Montag, 18. Juni 2018

Krisen sind notwendig, um das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen.

umdiewelt

Gleichzeitig mit der Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere Zusammensetzung des Kapi- tals, die relative Abnahme des variablen Theils gegen den konstanten.
 

Diese verschiednen Einflüsse machen sich bald mehr neben einander im Raum, bald mehr nach einander in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der widerstreitenden Agentien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleich- gewicht für den Augenblick wieder herstellen.
 

Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, daß die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschließt nach absoluter / seine Verwerthung im höchsten Maß (d. h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werths) zum Ziel hat. Ihr specifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwerth als Mittel zur größtmöglichen Verwerthung dieses Werths gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnahme der Profitrate, Entwerthung des vorhandnen Kapitals, und Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon producirten Produktivkräfte.
 

Die periodische Entwerthung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise imma- nentes Mittel ist, den Fall der Profitrate aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwerth durch Bildung von Neukapital zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich der Cirkulations- und Reproduk- tionsproceß des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produk- tionsprocesses.
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Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 245f.  [MEW 25, S. 259f.]
   



Nota. - Nicht nur können Krisen nicht verhindert werden, weil das nötige politische Instrumentarium fehlt. Es wäre auch nicht sinnvoll, sie zu verhindern, weil sonst das Gleichgewicht ganz verloren ginge.

Ach, das Gleichgewicht soll anders wiederhergestellt werden als durch die Krise? Das geht nicht, solange Kokur- renz herrscht, und die ist die Triebkraft der kapitalistischen Produktion. So können Krisen zwar palliativ gemil- dert werden, aber nur durch anhaltende Akkumulation neuer Ungleichgewichte - Aufblähen eines (aus kapitali- stischer Sicht) unproduktiven Staatssektors und Explosion der öffentlichen Schulden.
JE, 21. 1. 17


Sonntag, 17. Juni 2018

Geldkrisen sind unvermeidlich.



Es ist Grundlage der kapitalistischen Produktion, daß das Geld, als selbständige Form des Werths, der Waare gegenübertritt, oder daß der Tauschwerth selbständige Form im Geld erhalten muß, und dies ist nur möglich, indem eine bestimmte Waare das Material wird, in deren Werth sich alle andern Waaren messen, daß sie eben dadurch die allgemeine Waare, die Waare par excellence im Gegensatz zu allen andern Waaren wird. 

Dies muß sich in doppelter Hinsicht zeigen, und namentlich bei kapitalistisch entwickelten Nationen, die das Geld in großem Maß erset-zen, einerseits durch Kreditoperationen, andrerseits durch Kreditgeld. In Zeiten der Klemme, wo der Kredit einschrumpft oder ganz aufhört, tritt plötzlich Geld als einziges Zahlungsmittel und wahres Dasein des Werths absolut den Waaren gegenüber. Daher die allgemeine Entwerthung der Waaren, die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit, sie in Geld zu verwandeln, d. h. in ihre eigne rein phantastische Form. Zweitens aber: das Kreditgeld selbst ist nur Geld, soweit es im Betrage seines Nominalwerths absolut das wirkliche Geld vertritt. Mit dem Goldabfluß wird seine Konvertibilität in Geld problematisch, d. h. seine Identität mit wirklichem Gold. Daher Zwangsmaßregeln, Heraufsetzung des Zinsfußes etc., um die Bedingungen dieser Konvertibilität zu sichern. 

Dies kann mehr oder minder auf die Spitze getrieben werden durch falsche Gesetzgebung, beruhend auf falschen Theorien vom Geld, und der Nation aufgedrängt durch das Interesse der Geldhändler, der Overstone und Konsorten. Die Grundlage aber ist gegeben mit der Grundlage der Produktionsweise selbst. Eine Entwer- thung des Kreditgeldes (gar nicht zu sprechen von einer übrigens nur imaginären Entgeldung desselben) würde alle bestehenden Verhältnisse erschüttern. 

Der Werth der Waaren wird daher geopfert, um das phantastische und selbständige Dasein dieses Werths im Geld zu sichern. Als Geldwerth ist er überhaupt nur gesichert, so lange das Geld gesichert ist. Für ein paar Millionen Geld müssen daher viele Millionen Waaren zum Opfer gebracht werden. Dies ist unvermeidlich in der kapitalistischen Produktion und bildet eine ihrer Schönheiten. In frühern Produktionsweisen kommt dies nicht vor, weil bei der engen Basis, auf der sie sich bewegen, weder der Kredit noch das Kreditgeld zur Entwicklung kommt. 

Solange der gesellschaftliche Charakter der Arbeit als das Gelddasein der Waare, und daher als ein Ding außer der wirklichen Produktion erscheint, sind Geldkrisen, unabhängig oder als Verschärfung wirklicher Krisen, unvermeidlich. 
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Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 511f. [MEW 25, S. 532f.]



Nota. - In der kapitalistischen Welt gibt es den Reichtum doppelt. Einmal real, in Gestalt der zum Gebrauch tauglichen Waren, das andre Mal phantasmagorisch als Geld, das lediglich zum Tauschen zu gebrauchen ist - aber das Tauschen ist unverzichtbar. Diesen Gebrauchswert, Tauschwert zu haben, hat es unter allen Umständen, aber nicht immer im gleichen Maß. Die Ware verliert ihren Gebrauchswert jedoch, sofern ihr Tauschwert nicht realisiert wird. Daher ist seine phantasmagorische Form für den Reichtum der sicherere Hafen.

Nun kann es seinen Wert ebenfalls verlieren, zum Teil mindestens, nämlich gegenüber seinem festen Standard, dem Gold, das selber eine Ware ist. Also nicht das Geld verlöre seinen Wert, sondern die eine Währung gegen das Gold, und mithin gegen allen andern Währungen. So jedenfalls zu der Zeit, als Marx schrieb. Nach dem 2. Weltkrieg trat der Dollar an seine Stelle, weil alle Welt darauf vertraute, dass die amerikanische Zentralbank jederzeit jede Menge jeder Währung in Gold einlösen werde. Was gottlob nie wirklich auf die Probe gestellt wurde, aber es reichte aus, dass alle dieses Vertrauen teilten: Das war so gut, als ob.

Das ist nun seit Präsident Nixon auch nicht mehr so. Solange aber der Dollar wirklich die Leitwährung war, auf die sich alle andern bezogen, änderte sich nichts. Doch nach und nach drangen andere Leitwährungen rivalisierend nach vorn. Inzwischen ist es das Kräfteverhältnis zwischen ihnen, das leisten muss, was einst das Gold leistete; was es nur kann, wenn alle auf seine Stabilität vertrauen, aber das tun nicht alle, mal mit, mal ohne Grund. Doch das schwindende Vertrauen ist der Verlust der Stabilität. 

Darum sind Geldkrisen, beginnend als Währungskrisen, nicht nur, wie Marx sagte, unvermeidlich, sondern geradezu die Regel (weshalb nun das Gold auch wieder im Hintergrund eine Rolle spielt). Sie sind sogar wichtiger für das Wirtschaftsgeschehen, als es früher die Handels- bzw. Überproduktionskrisen waren. Tatsächlich werden mit Währungsspekulationen heute größere Gewinne und Verluste gemacht, als mit Warengeschäften. Der phantasmagorische Reichtum ist wirklicher als der wirkliche.
JE, 5. 1. 17




Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Samstag, 16. Juni 2018

Die Naturbasis der Mehrarbeit.



Die naturwüchsige Basis der Mehrarbeit überhaupt, d. h. eine Naturbedingung, ohne welche sie nicht möglich ist, ist die, daß die Natur, – sei es in Produkten des Landes, pflanzlichen oder thierischen, sei es in Fischereien etc. – die nöthigen Unterhaltsmittel gewährt bei Anwendung einer Arbeitszeit, die nicht den ganzen Arbeitstag verschlingt. Diese naturwüchsige Produktivität der agrikolen Arbeit (worin hier einfach sammelnde, jagende, fischende, Vieh züchtende eingeschlossen) ist die Basis aller Mehrarbeit; wie alle Arbeit zunächst und ursprüng-lich auf Aneignung und Produktion der Nahrung gerichtet ist. (Das Thier gibt ja zugleich Fell zum Wärmen in kälterm Klima; außerdem Höhlenwohnungen etc.) ...

Diese Bedingungen sind: Die unmittelbaren Producenten müssen über die Zeit hinaus arbeiten, die zur Repro-duktion ihrer eignen Arbeitskraft, ihrer selbst erheischt ist. Sie müssen Mehrarbeit überhaupt verrichten. Dies ist die subjektive Bedingung. Aber die objektive ist, daß sie auch Mehrarbeit verrichten können; daß die Natur-bedingungen derart sind, daß ein Theil ihrer disponiblen Arbeitszeit zu ihrer Reproduktion und Selbsterhaltung als Producenten hinreicht, daß die Produktion ihrer nothwendigen Lebensmittel nicht ihre ganze Arbeitskraft konsumirt. Die Fruchtbarkeit der Natur bildet hier eine Grenze, einen Ausgangspunkt, eine Basis. 
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Das Kapital III, MEGA II.15; S. 620, 622 [MEW 25, S. 645, 647f.]


Nota.  Dies klingt wie eine Binsenweisheit, aber gerade darum muss man sie gelegentlich aussprechen: Nur wenn die Arbeit mehr erbringt als was unmittelbar zum Leben notwendig ist, kann eine Akkumulation und eine Entwicklung stattfinden. Ob dies aber der Fall ist, hängt zunächst von der Natur ab und nicht von der Arbeit. Es liegt vor jeglicher Formbestimmung.
JE, 4. 1. 16

Freitag, 15. Juni 2018

Friedrich Engels war nicht schuld.

 

Den Hintergrund für den stalinistischen "naturalistischen" Wertbegriff* bildet der Mythos von der "Politischen Ökonomie" als einer ubiquitären, 'nomothetischen' Universalwissenschaft mit einem bestimmten, identischen, 'an sich selber' zeitlosen (d. h. nur in der 'Erscheinung' sich entwickelnden) Gegenstand. Und als Beleg dafür kommt in ihren Lehrbüchern sicher wie das Amen in der Kirche stets dieselbe eine und einzige "Stelle" bei... Engels im Anti-Dühring:  "Die politische Ökonomie, im weitesten Sinne, ist die Wissenschaft von den Gesetzen, welche die Produktion und den Austausch des materiellen Lebensunterhalts in der menschlichen Gesellschaft beherrschen." Herrn Eugen Dührings Umwälzung..., MEW 20, S. 136.

Das wird mit viel Krakeel von den Autoren der Lehrbücher als regelrechter wissenschaftlicher Begriff ausposaunt: "In seiner Definition der politischen Ökonomie als Wissenschaft im weiteren Sinn..." Lehrbuch der Politischen Öko- nomie I, Moskaus 1970, S. 38: "Die politische Ükonomie, mit der wir uns heute befassen, ist, um mit Friedrich Engels' Worten zu reden, die politische Ökonomie im weiteren Sinne des Wortes..." (S. 39)

Bei Engels folgt allerdings stehenden Fußes: "Die Bedingungen, unter denen die Menschen produzieren und austauschen, wechseln von Land zu Land, und in jedem Land von Generation zu Generation. Die politische Ökonomie kann also nicht dieselbe sein für alle Länder und für alle geschichtlichen Epochen." a.a.O., S. 136

Das Lehrbuch beeilt sich zu krähen: "Friedrich Engels bezeichnete diese Wissenschaft als politische Ökonomie im engeren Sinne..." a.a.O., S. 38

Engels weiter: "Die politische Ökonomie ist also wesentlich eine historische Wissenschaft. Sie behandelt einen geschichtlichen, d. h. ein stets wechselnden Stoff. Sie untersucht zunächst die einzelnen Gesetze jeder einzelnen Entwicklungsstufe der Produktion und des Austausches und wird erst am Schluss dieser Untersuchung die wenigen für Produktion und Austausch überhaupt geltenden, ganz allgemeinen Gesetze aufstellen." a.a.O., S. 137 

Aber prompt setzt das Lehrbuch nach unde verbessert noch seinen Kronzeugen Engels: "Die politische Öko- nomie im weiteren Sinne des Wortes ist nicht die Summe der politischen Ökonomien im engeren Sinne. Sie ist eine einheitliche Wissenschaft mit einem einheitliche Gegenstand und einheitlicher Methode." a.a.O. S. 39. (Na- türlich erfahren wir nicht, welcher "Gegenstand" und welche "Methode"; etwa die "wenigen... überhaupt gelten- den, ganz allgemeinen Gesetze"?!)

Engels: "Die Feuerländer bringen es nicht zu Massenproduktion und zum Welthandel, ebensowenig wie zur Wechselreiterei oder einem Börsenkrach. Wer die politische Ökonomie Feuerlands unter dieselben Gesetze bringen wollte mit der des heutigen Englands, würde damit augenscheinlich nichts zutage fördern als den allerbanalsten Gemeinplatz." a.a.O., S. 136f.

Also die "einheitliche Methode" am "einheitlichen Gegenstand" ist... "der allerbanalste Gemeinsplatz"?! -  I wo: "Das musst du dialektisch sehn!"

Aber was Engels mit seiner unglücklichen Gelegenheitsformulierung von der "politischen Ökonomie im weite- sten Sinne" sagen wollte, macht er ein paar Sätze weiter unten ganz deutlich: "Die politische Ökonomie als die Wissenschaft von den Bedingungen und Formen, unter denen die verschiednen menschlichen Gesellschaften produziert und ausgetauscht [!], und unter denen sich demgemäß jedesmal die Produkte ausgetauscht [!] haben - die politische Ökonomie in dieser Ausdehnung soll jedoch erst geschaffen werden. Was wir von ökonomi- scher Wissenschaft bis jetzt besitzen, beschränkt sich fast ausschließlich auf die Genesis und Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise: sie beginnt mit der Kritik der Reste der feudalen Produktions- und Aus- tauschformen..., entwickelt dann die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer entsprechenden Austauschformen nach der positiven Seite hin, d. h. nach der Seite, wonach sie die allgemeinen Gesellschafts- zwecke fördern [A. Smith], und schließt ab mit der sozialistischen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, d. h. mit der Darstellung ihrer Gesetze nach der negativen Seite hin [Sismondi vs. Ricardo], mit dem Nachweis, dass diese Produktionsweise durch ihre eigne Entwicklung dem Punkt zutreibt, wo sie sich selbst unmöglich macht. Diese Kritik [K. Marx] weist nach..." a.a.O., S. 138f.

"Um diese Kritik der bürgerlichen Ökonomie vollständig durchzuführen, genügte nicht die Bekanntschaft mit der kapitalistischen Produktion, dem Austausch und der Verteilung. Die ihr vorangegangenen oder noch neben ihr, in weniger entwickelten Ländern bestehenden Formen mussten ebenfalls, wenigstens in den Hauptzügen, untersucht und zur Vergleichung gezogen werden. Eine solche Untersuchung und Vergleichung ist bis jetzt im ganzen und großen nur von Marx angestellt worden." a.a.O., S. 139

Was man also schonmal festhalten kann: Engels jedenfalls war der Meinung, daß Marx eine solche "politische Ökonomie im weitesten Sinne" nicht "geschaffen" habe; sondern vielmehr die Kritik der bürgerlichen Ökonomie als deren Abschluss - und insoweit hat er 'Das Kapital' völlig richtig verstanden; denn er fügt ja ausdrücklich hinzu, dass K. M. da, wo er auf vorkapitalistische Formen eingeht, diese nicht als solche (oder "immanent") darstelle, son- dern lediglich zwecks Vergleichung mit der bürgerlichen 'Form': nämlich um jene "deutlich" darstzustellen.

Was hingegen Engels als "politische Ökonomie im weitesten Sinne" vorschwebt, ist offenbar eine 'allgemeine Wirtschaftsgeschichte vom meterialistischen Standpunkt aus' - von der Marx in den Grundrissen beiläufig be- merkt, dass 'wir' sie 'auch nocht' bewerkstelligen werden, dass sie aber an sich für seinen Zweck überflüssig sei (MEW 42, wo?). - Man fragt sich freilich, welches Erkenntnisinteresse eine solche Arbeit haben würde; eine bloße historische Faktensammlung, eine Art verbesserter Gülich? Abgesehen davon, dass man nicht erkennt, wozu eine solche Fleißarbeit gut sein soll, ist es nicht gerechtfertigt, eine bloße historische Faktensammlung eine "Wissenschaft" zu nennen: eben darum, weil sie nicht imstande ist, ihren Gegenstand zu identifizieren. Eine Wissenschaft ist stets entweder pragmatisch - und läuft dann doch wieder 'nur' auf kommunistische Kritik der historischen Resultate hinaus; oder sie ist "theoretisch" - und kommt dann über die von Engels treffend so genannten "allerbanalsten Gemeinplätze" nicht hinaus - die zudem gar nicht 'faktischer', sondern methodo- logischer Natur sind, wie die völlig zu Recht "unterdrückte" Einleitung von 1857 beweist...

In jedem Fall war es aber eine terminologische Schluderei, die sich gerade noch aus dem Eifer der Polemik entschuldigen lässt, eine solche historische Wissenschaft vom 'Wirtschaften' als "politische" Ökonomie zu bezeichnen. Das hätte dem altphilologisch nicht ganz ungebildeten Freddy ins Auge springen müssen, dass jedem Athener Bürgr jene terminologische Verbindung von πολις und οιϰος als Gipfel der Paradoxie hätte erscheinen müssen! Sowas ähnliches wie "das Öffentlich-Private"! Es ist ihm in der Hitze des Gefechts auch gar nich aufgefallen, dass er ausdrücklich auf allen historischen Stufen "Austausch" als Bedingung der Verteilung voraussetzt!

Denn das bedeutet ja, dass er überall und allezeit sowohl gesellschaftliche Produktion als auch Privateigentum unterstellt! Nun hat er es aber in der wirklich stattgehabten Geschichte entweder mit dem einen oder mit dem andern zu tun - und die singuläre Eigenart der kapitalistischen Gesellschaft ist doch gerade, dass allein hier beides zusammen- kommt, indem auf dem Boden des privaten Eigentums die Produktion - technisch und ökonomisch - einen gesellschaftlichen Charakter angenommen hat.

Denn wo gemeinschaftlich organisierte Prodution stattfindet, werden die Produkte eben nicht getauscht - im "self-sustaining" indischen Dorf. Es ist auch nicht wahr, dass hier unmittelbar "die Arbeiten getauscht" würden: das ist eine idealistische Augenwischerei; hier werden "die Arbeiten" verteilt, und ebenso werden die Produkte verteilt.

Wo indessen nicht gemeinschaftlich, sondern privat-isoliert produziert und hernach ausgetauscht wird - näm- lich der Überschuss, das, was man entbehren kann, und eben nicht das "Nötige" -, da ist es Unfug, von politischer Ökonomie zu reden. Politisch, nämlich "das Gemeinwesen betreffend", ist die οιϰονομια, wo der Reichtum der einzelnen eo ipso Reichtum des Gemeinwesens darstellt, der Reichtum der Privaten zugleich allgemeiner Reich- tum ist; und das kann nur sein, wo es zu Reichtum im Allgemeinen, "Reichtum überhaupt", "Reichtum schlechthin" gekommen ist. Und das ist eben das Geld. Das Geld ist "das reale Gemeinwesen" - in der bürgerlichen Gesell- schaft.

Wo es in den vorbürgerlichen Gesellschaften auftritt, da als "reales (bürgerliches) Gemeinwesen in processu" - was empirisch immer zugleich die Zerstörung des vorhandenen Gemeinwesens bedeutet, sofern es eben noch nicht auf dem Austausch beruht.

Also Gegenstand einer solchen historischen "Politischen Ökonomie" kann nur die wirkliche Geschichte sein, wie sich das Geld in den gewesenen Gesellschaftsformationen an Stelle der traditionellen - gentilizischen, feudalen, "asiatischen" - politischen Gemeinschaften zum "realen Gemeinwesen" der... bürgerlichen Gesellschaft konstituiert hat. Also Gegenstand einer historischen Politischen Ökonomie könnte nur sein: die Bildung des Kapitalverhältnisses auf dem Boden der traditionellen Gesellschaften, aus den vorkapitalistischen Verhältnissen heraus. 

Aber genau das gehörte zur Arbeit der Kritik der Politischen Ökonomie, und ganau diese Arbeit hat Marx auch besorgt; cf. "Formen"-Kapitel. Nur so nämlich konnte er ja auf die Bruch-Stelle in der Entwicklungsgeschichte "des Kapitals" stoßen: den Punkt, wo eben nicht "das Geld" als automatisches Subjekt 'zu Kapital wird'; son- dern durch den (Gewalt)-Akt  der Trennung des Arbeitsvermögens von den Arbeitsmitteln zu Kapital gemacht worden ist - die "sogenannte ursprüngliche Akkumulation".

*

Und nach allem kann es uns nun auch nicht mehr wundern, dass in besagtem Lehrbuch der politischen Ökonomie die "sogenannte ursprüngliche Akkumulation" gar nicht vorkommt...

*) Den Begriff hat Preobraschenki gegen Bucharin geprägt.

13. 12. 89


Donnerstag, 14. Juni 2018

Progressivität der Feudalunordnung.

aus Les Très Riches Heures du duc de Berry

Die dritte Form ist das feudale oder ständische Eigentum. Wenn das Altertum von der Stadt und ihrem kleinen Gebiet ausging, so ging das Mittelalter vom Lande aus. Die vorgefundene dünne, über eine große Bodenfläche zersplitterte Bevölkerung, die durch die Eroberer keinen großen Zuwachs erhielt, bedingte diesen veränderten Ausgangspunkt. Im Gegensatz zu Griechenland und Rom beginnt die feudale Entwicklung daher auf einem viel ausgedehnteren, durch die römischen Eroberungen und die anfangs damit verknüpfte Ausbreitung der Agrikultur vorbereiteten Terrain. 

Die letzten Jahrhunderte des verfallenden römischen Reichs und die Eroberung durch die Barbaren selbst zerstörten eine Masse von Produktivkräften; der Ackerbau war gesunken, die Industrie aus Mangel an Absatz verfallen, der Handel eingeschlafen oder gewaltsam unterbrochen, die ländliche und städtische Bevölkerung hatte abgenommen. Diese vorgefundenen Verhältnisse und die dadurch bedingte Weise der Organisation der Eroberung entwickelten unter dem Einflusse der germanischen Heerverfassung das feudale Eigentum. 

Es beruht, wie das Stamm- und Gemeindeeigentum, wieder auf einem Gemeinwesen, dem aber nicht wie dem antiken die Sklaven, sondern die leibeignen kleinen Bauern als unmittelbar produzierende Klasse gegenüberste-hen. Zugleich mit der vollständigen Ausbildung des Feudalismus tritt noch der Gegensatz gegen die Städte hinzu. Die hierarchische Gliederung des Grundbesitzes und die damit zusammenhängenden bewaffneten Gefolgschaften gaben dem Adel die Macht über die Leibeignen. 

Diese feudale Gliederung war ebensogut wie das antike Gemeindeeigentum eine Assoziation gegenüber der beherrschten produzierenden Klasse; nur war die Form der Assoziation und das Verhältnis zu den unmittelba-ren Produzenten verschieden, weil verschiedene Produktionsbedingungen vorlagen. Dieser feudalen Gliede-rung des Grundbesitzes entsprach in den Städten das korporative Eigentum, die feudale Organisation des Handwerks. Das Eigentum bestand hier hauptsächlich in der Arbeit jedes Einzelnen. 

Die Notwendigkeit der Assoziation gegen den assoziierten Raubadel, das Bedürfnis / gemeinsamer Markt- hallen in einer Zeit, wo der Industrielle zugleich Kaufmann war, die wachsende Konkurrenz der den aufblü- henden Städten zuströmenden entlaufnen Leibeignen, die feudale Gliederung des ganzen Landes führten die Zünfte herbei; die allmählich ersparten kleinen Kapitalien einzelner Handwerker und ihre stabile Zahl bei der wach-senden Bevölkerung entwickelten das Gesellen- und Lehrlingsverhältnis, das in den Städten eine ähnliche Hierarchie zustande brachte wie die auf dem Lande. Das Haupteigentum bestand während der Feudalepoche also in Grundeigentum mit daran geketteter Leibeignenarbeit einerseits und eigner Arbeit mit kleinem, die Arbeit von Gesellen beherrschendem Kapital andrerseits. 

Die Gliederung von Beiden war durch die bornierten Produktionsverhältnisse – die geringe und rohe Boden-kultur und die handwerksmäßige Industrie – bedingt. Teilung der Arbeit fand in der Blüte des Feudalismus wenig statt. Jedes Land hatte den Gegensatz von Stadt und Land in sich; die Ständegliederung war allerdings sehr scharf ausgeprägt, aber außer der Scheidung von Fürsten, Adel, Geistlichkeit und Bauern auf dem Lande und Meistern, Gesellen, Lehrlingen und bald auch Taglöhnerpöbel in den Städten fand keine bedeutende Teilung statt. Im Ackerbau war sie durch die parzellierte Bebauung erschwert, neben der die Hausindustrie der Bauern selbst aufkam, in der Industrie war die Arbeit in den einzelnen Handwerken selbst gar nicht, unter ihnen sehr wenig geteilt. 

Die Teilung von Industrie und Handel wurde in älteren Städten vorgefunden, entwickelte sich in den neueren erst später, als die Städte unter sich in Beziehung traten. Die Zusammenfassung größerer Länder zu feudalen Königreichen war für den Grundadel wie für die Städte ein Bedürfnis. Die Organisation der herrschenden Klasse, des Adels, hatte daher überall einen Monarchen an der Spitze.
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Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 34f.



Nota. - Das ist anderthalb Jahrhunderte alt und doch noch nicht überholt: in der Geschichtsschreibung eine uneingeholte Leistung. Denn was fehlt, die Einsicht in der progressiven Charakter der feudalen Produktions-weise, lässt sich überhaupt nur im Lichte ebendieser Darstellung erkennen. Anders als die Sklavenarbeit auf den römischen Latifundien hat die bedingte Form des feudalen Eigentums den Grundherrn ebenso wie den Acker- bauern gemeinsam an der wirtschaftlichen Leistung interessiert. Ohne dies wäre die durchgängige Kultivierung des Bodens nördlich und östlich der Alpen in verhältnismäßig kurzer Zeit nicht möglich gewesen. 

Und, so muss man hinzufügen, ohne die kongenitale Rivalität der weltlichen und der geistlichen Mächte hätten die Städte, und das heißt: das Bürgertum nicht den Spielraum gefunden, sich als Dritte Macht zwischen sie und schließlich an ihre Stelle zu schieben.

Zwar ist es eine unausgesprochene Prämisse der Marx-Engels'schen Darstellung, doch verdient es, ausdrücklich gesagt zu werden: Unter anderen Voraussetzungen als der Feudalität wäre die Ausbildung der bürgerlichen Gesell- schaft nicht möglich gewesen. Wäre? Ist!  Die einzige Stelle in der Welt, wo eine vergleichbare bürgerliche Ent- wicklung zustande gekommen ist, ist Japan mit seiner nicht 'asiatischen', sondern viel eher feudalen Produkti- onsweise.
JE 21. 4. 18

Mittwoch, 13. Juni 2018

Der Grund des Wissens und die Kritik.

nf-community   

Wissen ist schlechterdings positiv. [Eine reale Wissenschaft ist ein 'organisches' System einzelner 'Gewusster', sie wechselseitig auf einander verweisen...] Das Wissen selbst ist theoretisch-dogmatisch.

Was Wissen vom Wissen ist Kritik: Meta-Theorie, Theorie von der Theorie; Darstellung der Form des Wissens unter Ausklammerung ("Einklammerung", epochê) des Was des Gewussten: "bloße" Form; theoretisch-kritisch.

('Kritisch': urteilend über den Geltungsgrund des theoretischen Wissens, das derart nicht mehr dogmatisch, nicht mehr positum ist, sondern beurteilt; problematisch, nämlich als bedingt gesetzt.)

Als Meta-Kritik wird das Wissen praktisch: nicht mehr über den 'Grund' urteilend, sondern behauptend, selber den Grund setzend: positiv.

Die Metakritik ist der nachträglich gesetzte Grund, das apsteriorische Apriori des positiven Wissens; sie ist die Refle- xion, ="ideale Tätigkeit", auf das Wissen selbst (="reale" Tätigkeit).

Kritik ist Axiologie, insofern sie die Gründe der wissenschaftlichen Geltung zur Darstellung bringt. In- sofern ist 'Kritik' eine theoretische Wertlehre; theoretisch, sofern sie die Geltung der Werte zunächst als ein Gegebenes, als Fakt behandelt: dass der Wert gilt, gehört zum 'Sein'; in diesem Fall zum histori- schen Sein dieser Wissenschaft. [=der Politischen Ökonomie]

Die praktische Wertlehre, die Werte setzt - oder auch verwirft - ist axiomatisch.

10. 1. 88 


Auf den ersten Blick erscheint das wie rein abstraktes Wortgeklingel. Aber das wäre es nur, wenn es am Schluss oder am Anfang stünde. Aber genau in der Mitte lässt es sich nicht umgehen. Nach der Sichtung des Materials kommt die Sichtung der Instrumente. Nach der Anschauung die Begriffe, ohne die die Anschauung blind blie- be. 

Hat Obiges eine sachliche Aussage? Hat es: Ohne Absicht gibt es gar keine Anschauung. In der Anschauung des Materials gewinnt die Absicht Bestimmtheit und wird zum Begriff; zum Begriff von einem Zweck zuerst, und an dem scheinen die Bestimmungen der Dinge auf. Der Inbegriff der Zwecke, der erste, letzte Zweck, ist der Wert, axios. Kritisch ist die Wissenschaft, weil sie prüft, ob der zum Abschluss avisierte Zweck (noch) der- selbe ist wie der am Anfang postulierte. Insofern nehme ich den Ausdruck Axiologie nicht zurück.



Dienstag, 12. Juni 2018

Wie das Kapital zur Welt gekommen ist.

The Swamp Thing emerging

I. Das Geheimnis der ursprüngliche Akkumulation

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, durch Kapital Mehrwert und aus Mehrtwert mehr Kapital gemacht wird. Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Pro- duktion, diese aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen von Warenproduzenten voraus. 


Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn, aus dem wir nur hin- auskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausgehende "ursprüngliche" Akkumulation ("previous accumulation" bei Adam Smith) unterstellen, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapi- talistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt. ... /


Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungs- bedingungen der Arbeit voraus. Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eignen Füßen steht, erhält sie nicht nur diese Scheidung, sondern reproduziert sie auf stets wachsenden Stufenleiter. 

Der Prozess, der das Kapitalverhältnis schafft, kann also nichts andres sein, als der Scheidungsprozess des Ar- beiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen, ein Prozess, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsbedingungen in Kapital verwandelt, andrerseit die unmittelbaren Produzenten in Lohnarbeiter. Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel. Er erscheint als "ursprüngleich", weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm ent- sprechenden Produktionsweise bildet.
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Das Kapital III, MEW 25, S. 741f.