Dienstag, 28. Juli 2015

Echter durchgeführter Kritizismus.


agossweiler

Der Fels, auf dem die Politische Ökonomie ihre Kirche gebaut hatte, war der Wertbegriff. Die Kritik der Politi- schen Ökonomie musste daher früher oder später an den Wertbegriff gelangen. Sie tat es früher. Das erste Do- kument der Kritik der Politischen Ökonomie war Engels' Aufsatz in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern,* wo der Wertbegriff naiv und unbefangen bestritten wurde: Wenn es so wäre, wie die Politischen Ökonomen behaup- ten, dass sich nämlich die Waren gleichmäßig nach der Menge der in ihnen enthaltenen Arbeiten austauschten, dann gäbe es nicht nur keine Ausbeutung der Arbeiter durch das Kapital; sondern dann könnte das Kapital auch keinen Profit machen. Es gibt aber einen Profit, und er macht das Kapital überhaupt erst aus, folglich…

Marx nahm – später – einen zweiten Anlauf: 'Wert' ist keine Eigenschaft, die in den Dingen steckt, sondern ein Verhältnis zwischen Waren. 

In den Verhältnissen der Dinge zu einander verbergen sich Verhältnisse zwischen Menschen. Die Verhältnisse zwischen Menschen sind keine Zustände, sondern Tätigkeiten: Menschen verhalten sich - in dieser Hinsicht so, in jener Hinsicht anders. (Dinge tun garnichts.)

Nicht Waren tauschen sich aus, sondern Produzenten tauschen ihre Produkte. Wenn dies regelmäßig geschieht, werden die Produkte zu Waren und es bildet sich ein gemeinsames Maß heraus, nach dem sie ihre Produkte ge- geneinander tauschen. Dieses Maß nennen wir Wert.


Bei der weiteren Verfolgung dieses Gedankens fand sich, dass dieses Verhältnis nur dann eintrat, wenn und sofern die Menschen sich als Produzenten gegenübertraten. Die einzige Ware aber, die der Lohnarbeiter dem Kapital anbieten kann, ist nicht ein Produkt,** denn dafür fehlen ihm die (Produktions-)Mittel; sondern er selbst - nämlich seine Arbeitskraft. Die ist gerade soviel wert, wie ihn deren tägliche Reproduktion kostet; also der Arbeitslohn. Sie selber, die Arbeitskraft nämlich, kann viel mehr Wert produzieren, als ihre eigene (Re)Pro- duktion gekostet hat: Daher der Mehrwert des Kapitalisten.

*

Dieser Gedankengang wurde erst möglich, nachdem die Kategorie des Werts aufgelöst war aus einem Verhältnis zwischen sachlichen Eigenschaften der Dinge in das aktive Verhalten von Subjekten. Nicht möglich war diese Einsicht, solange Wert, Gebrauchswert und Tauschwert verstanden wurden als die Selbstzerlegung und das gegenseitige Umschlagen von Begriffen; nicht möglich, solange sich Marx in den Grundrissen an der Hegel'schen Methode versuchte.*** 

Möglich war die Kritik der Politischen Ökonomie erst nach der Wiederherstellung der Methode des echten durchgeführten Kritizismus: jedes Denkgebilde, das uns irgend als Ding imponieren will, zurückführen auf die absichtsvollen Handlungen von Subjekten. Die Auffassung der Geschichte als einer Selbstbewegung des Be- griffs tat das Gegenteil.

*) MEW 1, S. 499-524
**) MEW 42, S. 193
***) MEW 42, S. 193 Anmerkung.




Montag, 27. Juli 2015

Die Subjekte und ihre Verhältnisse.


benjamimteitgen

Zur Zirkulation gehört wesentlich, dass der Austausch als ein Prozess, als ein flüssiges Ganzes[s] von Käufern und Verkäufern erscheint. Ihre erste Voraussetzung ist die Zirkulation der Waren selbst, die von vielen Seiten beständig ausgehende Zirkulation derselben. Die Bedingung der Warenzirkulation ist, dass sie als Tauschwerte produziert werden, nicht als unmittelbare Gebrauchswerte, sondern als durch den Tauschwert vermittelte. Die Aneignung durch und vermittelst der Ent- und Veräußerung ist Grundvoraussetzung. 

In der Zirku-/lation als der Realisierung der Tauschwerte ist enthalten: 1. dass mein Produkt nur Produkt ist, sofern es für andre geworden ist, aufgehobenes Einzelnes, [=] Allgemeines; 2. dass es nur für mich Produkt ist, soweit es entäußert wird, für andre geworden ist; 3. dass es nur für den andern ist, soweit er selbst sein Produkt entäußert; worin schon 4. liegt, dass die Produktion nicht als Selbstzweck für mich erscheint, sondern als Mittel. Die Zirkulation ist die Bewegung, worin die allgemeine Entäußerung als allgemeine Aneignung und die allgemeine Aneignung als allgemeinen Entäußerung erscheint. 

Sosehr nun das Ganze dieser Bewegung als gesellschaftlicher Prozess erscheint und sosehr die einzelnen Momente dieser Bewegung vom bewussten Willen und besondern Zwecken der einzelnen Individuen ausgehn, sosehr erscheint die Totalität dieses Prozesses als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewussten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewusstsein liegt noch als Ganzes unter sie subsumiert wird. 

Ihr eignes Aufeinanderstoßen produziert ihnen eine über ihnen stehende fremde gesellschaftliche Macht; ihre Wechselwirkung als von ihnen unabhängigen Prozess und Gewalt. Die Zirkulation, weil eine Totalität des gesellschaftlichen Prozesses, ist auch die erste Form, worin nicht nur wie etwa in einem Geldstück oder wie im Tauschwert das gesellschaftliche Verhältnis als etwas von den Individuen Unabhängiges erscheint, sondern das Ganze der gesellschaftlichen Bewegung selbst. Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen aufeinander als verselbständigte Macht über den Individuen, werde sie nun vorgestellt als Naturmacht, Zufall oder in sonst beliebiger Form, ist notwendiges Resultat dessen, dass der Ausgangspunkt nicht das freie gesellschaftliche Individuum ist. Die Zirkulation als erste Totalität unter den gesellschaftlichen Kategorien [ist] gut, um dies zur Anschauung zu bringen.
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Grundrisse, MEW 42, S.126f.


Nota. - Die Kritik der politischen Ökonomie ist kritisch in dem spezifischen Sinn, dass sie unter dem objektiven Schein der (ökonomischen) Kategorien die wirkliche Tätigkeit der Subjekte kenntlich macht. Nicht: Das Verhältnis ist; sondern: Subjekte verhalten sich.
JE





Sonntag, 26. Juli 2015

Luxus und Naturnotwendigkeit.


J. D. de Heem

Dieses Wegziehen des naturwüchsigen Bodens unter dem Boden jeder Industrie und Verlegen ihrer Produkti- onsbedingungen außerhalb derselben in einen allgemeinen Zusammenhang - darum die Verwandlung dessen, was überflüssig erschien, in Notwendiges, geschichtlich erzeugte Notwendigkeit - ist die Tendenz des Kapitals. Die allgemeine Grundlage aller Industrie wird der allgemeine Austausch selbst, der Weltmarkt und daher das Ganze der Tätigkeiten, Bedürfnisse etc., woraus er besteht.

Luxus ist Gegensatz zum Naturnotwendigen. Bedürfnisse sind die des Individuums, reduziert selbst auf ein Natur- subjekt. Die Entwicklung der Industrie hebt diese Naturnotwendigkeit wie jenen Luxus aus - in der bürgerli- chen Gesellschaft allerdings nur gegensätzlich, indem sie selbst wieder nur bestimmten gesellschaftlichen Maß- stab als den notwendigen gegenüber dem Luxus setzt.

Diese Fragen über das System der Bedürfnisse und System der Arbeiten, an welcher Stelle ist es zu behandeln? Wird sich im Verlauf ergeben.
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Grundrisse, MEW 42, S. 434





Samstag, 25. Juli 2015

Der Reichtum besteht, stofflich betrachtet, nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse.



Wenn wir von der notwendigen Arbeitszeit sprechen, so erscheinen die besonders getrennten Arbeitszweige als notwendig. Diese wechselseitige Notwendigkeit ist auf der Grundlage des Tauschwerts durch den Austausch vermittelt und zeigt sich eben darin, dass jede besondre objektivierte Arbeit, jede besonders spezifizierte und materialisierte Arbeitszeit sich gegen das Produkt und Symbol der allgemeinen Arbeitszeit, der objektivierten Arbeitszeit schlechthin, gegen Geld austauscht und so sich gegen jede besondre Arbeit wieder austauschen kann.

Diese Notwendigkeit ist eine selbst wechselnde, indem die Bedürfnisse ebenso produziert werden wie die Produkte und die verschiednen Arbeitsgeschicklichkeiten. Innerhalb dieser Bedürfnisse und notwendigen Arbeiten findet ein Mehr oder Minder statt. Je mehr die selbst geschichtlich -  durch die Produktion selbst erzeugte Bedürfnissse, die gesellschaftlichen Bedürfnisse - Bedürfnisse, die selbst offsprings der social pro- duction und intercourse -  sind, als notwendig gesetzt sind, umso höher ist der wirkliche Reichtum entwickelt. Der Reichtum besteht, stofflich betrachtet, nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse.
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Grundrisse, MEW 42, S. 433



Freitag, 24. Juli 2015

Verkehr und das Bewusstsein.



Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ursprünglichen, geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, finden wir, daß der Mensch auch »Bewußtsein« hat. Aber auch dies nicht von vornherein, als »reines« Bewußtsein. Der »Geist« hat von vornherein den Fluch an sich, mit der Materie »behaftet« zu sein, die hier in der Form von bewegten Luftschichten, Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein – die Sprache ist das praktische, auch für andre Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Menschen. 

Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es für mich, das Tier verhält sich zu Nichts und überhaupt nicht. Für das Tier existiert sein Verhältnis zu andern nicht als Verhältnis. Das / Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.
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Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 29f.





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Generatio aequivoca.



So sehr ist diese Tätigkeit, dieses fortwährende sinnliche Arbeiten und Schaffen, diese Produktion die Grund- lage der ganzen sinnlichen Welt, wie sie jetzt existiert, daß, wenn sie auch nur für ein Jahr unterbrochen würde, Feuerbach eine ungeheure Veränderung nicht nur in der natürlichen Welt vorfinden, sondern auch die ganze Menschenwelt und sein eignes Anschauungsvermögen, ja seine Eigne Existenz sehr bald vermissen würde. 

Allerdings bleibt dabei die Priorität der äußeren Natur bestehen, und allerdings hat dies Alles keine Anwendung auf die ursprünglichen, durch generatio aequivoca erzeugten Menschen; aber diese Unterscheidung hat nur in- sofern Sinn, als man den Menschen als von der Natur unterschieden betrachtet. Übrigens ist diese der mensch- lichen Geschichte vorhergehende Natur ja nicht die Natur, in der Feuerbach lebt, nicht die Natur, die heutzu- tage, ausgenommen etwa auf einzelnen australischen Koralleninseln neueren Ursprungs, nirgends mehr exis- tiert, also auch für Feuerbach nicht existiert.
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Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 44


Nota. - Wenn man den Menschen als von der Natur unterschieden betrachtet, ist er das Lebewesen, das sich mit bewusstem Willen begabt hat: durch generatio aequivoca, so nannte man die (von der damaligen Naturwis- senschaft für möglich gehaltene) Spontanerzeugung von Leben aus unorganischer toter Materie. Sie muss der selbstgemachten Geschichte der Menschen vorausgesetzt werden, denn sie ist die Bedingung ihrer Möglichkeit. - Ja, das ist eine tendenziöse Interpretation, doch tendenziös ist jede Interpretation. Die Frage ist immer nur, wie gerechtfertigt die Tendenz ist. Ich denke, meine Interpretation wird bewährt durch das ganze spätere wis- senschaftliche Werk von Marx.
JE




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Mittwoch, 22. Juli 2015

Die erste geschichtliche Tat.


[28] Wir müssen bei den voraussetzungslosen Deutschen damit anfangen, daß wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also auch aller Geschichte konstatieren, nämlich die Voraussetzung, daß die Menschen imstande sein müssen zu leben, um »Geschichte machen« zu können. Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. 

Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produk- tion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Ge- schichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten. Selbst wenn die Sinnlichkeit, wie beim heiligen Bruno,* auf einen Stock, auf das Mi- nimum reduziert ist, setzt sie die Tätigkeit der Produktion dieses Stockes voraus.

Das Zweite ist, daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erwor- bene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt – und diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat.  
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Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 28

*) Bruno Bauer



Dienstag, 21. Juli 2015

Das Ich setzt sich, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt.




Ein Wesen, welches keinen Gegenstand außer sich hat, ist kein gegenständliches Wesen. Denn sobald es Gegenstände außer mir gibt, sobald ich nicht allein bin, bin ich ein anderes, eine andere Wirklichkeit als der Gegenstand außer mir. Die Leidenschaft, die Passion, ist die nach seinem Gegenstand energisch strebende Wesenskraft des Menschen.
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Karl Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ms.-Seite XXVIf.,
MEW-EB 1, S. 578


Nota. - Aber ja, das habe ich mir herausgepickt. Insgesamt sind die Pariser Manuskripte schwülstig und zeichnen sich nicht durch Gedankenschärfe aus. Marx ist da ganz im rhetorischen Fahrwasser von Feuerbach.
JE




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Montag, 20. Juli 2015

Entfremdete Arbeit.



Vorstellen ist das Schema des Handelns - Urbild, Grundform, Modell.

Wirkliche sinnliche praktische Tätigkeit kenne der Idealismus nicht, meinte Marx - wenn auch die tätige Seite des Menschen im Idealismus stärker entwickelt sei als bei den Materialisten, bei denen der Mensch nur als Leidender vorkommt. Unter Idealismus verstand er das dogmatische Hegel'sche System, die Wissenschaftslehre kannte er nicht.* Auf die Wissenschaftslehre trifft sein Verdikt nicht zu. 

Er will sagen, der Idealismus löse alle wirklich Arbeit letzten Endes in bloßes Denken auf. Das tut Fichte nicht, in der Wissenschaftslehre hebt das Bewusstsein im Gegenteil bei der Sinnlichkeit an: Zuerst ist Gefühl, und darunter versteht er keinen Gemütszustand, sondern ganz prosaisch und wie John Locke die Meldungen der Sinneszellen. 

Er will ja nicht die Welt aus dem Bewusstsein erklären, sondern umgekehrt das Bewusstsein aus der Welt. Unter Welt versteht er allerdings nicht einen Haufen toter Gegenstände, sondern den Raum menschlicher Tätigkeit, und die ist sinnlich, bevor** sie Vorstellung werden kann.

Wenn man indes alle kontingenten empirischen Bestimmungen abzieht, bleibt von der sinnlichen praktischen Tätigkeit allein das Vorstellen übrig.

So sah es auch Marx. "Eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschli- chen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war."***

Es ist das Vorstellen, das menschliche Arbeit von den Tätigkeiten der Tiere unterscheidet. Zur bloßen Verausgabung rein physischer Energie, zur Äußerung von Arbeitskraft, haben erst das Kapital und die Große Industrie die Arbeit entfremdet. Da muss man nicht lang mit dialektischem Hintersinn im 'Herr und Knecht'-Kapitel derPhänomenologie suchen; in der Wissenschaftslehre liegt alles klar zutage.


*) Das lässt sich nachweisen.

**) Dazwischen tritt die Reflexion = Scheidung der Einbildungskraft in einen realen und einen idealen Teil.
***) K. Marx, Das Kapital. Band 1, MEW 23, S. 193 


Sonntag, 19. Juli 2015

Das Bedürfnis ist thetisch.

 

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannig- faltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, MEW 42, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen.
  
2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideologie (Feuerbachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste geschichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Na- tur ist also die Rede: generatio aequivoca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben [Wollen], und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.**

*) MEW 3, S. 44

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.  


Nachtrag, Juni 2015

In den während der sechziger Jahre zu einiger Prominenz gelangten Pariser Manuskripten zeigte Marx sich unverholen als Feuerbachianer, in der Heiligen Familie stellten Marx und Engels ihren 'Materialismus' groß heraus; doch über Feuerbach hinaus gegangen sind sie erst in der Deutschen Ideologie, und zwar an ebendiesem Punkt: Bei Feuerbach heißt Bedürftigkeit leidend sein. Nur als Leidenden habe der bisherige Materialismus den Menschen auffassen können, die tätige Seite sei ausschließlich von den idealistischen Philosophen entwickelt worden. Die neu eingeführte Auffassung vom Bedürfnis als einem produktiven Vermögen war der erste originär 'marxistische' Gedanke.








"Vom Kopf auf die Füße".


In meinen jungen Jahren war es üblich, Marx durch Hegel zu erklären: Er habe jenen "vom Kopf auf die Füße gestellt". Nach Marxens eigener (unrichtigen)* Auffassung hätte Hegel aus zwei Teilen bestanden, dem Fichte'schen Subjekt und der spinozischen Substanz. Beim bloßen Vom-Kopf-auf-die-Füße würde sich daran nichts ändern, allenfalls würden die Seiten verkehrt. Die 'Substanz' gehörte aber ganz ausgeschieden, wenn Marx, wie er doch wollte, ein revolutionärer Denker war. Sie ist der Nistplatz aller Mystifikationen und aller Reaktion. Und, was wissenschaftlich erheblicher ist, sie verhindert jedes Verständnis der Kritik der Politischen Ökonomie!

Die Kritik der Politischen Ökonomie verfährt wie alle Kritische Philosophie. Sie überprüft die überkommenen Begriffe auf ihre Herkunft und Tragfähigkeit, und was sich nicht bewährt, wird verworfen: An den verselbstän- digten Kategorien wird gezeigt, dass und wie in ihnen absichtsvoll handelnde historische Subjekte verborgen sind. Dies ist die positive Ansicht der Kritik: Sie zeigt die Menschen tätig, wo die Apologetik zeitlose Form behauptet.

Als Weihrauch der ominösen Substanz dient die mystifizierte, weil schematisierte und automatisierte Dialektik. Sie ist das Perfideste an Hegels zusammengestohlenen Galimatias. Die analytisch-synthetische Methode ist bei Fichte das Werkzeug in der Hand des Kritikers, mit dem er die verdinglichten Begriffe auseinandernimmt und die ihnen zugrundeliegenden Vorstellungen freilegt. Bei Hegel ist sie "Selbstbewegung des Begriffs", die ohne tätiges Subjekt auskommt: Was als Subjekt erscheint, ist lediglich Agens der sich entfaltenden (und wieder zu- sammenfaltenden) Substanz. - Und in dieser Form konnte sie, als es soweit war, sich zum allbereiten Arkanum in Stalins "Dialektischem Materialismus" fügen.


*

Die Weltrevolution, um die es im Denken von Marx doch immer ging, hat nicht stattgefunden. Wenn sie ihre Zeit hatte, dann hat sie sie versäumt. Allerdings hat auch nicht die Kritik der Politischen Ökonomie sie postu- liert noch postulieren können. Die Emanzipation der Proleratiats durch die kommunistische Revolution war nicht das gedankliche Resultat der Kritik, sondern lag ihr als Motiv zu Grunde. Die Kritik der Politischen Ökonomie endet beim tendenziellen Fall der Profitrate, und der wird kommen, doch wann, ist theoretisch nicht abzusehen. Es kann auch sein, dass er niemals akut wird - und doch bestimmt seine Tendenz das krisenhafte Auf und Ab der Weltwirtschaft heute so unmittelbar wie nie. 

Das Kapital ist kein Nachschlagwerk, aus dem man lesen kann, was morgen auf uns zukommt. Es ist eine Kritik, die erst mit ihrem Gegenstand hinfällig wird.


*) Diese Beschreibung träfe auf den jüngeren Schellings zu. Sie stammt auch nicht von Marx selbst, sondern von Moses Hess, dessen Kenntnisse lückenhaft waren. Marx hat sie später nie wieder aufgegriffen.