Donnerstag, 19. Juli 2018

Gesellschaftliche Produktivkräfte der Arbeit.

Metropolis

Da die lebendige Arbeit – innerhalb des Produktionsprozesses – dem Kapital bereits einverleibt ist, stellen sich alle gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit als Produktivkräfte, als dem Kapital inhärente Eigenschaften dar, ganz wie im Geld der allgemeine Charakter der Arbeit, soweit sie wertbildend, als Eigenschaft eines Dings erschien. Umsomehr jenes der Fall, als 

1) zwar die Arbeit als Aeusserung des Arbeitsvermögens, als Anstrengung dem einzelnen Arbeiter gehört (es ist das, womit er |78| realiter dem Kapitalisten zahlt, was er ihm gibt), obgleich sie als sich im Produkt vergegenständ- licht, als dem Kapitalisten gehörig, dagegen die gesellschaftliche Kombination, worin die einzelnen Arbeitsvermögen nur als besondre Organe des das Gesamtatelier bildenden Gesamt-Arbeitsvermögens funktionieren, nicht ihnen gehört, sondern ihnen vielmehr als kapitalistisches Arrangement entgegentritt, ihnen angetan wird; 

2) diese gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit oder Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit sich historisch erst mit der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise entwickeln, also als etwas dem Kapitalverhältnis Immanen- tes und von ihm Untrennbares erscheinen; 

3) die Objektiven Arbeitsbedingungen, mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, eine veränderte Gestalt annehmen, durch die Dimension, worin, und die Oekonomie, womit sie angewandt werden (ganz abge- sehn von der Form der Maschinerie etc.). Sie werden entwickelter als konzentrierte Produktionsmittel, gesell- schaftlichen Reichtum darstellend, und was eigentlich das Ganze erschöpft, im Umfang und dem Effekt der Pro- duktionsbedingungen gesellschaftlich kombinierter Arbeit.

Von der Kombination der Arbeit selbst abgesehn, erscheint dieser gesellschaftliche Charakter der Arbeitsbedingungen – wozu unter anderem ihre Form als Maschinerie und capital fixe in jeder Form gehört – als etwas durchaus Selbständiges, vom Arbeiter unabhängig existierendes, als eine Existenzweise des Kapitals und daher auch unab- hängig von den Arbeitern durch die Kapitalisten Arrangiertes. Wie der gesellschaftliche Charakter ihrer eignen Ar- beit, so erscheint noch viel mehr der gesellschaftliche Charakter den die Produktionsbedingungen als gemeinschaftliche Produktionsbedingungen kombinierter Arbeit erhalten, als kapitalistischer, unabhängig von den Arbeitern diesen Produktionsbedingungen als solchen zukommender Charakter. 
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aus Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Archiv sozialistischer Literatur 17, Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1968, S. 77f.
  



Nota. - Seit sie vom Kapitalisten entlohnt wurde, gehört die Arbeitskraft und alles, was sie leistet, ganz und gar dem Kapital. Dem Blick des Kritikers entgeht nicht, dass die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit zwar dem Kapital rechtmäßig 'gehört'; nicht aber von ihm selbst geleistet wird: Es verleibt vielmehr allgemeinen gesell- schaftlichen Reichtum - und zwar nicht als Tauschwert, sondern in seiner Naturalform als Gebrauchswert - dem Produktionsprozess ein. Doch eine Leistung der Arbeiter ist es schon gar nicht. Nur weil das Kapital Kapital ist, kann es den gesellschaftlichen Reichtum produktiv werden lassen. Die Trennung des Arbeiters von seinem Pro- duktionsmittel bleibt in jedem Fall die Voraussetzung.
JE


 

Mittwoch, 18. Juli 2018

Produktiver Arbeiter.



Erstens: Da mit der Entwicklung der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital oder der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise nicht der einzelne Arbeiter, sondern mehr und mehr ein sozial kombiniertes Arbeitsvermögen der wirkliche Funktionär des Gesamtarbeitsprozesses wird, und die verschiedenen Arbeitsvermögen, die konkurrie- ren, und die gesamte produktive Maschine bilden, in sehr verschiedener Weise an dem unmittelbaren Prozess der Waren- oder besser hier Produktbildung teilnehmen, der eine mehr mit der Hand, der andre mehr mit dem Kopf arbeitet, der eine als manager, engineer, Technolog etc., der andre als overlooker, der dritte |66| als direkter Handarbeiter, oder gar bloss Handlanger, so werden mehr und mehr Funktionen von Arbeitsvermögen unter den unmittelbaren Begriff der produktiven Arbeit und ihre Träger unter den Begriff der produktiven Arbeiter, direkt vom Kapital ausgebeuteter und seinem Verwertungs- und Produktionsprozess überhaupt untergeordneter Arbeiter einrangiert.

Betrachtet man den Gesamtarbeiter, aus dem das Atelier besteht, so verwirklicht sich materialiter seine kombinierte Tätigkeit unmittelbar in einem Gesamtprodukt, das zugleich eine Gesamtmasse von Waren ist, wobei es ganz gleich- gültig, ob die Funktion des einzelnen Arbeiters, der nur ein Glied dieses Gesamtarbeiters, ferner oder näher der unmittelbaren Handarbeit steht. Dann aber: Die Tätigkeit dieses Gesamtarbeitsvermögens ist seine unmittelbare produktive Konsumtion durch das Kapital, d.h. also Selbstverwertungsprozess des Kapitals, unmittelbare Produktion von Mehr-wert, und daher, wie dies später noch weiter entwickelt werden soll, unmittelbare Verwandlung desselben in Kapital.  

Zweitens: Die näheren Bestimmungen der produktiven Arbeit folgen von selbst aus den gegebenen charakteri- stischen Merkmalen des kapitalistischen Produktionsprozesses. Erstens tritt der Besitzer des Arbeitsvermögens als Verkäufer desselben, irrationell, wie wir gesehn haben ausgedrückt, als direkter Verkäufer von lebendiger Ar- beit, nicht von Ware, dem Kapital oder dem Kapitalisten gegenüber. Er ist Lohnarbeiter. Dies ist die erste Vorausset- zung


Zweitens. aber, eingeleitet durch diesen vorläufigen, der Zirkulation angehörigen Prozess, wird sein Arbeitsver- mögen und seine Arbeit als lebendiger Faktor dem Produktionsprozess des Kapitals unmittelbar einverleibt, wird selbst einer seiner Bestandteile, und zwar der variierende, der nicht nur die vorgeschossenen Kapitalwerte teils er- hält, teils reproduziert, sondern zugleich vermehrt und daher erst durch Schöpfung des Mehrwerts, in sich ver- wertenden Wert, in Kapital verwandelt. Diese Arbeit vergegenständlicht sich unmittelbar während des Produkti- onsprozesses als fliessender Wertgrösse
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aus Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Archiv sozialistischer Literatur 17, Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1968, S. 65f.



Nota. - In den späten Sechziger-, frühen Siebzigerjahren, als 'der Marxismus' zur lingua franca der westlichen Intelligenzia wurde, herrschte ein allgemeines Bedürfnis, sich 'zur Arbeiterklasse gehörig' zu fühlen. Da aber die Marx-Rezeption namentlich der Frankfurter Schule von soziologischem Denken geprägt war, wurde die Arbeiterklasse ("Klasse an sich") aufgefasst als Summe derer, die in proletarischer Condition existierten; und dazu gehörte: ausgebeutet sein. Ausgebeutet jedoch wurde der Arbeiter in dem Maße, wie er 'produktiv' war. Kurz und gut, es wurde zu einer Sache der Ehre, sich irgendwie als produktiver Arbeiter definieren zu können. 

Da wurde mancher doppelte und dreifache Rittberger gesprungen, doch die Müh' war ganz umsonst: Als 'produktiver Arbeiter' konnte nach Marx eben auch eine manager, Technologe und overlooker gelten, die man aber nicht gerade der Arbeiterklasse, und wäre sie auch "an sich", zurechnen mag.

Tatsächlich sind Bourgeoisie und Arbeiterklasse ja auch keine soziologischen, sondern politische Begriffe, die nicht aus einer Klassifikation von Individuen, sondern aus einem Globalverständnis der Gesellschaft stammen. Sie sind im wirklichen Leben das, was Kapital und Arbeit als theortische Begriffe sind. Und tatsächlich ist die Kritik der Politischen Ökonomie keine akademische Disziplin.
JE

Dienstag, 17. Juli 2018

Reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital.


|61| Die reale Subsumtion der Arbeit unter das Kapital wird entwickelt in allen den Formen, die den relativen Mehrwert im Unterschied vom absoluten* entwickeln. Mit der realen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital findet eine völlige (und sich beständig fortsetzende und wiederholende) Revolution in der Produktionsweise selbst statt, in der Produktivität der Arbeit und im Verhältnis von Kapitalist und Arbeiter.

Bei der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital treten alle früher von uns entwickelten changes im Arbeitsprozess selbst ein. Es werden die sozialen Produktivkräfte der Arbeit entwickelt und es wird mit der Arbeit auf grosser Stufenleiter die Anwendung von Wissenschaft und Maschinerie auf die unmittelbare Produktion. Einerseits schafft die kapitalistische Produktionsweise, die sich jetzt als eine Produktionsweise sui generis gestaltet, eine veränderte Gestalt der materiellen Produktion. Andrerseits bildet diese Veränderung der materiellen Ge- stalt die Basis für die Entwicklung des Kapitalverhältnisses, dessen adäquate Gestalt daher einem bestimmten Entwicklungsgrad der Produktivkräfte der Arbeit entspricht.

Man hat bereits gesehn, dass ein bestimmtes und stets wachsendes Minimum von Kapital in der Hand der einzelnen Kapitalisten einerseits notwendige Voraussetzung, andrerseits beständiges Resultat der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise. Der Kapitalist muss Eigentümer oder Besitzer von Produktionsmitteln auf einer gesellschaft-lichen Stufenleiter sein, in einem Wertumfang, der alles Verhältnis zu der möglichen Produktion des Einzelnen oder seiner Familie verloren hat. Das Minimum des Kapitals ist um so grösser in einem Geschäftszweig, je mehr er kapitalistisch betrieben wird, je höher die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit in ihm entwickelt ist. In demselben Umfang muss das Kapital an Wertgrösse zunehmen und gesellschaftliche Dimensionen annehmen, also allen individuellen Charakter abstreifen.

Eben die Produktivität der Arbeit, Masse der Produktion, Masse der Bevölkerung, Masse der Surplusbevölke- rung, die diese Produktionsweise entwickelt, ruft mit freigesetzten Kapital und Arbeit beständig neue Ge- schäftszweige hervor, in denen das Kapital wieder auf kleiner Stufenleiter arbeiten kann und wieder die ver- schiedenen Entwicklungen durchlaufen, bis auch diese neuen Geschäftszweige auf gesellschaftlicher Stufenlei- ter betrieben werden. Dieser Prozess beständig. Gleichzeitig die kapitalistische Produktion tendierend sich alle ihrer bisher noch nicht bemächtigten Industriezweige, wo nur noch formelle |62| Subsumtion , zu erobern.

Sobald sie sich der Agrikultur, Minenindustrie, Manufaktur der Hauptkleidungsstoffe usw. bemächtigt hat, ergreift sie die andren Sphären, wo nur noch formell oder auch noch selbständige Handwerker. Schon bei Betrachtung der Maschinerei bemerkt worden, wie die Einführung der Maschinerie in einem Zweig, sie in andren Zweigen und zugleich in andern Arten desselben Zweiges mit sich führt. Z.B. die Maschinenspinnerei führt zur Maschinenweberei; die Maschinenspinnerei in der Baumwollindustrie zur Maschinenspinnerei in Wolle, Leinen, Seide usw. Die gehäufte Anwendung der Maschinerie in Kohlenbergwerken, Baumwollmanu- factures usw. machte Einführung der grossen Produktionsweise im Maschinenbau selbst notwendig.

Abgesehn von den gesteigerten Mitteln des Verkehrs, die diese Produktionsweise auf grosser Stufenleiter er- heischte, ist es andrerseits nur durch Einführung der Maschinerie im Maschinenbau selbst – namentlich der zyklischen Prime Motors
, die die Einführung von Dampfschiffen und Eisenbahnen möglich machte, den ganzen Schiffsbau umwälzte. Die grosse Industrie wirft in die ihr noch nicht unterworfenen Zweige solche Menschenmassen, oder erzeugt in ihnen solche relative Surpluspopulation, wie zur Verwandlung des Hand- werks oder des kleinen formell-kapitalistischen Betriebs in grosse Industrie erheischt ist.

*) [Der absolute Mehwert kann gesteigert werden durch Lohnsenkung oder Ausdehnung der Arbeitszeit. Der relative Mehrwert wird gesteigert durch Steigerung der Produktivität=Gebrauchswert der Arbeit. JE]
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aus Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Archiv sozialistischer Literatur 17, Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1968, S. 61f.



Nota. - Das Minimum an Kapital, das erforderlich ist, um in einem bestimmten Industriezweig als Kapital fun- gieren zu können, hängt ab von seinem Gebrachswert: Kann es im Arbeits prozess die erforderliche Leistung erbringen? Die Leistung wird nach ihrem Tauschwert gemessen, aber selbst ist sie der Gebrauchswert des Kapi- tals. Dieser Zusammenhang macht die Subsumtion der angwendeten Arbeit unter das Kapial zu einer reellen: Der Gebrauchswert greift ein in die Formbestimmung.

Und ganz am Schluss wird es geschehen, dass der Profit des Kapitalisten so gering ausfällt, dass er nicht aus- reicht, um erneut als Kapital fungieren zu können - sofern nicht ein Ereignis dazwischen tritt, das von der Ge- brauchswertseite kommt! (z. B. Kapitalvernichtung durch Krise oder Krieg)
JE



Montag, 16. Juli 2018

Gebrauchswert des Kapitals und Formbestimmung.

Magritte, La Reproduction interdite

Wie die Ware unmittelbare Einheit von Gebrauchswert und Tauschwert, so ist der Produktionsprozess, der Produktionsprozess von Ware ist, unmittelbare Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozess. Wie Waren, d. h. unmittelbare Einheiten von Gebrauchswert. und Tauschwert, als Resultat, als Produkt, aus dem Prozess her- auskommen, so gehn sie als konstituierende Elemente in ihn ein. Es kann überhaupt nie etwas aus einem Produktionsprozess herauskommen, was nicht in der Form von Produktionsbedingungen in ihn einging.

Die Verwandlung der vorgeschossenen Geldsumme, der zu verwertenden und in Kapital zu verwandelnden Geldsumme, in die Faktoren des Produktionsprozesses ist ein Akt der Warenzirkulation, des Austauschprozesses, und löst sich in eine Reihe von Käufen auf. Dieser Akt fällt also noch ausserhalb des unmittelbaren Produktions- prozesses. Er leitet ihn nur ein, ist aber die notwendige Voraussetzung desselben und wenn wir statt des unmittelba- ren Produktionsprozesses das Ganze und die Kontinuität der kapitalistischen Produktion betrachten, bildet diese Verwandlung des Geldes in die Faktoren des Produktionsprozesses, der Ankauf von Produktionsmitteln und Arbeitsvermögen, selbst ein immanentes Moment des Gesamtprozesses.

Betrachten wir nun die Gestalt des Kapitals innerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses, so hat es wie die einfache Ware die Doppelgestalt von Gebrauchswert und Tauschwert. Aber in beiden Formen treten weitere Bestim- mungen ein, die verschieden von denen der einfachen, selbständig betrachteten Ware, weiter entwickelte Be- stimmtheiten.

Was zunächst den Gebrauchswert betrifft, so war sein besondrer Inhalt, seine weitre Bestimmtheit vollständig gleichgültig für die Begriffsbestimmung der Ware. Der Artikel, der Ware und daher Träger des Tauschwerts sein sollte, musste irgendein gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen, daher irgendwelche brauchbare Eigenschaften besitzen. Voilà tout. Anders mit dem Gebrauchswert der Waren, die im Produktionsprozess funktionieren. Durch die Natur des Arbeitsprozesses dirimieren sich zunächst die Produktionsmittel in |8| Arbeitsgegenstand und Arbeits- mittel, oder weiter bestimmt Rohmaterial auf der einen Seite, Instrumente, Hilfsmaterialien usw. auf der andern. Es sind dies Formbestimmungen des Gebrauchswerts, die aus der Natur des Arbeitsprozesses selbst entspringen, und so ist – in Beziehung auf die Produktionsmittel – der Gebrauchswert weiter fortbestimmt. Die Formbestimmung des Gebrauchswertswird hier selbst wesentlich für die Entwicklung des ökonomischen Verhältnisses, der ökonomischen Ka- tegorie.

Ferner aber scheiden sich im Arbeitsprozesse die in ihn eingehenden Gebrauchswerte in zwei streng begrifflich geschiedene Momente und Gegensätze (ganz wie eben gesagt, die gegenständlichen Produktionsmittel tun) — auf der einen Seite die gegenständlichen Produktionsmittel, die objektiven Produktionsbedingungen, auf der andern Seite die werktätigen Arbeitsvermögen, die sich zweckmässig äussernde Arbeitskraft, die subjektive Produktions- bedingung. Dies ist eine weitere Formbestimmtheit des Kapitals, soweit es sub specie des Gebrauchswerts innerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses erscheint.


In der einfachen Ware ist bestimmte zweckmässige Arbeit, Spinnen, Weben usw., im Gespinst, im Geweb ver- körpert, vergegenständlicht. Die zweckmässige Form des Produkts ist die einzige Spur, welche die zweckmässi- ge Arbeit zurückgelassen hat und diese Spur selbst kann ausgelöscht sein, wenn das Produkt die Form eines Naturprodukts hat, wie Vieh, Weizen usw. In der Ware erscheint der Gebrauchswert gegenwärtig, als das Vor- handene, das in dem Arbeitsprozess nur als Produkt erscheint. Die einzelne Ware ist in der Tat ein fertiges Pro- dukt, hinter dem sein Entstehungsprozess liegt, worin der Prozess, wodurch sich besondere nützliche Arbeit in ihm verkörperte, vergegenständlichte, in der Tat aufgehoben ist. In dem Produktionsprozess wird die Ware. Sie wird beständig als Produkt vom Prozess abgestossen, so dass das Produkt selbst nur als ein Moment des Pro- zesses erscheint. 

Ein Teil des Gebrauchswerts, worin das Kapital innerhalb des Produktionsprozesses erscheint, ist das lebendige Ar- beitsvermögen selbst, aber als Arbeitsvermögen von bestimmter, dem besonderen Gebrauchswert der Produkti- onsmittel entsprechender Spezifikation und als sich betätigendes Arbeitsvermögen, sich zweckmässig äussernde Arbeits- kraft, die die Produktionsmittel zu gegenständlichen Momenten ihrer Betätigung macht und sie daher aus der ursprünglichen Form ihres Gebrauchswerts in die neue Form des Produkts verwandelt. Die Gebrauchswerte selbst machen |9| daher innerhalb der Arbeitsprozesse einen wirklichen Verwandlungsprozess durch, ob dieser nun mechanischer, chemischer, physikalischer Natur sei. Während in der Ware der Gebrauchswert ein gegebenes Ding mit bestimmten Eigenschaften ist, ist er jetzt Verwandlung der als Rohmaterial und Arbeitsmittel funktio- nierenden Dinge, Gebrauchswerte, vermittelst der sich durch sie und in ihnen betätigenden lebendigen Arbeit, welche eben das Arbeitsvermögen actu ist, in einen Gebrauchswert von veränderter Gestalt – das Produkt

So zerfällt also die Gestalt, die das Kapital als Gebrauchswert im Arbeitsprozess annimmt, erstens in die begriffs- mässig dirimierten und auf einander bezogenen Produktionsmittel zweitens in eine begriffsmässige, aus der Natur des Arbeitsprozesses entquillende Diremtion zwischen den objektiven Arbeitsbedingungen (den Produktionsmit- teln) und den subjektiven Arbeitsbedingungen, dem zweckmässig tätigen Arbeitsvermögen, d. h. der Arbeit selbst. Drittens aber, das Ganze des Prozesses betrachtet, erscheint der Gebrauchswert des Kapitals hier als Gebrauchs- wert produzierender Prozess, worin die Produktionsmittel dieser spezifischen Bestimmtheit nach als Produkti- onsmittel des zweckmässig tätigen, ihrer bestimmten Natur entsprechenden, spezifischen Arbeitsvermögens funkti- onieren. Oder der gesamte Arbeitsprozess als solcher, in der lebendigen Wechselwirkung seiner objektiven und subjektiven Momente, erscheint als die Gesamtgestalt des Gebrauchswerts, d. h. [als] die reale Gestalt des Kap- itals im Produktionsprozess. 
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aus Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Archiv sozialistischer Literatur 17, Neue Kritik, Frankfurt a.M. 1968, S. 7ff.

 
Nota. - Würde nicht die lebendige Arbeit den im Tauschwert des Kapitals dargestellten Gebrauchswert ver- mehren, entstünde kein zusätzlicher Tauschwert. Der Mehr wert ist der Gebrauchswert des Kapitals.
JE



Samstag, 14. Juli 2018

Logische oder historische Darstellung?


Über zwanzig Druckseiten lang in den MEW hatte Marx das Verfahren der politischen Ökonomen kommentierend beschrieben; zwar kritisch dargestellt, aber doch ihr Verfahren dargestellt. Im Fortgang seiner Niederschrift, die offenbar zunächst unmittel- bar für den Druck bestimmt war, nehmen die Einwände jedoch überhand:

Wie überhaupt bei jeder historischen, sozialen Wissenschaft, ist bei dem Gange der ökonomischen Kategorien immer festzuhalten, daß, wie in der Wirklichkeit, so im Kopf, das Subjekt, hier die moderne bürgerliche Gesell- schaft, gegeben ist, und daß die Kategorien daher Daseinsformen, Existenzbestimmungen, oft nur einzelne Sei- ten dieser bestimmten Gesellschaft, dieses Subjekts, ausdrücken, und daß sie daher auch wissenschaftlich keines- wegs da erst anfängt, wo nun von ihr als solcher die Rede ist. Dies ist festzuhalten, weil es gleich über die Eintei- lung Entscheidendes zur Hand gibt. 


Z.B. nichts scheint naturgemäßer, als mit der Grundrente zu beginne, dem Grundeigentum, da es an die Erde, die Quelle aller Produktion und allen Daseins, gebunden ist, und an die erste Produktionsform aller einigerma- ßen befestigten Gesellschaften - die Agrikultur. Aber nichts wäre falscher. In allen Gesellschaftsformen ist es eine bestimmte Produktion, die allen übrigen und deren Verhältnisse daher auch allen übrigen, Rang und Ein- fluß anweist. Es ist eine allgemeine Beleuchtung, worin alle übrigen Farben getaucht sind und [die] sie in ihrer Besonderheit modifiziert. Es ist ein besondrer Äther, der das spezifische Gewicht alles in ihm hervorstehenden Daseins bestimmt. 

Z.B. bei Hirtenvölkern. (Bloße Jäger und Fischervölker liegen außer dem Punkt, wo die wirkliche Entwicklung beginnt) Bei ihnen kömmt gewisse Form des Ackerbaus vor, sporadische. Das Grundeigentum ist dadurch be- stimmt. Es ist gemeinsames und hält diese Form mehr oder minder bei, je nachdem, ob diese Völker mehr oder minder noch an ihrer Tradition festhalten, z.B. das Gemeindeeigentum der Slawen. Bei Völkern von fest- sitzendem Ackerbau - dies Festsitzen schon große Stufe -, wo dieser vorherrscht wie bei den Antiken und Feu- dalen, hat selbst die Industrie und ihre Organisation und die Formen des Eigentums, die ihr entsprechen, mehr oder minder grund-<638> eigentümlichen Charakter, ist entweder ganz von [ihm] abhängig wie bei den ältern Rö- mern oder, wie im Mittelalter, ahmt die Organisation des Landes in der Stadt und in ihren Verhältnissen nach. Das Kapital selbst im Mittelalter - soweit es nicht reines Geldkapital ist - als traditionelles Handwerkszeug etc. etc. hat diesen grundeigentümlichen Charakter. 

In der bürgerlichen Gesellschaft ist es umgekehrt, Die Agrikultur wird mehr und mehr ein bloßer Industrie- zweig und ist ganz vom Kapital beherrscht. Ebenso die Grundrente. In allen Formen, worin das Grundeigen- tum herrscht, die Naturbeziehung noch vorherrschend. In denen, wo das Kapital herrscht, das gesellschaftlich, historisch geschaffne Element. Die Grundrente kann nicht verstanden werden ohne das Kapital. Das Kapital aber wohl ohne die Grundrente. Das Kapital ist die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesellschaft. Es muß Ausgangspunkt wie Endpunkt bilden und vor dem Grundeigentum entwickelt werden. Nachdem beide besonders betrachtet sind, muß ihre Wechselbeziehung betrachtet werden.

Es wäre also untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen zu lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren. Vielmehr ist ihre Reihenfolge bestimmt durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben, und die genau das umgekehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung entspricht. Es handelt sich nicht um das Verhältnis, das die ökonomischen Verhältnisse in der Aufeinanderfolge verschiedener Gesell- schaftsformen historisch einnehmen. Noch weniger um ihre Reihenfolge "in der Idee" (Proudhon) (einer ver- schwimmelten Vorstellung der historischen Bewegung). Sondern um ihre Gliederung innerhalb der modernen bürgerlichen Gesellschaft. 

Die Reinheit (abstrakte Bestimmtheit), in der die Handelsvölker - Phönizier, Karthaginienser - in der alten Welt erschienen, ist eben durch das Vorherrschen der Agrikulturvölker selbst gegeben. Das Kapital als Handels- oder Geldkapital erscheint eben in dieser Abstraktion, wo das Kapital noch nicht das beherrschende Element der Gesellschaften ist. Lombarden, Juden nehmen dieselbe Stellung gegenüber den Agrikultur treibenden mit-telaltrigen Gesellschaften ein.

Als weitres Beispiel der verschiednen Stellung, die dieselben Kategorien in verschiednen Gesellschaftsstufen einnehmen: Eine der letzten Formen der bürgerlichen Gesellschaft: joint-stock-companies erscheinen aber auch <639> im Beginn derselben in den großen privilegierten und mit Monopol versehnen Handelskompanien.
 

Der Begriff des Nationalreichtums selbst schleicht sich bei den Ökonomen des 17. Jahrhunderts so ein - eine Vorstellung, die noch zum Teil bei denen des 18. fortgeht -, daß bloß für den Staat der Reichtum geschaffen wird, seine Macht aber im Verhältnis zu diesem Reichtum steht. Es war dies noch unbewußt heuchlerische Form, worin sich der Reichtum selbst und die Produktion desselben als Zweck der modernen Staaten ankün- digt und sie nur noch als Mittel zur Produktion des Reichtums betrachtet.

Die Einteilung offenbar so zu machen, daß 1. die allgemein abstrakten Bestimmungen, die daher mehr oder minder allen Gesellschaftsformen zukommen, aber im oben auseinandergesetzten Sinn. 2. die Kategorien, die die innre Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen und worauf die fundamentalen Klassen beruhn. Kapital, Lohnarbeit, Grundeigentum. Ihre Beziehung zueinander. Stadt und Land. Die drei großen gesellschaft- lichen Klassen. Austausch zwischen denselben. Zirkulation. Kreditwesen (privat). 3. Zusammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft in der Form des Staats. In Beziehung zu sich selbst betrachtet. Die "unproduktiven" Klassen. Steuern. Staatsschuld. Öffentlicher Kredit. Die Bevölkerung. Die Kolonien. Auswanderung. 4. Inter- nationales Verhältnis der Produktion. Internationale Teilung der Arbeit. Internationaler Austausch. Aus- und Einfuhr. Wechselkurs. 5. Der Weltmarkt und die Krisen.
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aus Einleitung [zur Kritik der Politischen Ökonomie] in MEW 13, S. 637ff.



Nota. -Dass die logische Entwicklung der ökonomischen Kategorien und ihr Erscheinen in der historischen Wirklichkeit zwei paar Schuhe sind, wird ihm erst bei der Niederschrift klar; und dass er folglich nicht einfach die Gliederung übernehmen kann, wie sie bei den Politischen Ökonomen üblich ist. Er beabsichtigt zunächst wohl, beide Darstellungsweisen nebeneinander zu gebrauchen. Der letzte Absatz im obigen Text ist offenbar so etwas wie Marxens Erster Plan für das "ökonomische Buch", aus dem schließlich Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie werden sollte.

JE

Freitag, 13. Juli 2018

Kritik oder kritischer Kommentar.

Les Critiques d'art, 1880

Es ist Mode, der Ökonomie einen allgemeinen Teil vorherzuschicken - und es ist grade der, der unter dem Titel "Produktion" figuriert (siehe zum Beispiel J. St. Mill) -, worin die allgemeinen Bedingungen aller Produktion abge- handelt werden. Dieser allgemeine Teil besteht oder soll angeblich bestehn: 

1. aus den Bedingungen, ohne welche Produktion nicht möglich ist. D.h. also in der Tat nichts als die wesentli- chen Momente aller Produktion angeben. Es reduziert sich dies in der Tat aber, wie wir sehn werden, auf einige sehr einfache Bestimmungen, die in flachen Tautologien breitgeschlagen werden; 

2. die Bedingungen, die mehr oder weniger die Produktion fördern, wie z.B. Adam Smiths fortschreitender und stagnanter Gesellschaftszustand. Um dies, was als Aperçu bei ihm seinen Wert hat, zu wissenschaftlicher Be- deutung zu erheben, wären Untersuchungen nötig, über die Perioden der Grade der Produktivität in der Entwick- lung einzelner Völker - eine Untersuchung, die außerhalb der eigentlichen Grenzen des Themas liegt, soweit sie aber in dasselbe gehört, bei der Entwicklung der Konkurrenz, Akkumulation usw. anzubringen ist. In der allge- meinen Fassung läuft die Antwort auf das Allgemeine hinaus, daß ein industrielles Volk die Höhe seiner Pro- duktion in dem Moment besitzt, worin es überhaupt reine geschichtliche Höhe einnimmt. In fact. Industrielle Höhe eines Volks, solange noch nicht der Gewinn, sondern das Gewinnen ihm Hauptsache ist. Sofern die Yankees über den Engländern. Oder aber: daß z.B. gewisse Racen, Anlagen, Klimate, Naturverhältnisse, wie Seelage, Fruchtbarkeit des Boden etc., der Produktion günstiger sind als andre. Läuft auch wieder auf die Tau- tologie hinaus, daß der Reichtum in dem Grade leichter geschaffen wird, als subjektiv und objektiv seine Ele- mente in höherm Grad vorhanden sind 

Das ist es aber alles nicht, worum es den Ökonomen wirklich in diesem allgemeinen Teil sich handelt. Die Produktion soll vielmehr - siehe z.B. Mill - im Unterschied von der Distribution etc. als eingefaßt in von der Geschichte unabhängigen ewigen Naturgesetzen dargestellt werden, bei welcher Gelegenheit dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft in abstracto untergescho- ben <619> werden. Dies ist der mehr oder minder bewußte Zweck des ganzen Verfahrens. Bei der Distribution dagegen sollen die Menschen in der Tat allerlei Willkür sich erlaubt haben. 

Ganz abgesehn von dem rohen Auseinanderreißen von Produktion und Distribution und ihrem wirklichen Verhältnis, muß so viel von vornherein einleuchten, daß, wie verschiedenartig die Distribution auf verschiednen Gesellschaftsstufen sein mag, es ebenso möglich sein muß, ebensogut wie in der Produktion, gemeinsame Be- stimmungen herauszuholen und ebenso möglich, alle historischen Unterschiede zu konfundieren oder aus- zulöschen in allgemein menschlichen Gesetzen. 

Z.B. der Sklave, der Leibeigne, der Lohnarbeiter erhalten alle ein Quantum Nahrung, das ihnen möglich macht, als Sklave, als Leibeigner, als Lohnarbeiter zu existieren. Der Erobrer, der vom Tribut, oder der Beamte, der von der Steuer, oder der Grundeigentümer, der von der Rente, oder der Mönch, der vom Almosen, oder der Levit, der vom Zehnten lebt, erhalten alle ein Quotum der gesellschaftlichen Produktion, das nach andren Ge- setzen bestimmt ist als das des Sklaven etc. Die beiden Hauptpunkte, die alle Ökonomen unter diese Rubrik stellen, sind: 1. Eigentum; 2. Sicherung desselben durch Justiz, Polizei etc. 
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aus Einleitung [zur Kritik der Politischen Ökonomie] in MEW 13, S. 618f. 



Nota. - Die berühmt-berüchtigte Einleitung vom August-September 1857 nimmt einen ganz zwiespältigen Platz in der euphemistisch so genannten Rezeptionsgeschichte ein. In der Sowjetunion war 'der Marxismus' (Marxis- mus-Leninismus) zur behördlich verordneten und geheimpolizeilich geschützten Offenbarten Wahrheit gewor- den. Dass sie in den Köpfen ihrer Stifter sich entwickeln musste, wurde rituell eingeräumt ("Das musst du dialek- tisch sehen"). Dass aber Entwicklung 'dialektischer' Weise so geschieht, dass Falsches von Richtigem überwun- den wird, hatten die Glaubenshüter bald selbst vergessen. Man tat gut daran, die offenbarten Texte sakrosankt aneinander zu reihen, als ein Wort so wohl das letzte sein konnte wie das andere.

*

Der wirkliche wissenschaftliche Wert der Einleitung liegt darin, dass er deutlich macht, in welchen Irrtümern Marx befangen war, als er an die Ausarbeitung seines "ökokomischen Buchs" ging. Tatsächlich ist es der erste Text des ganzen Konvoluts namens Kritik der Politischen Ökonomie. Insbesondere macht ist eerkennen, dass Marx zunächst noch gar nicht bewusst war, dass er die Kritik einer ganzen Wissenschaft auszuarbeiten hatte. Zwar kritisiert er schon allenthalben ihre apologetische, nämlich dogmatische Verwendungen der Begriffe; aber er knüpft unmittelbar an die Darstellungsweise seiner Vorläufer an, die er lediglich kritisch kommentierend be- gleitet.

Deutlich wird: Marx hatte noch keinen Plan. Ihm war der Umfang seiner Aufgabe, nachdem er sieben Jahre lang in der British Library die ganze verfügbare ökonomische Literatur studiert hatte, noch gar nicht bewusst. Noch glaubte er, nur die Spreu von Weizen trennen und mit den erforderlichen Korrekturen versehen zu müssen, um die Lehre der Politischn Ökonomie zu vollenden. In diesem Sinn begann er seine Arbeit unbefangen mit einer Einleitung, in der er den Plan des Gesamtwerks allersrst noch entwerfen wollte.

Er sollte merken, dass es so nicht ging. Aber dass er die Politische Ökonomie nicht nur emendieren, sondern 'vom Kopf auf die Füße stellen' musste, hat er auch da noch nicht erkannt.
JE

Donnerstag, 12. Juli 2018

...das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann.

Hopper, Nighthawks, Skizze

Je tiefer wir in der Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum, daher auch das produzierende Individuum, als unselbständig, einem größren Ganzen angehörig: erst noch in ganz natürlicher Weise in der Familie und in der zum Stamm erweiterten Familie; später in dem aus dem Gegensatz und Verschmelzung der Stamme hervorgehenden Gemeinwesen in seinen verschiednen Formen. Erst in dem 18. Jahrhundert, in der "bürgerlichen Gesellschaft", treten die verschiednen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs dem Ein- zelnen als bloßes Mittel für seine Privatzwecke entgegen, als äußerliche Notwendigkeit. Aber die Epoche, die diesen Standpunkt erzeugt, den des vereinzelten Einzelnen, ist gerade die der bisher entwickeltsten gesellschaft- lichen (allgemeinen von diesem Standpunkt aus) Verhältnisse. 

Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein ζῷον πολιτικόν, nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft - eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagnen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt - ist ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne lebende und zusammen sprechende Individuen. 

Es ist sich dabei nicht länger aufzuhalten. Der Punkt wäre gar nicht zu berühren, wenn die Fadaise, die bei den Leuten des 18. Jahrhunderts Sinn und Verstand hatte, von Bastiat, Carey, Proudhon etc. nicht wieder ernsthaft mitten in die modernste Ökonomie hereingezogen würde. Für Proudhon u.a. ist es natürlich angenehm, den Ursprung eines ökonomischen Verhältnisses, dessen geschichtliche Entstehung er nicht kennt, dadurch ge- schichtsphilosophisch zu entwickeln, daß er mythologisiert, Adam oder Prometheus sei auf die Idee fix und fertig gefallen, dann sei sie eingeführt worden etc. Nichts ist langweilig trockner, als der phantasierende locus communis.
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aus Einleitung [zur Kritik der Politischen Ökonomie] in MEW 13, S. 616  



Nota. - Selbst bei Fichte, dem idealistischsten der Idealisten, muss das Ich, nachdem es sich "durch Freiheit" selbst-gesetzt hat, herausfinden, dass es in Wahrheit 'schon immer' einer Gesellschaft angehört hat. Zugleich ist aber Fichte der Philosoph, der in seiner Rechtslehre wie kein zweiter auf der Vertragstheorie geritten ist. Das widerspricht sich nicht, weil das eine mit dem andern nichts zu tun hat. Die Vertragstheorie ist eine Fiktion, die notwendig zugrunde gelegt werden muss, wemm ein vernünftig, d. h. rechtlich geregeltes Gemeinwesen mög- lich sein soll. Der Gedanke, dass das Individuum zuvor vergemeinschaftet sein musste, bevor es sich als bürger- liches Subjekt vereinzeln konnte, behauptet einen bestimmten Sinn in unserer wirklichen Geschichte.

Von Proudhon bis zu den zeitgenössischen Autonomen benebeln sich alle Anarchisten mit dem Kult ihrer höchst privaten Individualität und lehnen alle gesellschaftliche Verbindlichkeit ab außer gegen jene autonomen Subjekte, mit denen sie sich persönlich schon "vertragen" haben. Dagegen ist nicht gut argumentieren. Aber beten hilft auch nicht.
JE