffsscholastik. Konkret: Es wird gezeigt, dass der dialektische Umschlag von Gebrauchswert in Tauschwert gerade nicht stattfindet  und dies bei der Ware par excellence, der Arbeitskraft. Die bürgerliche Wirtschaftsweise ist eben kein System, das sich auf dialektische Weise "bewegt"; nämlich (selber) setzt und entgegesetzt. Das ist nur ihr Schein.
JE



Samstag, 26. September 2015

Das Kapital muss zum System erst werden...


Spektrum der Wissenschaft

Es ist zu bedenken, daß die neuen Productivkräfte und Productionsverhältnisse sich nicht aus Nichts entwickeln, noch aus der Luft, noch aus dem Schooß der sich selbst setzenden Idee; sondern innerhalb und gegensätzlich gegen vorhandne Entwicklung der Production und überlieferte, traditionelle Eigenthumsverhält-nisse. 

Wenn im vollendeten bürgerlichen System, jedes ökonomische Verhältniß das andre in der bürgerlich-ökonomischen Form voraussezt und so jedes Gesezte zugleich Voraussetzung ist, so ist das mit jedem organischen System der Fall. Dieß organische System selbst als Totalität hat seine Voraussetzungen und seine Entwicklung zur Totalität besteht eben [darin], alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen, oder die ihm noch fehlenden Organe aus ihr heraus zu schaffen. Es wird so historisch zur Totalität. Das Werden zu dieser Totalität bildet ein Moment seines Prozesses, seiner Entwicklung. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 201 [MEW 42, S. 203] 


Nota. - Die bürgerliche Gesellschaft aufzufassen als System, zumal in Analogie zu einem organischen Gebilde, war eigentlich das Ausgangsdogma der Politischen Ökonomie (Quesnay, Blutkreislauf); eine Mystifikation, die die Kritik eigentlich zu zerstreuen hätte. 

Wir sind hier aber noch in Heft II des Manuskripts, noch ist sich Marx gar nicht im Klaren, dass er an einer Kritik arbeitet, er meint noch, die Politische Ökonomie lediglich darstellen (und vollenden) zu sollen. Aber er tut schon mehr als das: Dass die bürgerliche Wirtschaftsweise zum System erst werden muss, war eben der Scham-teil der Politischen Ökonomie, über den sie nur hinter vorgehaltener Hand ein paar undeutliche Worte raunte. Das Kapital muss sich die sachliche Voraussetzung, auf der es beruht, selber erst schaffen.

M. ist auch schon nahe am springenden Punkt: Die Stelle steht in dem Abschnitt, wo er das Grundeigentum behandelt und die Notwendigkeit für das Kapital, die Landbevölkerung von Grund und Boden und ihren natürlichen Arbeitsmitteln zu trennen; es muss also das Grundeigentum zuerst in bürgerliches Grundeigentum verwandeln. – Bis er darin aber das Geheimnis der "sogenannten ursprünglichen Akkumulation" erkennt, wird es noch ein paar weitere Manuskripthefte brauchen.
JE






Freitag, 25. September 2015

Das Kapital hat keine Grenzen.


Life

Die universelle Tendenz des Capitals erscheint hier, die es von allen früheren Productionsstufen unterscheidet. Obgleich seiner Natur nach selbst bornirt, strebt es nach universeller Entwicklung der Productivkräfte und wird so die Voraussetzung neuer Productionsweise, die gegründet ist nicht auf die Entwicklung der Productivkräfte, um einen bestimmten Zustand zu reproduciren und höchstens auszuweiten, sondern wo die – freie, ungehemmte, progressive, und universelle Entwicklung der Productivkräfte selbst die Voraussetzung der Gesellschaft und daher ihrer Reproduction bildet; wo die einzige Voraussetzung das Hinausgehn über den Ausgangspunkt. 

Diese Tendenz – die das Capital hat, aber die zugleich ihm selbst als einer bornirten Productionsform widerspricht und es daher zu seiner Auflösung treibt – unterscheidet das Capital von allen frühren Productionsweisen und enthält zugleich das in sich, daß es als bloser Uebergangspunkt gesezt ist. Alle bisherigen Gesellschaftsformen gingen unter an der Entwicklung des Reichthums – oder was dasselbe ist der gesellschaftlichen Productivkräfte. Bei den Alten, die das Bewußtsein hatten, wird der Reichthum daher direct als Auflösung des Gemeinwesens denuncirt. Die Feudalverfassung ihrerseits ging unter an städtischer Industrie, Handel, moderner Agricultur. (Sogar an einzelnen Erfindungen, wie Pulver und Druckerpresse.) 

Mit der Entwicklung des Reichthums – und daher auch neuer Kräfte und erweiterten Verkehrs der Individuen – lösten sich die ökonomischen Bedingungen auf, worauf das Gemeinwesen beruhte, die politischen Verhältnisse der verschiednen Bestandtheile des Gemeinwesens die dem entsprachen: die Religion, worin es idealisirt angeschaut wurde (und beides beruhte wieder auf einem gegebnen Verhältniß zur Natur, in die sich alle Productivkraft auflöst); der Charakter, Anschauung etc der Individuen. Die Entwicklung der Wissenschaft allein – i. e. der solidesten Form des / Reichthums, sowohl Product wie Producent desselben – war hinreichend diese Gemeinwesen aufzulösen. Die Entwicklung der Wissenschaft, dieses ideellen und zugleich praktischen Reichthums, ist aber nur eine Seite, eine Form, worin die Entwicklung der menschlichen Productivkräfte, i. e. des Reichthums erscheint. Ideell betrachtet reichte die Auflösung einer bestimmten Bewußtseinsform hin, um eine ganze Epoche zu tödten. Reell entspricht diese Schranke des Bewußtseins einem bestimmten Grad der Entwicklung der materiellen Productivkräfte und daher des Reichthums. 

Allerdings fand Entwicklung statt nicht nur auf der alten Basis, sondern Entwicklung dieser Basis selbst. Die höchste Entwicklung dieser Basis selbst (die Blüthe, worin sie sich verwandelt; es ist aber doch immer diese Basis, diese Pflanze als Blüthe; daher Verwelken nach der Blüthe und als Folge der Blüthe) ist der Punkt, worin sie selbst zu der Form ausgearbeitet ist, worin sie mit der höchsten Entwicklung der Productivkräfte vereinbar daher auch der reichsten Entwicklung der Individuen. Sobald dieser Punkt erreicht ist, erscheint die weitre Entwicklung als Verfall und die neue Entwicklung beginnt von einer neuen Basis. 


Wir haben vorhin gesehn, daß das Eigenthum an den Productionsbedingungen gesezt war als identisch mit einer bornirten, bestimmten Form des Gemeinwesens; des Individuums also in solchen Eigenschaften – bornirten Eigenschaften und bornirter Entwicklung seiner Productivkräfte – um solches Gemeinwesen zu bilden. Diese Voraussetzung selbst war wieder ihrerseits das Resultat einer bornirten historischen Stufe der Entwicklung der Productivkräfte; des Reichthums sowohl, wie der Weise ihn zu schaffen. Der Zweck des Gemeinwesens, des Individuums – wie Bedingung der Production – die Reproduction dieser bestimmten Productionsbedingungen und der Individuen, sowohl einzeln, wie in ihren gesellschaftlichen Sonderungen und Beziehungen – als lebendige Träger dieser Bedingungen. 

Das Capital sezt die Production des Reichthums selbst und daher die universelle Entwicklung der Productivkräfte, die beständige Umwälzung seiner vorhandnen Voraussetzungen, als Voraussetzung seiner Reproduction. Der Werth schließt keinen Gebrauchswerth aus; also keine besondre Art der Consumtion etc des Verkehrs etc als absolute Bedingung ein; und ebenso erscheint ihm jeder Grad der Entwicklung der gesellschaftlichen Productivkräfte, des Verkehrs, des Wissens etc nur als Schranke, die es zu überwältigen strebt. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 438f. [MEW 42, S. 445ff.]






Donnerstag, 24. September 2015

Die historischen Voraussetzungen des Tauschwerts.



Einerseits wird vergessen, daß von vornherein die Voraussetzung desTauschwerths, als der objectiven Grundlage des Ganzen des Productionssystems schon in sich schließt den Zwang für das Individuum, daß sein unmittelbares Product kein Product für es ist, sondern ein solches erst wird im gesellschaftlichen Process und diese allgemeine und doch äusserliche Form annehmen muß; daß das Individuum nur noch als Tauschwerth Producirendes Existenz hat, also schon die ganze Negation seiner natürlichen Existenz eingeschlossen ist; es also ganz durch die Gesellschaft bestimmt ist; daß dieß ferner Theilung der Arbeit etc voraussezt, worin das Individuum schon in andren Verhältnissen als denen der blos Austauschenden gesezt ist etc. Daß also nicht nur die Voraussetzung keineswegs weder eine aus dem Willen, noch der unmittelbaren Natur des Individuums hervorgehende, sondern eine geschichtliche ist und das Individuum schon als durch die Gesellschaft bestimmt sezt.

Andrerseits wird vergessen, daß die höhren Formen in denen nun der Austausch [erscheint], oder die Productionsbeziehungen, die sich in ihm realisiren, keineswegs stehn bleiben bei dieser einfachen Bestimmtheit, wo der höchste Unterschied, zu dem es kömmt, ein formeller und darum gleichgültiger ist. Es wird endlich nicht gesehn, daß schon in der einfachen Bestimmung des Tauschwerths und des Geldes der Gegensatz von Arbeitslohn und Capital etc latent enthalten ist. Diese ganze Weisheit kömmt also darauf heraus bei den einfachsten ökonomischen Verhältnissen stehn zu bleiben, die selbstständig gefaßt reine Abstractionen sind; die aber in der Wirklichkeit vielmehr durch die tiefsten Gegensätze vermittelt sind und nur eine Seite darstellen, worin deren Ausdruck verwischt ist.
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 171 [MEW 42, S. 173]


Nota. - 'Einerseits' kommt bei der Erwägung der Begriffe heraus, dass sie auf historischen Voraussetzungen beruhen, also auf dem Handeln historischer Subjekte. 'Andererseits' wird es so dargestellt, dass in den Begriffen Tauschwert und Geld schon "der Gegensatz von Arbeitslohn und Kapital latent enthalten ist". Sind es doch die Begriffe, die die Geschichte treiben?

Allerdings befinden wir uns hier erst noch in Heft II des Manuskripts. Da hatte Marx den entscheidenden Wendepunkt in seiner Methodik noch lange nicht erreicht.
JE




Mittwoch, 23. September 2015

Überschüssige Bevölkerung.


BMfAS

Das Setzen einer bestimmten Portion von Arbeitsvermögen als überflüssig, d. h. der zu ihrer Reproduction erheischten Arbeit als überflüssig, ist daher nothwendige Consequenz des Wachsthums der Surplusarbeit im Verhältniß zur nothwendigen. Die Abnahme der relativ nothwendigen Arbeit erscheint als Zunahme der relativ überflüssigen Arbeitsvermögen – d. h. als Setzen von Surpluspopulation. 

Wenn diese erhalten wird, geschieht es dann nicht aus dem Arbeitsfonds, sondern aus der Revenu aller Klassen. Es geschieht nicht durch die Arbeit des Arbeitsvermögens selbst – nicht mehr durch die normale Reproduction als Arbeiter, sondern als Lebendiger wird er aus Gnade von andren erhalten; wird daher Lump und Pauper; dadurch daß er nicht mehr durch seine nothwendige Arbeit, also nicht mehr durch den Austausch mit einem Theil des Capitals sich erhält, ist er aus den / Bedingungen des scheinbaren Tausch- und Unabhängigkeitsverhältnisses heraus gefallen; 

zweitens: die Gesellschaft übernimmt in aliquoten Theilen für den Herrn Capitalisten das Geschäft ihm sein virtuelles Arbeitsinstrument – dessen wear und tear – in Stand zu halten auf Reserve für spätren Gebrauch. Er schiebt die Reproductionskosten der Arbeiterklasse zum Theil von sich ab und pauperisirt so zu seinem Profit einen Theil der andren Bevölkerung. Andrerseits hat das Capital, da es sich beständig als Surpluscapital reproducirt, eben so sehr die Tendenz diesen Pauperismus zu setzen als aufzuheben. Es wirkt in entgegengesezter Richtung, wo in der Zeit bald das eine, bald das andre das Uebergewicht hat 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 497. [MEW 42, S. 510f.]


Nota. - Dass sie eine überschüssige Bevölkerung schafft, ist keine Besonderheit der kapitalistischen Wirtschafts-weise: das tut jede auf Arbeit beruhende Gesellschaft, also jede seit dem Übergang zum Ackerbau. In den ur-wüchsigen Gemeinschaften der Jäger und Sammler wird das Gleichgewicht zwischen Nahrungsangebot und Bevölkerung alljährlich neu hergestellt. Das Besondere der kapitalistischen Gesellschaft besteht darin, dass sie eine "industrielle Reservearmee" buchstäblich unterhält, um je nach Marktlage immer auf sie zurückgreifen zu können.

Deren Unterhalt wurde vor Einrichtung der Sozialversicherung aus dem Konsumfonds der gesamten Gesell-schaft bestritten - also nicht vom Kapital, das auf ihren Bestand doch angewiesen ist. Seit der Einführung um-fassender Sozialversicherungen wird ein Teil dieses Unterhalts vom Lohn der Arbeitenden abgezogen. (In Deutschland gehen Hartz IV und Grundsicherung weiterhin auf Kosten der gesamten Gesellschaft.)

Dass auch die Unternehmer ein Teil zur Sozialversicherung beitrügen, ist nur ein Schein. Deren Beitrag ist ein verstecktere Abzug vom Arbeitslohn. Der Sinn der Täuschung ist der, dem Kapital einen Zugriff auf die Selbstverwaltung der Kassen zu verschaffen.
JE 


Dienstag, 22. September 2015

Kapital als Prozess.




Insofern das Capital in jedem Moment des Processes selbst die Möglichkeit des Uebergehns in seine andre, nächste Phase und so die Möglichkeit des ganzen Processes ist, der den Lebensakt des Capitals ausdrückt, so erscheint jedes der Momente potentialiter als Capital – daher Waarencapital, Geldcapital – neben dem im Productionsprocess als Capital sich setzenden Werth. 

Die Waare kann Capital darstellen, so lange sie sich in Geld verwandeln, also Lohnarbeit kaufen kann (Sur-plusarbeit); dieß nach der Formseite hin, die aus der Circulation des Capitals geschöpft ist. Nach / der Stoff-seite hin bleibt sie Capital, so lange sie Rohmaterial (eigentliches oder Halbfabrikat), Instrument, Lebensmittel für die Arbeiter ausmacht. Jede dieser Formen ist potentielles Capital. Das Geld ist einerseits das realisirte Capi-tal, das Capital als realisirter Werth. Es ist nach dieser Seite (als Schlußpunkt der Circulation betrachtet, wo es denn auch als Ausgangspunkt betrachtet werden muß) das Capital ϰατ ̓ ἐξοχήν. 

Es ist dann wieder Capital in Bezug auf den Productionsprocess speciell, so weit es sich gegen lebendige Arbeit umtauscht. In seinem Umtausch gegen Waare (Rückkauf des Rohmaterials etc) durch den Capitalisten erscheint es dagegen nicht als Capital, sondern als Circulationsmittel; nur verschwindende Vermittlung, wodurch der Capitalist sein Product gegen die Urelemente desselben austauscht. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 522f. [MEW 42, S.537]

Nota. - Der Verfasser stellt den Vorgang vom Gesichtspunkt des Kapitals aus dar: Unter diesem Gesichtspunkt ist es Subjekt eines Prozesses. Als Subjekt betrachtet, wechselt es die Rollen, fungiert mal so, mal so. Wenn der Verfasser die Rollen, Funktionen zugleich als Begriffe auffasst, muss es ihm so vorkommen, als ob sie ineinan-der 'umschlagen'. 

Nun ist das Kapital nicht wirklich Subjekt, sondern nur in der Abstraktion. In der Wirklichkeit ist es ein tätiges Verhältnis zwischen Personen. Was in den Begriffen als unterschiedliche Rollen, Funktionen dargestellt war, sind in der Wirklichkeit vom Analytiker identifizierte und isolierte Momente eines systemischen Interaktions-prozesses zwischen handelnden Menschen. 
JE






Montag, 21. September 2015

Ein System von Austauschen.

wikimedia

Die einfache Circulation* bestand aus einer Menge gleichzeitiger oder successiver Austausche. Die Einheit derselben als Circulation betrachtet, war eigentlich nur vom Standpunkt des Beobachters aus vorhanden. (Der Austausch kann zufällig sein und er hat mehr oder minder den Charakter, wo er auf den Austausch des Ueberflusses beschränkt, nicht das Ganze des Productionsprocesses ergriffen hat.) 

In der Circulation des Capitals haben wir eine Reihe von Tauschoperationen, von Tauschakten, deren jede gegen die andre ein qualitatives Moment vorstellt, ein Moment in der Reproduction und Wachsthum des Capitals. Ein System von Austauschen, Stoffwechsel, so weit der Gebrauchswerth betrachtet, Formwechsel, so weit der Werth als solcher betrachtet wird. 

Das Product verhält sich zur Waare, wie Gebrauchswerth zum Tauschwerth; so die Waare zum Geld. Hier erreicht die eine Reihe ihre Höhe. Das Geld verhält sich zur Waare in die es rückverwandelt wird als Tauschwerth zum Gebrauchswerth; noch mehr so das Geld zur Arbeit.
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 522 [MEW 42, S.  537]

*) Austausch von Waren gegen Geld  zwischen Produzenten und Konsumenten.

Nota. - Die Vorstellung vom Kreislauf und von einem System sind die Grundmystifikationen der Politischen Ökonomie. In ihnen erscheint die bürgerliche Wirtschaftsform als logisch in sich selbst begründet  und moralisch als gerechtfertigt. Denn als 'Prozess ohne Subjekt' erscheint es als an-sich-seiend. Der erste Schritt der Kritik ist der Nachweis, dass sich nichts 'selbst bewegt', sondern dass lebendige Menschen handeln.
JE




Samstag, 19. September 2015

Der Gebrauchswert ist selbst eine ökonomische Kategorie.



In der Reproduction als Waare ist das Capital in einer bestimmten Form des Gebrauchswerths fixirt, und so nicht allgemeiner Tauschwerth, noch weniger realisirter Werth, wie es sein soll. Daß es sich als solchen in dem Reproductionsakt, in der Productionsphase gesezt hat, bewährt es erst durch die Circulation. Die größre oder mindre Vergänglichkeit der Waare, worin der Werth existirt, erfordert langsamere oder raschere Reproduction desselben; d. h. Wiederholung des Arbeitsprocesses. 

Die besondre Natur des Gebrauchswerths, worin der Werth existirt, oder die jezt als Körper des Capitals erscheint, erscheint hier als selbst Formbestimmend und die Aktion des Capitals bestimmend; einem Capital eine besondre Eigenschaft gebend gegen das andre; es besondernd. Wie wir schon an mehren Fällen sahen, ist daher nichts falscher als zu übersehn [sic], daß die Unterscheidung zwischen Gebrauchswerth und Tauschwerth, die in der einfachen Circulation, so weit sie realisirt wird, ausserhalb der ökonomischen Formbestimmung fällt, überhaupt ausserhalb derselben fällt. Wir fanden vielmehr auf den verschiednen Stufen der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse den Tauschwerth und Gebrauchswerth in verschiednen Verhältnissen bestimmt, und diese Bestimmtheit selbst als verschiedne Bestimmung des Werths als solchen erscheinend. Der Gebrauchswerth spielt selbst als ökonomische Categorie eine Rolle. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 530 [MEW 42, S.  546]


Nota. - Im byzantischen Klima, das zu Zeiten des realexistierenden Stalinismus die marxistischen Diskussionen in aller Welt imprägniert hat, war dieser Schreibfehler von Marx  'übersehn' statt 'meinen' o. ä.  tatsächlich von Belang. Niemand hätte diese Passage zitieren können, ohne in endlose talmudische Spitzfindigkeiten verwickelt zu werden, um dialektisch nachzuweisen, dass M. sowohl das eine als auch das Gegenteil gemeint hätte. Ein sinnentstellender Schreibfehler bei Marx?! Das ist ja wohl die Höhe.
JE





Die Wissenschaft tritt an die Stelle der Arbeit.


framepool

Die Aneignung der lebendigen Arbeit durch das Capital erhält in der Maschinerie auch nach dieser Seite hin eine unmittelbare Realität: Es ist einerseits direkt aus der Wissenschaft entspringende Analyse und Anwendung mechanischer und chemischer Gesetze, welche die Maschine befähigt dieselbe Arbeit zu verrichten, die früher der Arbeiter verrichtete. Die Entwicklung der Maschinerie auf diesem Weg tritt jedoch erst ein, sobald die grosse Industrie schon höhre Stufe erreicht hat und die sämmtlichen Wissenschaften in den Dienst des Capitals gefangen genommen sind; andrerseits die vorhandne Maschinerie selbst schon grosse Ressourcen gewährt. Die Erfindung wird dann ein Geschäft und die Anwendung der Wissenschaft auf die unmittelbare Production selbst ein für sie bestimmender und sie sollicitirender Gesichtspunkt. 

Dieß ist aber nicht der Weg, worin die Maschinerie im Grossen entstanden ist, und noch weniger der, worin sie im Detail fortschreitet. Dieser Weg ist die Analyse – durch Theilung der Arbeit, die die Operationen der Arbeiter schon mehr und mehr in mechanische verwandelt, so daß auf einem gewissen Punkt der Mechanismus an ihre Stelle treten kann. (Ad economy of power.) 

Es erscheint hier also direct die bestimmte Arbeitsweise übertragen von dem Arbeiter auf das Capital in der Form der Maschine, und durch diese Transposition sein eignes Arbeitsvermögen entwerthet. Daher der Kampf der Arbeiter gegen die Maschinerie. Was Thätigkeit des lebendigen Arbeiters war, wird Thätigkeit der Maschine. So tritt dem Arbeiter grob-sinnlich die Aneignung der Arbeit durch das Capital, das Capital als die lebendige Arbeit in sich absorbirend – „als hätt' es Lieb' im Leibe“ – gegenüber.
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 580 [MEW 42, S. 600]


Nota. – Marx schreibt zu einer Zeit, als der technische Fortschritt in Arbeitsanalyse und der Ersetzung mechanischer Verrichtungen bestand. Die Arbeiter wurden ersetzt, es blieben Aufseher und Ingenieure, die nicht als Arbeiter, sondern als Vertreter des Kapital galten. Inzwischen ist die Wissenschaft so weit in die materielle Fertigung eingedrungen, dass immer mehr Maschinen sich selbst beaufsichtigen und selber reparieren. Die lebendige Arbeit, die verbleibt, ist die von Ingenieuren, deren Tätigkeit mehr wissenschaftlich als mechanisch ist. Kann man noch sagen, dass der ganze Mehrwert - nein: letzten Endes aller Profit aus der Mehrarbeit dieser Handvoll Hochspezialisten besteht?
JE

Freitag, 18. September 2015

Erst als Fixes erfüllt das Kapital seinen Begriff - und untergräbt sich selbst.

W. Busch, Des Onkels Nachthemd

Die volle Entwicklung des Capitals findet also erst statt – oder das Capital hat erst die ihm entsprechende Productionsweise gesezt – sobald das Arbeitsmittel nicht nur formell als Capital fixe bestimmt ist, sondern in seiner unmittelbaren Form aufgehoben, und das Capital fixe innerhalb des Productionsprocesses der Arbeit gegenüber als Maschine auftritt; der ganze Productionsprocess aber als nicht subsumirt unter die unmittelbare Geschicklichkeit des Arbeiters, sondern als technologische Anwendung der Wissenschaft. 

Der Production wissenschaftlichen Character zu geben daher die Tendenz des Capitals und die unmittelbare Arbeit herabgesezt zu einem blosen Moment dieses Processes. Wie bei der Verwandlung des Werths in Capital, so zeigt sich bei der nähern Entwicklung des Capitals, daß es einerseits eine bestimmte gegebne historische Entwicklung der Productivkräfte voraussezt – unter diesen Productivkräften auch die Wissenschaft – andrerseits sie vorantreibt und forcirt. Der quantitative Umfang, worin, und die Wirksamkeit (Intensivität) worin das Capital als capital fixe entwickelt ist, zeigt daher überhaupt den degree an, worin das Capital als Capital, als die Macht über die lebendige Arbeit entwickelt ist und sich den Productionsprozeß überhaupt unterworfen hat. Auch nach der Seite hin, daß es die Accumulation der vergegenständlichten Productivkräfte ausdrückt und ebenso der vergegenständlichten Arbeit. 

Wenn aber das Capital in der Maschinerie und andren stofflichen Daseinsformen des capital fixe, wie Eisenbahnen etc (worauf wir später kommen werden) sich erst seine adaequate Gestalt als Gebrauchswerth innerhalb des Productionsprocesses giebt, so heißt das keineswegs daß dieser Gebrauchswerth – die Maschinerie an sich – Capital ist, oder daß ihr Bestehn als Maschinerie identisch ist mit ihrem Bestehn als Capital; so wenig, wie das Gold aufhörte seinen Gebrauchswerth als Gold zu haben, sobald es nicht mehr Geld wäre. 

Die Maschinerie verliert ihren Gebrauchswerth nicht, sobald sie aufhörte Capital zu sein. Daraus daß die Maschinerie die entsprechendste Form des Gebrauchswerths des Capital fixe, folgt keineswegs, daß die Subsumtion unter das gesellschaftliche Verhältniß des Capitals das entsprechendste und beste gesellschaftliche Productionsverhältniß für die Anwendung der Maschinerie. In demselben Maasse wie die Arbeitszeit – das blose Quantum Arbeit – / durch das Capital als einziges werthbestimmendes Element gesezt wird, in demselben Maasse verschwindet die unmittelbare Arbeit und ihre Quantität als das bestimmende Princip der Production – der Schöpfung von Gebrauchswerthen und wird sowohl quantitativ zu einer geringern Proportion herabgesezt, wie qualitativ als ein zwar unentbehrliches, aber subalternes Moment gegen die allgemeine wissenschaftliche Arbeit, technologische Anwendung der Naturwissenschaften nach der einen Seite, wie [gegen die] aus der gesellschaftlichen Gliederung in der Gesammtproduction hervor- gehende allgemeine Productivkraft – die als Naturgabe der gesellschaftlichen Arbeit (obgleich historisches Product) erscheint. Das Capital arbeitet so an seiner eignen Auflösung als die Production beherrschende Form. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2,  S. 574/577 [MEW 42, S. 595f.] 


Nota. - Wie aber arbeitet das Kapital an seiner eignen Auflösung? Indem das Wachstum des fixen auf Kosten des variablen Kapital, alias die wachsende organische Zusammensetzung, schließlich dazu führen muss, dass die Profitrate sinkt  – und sich die Reinvestition der Gewinne ins Geschäft für den Kapitalisten nicht mehr lohnt. Am Begriff ändert sich dadurch nichts (namentlich 'schlägt' er nicht 'um'), nur die Wirklichkeit ändert sich; so, dass der Begriff nicht mehr darauf passt; doch Begriffe ohne Anschuung sind leer.
JE


Donnerstag, 17. September 2015

Notwendige Arbeitszeit und Geltung der Bedürfnisse.


Der Tauschwerth, der Theilung der Arbeit voraussezt, mehr oder minder entwickelt, nach dem Grad der Austausche selbst, sezt voraus, daß, statt daß das Eine Individuum (die Gesellschaft) verschiedne Arbeiten verrichtet, seine Arbeitszeit in verschiednen Formen anwendet, die Arbeitszeit jedes Individuums nur den nothwendigen besondren Funktionen gewidmet ist. 

Wenn wir von der nothwendigen Arbeitszeit sprechen, so erscheinen die besondren getrennten Arbeitszweige als nothwendig. Diese wechselseitige Nothwendigkeit ist auf der Grundlage des Tauschwerths durch den Austausch vermittelt und zeigt sich eben darin, daß jede besondre objektivirte Arbeit, jede besonders spezificirte und materialisirte Arbeitszeit sich gegen das Product und Symbol der allgemeinen Arbeitszeit, der objektivirten / Arbeitszeit schlechthin, gegen Geld austauscht und so sich gegen jede besondre Arbeit wieder austauschen kann. 

Diese Nothwendigkeit ist eine selbst wechselnde, indem die Bedürfnisse ebensosehr producirt werden, wie die Producte und die verschiednen Arbeitsgeschicklichkeiten. Innerhalb dieser Bedürfnisse und nothwendigen Arbeiten findet ein Mehr oder Minder statt. Je mehr die selbst geschichtlich – durch die Production selbst erzeugten Bedürfnisse, die gesellschaftlichen Bedürfnisse – Bedürfnisse die selbst der offspring der social production und intercourse sind, als nothwendig gesezt sind, um so höher ist der wirkliche Reichthum entwickelt. Der Reichthum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2,  S. 426f. [MEW 42, S. 433] 


Nota. - Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und Geltung der Bedürfnisse sind Wechselbegriffe (würde Fichte sagen).
JE



Mittwoch, 16. September 2015

Materialistische Geschichtsauffassung.


Ludwig Feuerbach

Marx hat als Junghegelianer begonnen. Die hatten Hegel gerade soweit kritisiert, als sie die Kritik anstelle der Hegel'sch Idee zum Subjekt machten. Feuerbach hatte darin einen blassen Widerschein der christlichen Religion erkannt, Hegels Idee war eine sophistische Version Gottes: einer tröstlichen Projektion, die die Menschen von sich selbst in den Himmel geworfen hatten. Kritik hieß Atheismus. Konsequenter Atheismus ist Materialismus: nämlich das Traumbild Gottes vom Himmel holen und den Menschen auf Erden an seine Stelle setzen. "Wir waren alle momentan Feuerbachianer", schrieb Engels später.

Doch der Mensch bleibt bei Feuerbach ein Abstraktum, er teilt die Schwäche alles bisherigen Materialismus': Er bleibt rein objektiv, und so kommt der Mensch bei ihm nur als ein Leidender, nur passiv vor. "Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich mensch- liche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus - der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt - entwickelt."* 

Dass er die wirkliche, sinnliche Tätigkeit nicht kannte, kann man wohl von Hegel sagen. Von Marx muss man sagen, dass er die Transzendentalphilosophie in ihrer Fichte'schen Radikalität nicht kannte.** Fichte hingegen kennt überhaupt kein 'Sein' vor oder neben der Tätigkeit, und reale Tätigkeit ist für ihn Voraussetzung der idealen - und er versteht darunter nicht allein, aber auch nicht zuletzt die Produktion der materiellen Lebensbedingun- gen.

Marx geht es jedenfalls nicht mehr, wie bei den früheren Materialisten, um das Wesen der Dinge, sondern um das Verständnis der Geschichte. Materialistisch ist seine Geschichtsauffassung in dem Sinn, dass sie nichts in Erwägung zieht, als was wirkliche Menschen wirklich tun. Wer sich auf den transzendentalen Standpunkt ge- stellt hat, kann nicht anders verfahren. Und wer so verfährt, muss sich, wenn er nicht auf halbem Wege stehen bleiben will, auf den transzendentalen Standpunkt begeben.

*) 1. Feuerbachthese, MEW 3, S. 5

**) Die neue Darstellung in der WL nova methodo hat er allerdings auch nicht kennen können, sie wurde erst in unsern Tagen veröffentlicht. Sie ist allerdings nur im Vortrag nond der alten verschieden, nicht in der Sache.

Dienstag, 15. September 2015

Der Sündenfall in der politischen Ökonomie.

Tintoretto, Sündenfall

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, mit dem Kapital Mehrwerth und aus dem Mehrwerth mehr Kapital gemacht wird. Indeß setzt die Accumulation des Kapitals den Mehrwerth, der Mehrwerth die kapitalisti- sche Produktion, diese aber das Vorhandensein größerer Kapitalmassen in den Händen von Waarenproducenten voraus. Der ganze Prozeß scheint also eine der kapitalistischen Accumulation vorausgehende „ursprüngliche“ Accumulation („previous accumulation“ bei Adam Smith) zu unterstellen, eine Accumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt. 

Diese ursprüngliche Accumulation spielt in der politischen Oekonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biß in den Apfel und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verflossenen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige Elite und auf der andern faulenzende Lumpen. So kam es, daß die ersten / Reichthum accumulirten und die letzteren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datirt die Armuth der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichthum der Wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. 

Solche fade Kinderei kaut Herr Thiers z. B. noch mit staatsfeierlichem Ernst, zur Vertheidigung der propriété, den einst so geistreichen Franzosen vor. Aber sobald die Eigenthumsfrage ins Spiel kommt, wird es heilige Pflicht, den Standpunkt der Kinderfibel als den allen Altersklassen und Entwicklungsstufen allein gerechten festzuhalten. In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Oekonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und „Arbeit“ waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von „diesem Jahr“. In der That sind die Methoden der ursprünglichen Accumulation alles andre, nur nicht idyllisch. 

Geld und Waare sind nicht von vornherein Kapital, so wenig wie Produktions- und Lebensmittel. Sie bedürfen der Verwandlung in Kapital. Dieser Verwandlungsprozeß selbst kann aber nur unter bestimmten Um- ständen vorgehn. Sie spitzen sich dahin zusammen: Zweierlei sehr ver- schiedne Sorten von Waarenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, welche die von ihnen geeignete Werthsumme verwerthen wollen durch Ankauf fremder Arbeitskraft; andrerseits freie Arbeiter, Verkäufer der eignen Arbeitskraft und daher Verkäufer von Arbeit. Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, daß sie weder selbst unmittelbar zu den Produktionsbedingungen gehören, wie Sklaven, Leibeigne u. s. w., noch auch die Produktionsbedingungen ihnen gehören, wie beim selbstwirthschaftenden Bauer u. s. w., sie davon vielmehr frei, los und ledig sind. 

Mit dieser Polarisation des Waarenmarkts sind die Grundbedingungen der kapitalistischen Produktion gegeben. Das Kapitalverhältniß setzt die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigenthum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus. Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eignen Füßen steht erhält sie nicht nur jene Scheidung, sondern reproducirt sie auf stets wachsender Stufen- leiter. Der Prozeß, der das Kapitalverhältniß schafft, kann also nichts anders sein als der Scheidungsprozeß des Arbeiters von den Arbeitsbedingungen, ein Prozeß, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsmittel in Kapital verwandelt, andrerseits die unmittelbaren Producenten in Lohnarbeiter. Die s. g. ursprüngliche Accumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozeß von Producent und Produktionsmittel. Er erscheint als „ursprünglich“, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet. 
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Das Kapital I, MEGA II/5; S. 574f



Montag, 14. September 2015

Kokettiert er bloß?

Julie Kent

Die Analyse der Waare hat gezeigt, daß sie ein Doppeltes ist, Gebrauchswerth und Werth. Damit ein Ding daher Waarenform besitze, muß es Doppelform besitzen, die Form eines Gebrauchswerths und die Form des Werths. Die Form des Gebrauchswerths ist die Form des Waarenkörpers selbst, Eisen, Leinwand u. s. w., seine handgreiflich sinnliche Daseinsform. Es ist dieß die Naturalform der Waare. Die Werthform der Waare ist dagegen ihre gesellschaftliche Form.

Wie wird der Werth einer Waare nun ausgedrückt? Wie gewinnt er also eigne Erscheinungsform? Durch das Verhältniß verschiedner Waaren. Um die in solchem Verhältniß enthaltene Form richtig zu analysiren, müssen wir von ihrer einfachsten, unentwickeltsten Gestalt ausgehn. Das einfachste Verhältniß einer Waare ist offenbar ihr Verhältniß zu einer einzigen, andren Waare, gleichgültig welcher. Das Verhältniß zweier Waaren liefert daher den einfachsten Werthausdruck für eine Waare. 

I. Einfache Werthform.


20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder: 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock werth.

Das Geheimniß aller Werthform muß in dieser einfachen Werthform stecken. Ihre Analyse bietet daher die eigentliche Schwierigkeit. /


§. 1. Die beiden Pole des Werthausdrucks:

Relative Werthform und Aequivalentform.

In dem einfachen Werthausdruck spielen die zwei Waarenarten Leinwand und Rock offenbar zwei verschiedne Rollen. Die Leinwand ist die Waare, welche ihren Werth in einem von ihr verschiedenartigen Waarenkörper, dem Rock, ausdrückt. Andrerseits dient die Waarenart Rock als das Material, worin Werth ausgedrückt wird. Die eine Waare spielt eine aktive, die andre eine passive Rolle. Von der Waare nun, welche ihren Werth in einer andren Waare ausdrückt, sagen wir: Ihr Werth ist als relativer Werth dar- gestellt, oder sie befindet sich in relativer Werthform. Von der andern Waare dagegen, hier dem Rock, die zum Material des Werthausdrucks dient, sagen wir: Sie funktionirt als Aequivalent der ersten Waare, oder befindet sich in der Aequivalentform.

Ohne nun noch tiefer zu analysiren, sind von vorn herein folgende Punkte klar:

a) Die Unzertrennlichkeit der beiden Formen.


Relative Werthform und Aequivalentform sind zu einander gehörige, sich wechselseitig bedingende, unzertrennliche Momente desselben Werthausdrucks. 

b) Die Polarität der beiden Formen. 


Andrerseits sind diese beiden Formen einander ausschließende oder ent- gegengesetzte Extreme, d. h. Pole, desselben Werthausdrucks. Sie vertheilen sich stets auf die verschiedenen Waaren, die der Werthausdruck auf einander bezieht. Ich kann z. B. den Werth der Leinwand nicht in Leinwand aus- drücken. 20 Ellen Leinwand = 20 Ellen Leinwand ist kein Werthausdruck, sondern drückt nur ein bestimmtes Quantum des Gebrauchsgegenstands Leinwand aus. Der Werth der Leinwand kann also nur in andrer Waare, d. h. nur relativ ausgedrückt werden. Die relative Werthform der Leinwand unterstellt also, daß irgend eine andre Waare sich ihr gegenüber in der Aequivalentform befindet. Andrerseits, diese andre Waare, hier der Rock, die als Aequivalent der Leinwand figurirt, sich also in Aequivalentform befindet, kann sich nicht gleichzeitig in relativer Werthform befinden. Nicht sie drückt ihren Werth aus. Sie liefert nur dem Werthausdruck andrer Waare das Material. /

Allerdings schließt der Ausdruck: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder: 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock werth, auch die Rückbeziehung ein: 1 Rock = 20 Ellen Leinwand oder: 1 Rock ist 20 Ellen Leinwand werth. Aber so muß ich doch die Gleichung umkehren, um den Werth des Rocks relativ auszudrücken, und sobald ich das thue, wird die Leinwand Aequivalent statt des Rockes. Dieselbe Waare kann also in demselben Werthausdruck nicht gleichzeitig in beiden Formen auftreten. Diese schließen sich vielmehr polarisch aus.

Denken wir uns Tauschhandel zwischen Leinwandproducent A und Rockproducent B. Bevor sie Handels einig werden, sagt A: 20 Ellen Lein- wand sind 2 Röcke werth (20 Ellen Leinwand = 2 Röcke), B dagegen: 1 Rock ist 22 Ellen Leinwand werth (1 Rock = 22 Ellen Leinwand). Endlich, nach- dem sie lang gemarktet, stimmen sie überein. A sagt: 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock werth, und B sagt: 1 Rock ist 20 Ellen Leinwand werth. Hier befinden sich beide, Leinwand und Rock, gleichzeitig in relativer Werthform und in Aequivalentform. Aber, notabene, für zwei verschiedene Personen und in zwei verschiedenen Werthausdrücken, welche nur gleichzeitig ins Leben treten. Für A befindet sich seine Leinwand, – denn für ihn geht die Initiative von seiner Waare aus – in relativer Werthform, die Waare des Andren, der Rock dagegen, in Aequivalentform. Umgekehrt vom Standpunkt des B. Dieselbe Waare besitzt also niemals, auch nicht in diesem Fall, die beiden Formen gleichzeitig in demselben Werthausdruck. 

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Das Kapital I, MEGA II/5, Anhang: Die Wertform; S. 626ff. 


Nota. - Wie ist es: 'Kokettiert' er bloß mit Hegels 'Ausdrucksweise', oder hat er dessen Methode 'umgestülpt', um ihren rationellen Kern freizulegen? 

Es sind hier nicht 'Begriffe', die in einander 'umschlagen'; aber dafür sind es 'Waren', die sich gegen einander 'tau- schen'; mit andern Worten, 'Formen' 'wechseln'. Ist das lediglich eine (gezierte) Redeweise, oder meint das wirklich so, wie er es sagt?

Er war ein kluger Mann und ein gewissenhafter Autor, also bleibt er dem Leser diese Aufklärung nicht lange schuldig: "Denken wir uns Tauschhandel zwischen Leinwandproducent A und Rockproducent B. Bevor sie Handels einig werden, sagt A...". Das war doch von Anbeginn klar: Nicht Waren tauschen einander, sondern Produzenten tauschen mit einander.

Er hat kokettiert, leider. Denn das Verständnis hat er mehreren Generationen schwergemacht, indem er den Wortklaubern freie Bahn gegeben hat. Doch muss man einräumen: Er hat sich selber das Verstehen der Wertproblems ja nicht leicht gemacht; da hatte er noch nicht genügend Abstand, um es in einfacherer Weise darzustellen.
JE



Sonntag, 13. September 2015

Begriffsfetischismus.


bible-archeology

Es ist eine bestimmte gesellschaftliche Beziehung der Producenten, worin sie ihre verschiedenen nützlichen Arbeitsarten als menschliche Arbeit gleichsetzen. Es ist nicht minder eine bestimmte gesellschaftliche Beziehung der Producenten, worin sie die Größe ihrer Arbeiten durch die Zeitdauer der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft messen. Aber innerhalb unsres Verkehrs erscheinen ihnen diese gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeiten als gesellschaftliche Natureigenschaften, als gegenständliche Bestimmungen der Arbeitsprodukte selbst, die Gleichheit der menschlichen Arbeiten als Wertheigenschaft der Arbeitsprodukte, das Maß der Arbeit durch die gesellschaftlich nothwendige Arbeitszeit als Werthgröße der Arbeitsprodukte, endlich die gesellschaftliche Beziehung der Producenten durch ihre Arbeiten als Werthverhältniß oder gesellschaftliches Verhältniß dieser Dinge, der Arbeitsprodukte. 

Eben deßhalb erscheinen ihnen die Arbeitsprodukte als Waaren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. So stellt sich der Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv nicht als subjektiver Reiz des Sehnervs selbst, sondern als gegenständliche Form eines Dings außerhalb des Auges dar. Aber beim Sehn wird wirklich Licht von einem Ding, dem äußeren Gegenstand, auf ein andres Ding, das Auge, geworfen. Es ist ein physisches Verhältniß zwischen physischen Dingen. Dagegen hat die Waarenform und das Werthverhältniß der Arbeitsprodukte mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen. Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältniß der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Ver-/hältnisses von Dingen annimmt. 

Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier erscheinen die Produkte des menschlichen Kopfes als mit eignem Leben begabte, unter einander und mit den Menschen in Verhältniß stehende selbstständige Gestalten. So in der Waarenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dieß nenne ich den Fetischismus, der sich an die Arbeitsprodukte anklebt, sobald sie als Waaren producirt werden, der also von der Waarenproduktion unzertrennlich ist.

Dieser Fetischcharakter nun tritt schlagender an der Aequivalentform als an der relativen Werthform hervor. Die relative Werthform einer Waare ist vermittelt, nämlich durch ihr Verhältniß zu andrer Waare. Durch diese Werthform ist der Werth der Waare als etwas von ihrem eignen sinnlichen Dasein durchaus Unterschiednes ausgedrückt. Es liegt darin zugleich, daß das Werthsein eine dem Ding selbst fremde Beziehung, sein Werthverhältniß zu einem andern Ding daher nur die Erscheinungsform eines dahinter versteckten gesellschaftlichen Verhältnisses sein kann. Umgekehrt mit der Aequivalentform. Sie besteht grade darin, daß die Körper- oder Naturalform einer Waare unmittelbar als gesellschaftliche Form gilt, als Werthform für andre Waare. 

Innerhalb unseres Verkehrs erscheint es also als gesellschaftliche Natureigenschaft eines Dings, als eine ihm von Natur zukommende Eigenschaft, Aequivalentform zu besitzen, daher so wie es sinnlich da ist, unmittelbar austauschbar mit andern Dingen zu sein. Weil aber innerhalb des Werthausdrucks der Waare A die Aequivalentform von Natur der Waare B zukommt, scheint sie letztrer auch außerhalb dieses Verhältnisses von Natur anzugehören. Daher z. B. das Räthselhafte des Goldes, das neben seinen andren Natureigenschaften, seiner Lichtfarbe, seinem specifischen Gewicht, seiner Nicht-Oxydirbarkeit an der Luft u. s. w., auch die Aequivalentform von Natur zu besitzen scheint oder die gesellschaftliche Qualität mit allen andern Waaren unmittelbar austauschbar zu sein.
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Das Kapital I, MEGA II/5, S. 636f.


Nota. - Es handelt sich um einen Abschnitt aus dem Anhang Die Wertform zur ersten Auflage des 1. Bandes von 1867. In den späteren Auflagen und in der Ausgabe der MEW, Bd. 23 erscheint der Anhang nicht mehr.


Nicht zu vergessen: Ein gesellschaftliches Verhältnis entsteht dadurch, dass Menschen sich verhalten.
JE



Samstag, 12. September 2015

Fichte, Marx und Hegel.


Im Kapitel über die Wertform* habe er "mit der hegelschen Ausdrucksweise kokettiert", schreibt Marx im Nachwort zum KapitalFür Generationen 'westlicher' Marxisten und Marxianer war das seinerseits eine Koket- terie. Zu Dutzenden und Hunderten bemühten sie sich, das Marx'sche Werk im Sinn der Hegel'schen Dialektik zu deuten, denn die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erlitten habe, verhindere ja "in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat". Man müsse sie, um ihren rationellen Kern freizulegen, lediglich 'vom Kopf auf die Füße' stellen. Vom Kopf auf die Füße – das war das unfassliche Abrakadabra des pp. Westlichen Marxismus. Darüber ist viel geschrieben worden, und ein Ende war nicht abzusehen.

Immerhin ist impliziert, dass die Dialektik bei Hegel nicht das Original, sondern eine untergeschobene Fehl- farbe ist. Tatsächlich war die Urform der neueren** Dialektik das von Fichte entwickelte analytisch-synthetische Verfahren der Wissenschaftslehre. Sie will nicht sein das spekulativ eingesehene Bewegungsgesetz der Welt, sondern die Weise, in der die Philosophie (=Kant & Fichte) das vorgefundene reale Bewusstsein der Menschen erklärt: Setzen und bestimmen ist nur möglich als entgegen-setzen. Die Begriffe sind nichts anderes als die Denkakte der Menschen, die sie in der diskursiven Darstellung so behandeln, als ob sie Fakten wären.

Die Marx'sche Kritik geht so vor, dass sie unter den überzeitlichen Begriffen der Politischen Ökonomie die ihnen zu Grunde liegenden Handlungsweisen der Menschen freilegt. Indem Marx die Hegel'sche Dialektik 'vom Kopf auf die Füße' stellte, hat er sie auf ihre Fichte'sche Urform zurückgeführt. Für Fichte wie für Marx haben Ideen, Begriffe und Gedanken Realität nur, soweit sie das Handeln wirklicher Menschen ausdrücken.


War Fichte nicht 
aber Idealist und Marx erklärtermaßen Materialist?

Idealismus hat zwei verschiedene, in einem gewissen Sinn entgegengesetzte Bedeutungen. Im landläufigen, fast umgangssprachlichen (und nicht zuletzt von Marx und Engels eingeführten) Gebrauch bezeichnet er eine Leh- re, die 
 wie zuletzt die Hegel'sche und zuerst die Plato'sche Philosophie  den Ideen, Begriffen, Vorstellungen, kurz: dem Geist eine eigene Realität zuspricht; sei es neben den Erscheinungen, sei es 'hinter' denselben als ihr 'Wesen'. In der philosophischen Schulsprache heißt dieser Standpunkt darum der realistische.

Das ist eine metaphysische, Seins-logische Aussage über die Natur der Dinge. In der Schulsprache wurde der Ausdruck Idealismus in einem kritischen, Wissens-logischen Sinn gebraucht, als Aussage über Wesen und Her- kunft unseres Erkennens, Wissens, Verstehens; als eine Antwort auf die Frage, woher unsere Vorstellungen kommen. Die Auffassung, sie gingen von den Dingen 
 lat. res  aus, heißt wiederum die realistische. Dagegen steht die idealistische Auffassung, die meint, sie gingen  umgekehrt  vom Sehenden aus: gr. idein = sehen. In diesem Sinn war Fichte der Radikalste unter den Idealisten.

Ein kritischer oder, wie Fichte (mit Kant) sagt, "transzendentaler" Idealist kann logischerweise kein Ideen-Realist sein. Er kann sich zu metaphysischen, Seins-logischen Fragen überhaupt nicht äußern, denn nach seiner Vor- aussetzung kann er von einem 'Wesen' der Dinge 'hinter' ihrer Erscheinung ja nichts wissen; er kann nicht ein- mal sinnvoll danach fragen. Aber die Erscheinungen leugnet er nicht, sie sind vielmehr die einzigen Realitäten, die er kennt. Real ist nur, was angeschaut wird. Angeschaut wird jedoch, was im Raum ist. Was aber im Raum ist, ist nach Fichte Materie. So dass ein transzendentaler Idealist zwar kein metaphysischer Materialist sein kann; aber eine Forschung kann er nur als Wissenschaft achten, soweit sie materialistisch verfährt: nichts gelten lässt, als was sich in Raum und Zeit nachweisen lässt.

Zu wissenslogischen Fragen wiederum hat Marx sich theoretisch nicht geäußert. Aber indem er die dialektische Methode aus einer Selbstbewegung der Idee in ein Sezierbesteck des kritischen Subjekts zurückverwandelte, hat er sie praktisch beantwortet.

Ein Hegelianer in metaphysischem, ideenrealistischen Sinn war Marx nicht. Hegels Dialektik hat er ihrer meta- physischen, ideenrealistischen Verhüllung entkleidet und subjektiviert - und hat sie, ohne Fichte zu kennen, an ihren ursprünglichen Platz gesetzt. 

*

Ach, das ist grob und schematisch, ich weiß. Es ließe sich noch Vieles daran anknüpfen, aber das ist der sprin- gende Punkt: anknüpfen. Es ist ganz allgemein, aber in dieser Allgemeinheit trifft es zu. Folgen mögen Spezifizie- rungen und Konkretisierungen; aber keine Einschränkungen noch Relativierungen.

*) im Anhang zur ersten Auflage des I. Bands, 1867

**) im Unterschied zu dem scholastischen Begriff, der auf Plato zurückging und nur eine rhetorische Methode des Argumentierens bedeutete.