Freitag, 6. November 2015

Das Kapital kombiniert die Kraft der Masse mit dem handwerklichen Geschick der Einzelnen.


So weit die Vereinigung ihrer Kräfte ihre Productivkraft vermehrt, ist es keineswegs gesagt, daß sie numerisch das Arbeitsvermögen alle zusammengenommen besässen – wenn sie nicht zusammen arbeiteten, wenn also nicht zu der Summe ihrer Arbeitsvermögen das Surplus hinzukäme, das nur durch und in ihrer vereinigten, combinirten Arbeit existirt. Daher das gewaltsame Zusammentreiben des Volks in Aegypten, Etrurien, Indien etc zu Zwangsbauten und öffentlichen Zwangswerken. 

Das Capital bewirkt dieselbe Vereinigung in andrer Weise, durch seine Manier des Austauschs mit der freien Arbeit. Daß das Capital es nicht mit der vereinzelten, sondern mit der combinirten Arbeit zu thun hat, wie es an und für sich schon eine sociale, combinirte Kraft [ist,] ein Punkt, der vielleicht schon hier in der allgemeinen Entstehungsgeschichte des Capitals zu behandeln. [...] Die Bevölkerung einerseits mag weit genug entwickelt sein, und die Unterstützung, die sie in Anwendung von Maschinerie etc findet, andrerseits so weit, daß die blos aus der materiellen, massenhaften Vereinigung – und im Alterthum ist es immer dieses massenhafte Wirken der zusammengezwungnen Arbeit – hervorgehende Kraft überflüssig ist, und geringere lebendige Arbeitsmasse nöthig ist verhältnißmässig. 

Je mehr die Production noch auf bloser Handarbeit beruht, Anwendung der Muskelkraft etc, kurz der körper-lichen Anstrengung und Arbeit der Einzelnen, desto mehr besteht die Erhöhung der Productivkraft in ihrem massenhaften Zusammenarbeiten. Bei dem halbkünstlerischen Handwerk tritt der Gegensatz der Besonderung und / Vereinzelung hervor; die Geschicklichkeit der einzelnen, aber uncombinirten Arbeit. 

Das Capital in seiner wahren Entwicklung combinirt die Massenarbeit mit dem Geschick, aber so daß die erste ihre physische Macht verliert und das Geschick nicht im Arbeiter, sondern in der Maschine existirt und der durch wissenschaftliche Combination mit der Maschine als Ganzes wirkenden factory. Der gesellschaftliche Geist der Arbeit erhält eine objektive Existenz ausser den einzelnen Arbeitern. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 428f. [MEW 42, S. 434f.] 



Nota. –  Das war die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Die gegenwärtige digitale Revolution führt die Arbeitsteilung zu einem paradoxalen Extrem fort. Nicht nur das handwerkliche Geschick, sondern alle Verausgabung physischer Kraft ist in die Maschine verlegt; was kombiniert wird, ist nicht die lebendige Arbeit von Massen, sondern sind Massen von Maschinen – und selbst deren Kombination wird von Maschinen be-sorgt. Übrig bleibt als menschliche Arbeit die Erfindung der Maschinen (die wiederum von Maschinen gebaut werden) und ihre Überwachung. 

Es ist die Surplusarbeit einer Handvoll künstlerischer Wissenschaftler, die allein die Verwertung einer noch nie dagewesenen Summe von Kapital zu besorgen hat, deren notwendige Arbeit an der Grenze der Messbarkeit liegt. – Oder, anders gesagt, man wird neue Begriffe brauchen, die hergebrachten passen nicht mehr.
JE

Donnerstag, 5. November 2015

Warum die Profitrate fällt.



Der wirkliche Mehrwerth ist bestimmt durch das Verhältniß der Surplusarbeit zur nothwendigen Arbeit, oder durch die Portion des Capitals – die Portion der vergegenständlichten Arbeit, die sich gegen lebendige Arbeit austauscht, zu der Portion vergegenständlichter Arbeit, wodurch sie ersezt wird. Der Mehrwerth in der Form des Profits aber wird gemessen an dem Totalwerth des dem Productionsprocess vorausgesezten Capitals. 

Die Rate des Profits hängt also – denselben Mehrwerth, dieselbe Surplusarbeit im Verhältniß zur nothwendigen Arbeit vorausgesezt – ab von dem Verhältniß des Theils des Capitals der gegen lebendige Arbeit ausgetauscht wird zu dem Theil der in der Form von Rohmaterial und Productionsmittel existirt. Je geringer also die gegen lebendige Arbeit ausgetauschte Por-/tion wird, um so geringer wird die Rate des Profits. In demselben Verhältniß also, worin in dem Productionsprocess das Capital als Capital grösseren Raum einnimmt in Proportion zu der un-mittelbaren Arbeit, je mehr also der relative Surpluswerth wächst – die werthschaffende Kraft des Capitals – um so mehr fällt die Rate des Profits. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 620f. [MEW 42, S. 639] 




Mittwoch, 4. November 2015

Die Kontinuität des Produktionsprozesses, die Zirkulation und die Notwendigkeit des Kredits.



Aus allem Gesagten geht hervor, daß die Circulation als wesentlicher Process des Capitals erscheint. Der Productionsprozeß kann nicht von neuem begonnen werden vor der Verwandlung von Waare in Geld. Die beständige Continuität des Processes, das ungehinderte und flüssige Uebergehn des Werths aus einer Form in die andre, oder einer Phase des Processes in die andre, erscheint als Grundbedingung für die auf das Capital gegründete Production in einem ganz andren Grade als bei allen frühren Formen der Production. 

Andrerseits, während die Nothwendigkeit dieser Continuität gesezt ist, fallen die Phasen der Zeit und dem Raum nach aus einander als besondre gegen einander gleichgültige Processe. Es erscheint so zufällig für die auf das Capital gegründete Production, ob oder ob nicht ihre wesentliche Bedingung, die Continuität der verschiednen Processe, die ihren Gesammtprocess constituiren, hergestellt wird. Die Aufhebung dieser Zufälligkeit durch das Capital selbst ist der Credit. (Er hat noch andre Seiten; aber diese Seite geht aus der unmittelbaren Natur des Productionsprocesses hervor und ist daher die Grundlage der Nothwendigkeit des Credits.) 

Daher der Credit in irgend wie entwickelter Form in keiner frühren Weise der Production erscheint. Geborgt und geliehen ward auch in frühren Zuständen, und der Wucher ist sogar die älteste der antediluvianischen Formen des Capitals. Aber Borgen und Leihen constituirt ebenso wenig den Credit, wie Arbeiten industrielle Arbeit oder freie Lohnarbeit constituirt. Als wesentliches, entwickeltes Productionsverhältniß erscheint der Credit historisch auch nur in der auf das Capital oder die Lohnarbeit gegründeten Circulation.
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 434 [MEW 42, S. 441]   

Nota. - Noch stets war das Geldkapital der anstößigste Teil der bürgerlichen Produktionsweise, und daher haben sich um die Abschaffung der Banken von Proudhon bis Occupy Wallstreet allerlei antikapitalistische Reformphantasien gerankt. Aber wie die Zirkulation für die kapitalistische Produktionsweise wesentlich ist, ist eine Zirkulationszeit unvermeidlich - und sind folglich die Kreditinstitute notwendig. "Schaffen wir die Banken ab, bricht der Kapitalismus zusammen." Eben. Und darum werdet ihr sie nicht abschaffen.
JE

Dienstag, 3. November 2015

Konkurrenz ist die innere Tendenz des Kapitals.



In der Concurrenz erscheint diese innre Tendenz des Capitals als ein Zwang der ihm von fremdem Capital angethan wird und der es vorantreibt über die richtige Proportion mit beständigem Marche, marche! Die freie Concurrenz, wie Herr Wakefield in seinem Commentar zu Smith richtig herauswittert, ist noch nie entwickelt worden von den Oekonomen, so viel von ihr geschwazt wird und so sehr sie die Grundlage der ganzen bürgerlichen, auf dem Capital beruhenden Production.

Sie ist nur negativ verstanden worden: d. h. als Negation von Monopolen, Corporation, gesezlichen Regulatio-nen etc. Als Negation der feudalen Production. Sie muß aber doch auch etwas für sich sein, da blos 0 leere Negation ist, Abstrahiren von einer Schranke, die z. B. in der Form von Monopol, natürlichen Monopolen etc sofort wieder aufersteht.

Begrifflich ist die Concurrenz nichts als die innre Natur des Capitals, seine wesentliche Bestimmung, erscheinend und realisirt als Wechselwirkung der vielen Capitalien auf einander, die innre Tendenz als äusserliche Nothwendigkeit.) (Capital existirt und kann nur existiren als viele Capitalien und seine Selbstbestimmung erscheint daher als Wechselwirkung derselben auf einander.)
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 325f. [MEW 42, S. 327] 

Nota. - Staatskapitalismus kann allenfalls heißen, dass sich der Staat auf dem Markt selber als Kapitalist unter Kapitalisten betätigt - und sich dabei womöglich aller gesetzlichen Zwangsmittel bedient, um sich die Konkur-renten weit vom Halse zu halten. Wenn aber der Staat als einziger Unternehmer auftritt, gibt es weder einen Markt noch Konkurrenz. Unter diesen Voraussetzungen ist Kapital nicht möglich.
JE



Montag, 2. November 2015

Die Scheidung von Stadt und Land ist ursprünglich.


Turm von Jericho, erbaut um 8500 v. Chr.

Da der Patricier im höhern Grad das Gemeinwesen repräsentirt, ist er der possessor des ager publicus und benuzt ihn durch seine Clienten etc (eignet ihn sich auch nach und nach an). Die germanische Gemeinde concentrirt sich nicht in der Stadt; durch welche blose Concentration – der Stadt als Centrum des Landlebens, dem Wohn-sitz der Landarbeiter, wie ebenso dem Centrum der Kriegsführung – die Gemeinde als solche nun eine äusser-liche Existenz besizt, unterschieden von der des Einzelnen. 

Die klassische alte Geschichte ist Stadtgeschichte, aber von Städten gegründet auf Grundeigenthum und Agri-cultur; die asiatische Geschichte ist eine Art indifferenter Einheit von Stadt und Land; (die eigentlich grossen Städte sind blos als fürstliche Lager hier zu betrachten, als Superfötation über die eigentlich ökonomische Con-struction); das Mittelalter (germanische Zeit) geht vom Land als Sitz der Geschichte aus, deren Fortentwicklung dann im Gegensatz von Stadt und Land vor sich geht; die moderne [Geschichte] ist Verstädtischung des Lan-des, nicht wie bei den Antiken Verländlichung der Stadt. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 387 [MEW 42, S. 390f.] 

Nota. – Nach dem athenischen Gründungsmythos hätten ihre Vorfahren zunächst zerstreut über die ganze Attika gelebt und seien erst nach vielen Kriegen im Schutz der Burg zusammengezogen: synoikismós. Wahr-scheinlicher ist aber, dass die ersten gemeinsamen Siedlungen schon mit dem Beginn des Ackerbaus selbst zusammenfallen; vgl. Jericho usw.

Den Niedergang der antiken Welt kennzeichnet auf der andern Seite der Niedergang des städtischen Lebens im Römischen Reich und die Verlagerung des wirtschaftlich-kulturellen Schwerpunkts aufs Land. Das System der Villen-Wirtschaft mit ihre zugehörigen Klienten bereitete den Boden, auf dem sich nach den germanischen Ero-berungen in Gallien und Norditalien die Feudalität ausbildete.
JE

Sonntag, 1. November 2015

Die Stadt ist Staat, die germanische Landgemeinde ist bloße Vereinigung.


Ziqqurat von Ur (Rek.)

Bei der Vereinigung in der Stadt besizt die Gemeinde als solche eine ökonomische Existenz; das blose Dasein der Stadt als solcher ist verschieden von bloser Vielheit von unabhängigen Häusern. Das Ganze ist nicht hier aus seinen Theilen bestehend. Es ist eine Art selbstständiger Organismus. 

Bei den Germanen, wo die einzelnen Familienhäupter sich in Wäldern festsetzen, / getrennt durch lange Strecken, existirt, schon äusserlich betrachtet, die Gemeinde nur durch die jedesmalige Vereinigung der Gemeindeglieder, obgleich ihre an sich seiende Einheit gesezt ist in Abstammung, Sprache, gemeinsamer Vergangenheit und Geschichte etc. Die Gemeinde erscheint also als Vereinigung, nicht als Verein, als Einigung, deren selbstständige Subjecte die Landeigenthümer bilden, nicht als Einheit. 

Die Gemeinde existirt daher in fact nicht als Staat, Staatswesen, wie bei den Antiken, weil sie nicht als Stadt existirt. Damit die Gemeinde in wirkliche Existenz trete, müssen die freien Landeigenthümer Versammlung halten, während sie in Rom z. B. existirt, ausser diesen Versammlungen, in dem Dasein der Stadt selbst und der Beamten, die ihr vorgesezt sind etc. 
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 387f. [MEW 42, S. 391]






Samstag, 31. Oktober 2015

Gemeindeland bei den Römern und bei den Germanen.

Ullastret in Katalonien

Zwar kommt auch bei den Germanen der ager publicus, das Gemeindeland vor oder Volksland, im Unterschied von dem Eigenthum des Einzelnen. Er ist Jagdgrund, Weidegrund, Holzungsgrund etc, der Theil des Landes, der nicht getheilt werden kann, wenn er in dieser bestimmten Form als Productionsmittel dienen soll. Indeß erscheint nicht, wie bei den Römern z. B. dieser ager publicus als das besondre ökonomische Dasein des Staats neben den Privateigenthümern, so daß diese eigentlich Privateigenthümer als solche sind, so weit sie ausgeschlos-sen waren, privirt waren, wie die Plebejer [von] der Benutzung des ager publicus. 

Der ager publicus erscheint vielmehr nur als Ergänzung des individuellen Eigenthums bei den Germanen und figurirt als Eigenthum nur, so weit er gegen feindliche Stämme als Gemeinbesitz des einen Stammes verfochten wird. Das Eigenthum des Einzelnen erscheint nicht vermittelt durch die Gemeinde, sondern das Dasein der Gemeinde und des Gemeindeeigenthums als vermittelt d. h. als Beziehung der selbstständigen Subjecte auf einander. Das ökonomische Ganze ist au fond in jedem Einzelnen Hause enthalten, das für sich ein selbststän-diges Centrum der Production bildet (Manufactur rein als häusliche Nebenarbeit der Weiber etc). 

In der antiken Welt ist die Stadt mit ihrer Landmark das ökonomische Ganze; in der germanischen der einzelne Wohnsitz, der selbst nur als Punkt in dem zu ihm gehörigen Land erscheint, keine Concentration vieler Eigen-thümer ist, sondern Familie als selbstständige Einheit. In der asiatischen (wenigstens vorherrschenden) Form, kein Eigenthum, sondern nur Besitz des Einzelnen; die Gemeinde der eigentliche wirkliche Eigenthümer – also Eigenthum nur als gemeinschaftliches Eigenthum an dem Boden.
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Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 388 [MEW 42, S. 391f.] 

Nota. - Im Mittelmeerraum bestehen die Gemeinwesen unmittelbar im Zusammenwohnen - synoikismós - in einer befestigten Siedlung: Stadt, polis, Staat, res publica. Bei den Germanen entsteht es unmittelbar immer wieder neu - im Thing und in der Heerschar. War das Leben am Mittelmeer generell kriegerischer? War die Sesshaftig-keit bei den Germanen noch geringer? Waren Landnahme und Urbarmachung am Mittelmeer mühseliger? Usw.
JE