Donnerstag, 12. Januar 2017

Vom fiktiven Kapital zum fiktionalen Wertgesetz.


H. Bosch, Der Taschensieler

Es ist dies die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionswei- se selbst, und daher ein sich selbst aufhebender Widerspruch, der prima facie als bloßer Uebergangspunkt zu einer neuen Produktionsform sich darstellt. Als solcher Widerspruch stellt er sich dann auch in der Erschei- nung dar. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und fordert daher die Staatseinmischung heraus. Er reproduzirt eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektenmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf  Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion ohne die Kontrolle des Privateigenthums.

IV. Abgesehn von dem Aktienwesen – das eine Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des kapitalistischen Systems selbst ist, und in demselben Umfang, worin es sich ausdehnt und neue Produkti- onssphären ergreift, die Privatindustrie vernichtet – bietet der Kredit dem einzelnen Kapitalisten, oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine innerhalb gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes Eigenthum, und dadurch über fremde Arbeit.* Verfügung über gesellschaftliches, nicht eignes Kapital, gibt ihm Verfügung über gesellschaftliche Arbeit. Das Kapital selbst, das man wirklich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die Basis zum Kreditüberbau. 


Es gilt dies besonders im Großhandel, durch dessen Hän- de der größte Theil des gesellschaftlichen Produkts passirt. Alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise noch berechtig- ten Explikationsgründe verschwinden hier. Was der spekulirende Großhändler riskirt, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigenthum. Ebenso abgeschmackt wird die Phrase vom Ursprung des Kapitals aus der Ersparung, da jener gerade verlangt daß andre für ihn sparen sollen. ... 

Der andren Phrase von der Entsagung schlägt sein Luxus, der nun auch selbst Kreditmittel wird, direkt ins Gesicht. Vorstellungen, die auf einer minder entwickelten Stufe der kapitalistischen Produktion noch einen Sinn haben, werden hier völlig sinnlos. Das Gelingen und Mißlingen führen hier gleichzeitig zur Centralisation der / Kapitale, und daher zur Expropriation auf der enormsten Stufenleiter. Die Expropriation erstreckt sich hier von den unmittelbaren Producenten auf die kleineren und mittleren Kapitalisten selbst. Diese Expropriation ist der Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktionsweise; ihre Durchführung ist ihr Ziel, und zwar in letzter Instanz die Expropriation aller Einzelnen von den Produktionsmitteln, die mit der Entwicklung der gesell- schaftlichen Produktion aufhören, Mittel der Privatproduktion und Produkte der Privatproduktion zu sein,  und die nur noch Produktionsmittel in der Hand der associirten Producenten, daher ihr gesellschaftliches Eigenthum, sein können, wie sie ihr gesellschaftliches Produkt sind. 

Diese Expropriation stellt sich aber innerhalb des kapitalistischen Systems selbst in gegensätzlicher Gestalt dar, als Aneignung des gesellschaftlichen Eigenthums durch Wenige; und der Kredit gibt diesen Wenigen immer mehr den Charakter reiner Glücksritter. Da das Eigenthum hier in der Form der Aktie existirt, wird seine Bewegung und Uebertragung reines Resultat des Börsenspiels, wo die kleinen Fische von den Haifischen und die Schafe von den Börsenwölfen verschlungen werden. 

In dem Aktienwesen existirt schon Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliches Produktionsmittel als individuelles Eigenthum erscheint; aber die Verwandlung in die Form der Aktie bleibt selbst noch befangen in den kapitalistischen Schranken; statt daher den Gegensatz zwischen dem Charakter des Reichthums als ge- sellschaftlicher und als Privatreichthum zu überwinden, bildet sie ihn nur in neuer Gestalt aus. 

*) ... „Ein Mann der im Ruf steht Kapital genug für sein regelmäßiges Geschäft zu besitzen, und der in seiner Branche guten Kredit genießt, kann, wenn er sanguinische Ansichten von der steigenden Konjunktur des von ihm geführten Artikels hat, und wenn er im Anfang und Verlauf seiner Spekulation durch die Umstände begünstigt wird, Käufe bewerkstelligen von einer geradezu enormen Ausdehnung verglichen mit seinem Kapital“ (ibidem, p. 136.) – „Die Fabrikanten, Kaufleute etc. machen sämmtlich Geschäfte weit über ihr Kapital hinaus … Das Kapital ist heutzutage vielmehr die Grundlage, worauf ein guter Kredit gebaut wird, als die Schranke der Umsätze irgend eines kommerziellen Geschäfts.“ (Economist, 1847. p. 333.) 
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Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 429f. [MEW 25, S. 454ff.]



Nota. - Der Aktienbesitzer hat dem Unternehmen nur ein Darlehen gewährt, damit es seine laufenden Geschäf- te abwickeln kann - im Wert der Aktie, die er besitzt. Auf diesen Kredit erhält er einen Zins. Man kann sagen, der Teil des Gesellschaftskapitals, der dem Wert seiner Aktie entspricht, dient als Sicherheit für sein Darlehnen. Diese Sicherheit - und damit den Anspruch auf einen Zins - kann er weiter verkaufen, und darum gilt seine Aktie so, als ob sie selber ein Teil des Gesellschaftskapitals wäre. So wird sie gehandelt, der (Tages-) Wert, zu dem sie gehandelt wird, entscheidet über den Gesamtwert des Gesellschaftsvermögens. Die Aktie ist kein Teil des gesellschaftlichen Reichtums, aber die gilt als solcher auf dem Markt, und damit ist sie es. 

Das Wertgesetz ist ad absurdum geführt. Der Bluff, wenn er gelingt, ist soviel wie vergegenständlichte gesell- schaftlich notwendige Durchschnittsarbeit. 
JE

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