Sonntag, 9. Dezember 2018

Smith über produktive Arbeit III.

 
Es ist indes klar, daß in demselben Maß, wie das Kapital sich die gesamte Produktion unterwirft - also alle Ware für den Handel und nicht für den / unmittelbaren Konsum produziert wird, und in diesem Maße entwickelt sich die Produktivität der Arbeit -, auch mehr und mehr ein stofflicher Unterschied zwischen den produktiven und unproduktiven Arbeitern eintreten wird, indem die erstren, geringe Ausnahmen abgerechnet, ausschließlich Waren produzieren werden, während die letztren, mit geringen Ausnahmen, nur persönliche Dienstleistungen verrichten. Die erste Klasse wird daher den unmittelbaren, materiellen, aus Waren bestehenden Reichtum produ- zieren, alle Waren, soweit sie nicht aus dem Arbeitsvermögen selbst bestehn. Dies ist einer der Gesichtspunkte, die den A. Smith bestimmen, außer der ersten und prinzipiell bestimmenden differentia specifica andre hinzu- zufügen. 

So, durch verschiedne Ideenassoziationen durch, heißt es: 

"Die Arbeit eines Dienstboten" (im Unterschied zu der des manufacturer) fügt keinen Wert hinzu... der Unterhalt eines Dienstboten wird nie zurückerstattet. Ein Mann wird reich durch die Beschäftigung einer Vielzahl von Manufakturarbeitern; er wird arm durch den Unterhalt einer Vielzahl von Dienstboten. Die Arbeit der letzteren hat jedoch ihren Wert und verdient ihren Lohn ebenso wie die der ersteren. Aber die Arbeit des Manufakturar- beiters fixiert und realisiert sich in einem besonderen Gegenstand oder einer verkäuflichen Ware, die wenigstens noch eine Zeitlang fortbesteht, nachdem die Arbeit beendet ist. Es wird gewissermaßen eine bestimmte Menge Arbeit gesammelt und ge- speichert, um später, wenn notwendig, verwendet zu werden. Dieser Gegenstand, oder was dasselbe ist, der Preis dieses Gegenstandes, kann später, wenn notwendig, die gleiche Menge Arbeit in Bewegung setzen, die ursprünglich zu seiner Produktion er- forderlich war. Die Arbeit des Dienstboten dagegen fixiert oder realisiert sich nicht in einem besonderen Gegenstand oder einer verkäuflichen Ware. Seine Dienste vergehen gewöhnlich im Augenblick ihrer Leistung und hinterlassen selten eine Spur oder einen Wert, für den später eine gleiche Menge von Dienstleistungen be- schafft werden könnte... Die Arbeit einiger der angesehensten Stände der Gesellschaft ist, ebenso wie die der Dienstboten, nicht wertbildend und fixiert oder realisiert sich nicht in einem dauerhaften Gegenstand oder einer verkäuflichen Ware." (1. c. p. 93, 94 passim.

Zur Bestimmung des unproduktiven Arbeiters haben wir hier folgende Bestimmungen, die zugleich die Glieder des innern Gedankengangs A. Smiths aussprechen: 

"Sie" (die labour des unproductive labourer) "unproduktiv, nicht wertbildend", "fügt keinen Wert hinzu", "der Unterhalt" (of the unproductive labourer) "wird nie zurückerstattet", "sie fixiert oder realisiert sich nicht in einem be- sonderen Gegenstand oder einer verkäuflichen Ware". Vielmehr: "Seine Dienste vergehen gewöhnlich im Augenblick ihrer Leistung und hinterlassen selten eine Spur oder einen Wert, für den / später eine gleiche Menge von Dienst- leistungen beschafft werden könnte." Schließlich: „Sie fixiert oder realisiert sich nicht in einem dauerhaften Gegen- stand oder einer verkäuflichen Ware." 

In dieser Auffassung ist das "productive of value" oder "unproductive of value" in einem andren Sinn genom- men als ursprünglich. Es bezieht sich nicht mehr auf Produktion eines Mehrwerts, welche an und für sich Re- produktion eines Äquivalents für den konsumierten Wert einschließt. Sondern die Arbeit eines Arbeiters heißt hiernach produktiv, soweit er an die Stelle des konsumierten Werts ein Äquivalent setzt, indem er durch seine Arbeit irgendeinem Material ein gleiches Quantum Wert hinzufügt, als in seinem Salair enthalten war. Hier fal- len wir aus der Formbestimmung, aus der Bestimmung der produktiven und unproduktiven Arbeiter durch ihr Verhältnis zur kapitalistischen Produktion heraus. Aus dem 9. Kapitel des 4ten Buchs (worin A .Smith die Leh- re der Physiokraten kritisiert) ersieht man, daß A. Smith zu dieser Aberration kam, teils im Gegensatz zu, teils aus Abhängigkeit von den Physiokraten. 

Wenn ein Arbeiter bloß jährlich ersetzt das Äquivalent seines Salairs, so ist er kein produktiver Arbeiter für den Kapitalisten. Er ersetzt ihm zwar das Salair, den Kaufpreis seiner Arbeit. Es ist aber ganz dieselbe Transaktion, als wenn dieser Kapitalist die Ware, die dieser Arbeiter produziert, gekauft hätte. Er zahlt die in ihrem capital constant und im Salair enthaltne Arbeit. Er besitzt dasselbe Quantum Arbeit in der Form der Ware, das er frü- her in der Form des Geldes besaß. Sein Geld wird dadurch nicht in Kapital verwandelt. In diesem Falle ist es dasselbe, als wenn der Arbeiter selbst der Besitzer seiner Produktionsbedingungen. Von dem Wert seines jähr- lichen Produkts muß er jährlich den Wert der Produktionsbedingungen abziehn, um sie zu ersetzen. Was er jährlich verzehrte oder verzehren könnte, wäre [gleich] dem Wertteil seines Produkts, gleich der jährlich seinem capital constant zugefügten neuen Arbeit. In diesem Falle fände also keine kapitalistische Produktion statt. 

Der erste Grund, warum A. Smith diese Art Arbeit "produktiv" nennt, ist, weil die Physiokraten sie "sterile" und "non productive" nennen. 

Smith sagt uns nämlich in dem angeführten Kapitel: 

"Erstens erkennen sie an, daß diese Klasse" (nämlich die industriellen Klassen, die keine Agrikultur treiben) "jährlich den Wert ihrer eigenen jährlichen Konsumtion reproduziert und mindestens die Existenz des Fonds oder Kapi- tals forterhält, der ihre Beschäftigung und ihren Lebensunterhalt garantiert... Pächter und Land-/arbeiter reproduzieren allerdings außer dem Kapital, das ihre Arbeit und ihren Lebens- unterhalt ermöglicht, noch jährlich ein Netto- produkt, eine überschüssige Rente für den Grundeigentümer... die Arbeit der Pächter und Landarbeiter ist sicher produktiver als die der Kaufleute, Handwerker und Manufakturarbeiter. Aber das höhere Produkt der einen Klasse macht die andere nicht steril und unproduktiv." (1. c., t. III, p. 530 [Garnier].) 

Hier fällt also A. Smith in die physiokratische Ansicht zurück. Die eigentlich "produktive Arbeit", die einen Mehrwert und darum "un produit net" produziert, ist die Agrikulturarbeit. Er gibt seine eigne Ansicht vom Mehrwert auf und akzeptiert die der Physiokraten. Zugleich macht er gegen sie geltend, daß die Manufaktur- (und bei ihm auch kommerzielle)-arbeit doch auch produktiv sei, wenn auch nicht in diesem eminenten Sinn des Worts. Er fällt also aus der Formbestimmung heraus, aus der Bestimmung dessen, was ein "produktiver Arbeiter" vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist; macht geltend gegen die Physiokraten, daß die non agricultural, industrial class ihr eignes Salair reproduziert, also doch einen Wert produziert gleich dem, den sie verzehrt, und dadurch "mindestens die Existenz des Fonds oder Kapitals forterhält, der ihre Beschäftigung garantiert". So entsteht, in der Abhängigkeit von und im Gegensatz zu den Physiokraten, seine zweite Bestim- mung von dem, was "produktive Arbeit" ist. 

"Zweitens", sagt A.Smith, „wäre es in diesem Zusammenhang ganz falsch, die Handwerker, Manufakturarbeiter und Kaufleute unter demselben Gesichtspunkt zu betrachten wie die einfachen Dienstboten. Die Arbeit eines Dienstboten erhält keineswegs den Fonds fort, der seine Beschäftigung und seinen Lebensunterhalt garantiert. Der Dienstbote wird in letzter Instanz auf Kosten seines Herrn beschäftigt und erhalten, und seine Arbeit ist nicht derart, daß sie diese Kosten ersetzen könnte. Seine Arbeit besteht in Diensten, die gewöhnlich im Augenblick ihrer Leistung vergehen und verschwinden und sich nicht in einer Ware fixieren und realisieren, so daß man sie verkaufen und dadurch den Wert ihres Unterhalts und ihres Lohns ersetzen könnte. Dagegen fixiert und realisiert sich die Arbeit der Handwerker, Kaufleute und Manufakturarbeiter naturgemäß in einer verkäuflichen und austauschbaren Sache. Aus diesem Grunde habe ich in dem Kapitel, das von pro- duktiver und unproduktiver Arbeit handelt, Handwerker, Manufakturarbeiter und Kaufleute unter die produktiven und die Dienstboten unter die sterilen und unproduktiven Arbeiter gerechnet." (l. c. p. 531.) 

Sobald das Kapital sich der ganzen Produktion bemächtigt hat, wird sich die Revenue, soweit sie sich überhaupt gegen Arbeit austauscht, nicht / Ackerbau treibende, industrielle Klasse direkt gegen Arbeit austauschen, die Waren produziert, sondern gegen bloße Dienstleistungen. Sie tauscht sich zum Teil gegen Waren aus, die als Ge- brauchswerte dienen sollen, zum Teil gegen Services, Dienstleistungen, die als solche als Gebrauchswerte konsu- miert werden. 

Ware - im Unterschied zum Arbeitsvermögen selbst - ist ein dem Menschen stofflich gegenüberstehendes Ding von gewisser Nützlichkeit für ihn, worin ein bestimmtes Quantum Arbeit fixiert, materialisiert ist. 

Wir kommen also zu der schon sub I der Sache nach enthaltnen Bestimmung: Produktiver Arbeiter ist der, des- sen Arbeit Waren produziert, und zwar verzehrt dieser Arbeiter nicht mehr Waren, als er produziert, als seine Ar- beit kostet. Seine Arbeit fixiert sich und realisiert sich "in einer verkäuflichen und austauschbaren Sache", "in einer Ware, so daß man sie verkaufen und dadurch den Wert ihres Unterhalts und ihres Lohns ersetzen könnte" (nämlich der Arbeiter, die diese Waren produzierten). Dadurch, daß er Waren produziert, reproduziert der produktive Arbeiter bestän- dig das variable Kapital, das er in der Form des Salairs beständig verzehrt. Er produziert beständig den Fonds, der ihn zahlt, "der seine Beschäftigung und seinen Lebensunterhalt garantiert". 

Erstens schließt A. Smith natürlich ein in den travail, qui se fixe et [se] realise in a venal and exchangeable com- modity, alle intellektuellen Arbeiten, die direkt in der materiellen Produktion konsumiert werden. Nicht nur der direkte Handarbeiter oder Maschinenarbeiter, sondern overlooker, ingenieur, manager, commis etc., kurz, die Arbeit des ganzen Personals, das in einer bestimmten Sphäre der materiellen Produktion erheischt ist, um eine bestimmte Ware zu produzieren, dessen concours von Arbeiten (Kooperation) notwendig zur Herstellung der Waren ist. In der Tat fügen sie dem capital constant ihre Gesamtarbeit hinzu und erhöhen den Wert des Pro- dukts um diesen Betrag. (Wieweit dies von Bankiers etc. gilt?)

Zweitens sagt A.Smith, daß dies im ganzen, "generally", nicht mit der Arbeit der unproduktiven Arbeiter der Fall ist. Wenn auch das Kapital sich der materiellen Produktion bemächtigt hat, also im großen und ganzen die häus- liche Industrie verschwunden ist oder die des kleinen Handwerkers, der unmittelbar im Hause des Konsumen- ten ihm die Gebrauchswerte schafft, so weiß A. Smith sehr wohl, daß eine Nähterin, die ich ins Haus kommen lasse, um Hemden zu nähen, oder die Arbeiter, die Möbel reparieren, oder der Dienstbote, der das Haus wäscht, reinigt etc., oder die / Köchin, die dem Fleisch etc. die genießbare Form gibt, ganz ebenso ihre Arbeit in einem Ding fixieren und in der Tat den Wert dieser Dinge erhöhen als die Nähterin, die in der Fabrik näht, der Maschi- nist, der die Maschine repariert, die Arbeiter, die die Maschine reinigen, die Köchin, die in einem Hotel kocht als Lohnarbeiterin eines Kapitalisten. 

Der Möglichkeit nach sind diese Gebrauchswerte auch Waren; die Hemden können ins Pfandhaus geschickt werden, das Haus wieder verkauft, die Möbel versteigert werden usw. Also der Möglichkeit nach haben diese Personen auch Waren produziert und den Gegenständen ihrer Arbeit Wert zugefügt. Dies ist aber eine sehr geringe Kategorie unter den unproduktiven Arbeitern und gilt weder von der Masse der menial servants [noch von] Pfaffen, Regierungsleuten, Soldaten, Musikanten usw. 

Aber wie groß oder klein die Anzahl dieser "unproduktiven Arbeiter" sei, so viel stellt sich jedenfalls heraus und ist admitted durch dies beschränkende "seine Dienste vergehen gewöhnlich im Augenblick ihrer Leistung etc.", daß es weder notwendig die Spezialität der Arbeit noch die Erscheinungsform ihres Produkts ist, die sie "produktiv" oder "unproduktiv" machen. Dieselbe Arbeit kann produktiv sein, wenn ich sie als Kapitalist, als Produzent kaufe, um sie zu verwerten, und unproduktiv, wenn ich sie als Konsument, Ausgeber von Revenue kaufe, um ihren Gebrauchswert zu verzehren, sei es, daß dieser Gebrauchswert mit der Tätigkeit des Arbeits- vermögens selbst verschwindet oder sich in einem Ding materialisiert, fixiert. 
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Theorien über den Mehrwert, MEW 26.1, Berlin (O) 1965, S. 130-135 



Nota. -  Sachlich ist es nichts anderes, als was späteer im MS. von 1863-1865 zusammengefasst wurde. Es bezeugt aber die große Akribie, mit der Marx vorgegeangen ist. Er ist stets bemüht, einen andern Autor wo irgend mög- lich besser zu verstehen, als der sich selbst.

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Theoretisch ist es bedenklich, die Formbestimmung - den 'Wert' - der Ware an ihre gegenständliche Beschaffen- heit zu knüpfen. Richtig ist: Wert hat sie nur, sofern und solange sie zirkulieren kann: an den Nächsten verkauft. Wo sie am Ende konsumiert, nämlich dem Privatbedürfnis zugeführt wird, wird sie gegen Revenü getauscht, wird mit ihrer Gegenständlichkeit auch ihr Wert verzehrt. Das ist faktisch so und hat mit der Formbestimmung, dem Begriff, gar nichts zu tun, sondern mit ihrem Gebrauchswert. 

Denn - ab hier wird es haarspalterisch - die Technologie konnte noch keine anderen als materielle Dinge zu Trägern von Gebrauchswerten machen. Hundert Jahre später führen Datensätze eine 'virtuelle' Existenz im Internet und werden übers Internet weiterverkauft. Irgendwo muss der Datensatz schon auf einem Träger aus reellem Material eingetragen sein; doch nicht der wird weiterverkauft, sondern lediglich ein Zugangscode, den einer äußerstenfalls im Kopf behalten könnte. Und er wird auch nicht verzehrt, sondern ich kann ihn weiterver- kaufen und trotzdem behalten. Im Rahmen der Wertlehre eine Absurdität...

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Der Autor, der die Erfordernis eines neuen Begriffs erkannt und ein passendes Wort eingeführt hat, ist sich viel- leicht noch nicht klar über dessen logische Reichweite und die gedanklichen Konsequenzen, die er erheischt. Oder er ist ihm selbst so neu, dass er ihn bei der Fülle des Materials gelegentlich aus dem Auge verliert, usw. So mögen sich Ungenauigkeiten in der Theorie einnisten, die sich dann zu richtigen Fehlern auswachsen. Die Kri- tik kann sich nicht begnügen, die Begriffe zu prüfen; sie muss überprüfen, wie sie verwendet werden.

Zugleich wacht sie darüber, dass die Begriffe nicht zu Scheuklappen werden. Wissenschaft besteht nicht darin, Dinge nach Rubriken zu sortieren und ordentlich zu verzeichnen wie ein konfuzianischer Beamter. Begriffe sind dazu da, Einblicke zu eröffnen. Begriffe in historischen und gesellschaftlichen Disziplinen haben ihre Zeit, eine Zeit, in der sie brauchbar sind und tieferes Verständnis ermöglichen. Eines Tages werden sie die mit der Zeit gewandelten Umstände nicht mehr recht erfassen. Und es mögen aus alten Tagen Anachronismen über- stehen und sich in stillen Winkeln Kuriositäten ausbilden. Es ist nicht Sache der Wissenschaft, ihre Begriffe rein zu halten, sondern ihre Instrumente zu pflegen. Manches muss justiert und anderes ganz ausgewechselt werden. 

Und schließlich muss man manchmal auch was links liegen lassen.
JE

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