Posts für Suchanfrage verteilung der arbeit auf bedürfnisse werden nach Datum sortiert angezeigt. Nach Relevanz sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage verteilung der arbeit auf bedürfnisse werden nach Datum sortiert angezeigt. Nach Relevanz sortieren Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 17. Januar 2019

Abschied vom Tauschwert.

Der Niedergang der Arbeitsgesellschaft und die Kritik der Politischen Ökonomie.



Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt
des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht
verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt
erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.
Hegel

Gut ein Jahrhundert lang war die Marx‘sche Kritik der Politischen Ökonomie der heimliche oder erklärte Be- zugspunkt für die Entwicklung zwar nicht der Volkswirtschaftslehre, aber der politischen Gesellschaftswissen- schaften. Seit 1990 ist es still um sie geworden. Der Grund war kein Paradigmenwechsel in der Theorie, son- dern ein realgeschichtliches Ereignis. Nicht das Kapital war zusammengebrochen. Die Theorie schien obsolet. 

Theorie schien man gar nicht mehr zu brauchen: Das Ende der Geschichte war gekommen. Da brach mit In- te
net und New Economy ein neues Zeitalter aus. Die Euphorie war groß. Die Spekulationsblase ist geplatzt, und Skepsis machte sich breit. Was für ein Zeitalter soll das werden? Spaßgesellschaft, Mediengesellschaft, Wissensgesellschaft, Globales Dorf – die Federführung hat das Feuilleton, die Wissenschaft bleibt ratlos. Ganz ohne Theorie geht es auch nicht; aber woher nehmen?

Wenn wir schon nicht wissen, welches Zeitalter beginnt, wissen wir doch, welches Zeitalter zu Ende geht, oder könnten es wissen. Die einzige Theorie, die beansprucht hatte, ein Gesamttableau der bürgerlichen Gesellschaft zu geben, war das Klassische System der Politischen Ökonomie gewesen, doch von dem war nur, aber immer- hin, die Kritik übrig geblieben. Die war keine Volkswirtschaftslehre, keine positive Theorie des Wirtschaftens unter kapitalistischen Bedingungen (und hätte als solche obsolet werden können), sondern war die Bloßlegung dieser Bedingungen. Der Zusammenbruch des sowjetischen Gesellschaftssystems konnte sie nicht dementieren, weil sie nicht von ihm handelt.


Vilfredo Pareto hat vor über hundert Jahren darauf verwiesen, daß am Anfang der Marx’schen Theoriebildung das politische Programm[1]steht; von ihm geht alles aus. Die Kritik der Politischen Ökonomie sei nicht dessen retroaktive wissenschaftliche Herleitung, sondern ein gewissermaßen apagogischer Anhang zum Programm: dazu bestimmt, es vorab zu sichern gegen die Einwände, die vom Standpunkt der klassischen Politischen Ökonomie vorgebracht werden könnten, indem er ihr die Gründe streitig machte. Während jene die Herrschaft des Kapitalverhältnisses rechtfertigt, indem sie es aus ökonomischen Gesetzen herleitet, deckt die Kritik die historischen Ereignisse auf, die zur Ausbildung dieser Gesetze geführt haben – und daß sie nur vorübergehend gelten. Und insofern gibt sie selber ein Gesamttableau der bürgerlichen Gesellschaft. 


* 


Daß das Menschenleben von Arbeit geprägt ist, ist kein Naturzustand. Daß die Gesellschaft von der Wirtschaft beherrscht wird, verdankt sie einem historischen Ereignis und keinem Gesetz.


Wirtschaften bedeutet: die Allokation knapper Ressourcen. Diese primäre Definition beruht auf einer durchaus nicht selbstverständlichen historischen Prämisse: daß die Ressourcen so knapp sind, dass ihre Verteilung ein Problem darstellt. Und dabei handelt es sich nicht um eine schlichte Tatsache, sondern um ein Verhältnis zwischen zwei fraglichen Größen: der Vermehrbarkeit der Ressourcen einerseits und der Menge der Bedürfnisse andererseits. Allokation der Ressourcen bedeutet daher: die Entscheidung darüber, welche – und wessen – Bedürfnisse bei der Verteilung mehr gelten sollen als andere. 


Wären beide Größen – Umfang der Bedürfnisse, Umfang der Ressourcen – gegeben, entstünde kein wirtschaftliches Problem. Das Problem wäre rein politisch: Wer setzt sich durch? In einem spezifischen Sinn wirtschaftlich wird das Problem nur dann, wenn die beiden Variablen – Bedürfnisse/Ressourcen – durch ein Bedingungsverhältnis einander vermittelt sind; kein logisches, sondern ein sachliches. Ein solches tritt ein in dem Moment, wo die Ressourcen durch Arbeit vermehrt werden können; denn damit stellt sich die Frage: wer arbeitet wie viel? Es ist zugleich die Frage: Legitimieren sich die individuellen, um die Ressourcen konkurrierenden Bedürfnisse durch eigene Arbeit, oder aus anderen Quellen? Nicht alle haben gleiche Bedürfnisse, aber alle haben auch nicht gleiche Kräfte. Genauer gesagt, der Bedürftigste ist nicht der Stärkste.


Wirtschaften ist keine Konstante des menschlichen Gattungslebens. Es bildet die Rückseite der Fähigkeit des Menschen, durch Arbeit mehr zu erzeugen, als er verbraucht. Wirtschaftsgesellschaft und Arbeitsgesellschaft bedeuten dasselbe. Entstanden sind sie mit der Sedentarisierung und dem Übergang zum Ackerbau.


In der Welt der Jäger und Sammler waren jahrmillionenlang die Ressourcen nicht eo ipso knapp, und die Verteilung war kein Problem. War die Gegend, die eine Menschengruppe bewohnte, abge- wei det, wanderte sie weiter. Wur- den die Zeichen beizeiten erkannt, trat Knappheit gar nicht ein. Um 1790 betrugt in England, dem damals reichsten Land der Erde, die tägliche Lebensmittelration 2.322 Kalorien, die der Armen nur 1.508. 


Heutige Jäger- und Sammlervölker verzehren ihrerseits rund 2.300 Kalorien oder mehr. Sie essen nicht nur reichlich, sondern auch besser: Der Anteil an Fleisch macht rund sechs Teile, der an pflanzlicher Kost vier Teile aus, während die Engländer sich zu einem großen Teil von Getreide ernährten. Im übrigen handelt es sich bei den heutigen Jägern und Sammlern um abgedrängte Restpopulationen, die sich im Lauf ihrer Geschichte an die unwirtlichsten Landstriche angepaßt haben…


Der Getreideanbau bringt einen qualitativen Wandel. Durch Arbeit wird es möglich, einen stetigen Überschuß zu erzeugen. Ein beständiges Bevölkerungswachstum tritt ein. Ursprünglich trat Knappheit momentan als Mangel an einer bestimmten, absoluten Anzahl benötigter Dinge auf. Nun herrscht ständiger Mangel durch das stetige Wachstum der Bedürfnisse. Ab hier reden wir von Geschichte in einem bestimmten Sinn: “Diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat.”[2] Welche Bedürfnisse gelten sollen, wird nun strittig.


Daß die Bedürftigsten nicht auch die leistungsfähigsten sind, ist naturgegeben. Alte und Kinder jagen nicht und helfen bestenfalls beim Sammeln. Sie sind in Momenten der Not aber auch am meisten gefährdet. Aus diesem trockenen Grund kommt es vor dem Ackerbau nicht zu Überbevölkerung. Erst Seßhaftigkeit und Getreidebau erlauben Vorratshaltung. Gelegentliche Knappheiten werden überbrückt. Ab jetzt wird gewirtschaftet. Nachwuchs bedeutet nun Vermehrung der Arbeitskraft: Die früheste Möglichkeit, die Produktivkraft zu steigern, ist Bevölkerungswachstum. Je mehr Hände, umso mehr Boden kann bestellt werden. 


Erstmals geschehen ist dies vor rund zwölftausend Jahren im damali- gen Fruchtbaren Halbmond vom Jordantal über den Norden Syriens bis nach Mesopotamien, wo die Oasenstädte umringt waren von viehtreibenden Beduinenstämmen.


Durch die Konkurrenz neuer Bedürfnisse auf der einen, mit einer wachsenden Menschenmasse auf der andern Seite wird die Allokation erstmals zum Problem, denn diese Konkurrenz ist dauerhaft und prägt schließlich die Formen des Zusammenlebens. Das Naturverhältnis wird überlagert von gesellschaftlichen Bestimmungen. Eine Differenzierung beginnt in jene, die Anspruch auf die “höheren Bedürfnisse” haben, und solche, die überzählig sind und denen im Notfall auch die primären Bedürfnisse verweigert werden. Denn der Boden, an dem die Arbeit ausgeführt wird, ist monopolisierbar. Der Arbeiter kann von ihm abgetrennt werden.


Die Arbeitsgesellschaft hat wohl all das ermöglicht, was unsern kulturellen Fortschritt ausmacht. Aber sie hat auch den Hunger und die Unterernährung in die Welt gesetzt. Ursprünglich war der Mangel – wie der Überfluß – nur eine momentane Ausnahme, die nicht lange genug währte, um die Formen des Zusammenlebens zu prägen. Denn wurde Knappheit zum Dauerzustand, starb die Gruppe aus. Unter solchen Umständen geschieht die Allokation naturwüchsig, eine gesellschaftliche Formbestimmung muß sich nicht ausbilden.


Nicht aus dem Eigentum folgt die Differenzierung, sondern aus tatsächlicher Differenzierung bildet sich das Eigentum. Nicht Alle waren seßhaft geworden, nicht Alle betrieben Ackerbau. Die Herrenvölker folgen weiterhin als Jäger den Wanderungen der Tiere, bis sie zu ihren Hirten werden.


Die Hirtenvölker scheuen die Arbeit, aber nicht deren Früchte. Die Habe muß verteidigt werden. Die Herausbildung einer Kriegerkaste reproduziert im Innern den Gegensatz zu den nomadisierendenHerren im Äußern. Auch die inneren Herren arbeiten nicht. Sie zehren von der Mehrarbeit der Andern. Die Aneignung geschieht politisch, nicht ‘wirtschaftlich’. Vom Arbeitsprodukt greift sie schließlich auf das Arbeitsmittel selbst über. (Dasselbe wiederholt sich mit der Ausbildung der Grund- herrschaft im frühmittelalterlichen Europa.) 

Mit der wachsender Arbeitsproduktivität einerseits und der Monopolisierung des Bodens andererseits wird eine relative Überbevölkerung zur Geschichtskonstante, der Mangel für die Vielen und die Akkumulation von Reichtum bei wenigen wird zum Dauerzustand, es beginnt der Klassenkampf, und das Politische entwickelt sich zu einem autonomen Bereich des gesellschaftlichen Lebens.


Arbeit ist das allgemeine Mittel zur Behebung von Notdurft; “Arbeit überhaupt, die allgemeine Möglichkeit des Reichthums, die werthschaffenden Thätigkeit (als Vermögen) überhaupt”.Sie ist das Nützliche-an-sich und Ressource-schlechthin. An die Stelle der Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der ‚Wert’ der Nationalökonomen: wiederum eine Nützlichkeit-an-sich, also wiederum Arbeit – als die allgemeinste Ware; “Gebrauchswert für andre, gesellschaftlicher Gebrauchswert”[4] 


Ist von Gesetzen die Rede, seien es rechtliche, ökonomische oder Naturgesetze, stellt sich die Frage: Wer hat sie erlassen und wer sorgt wie für ihre Geltung? Ökonomische Gesetze kommen zustande, wenn die Wirtschaftssubjekte nach ihnen suchen, weil sie sie brauchen, und wenn zugleich im realen Wirtschaftsgeschehen Regelmäßigkeiten vorkommen, die man finden kann.


Nur wer Vieles regelmäßig vergleichen muß, braucht ein gemeinsames Maß für Alles. Wer nur ab und zu das Eine gegen das Andere abwägt, kann sich mit bloßem Schätzen begnügen: ‘Was würde ich für den Gebrauch dieser Sache anlegen wollen?’ Chop knives wurde Karl Marx von den Londoner Gassenjungen gefragt. Dann wurden die Taschenmesser gezückt, und wer das schlechtere vorwies, musste noch einiges drauflegen, bis der Halter des besseren mit dem Handel zufrieden war. Barter heißt diese Form gelegentlichen Tauschhandels zwischen zufälligen Kontrahenten.


Solange der Austausch nur punktuell stattfindet, bleibt ihm ein Charakter von Willkür und Kontingenz. Ein Durchschnitt, aus dem sich eine Regel ermitteln ließe, kann sich ohne Kontinuität in Raum und Zeit nicht ausbilden. Ursprünglich findet Tausch nur an den Rändern der naturwüchsigen Gemeinschaften statt, schon bei Jägern und Sammlern. Wobei gelegentlich nicht der Austausch Zweck des Grenzverkehrs ist, sondern der Verkehr Zweck des Tauschs – um dem Raub zuvor zu kommen.


Vieles, was die Ethnologie unter den (überdehnten) Begriff Potlatch faßt, gehört in diese Kategorie. Einen rudimentären Handel darf man schon für die Crô-Magnon-Zeit annehmen: In den Höhlen der Dordogne wurden Lager von Ziermuscheln gefunden, die von der Nordsee stammten. Ausgetauscht wird nicht das Notwendige, sondern das, was übrig ist. Das ist Luxus, darauf kann man verzichten.


Der erste reguläre Handelsartikel (und das erste ‘allgemeine Äquivalent’) war das Salz. Das lag nicht an den Verkehrsformen, sondern am Gebrauchswert. Erstens ist das Salz haltbar und läßt sich beliebig teilen. Aber zweitens und vor allem wird es von jedermann gebraucht.

Allerdings erst seit dem Übergang zum Ackerbau. Die Jäger und Sammler, deren Kost zu einem guten Teil aus Fleisch bestand, nahmen mit ihrer Nahrung genügend Salze auf. Erst bei überwiegender Ernährung aus Getreide wird eine besondere Zufuhr von Kochsalz nötig. Salz wird nicht überall gewonnen. Ein regelmäßiger Fernhandel geht dem Nahhandel voraus.

Arbeitsteilung bedingt Handel, Handel fördert die Arbeitsteilung. Alle Handwerke, Flechten, Schnitzen, Weben und das Anfertigen von Waffen wurden zunächst neben den Hauptbeschäftigungen – Jagen und Sammeln – von allen mehr oder weniger geschickt mit betrieben. In den Siedlungen der Jungsteinzeit trat die Töpferei hinzu, die eine erste Spezialisierung gebracht haben wird. Zum ersten wirklichen Beruf wurde das Schmieden, das außer besonderen Kenntnissen auch ein besonderes Zeitbudget verlangt. Wäre nicht jeder Gebrauchswert ein so besonderer, bedürfte es keines Tauschs. 


Wird der Austausch regulär und ist ein Markt einmal entstanden, greift die Arbeitsteilung auf die Produktion selbst über. Produziert wird nun von vornherein für das Bedürfnis der Andern, in der Gewißheit, daß sie produzieren werden, was ich selber brauche. Auf den Marktplätzen wird ein gemeinsamer Maßstab gesucht, und gefunden wird er, bezeugt von Aristoteles bis Luther, in der gefühlten Menge an “Mühsal”, das die Verfertigung seines Produkts einen jeden gekostet hat: mhd. arebeit heißt nichts anderes. Aber noch sind die Märkte lokal. Die kleinste Störung der Handelswege kann zu Knappheiten führen, die spekulative Monopolpreise hervorbringen.


Markt-Wirtschaft indes bedeutet eo ipso Industrie- gesellschaft. Daß regelmäßig nur gleiche Wertgrößen sich gegen einander austauschen, setzt voraus, daß Arbeit regelmäßig als Lohnarbeit stattfindet. “Denn solange das Arbeitsvermögen nicht selbst sich austauscht, beruht die Grundlage der Produktion noch nicht auf dem Austausch, sondern der Austausch ist bloß ein enger Kreis, der auf Nichtaustausch auf seiner Basis ruht, wie in allen der bürgerlichen Produktion vorhergehenden Stufen.”[5]Es fehlt die alles entscheidende Bedingung. “Das Herrschen nämlich des Tauschwert selbst und der Tauschwert produzierenden Produktion unterstellt fremdes Arbeitsvermögen als Tauschwert – d. h. Trennung des lebendigen Arbeitsvermögens von seinen objektiven Bedingungen.”[6]


Hier gewinnt nun die ‘überschüssige Bevölkerung’, die bislang in der Wirtschaft nur als tote Kosten eine Rolle gespielt hat, eine positive, formbestimmende Geltung. Das ist die Masse all derer, die im Laufe der Jahrhunderte von ihrem ursprünglichen Arbeitswerkzeug, dem Boden, enteignet und vertrieben wurden – in verstärkten Maß im England des 18. Jahrhunderts, als der Adel in großem Stil (verpachtetes) Ackerland in (selbstbewirtschaftetes) Weideland umwandelte. 


Freilich spielt die überschüssige Be- völkerung ihre formbestimmende Rolle nicht aus eigenem Vermögen. Eine technische Neuerung weist ihr diesen Platz zu.Es war der Gebrauchswert der Dampfmaschine, des im Werkzeug fest angelegten ‘fixen’ Kapitals, der den Gebrauchswert des Arbeitsvermögens, die Arbeit, zum Tauschwert-an-sich bestimmt hat. 


Erst, wenn die Arbeit ihrerseits als Ware gehandelt wird, kann sie sich im Austauschprozeß als dessen durchschnittlich gültiger Maßstab ‘ausmitteln’. An ihm kann Alles miteinander verglichen und gegeneinander getauscht werden. Die Bedürfnisse behaupten sich als geltend durch das Maß, in dem sie über (eigenes oder fremdes) Arbeitsvermögen verfügen, gültig wird ein Bedürfnis als tauschwertbewehrte “effektive Nachfrage”. Durch die bestimmte Art der Produktion ist eine bestimmte Weise der Aneignung eo ipso mit’gesetzt’. Seither verteilen die Ressourcen ‘sich selber’, d. h. nach einer ökonomischen Regel, auf die Bedürfnisse: “Die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit [auf die 'verschiedenen Bedürfnismassen'] durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert.”[7]


Diese Regel beruht auf der Doppelnatur der Arbeit. Sie ist einerseits Verausgabung eines lebendigen Vermögens. Andererseits kann sie – unter gegebenen sachlichen Voraussetzungen – mehr ‘Werte’ schaffen, als zu dessen eigener Erzeugung und Erhaltung erforderlich waren. Wer über dieses Vermögen verfügt, eignet sich den Mehr-Wert an, nicht wer es (verausgabend) realisiert. Dieses “Wertgesetz” ist keine den Sachen selber innewohnende Kraft noch eine eigenmächtige Bewegung der Begriffe, sondern nur die gedankliche Schematisierung eines wirklichen Geschehens unter gegebenen Bedingungen.


Die Bedingungen waren, daß die Ressourcen schlechterdings knapp, aber schlechterdings durch Arbeit vermehrbar sind, und daß Arbeit die allgemeingültige Ware ist, weil Lohnarbeit vorherrscht. Das wiederum setzt voraus, daß das Arbeitsvermögen regelmäßig von den Mitteln seiner Realisierung getrennt ist.


Die Vermehrung der Ressourcen beruht auf der wachsenden Produktivität der Arbeit; das heißt: fortschreitender Arbeitsteilung und Kooperation. Zu einem prozessierenden System wurden sie in der mechanisierten Fabrik der Großen Industrie ausgebildet.Technologisch bedeuten sie die progressive Übertragung von Leistungen des lebendigen Arbeiters auf das Arbeitsmittel. Im indu striellen Fertigungsprozeß kommt die Arbeit wesentlich als Durchschnittsgröße vor, Verausgabung von standardisierter Kraft, technischem Geschick und nervlicher Ausdauer; wobei die individuelle Intelligenz des lebendigen Arbeiters nur residual und als Fehlerquelle auftritt. Es handelt sich um all das, was an der produktiven Handlung wiederholbar ist. Ist es wiederholbar, dann ist es mechanisierbar. All dies wird im Lauf der technischen Entwicklung sukzessive in das Arbeitsmittel selbst eingebaut: in die Maschine. 


„In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wahren Reichtums abhängig weniger von dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder in keinem Verhältnis stehen zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie. Was Tätigkeit des Arbeiters war, wird Tätigkeit der Maschine.“ So tritt der Arbeiter „neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört [auf] und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [Maß] des Gebrauchswerts.“ 


Mit andern Worten, das Wertgesetz verfällt. 


Es ist – unmittelbar – der Gebrauchswert des fixen Kapitals, der sich ändert, und – mittelbar – der Gebrauchswert der verbleibenden lebendigen Arbeit: “Hier wieder ein Beispiel von der Wichtigkeit der Bestimmung des Gebrauchswerts für die ökonomische Formbestimmung.”[10]


Seine Erfüllung findet der Prozeß der technologischen Arbeitsteilung in den computergesteuerten automatisierten Werkstätten der Gegenwart.Dort wird noch lange nicht die größte Menge an Gebrauchsgegenständen, aber längst die größte Wertmasse erzeugt. In deren Werkhallen überwacht ein Fachmann einen Komplex von Automaten, die die Arbeiten von einst Hunderten besorgen. Er versteht was davon, aber er tut normalerweise nichts. Dort entsteht täglich der vielfache Wert seines monatlichen Arbeitsentgelts, wobei es auf ein paar Nullen mehr oder weniger nicht ankommt. Kann man sagen, diese Wertmasse bestünde aus seiner “unbezahlten Mehrarbeit”? Dem ‘Begriff’ entspricht es weiterhin, aber der Begriff ist offenbar aus seinen Nähten geplatzt. Er ist unverhältnismäßig geworden und der Sache nicht mehr angemessen.


Nun ist auch noch ein Teil, nämlich der kombinatorische Anteil der lebendigen Intelligenz als ‘Programm’ kodiert worden und auf die Maschinen selbst übergegangen. Als Spezifikum der wirklichen lebendigen Arbeit, das schlechterdings nicht digitalisiert und kybernetisiert werden kann, ist am Ende des Prozesses allein der inventive, konzipierende Anteil der Intelligenz übrig geblieben: das lebendige Einbildungs- und Urteilsvermögen. Die Arbeitsteilung erreicht einen Punkt, wo sie die Qualität der Arbeit verändert. Die ‘Gebrauchswertseite’ macht sich gegen die bloße Formbestimmung (wieder) geltend. Das Individuelle gewinnt über den Durchschnitt die Oberhand. Der Tauschwert verfällt. 


Ressourcen, die durch Arbeit vermehrt werden können, sind an sich nun nicht mehr knapp. Virtuell sind die Bedürfnisse befriedigt, “produktionell” herrscht Überfluß. Wo Mangel aktuell noch immer auftritt, ist er kein ökonomisches, sondern lediglich ein Verteilungsproblem, das “nur noch” politisch gelöst werden muß. Und umgekehrt werden zusehends solche Ressourcen knapp, die durch Arbeit nicht vermehrt werden können und ipso facto keinen Tauschwert haben. Deren Verteilung auf die Bedürfnisse ist von Anfang an keine ökonomische, sondern “nur” eine politischen Aufgabe. 


Arbeit bleibt übrig als schiere Intelligenz: Einbildungs- und Urteilsvermögen. Deren Betätigung bezeichnen wir mit dem aktivischen Zeitwort wissen. Insofern ist die Feuilletonrede vom “Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft” treffender als ihre Kolporteure denken. Freilich, nicht die Datei – nicht die Daten und schon gar nicht deren Gespeichertsein – macht Wissen aus, sondern die Generierung von Wißbarem; denn die Kombinatorik besorgt die Maschine. Ein so auf seinen ‘einfachsten Ausdruck’ zurückgeführtes Arbeitsvermögen ist nun nicht mehr regelmäßig getrennt von den Bedingungen seiner Ausübung. Es reicht ein Internetanschluß, mag man zugespitzt sagen.


Aber Intelligenz hat keinen Tauschwert. Weil einbilden und urteilen nur actu geschieht und als solches nicht wiederholbar ist, wird der Philosoph sagen. Doch die Erzeugnisse von Einbildung und Urteil kann man sehr wohl wiederholen, sogar hersagen, ohne sie zu verstehen. Und gerade darum hat Intelligenz keinen Tauschwert: “Das Produkt der geistigen Arbeit steht immer tief unter ihrem Wert. Weil die Arbeitszeit, die nötig ist, um sie zu reproduzieren, in gar keinem Verhältnis steht zu der Arbeitszeit, die zu ihrer Originalproduktion erforderlich ist. Z.B. den binomischen Lehrsatz kann ein Schuljunge in einer Stunde lernen.”[11] 


Der Tauschwert ist keine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine durch den gesellschaftlichen Verkehr ihm zugerechnete Größe, “nur eine eingebildete, d.h. bloß soziale Existenzweise der Ware, die mit ihrer körperlichen Realität nichts zu schaffen hat; sie wird vorgestellt”[12] nicht als die Arbeit, die gestern zu seiner Herstellung wirklich aufgewendet wurde, sondern als die Arbeit, die heute notwendig wäre, um es wieder herzustellen. 


Die Ausbildung – oder sagen wir besser: die Bildung einer lebendigen Intelligenz mag viele lange Jahre dauern und ein Vermögen kosten. Aber ihre Produktionen sind so gut wie gar nichts ‘wert’, weil schon morgen sie die Spatzen von den Dächern pfeifen oder ein ABC-Schütze mit der Maus klickt. Wo soll da ein Mehr-Wert herkommen? Selbst in seinem innersten Kern, dem Doppelcharakter der Arbeit, führt sich das Wertgesetz ad absurdum.


Das Arbeitsprodukt muß, um als individueller Gebrauchswert zur Geltung zu kommen, zwischenhin die allgemeine Geltung als Tauschwert annehmen. Der Ort dieses Umschlags ist öffentlich: der Markt. Öffentlich ist auch der Umschlagplatz der Gedanken, öffentlicher denn je: das Internet. Zur Geltung kommen beide durch Verkehr. 


Die Arbeiten tauschen sich nicht unmittelbar gegeneinander. Arbeit ist reell immer eine bestimmte, qualitativ besondere Tätigkeit, Gebrauchswert, und kann unmittelbar nicht verglichen werden; sondern nur privat “geschätzt”. Verglichen wird die Produktivität der – durchschnittlichen – Arbeit: vergegenständlicht im Tauschwert des Arbeitsprodukts. Das Produkt der Intelligenz sind die Gedanken. Vergleichen kann man sie auch mittelbar nicht. Aber sie ‘vergegenständlichen’ sich auf ihre Weise, im Datenspeicher. Doch der Tauschwert des 

Buchs beruht nicht auf den vergegenständlichten, schriftlich symbolisierten Gedanken, sondern auf seinem Materialwert: den Herstellungskosten. Hinzu kommt, als imaginäres, spekulatives Element, der Idealwert der Namen: der Ruf des Autors und des Verlegers. Die beeinflussen den Absatz. Ob und wie weit, kann aber nicht gemessen, sondern wiederum nur geschätzt werden (so wie der Käufer seinen Gebrauchswert ‘schätzen’ muß). Das gilt für “alle Produkte der Kunst und Wissenschaft, Bücher, Gemälde, Statuen usw. eingeschlossen, soweit sie sich dinglich darstellen”.[13] 

Um Tauschwert zu haben, muß sich die verausgabte Arbeitskraft irgendwo in Res extensa vergegenständlichen, denn anders könnte sie nicht angeeignet werden, nämlich so, dass jeder Andere von ihrem Gebrauch ausgeschlossen ist. Sollten Gedanken ‘Wert’ haben, so könnte er doch nicht als Tauschwert erscheinen: Denn sie können nicht den Eigentümer wechseln. Sie sind, einmal in die Welt gesetzt, öffentlicher Besitz. Sie sind das Öffentlichste überhaupt. Angeeignet werden kann der Datenträger, der sie speichert. Ist aber das Medium selber öffentlich, entfällt auch das. Sie sind eine virtuelle Realität. Nur virtuell, soweit sie erst noch vernommen werden müssen. Aber real sind sie auch unabhängig von ihrem Träger. Genauer gesagt, ist das Medium auch global und öffentlich zugänglich – irgendwo müssen sie schon gespeichert sein, aber wo und wie ist ganz gleichgültig, es könnte in Vergessenheit geraten, ohne der Präsenz der Gedanken Abtrag zu tun. ‘Wirklich real’, nämlich ursächlich wirkend werden sie freilich erst durch die Intelligenz, die sie vernimmt.


Die Nützlichkeit der Arbeiten kann nur mittelbar, durch den Tauschwert verallgemeinert werden. Die Gedanken sind unmittelbar allgemein, sie ‘haben’ keinen Wert, sondern sind ein Gut. Darum werden sie nicht ausgetauscht, sondern mitgeteilt. Wie weit sie geschätzt werden, wird man an ihren Wirkungen erkennen. Aber messen kann man es nicht. 


Noch sind Fragen des geistigen Eigentums erst in der Popmusik wirtschaftlich akut. Dort betrifft das Urheberrecht lediglich die Melodie, jenes einzig ‘diskursive’ Element der Musik, das sich digital objektivieren läßt. Darüber hinaus reduziert es sich seit dem kommerziellen Niedergang der Datenträger auf den ewig prekären Kopierschutz. Rhythmik, Klangmischung, Harmoniefolgen, Stil – also alles, was den sound und mithin das Allereigenste eines pop acts ausmacht – lassen sich nicht schützen, weil sie sich nicht vereindeutigen und hinreichend bezeichnen lassen. Und ist es eine Utopie, daß schließlich noch die Stimmen der Sänger gesampelt und digital nachgeahmt werden? Von “Austausch” wird man in dieser Branche schon kaum noch reden können. Aber sie ist nur die Tête der technologischen Entwicklung. Zugleich bleibt die ungebremste Exuberanz der Unterhaltungsindustrie selber der sichtbarste Indikator für das Veralten der Arbeitsgesellschaft.[14] Die IT-Revolution durch das Internet hat bei der Entfaltung der Produktivkräfte dieselbe Dimension wie einst die industrielle Revolution nach der Erfindung der Dampfmaschine. Brachte jene die Vollendung der Arbeitsgesellschaft, so bringt diese ihre Auflösung. 


Wir wissen, welche Welt zu Ende geht. Wir wissen nicht, welche Welt entsteht. Es nützt nichts, aus dem Kaffeesatz zu lesen, welcher Parameter uns morgen ‘Maß und Substanz’ der Werte liefern kann, wenn es denn die Arbeit nicht mehr tut. Man muß sich – vielleicht noch nicht wir, aber die zwei, drei Generationen nach uns – auf eine Welt einstellen, in der die Sachen nichts mehr ‘wert’ , oder wo nicht mehr die Sachen etwas ‘wert’ sind. Das wäre keine andere Art des Wirtschaftens, sondern es wäre kein Wirtschaften mehr. Kein Ermitteln von Durchschnittsgrößen in blinden, selbstgesteuerten ‘Prozessen ohne Subjekt’, sondern Einbilden und Urteilen, wann und wo sich’s ergibt. Keine ökonomische, sondern eine politische Gesellschaft. 


Nach der Erfindung des aufrechten Gangs, nach dem Einbruch der Arbeit in unser Gattungsleben wird dies unser dritter Großer Sprung. Es ist allerdings das erste Mal, daß wir in vollem Bewußtsein springen. Das gibt der Feuilletonvokabel Wissensgesellschaft eine unerwartete Pointe. 


* 


Das Wertgesetz sagt nichts über die Eigenschaften von Dingen, sondern beschreibt Verhältnisse zwischen Personen. Gegen den Satz ‘Die Verhältnisse haben sich geändert’ wäre der Einwand ‘Aber die Dinge sind noch dieselben’ wahr, aber ohne Bedeutung. Tant pis für die Wirklichkeit, wird der Hegelianer sagen, wenn das Wirkliche seinem Begriff entweicht. Aber auf einen Autor, dem man eine “materialistische Geschichtsauffassung” nachsagt, wird er sich dabei nicht berufen wollen.


Nach dem politischen Programm geht das Kapital in der proletarischen Revolution unter. “Mit der Entwicklung der großen Industrie” produziert die Bourgeoisie “vor allem ihre eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.”[15] 


Daraus ist nun nichts geworden. 


Nach der Kritik der Politischen Ökonomie geht das Kapital am Sinken der Durchschnittsprofitrate zugrunde. “Je entwickelter also schon das Kapital, je mehr Surplusarbeit es geschaffen hat, um so furchtbarer muß es die Produktiv- kraftentwickeln, um sich nur in geringem Maße zu verwerten, d.h. Mehrwert zuzufügen… Die Selbstverwertung des Kapitals wird schwieriger in dem Maße, wie es schon verwertet ist. Die Vermehrung der Produktivkräfte würde dem Kapital gleichgültig; die Verwertung selbst, weil ihre Proportion minim geworden ist; und es hätte aufgehört, Kapital zu sein.”[16] Es ist der Gebrauchswert des ‘fixen’ Kapitals, der sich formbestimmend geltend macht. “Es zeigt sich hier [...], wie der Gebrauchswerth, der uns ursprünglich nur als materielles Substrat der ökonomischen Verhältnisse erscheint, selbst in die ökonomische Kategorie eingreift.”[17] 


Das läßt sich der Natur der Sache nach nicht rechnerisch ermitteln. Die Menge der Profite ist global, grob gesagt, gleich der Menge der Mehrwerte; doch das einemal bezogen auf das eingesetzte Gesamtkapital, das andre Mal bezogen nur auf die Menge des Arbeitslohns. Weder die globale Menge der Profite noch die globale Menge der Arbeitslöhne lassen sich statistisch erfassen, und folglich ein Durchschnittsverhältnis schon gar nicht errechnen. Ob die Profitrate global sinkt oder nicht, ließe sich nur aus krisenhaften Momenten im globalen Marktgeschehen, und nur mit großem interpretatorischem Scharfblick, erschließen. Allerdings – nur dort ist es auch von Belang. Doch weder der gegenwärtige Welthandelsboom noch eine momentane Börsenschwäche beweisen unmittelbar dieses oder jenes.




Jede technische Revolution entwertet das vorhandene, im Maschinenpark angelegte (‘fixe’) Kapital und verbilligt den ‘zirkulierenden’ Anteil am ‘konstanten’ Kapital (Werkstoffe); und senkt so die ‘organische Zusammensetzung’ des Kapitals zugunsten des ‘variablen’ Anteils, der Arbeitslöhne, die allein Mehrwert generieren. Die – noch erst beginnende – IT-Revolution bedeutet, rein als technologische Innovation innerhalb des industriellen Rahmens aufgefaßt, eine Kapitalvernichtung, wie sie zuvor nur die Weltkriege gebracht haben. Bei offenkundig weiter steigender Arbeitsproduktivität ist nicht abzusehen, daß die Durchschnittsprofitrate sinken müßte. Doch wie dem auch sei: Das ist eine ‘innertheoretische’ Frage, die ich hier nicht auszuführen habe.


Das Verständnis der Kritik der Politischen Ökonomie war stets belastet von dem ebenso verschämten wie hartnäckigen Vorurteil, es ginge überall nur um die Formbestimmung, und neben dem Tauschwert sei der Gebrauchswert ohne theoretischen Belang. So ist es freilich in der Politischen Ökonomie. Aber eben darauf zielte die Kritik: Es ist die besondere Natur der Arbeitskraft als Ware, daß ihr Gebrauchswert – nämlich ihre produktive Verausgabung – durch seinen Gegensatz zu ihrem Tauschwert formbestimmend wird für das ganze System der bürgerlichen Gesellschaft. Der Tauschwert ist durchaus nicht die höhere, sondern lediglich eine historisch, d. h. situativ bedingte Darstellungsweise der reellen Nützlichkeiten dieses oder jenen Dings. Ausschlaggebend wird am Ende die Qualität, nicht die Travestie.  


Vergeblich hat Marx darauf bestanden, “daß also bei mir der Gebrauchswert eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie”.[18] Die Kritik wurde in eine positive Lehre verkehrt und einem feudalbürokratischen Vergeudungs- und Verknappungsregime [19] dienstbar gemacht, in der sie untergegangen ist. Der Fetischismus der bloßen Form ist das Lendentuch aller bürokratischen Herrschaft. Er ist ein Arkanum in rationellem Gewand. “Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkomodieren sucht, nenne ich gemein.”[20] Mit dieser Gemeinheit hat es nun ein Ende, die Parasitenwirtschaft ist selber untergegangen. Die Wissenschaft kann auf ihren eignen Standpunkt zurückkehren. Theorie wird wieder benötigt.




________________________________________________________
Anmerkungen
 
[1] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei, Marx-Engels-Werke, Berlin (O) 1968ff., Bd. 4, S. 459-493
[2] K. Marx in: Die Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 28
[3] ders., ‘Zweiter Entwurf des Kapitals’, Marx-Engels-GesamtAusgabe, Abt. II/3.1, Berlin 1976, S. 36
[4] ders., Das Kapital I, MEW 23, S. 55
[5] ders., Grundrisse, MEW 42, S. 574f
[6] ebd., S. 417. - Ein individuelles Bedürfnis (=nach Gebrauchswert) gilt als gesellschaftliche Nachfrage (=nach Tauschwert) nur, wenn es als 'Kommando über fremde Arbeitskraft' auftritt. Tritt es lediglich als Kommando über eigne Arbeitskraft auf, muss es diese erst zu Geld machen, "veräußern", in 'Kommando über fremde Arbeitskraft' umtauschen, um zu gesellschaftlicher Geltung zu gelangen. Gelingt ihr das nicht, wird sie nicht als Nachfrage geltend, bleibt privat, fällt gesellschaftlich nicht ins Gewicht. - Nicht die konkrete Arbeit zählt, sondern die anteilige Verfügung über das Abstraktum Arbeitskraft.
[7] ders., Brief  an Ludwig Kugelmann, 11. 7. 1868; MEW Bd. 32, S. 553
[8] “Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit… vollendet sich … in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten großen Industrie.” K. Marx, Das Kapital I, MEW Bd. 23, S. 446
[9] K. Marx, Grundrisse, in: MEW, Bd. 42, S. 600f.
[10] ders., Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, S. 489
[11] aaO., MEW Bd. 26.1, S. 329
[12] ebd., S. 141f.
[13] ebd., S. 142
[14] siehe hierzu J. Ebmeier, Michael Jackson – das Phänomen, Mainz 1999
[15] Manifest der kommunistischen Partei, aaO., S. 474
[16] K. Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 258f.
[17] ders., ‘Zweiter Entwurf…’, MEGA Abt. II/3.5, Berlin 1976, S. 1676
[18] ders., Randglossen zu Adolph  Wagners Lehrbuch…, in: MEW, Bd. 19, S. 371
[19] siehe hierzu Leo Trotzki, Die verratene Revolution in: ders., Schriften 1, Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Bd.1.2, Hamburg 1988, S.687-1011
[20]K. Marx, Theorien über den Mehrwert/2, MEW 26.2, S. 112
[Motto aus: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hegel-Werke, Ffm. 1969-71, Bd. 7,  S. 28]




Nota. - Die Bilder auf dieser Seite gehören mir nicht, ich habe sie im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 9. Juni 2018

Konkurrenz ist Vermittlung.



Mit Ausnahme seiner eignen Arbeiter, erscheint jedem Capitalisten gegenüber die Gesammtmasse aller andren Arbeiter nicht als Arbeiter, sondern als Consumenten; Besitzer von Tauschwerthen (Salair), Geld, das sie gegen seine Waare austauschen. Sie sind ebensoviel Centren der Circulation von denen der Akt des Austauschs aus-geht und der Tauschwerth des Capitals erhalten wird. Sie bilden einen proportionell sehr grossen Theil – ob-gleich not quite so great as is generally imagined, wenn man die eigentlich industriellen Arbeiter im Auge hält – der Consumenten. 

Je grösser ihre Anzahl – die Anzahl der industriellen Bevölkerung – und die Masse Geld, worüber sie zu verfü-gen haben, desto grösser die Austauschsphäre für das Capital. Wir haben gesehn, daß es die Tendenz des Capi-tals die Masse der industriellen Bevölkerung möglichst zu steigern. / ... 

Eigentlich geht uns hier das Verhältniß des einen Capitalisten zu den Arbeitern der andren Capitalisten noch gar nichts [an]. Es zeigt nur die Illusion jedes Capitalisten, ändert aber nichts am Verhältniß von Capital über-haupt zu Arbeit. Jeder Capitalist weiß von seinem Arbeiter, daß er ihm gegenüber nicht als Producent dem Consumenten [gegenüber] steht und wünscht seinen Consum, i. e. seine Tauschfähigkeit, sein Salair möglichst zu beschränken. Er wünscht sich natürlich die Arbeiter der andren Capitalisten als möglichst grosse Consu-menten seiner Waare. 
___________________________________________ 
Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 330-33 [MEW 42, S. 332f.]    

 
Nota I. – Grob gesagt: Der Kapitalist wünscht, dass seine eignen Arbeiter möglichst wenig und die Arbeiter der andern Kapitalisten möglichst viel verdienen. Denn die Kapitalien konkurrieren. Anders hätte eine Arbeiterbe- wegung nicht entstehen können.

Konkurrenz ist keine zufällige, sondern die wesentliche Bestimmung des Kapitals. Wieso muss das Kapital Mehrwert hervorbringen? Um es zu akkumulieren. Warum muss es akkumulieren? Weil der Konkurrent ak- kumuliert – und, indem er billiger produziert, sich vom gemeinsam erwirtschafteten Mehrwert durch den Ausgleich der Profitrate auf dem Markt einen Extraprofit aneignet, den er dem Konkurrenten entzieht, und schließlich schneller akkumuliert als jener – und ihn womöglich am Ende auffrisst.

Der Kapitalist kann nicht wie ein Zunftbürger sagen: Klein, aber mein; ich begnüg' mich mit dem, was ich habe. Er muss konkurrieren.

19. 10. 15

Nota II. -  Von Gesellschaft in specie ist zu reden, sobald die Bedürfnisse Aller mit den Arbeiten Aller vermittelt sind. Vermittlung heißt hier: die Aufteilung des Gesamtarbeitstages auf... nein, nicht auf die Bedürfnisse der Gesamtheit, sondern auf die Bedürfnisse aller Einzelnen. Dass die Verteilung gerecht geschehe, ist eine politische Forderung - ein ökonomisches Erfordernis ist es nicht. Ökonomisch erforderlich ist, dass die Verteilung so er- folgt, dass der Prozeß am nächsten Tag wieder von vorn beginnen kann. 

Dafür sorgt unter den Bedingungen des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln die Konkurrenz. Sie sorgt dafür, dass auf dem Markt alle Warenanbieter im Schnitt einander im Preis unterbieten, mit andern Worten: dass sie Arbeitszeit einsparen. So kann der Prozess immer und immer wieder auf höherer Stufe neu beginnen.

Das wäre perfekt, wenn der Prozess tatsächlich immer wieder auf höherer Stufe neu begönne. Auf der Grund- lage des Wertgesetzes müsste aber schließlich der Punkt erreicht sein, wo die konkurrierenden Kapitale einan- der soweit unterboten haben, dass ihre Einkünfte nicht mehr ausreichen, den Prozess neu in Gang zu setzen. Wobei es nicht möglich ist, theoretisch diesen Punkt vorab zu bestimmen. Es kann sein, dass er faktisch nie erreicht wird.

Die Vermittlung zwischen den Bedürfnissen und den einsetzbaren Produktivkräften fände nicht mehr statt. Der gesellschaftliche Verkehr käme zum Erliegen, die Gesellschaft zerfällt.

*

Das alles hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Was als gerecht gelten soll, kann nur politisch entschieden wer- den. Eine Vermittlungsinstanz, die die als gerecht erachteten Normen in ökonomische Prozesse umsetzt, müsste in jedem Fall erst noch gefunden werden.
JE



Dienstag, 30. Januar 2018

Ist die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie?


Gerrit Dou

Die KpÖ ist keine positive Beschreibung der wirklichen ökonomischen Vorgänge. Sie ist ein logisches Modell. Das Wirtschaftsgeschehen ist aber keine logische Operation, sondern besteht aus wirklichen Alltagsereignissen. Wozu also das Modell?

Der Test auf die Theorie ist in der Wissenschaft, sagt Marx [irgendwo?], das Experiment. Anders als in den Naturwissenschaften könne man in den Gesellschaftswissenschaften keine Versuchsanordnungen arrangieren. Das Gedankenexperiment müsse das Labor ersetzen. Das logische Modell ist dazu da, Gedankenexperimente zu ermöglichen.

Auch die positive Volkswirtschaftslehre liebt Modelle: mathematische Modelle. Ihr Zweck ist es, den wirtschaftlichen Akteuren – bis hin zu den Wirtschaftspolitikern – Gedankenexperimente zu erlauben, die ihnen einen Anhaltspunkt für praktische Entscheidungen geben. Im reellen Wirtschaftsgeschehen sind Experimente übrigens durchaus möglich. Schon mancher Unternehmer hat sein Geschäft nach dem trial an error Prinzip betrieben. War er dann pleite, dann ist er um eine Erfahrung reicher, aber um sein Kapital ärmer. Beim nächsten Mal würde er es besser machen, aber leider gibt es kein nächstes Mal. Dem zockenden Wirtschaftspolitiker mag es ebenso ergehen. Mathematische Modelle sind praktisch-spezifisch. Der praktische Zweck ist a priori gegeben: der größtmöglich Nutzen für den, der zu entscheiden hat. Das Modell erlaubt zu errechnen, welcher kurzfristige Nutzen heute meinen langfristigen Nutzen morgen und übermorgen kompromittieren könnte; und rät gegebenenfalls an, auf das unmittelbar Naheliegende zu verzichten.

Das logische Modell der KPÖ hat nicht den Zweck, praktische Entscheidungen zu ermöglichen. Es dient dazu, durch experimentelle Versuche am Modell Fragen zu formulieren, die an das wirkliche Wirtschaftsgeschehen gestellt werden können, um das Funktionieren des Gesamtgeschehens zu verstehen. Es ist ein kritisches Werkzeug gegenüber dem ökonomischen Globalprozeß, und keine Untersuchung individueller Entscheidungsmöglichkeiten.

So wie im Übrigen die "Versuchanordnung" des Naturwissenschaftlers in seinem Labor ebenfalls nicht die wirkliche Natur ist, sondern eben ein Modell davon – genauer gesagt, das Modell eines vorab gedanklich isolierten Teils davon. Seine Ergebnisse bilden keineswegs die Vorgänge in der Wirklichkeit ab, sondern geben ein cue, ein kritisches Werkzeug für deren Beobachtung. Freilich stellt auch der ökonomische Globalprozeß, den das Modell der KPÖ 'repräsentiert', nicht das ganze gesellschaftliche Leben dar, sondern - wiederum - nur einen davon gedanklich vorab isolierten Teil…

[Fall der Profitrate]

Das Kapital interessiert sich nicht für die Rate, sondern für seinen Profit – im Verhältnis zu… Ja, im Verhältnis wozu?

Den Aktionär interessiert allerdings die Rate: Wie hoch ist seine Rendite, im Vergleich zur Rendite in andern Unternehmen (oder Geschäftszweigen)? Ist sie nämlich niedriger als dort, verschiebt er seine Anlage in den profitableren Sektor. Ist die Durchschnittsrendite 5%, dann wird er mit 4% nicht zufrieden sein. Liegt sie bei 3%, wird er sich mit 4% glücklich schätzen (und es bald mit dem konkurrierenden Kapital zu tun bekommen, das nun in seinen Sektor  strömt). Der Aktionär zieht seine Anlage erst dann aus dem Verkehr, wenn er gar nichts mehr bekommt – und legt einen Schatz an. [Die um sich greifenden Hedge Fonds…?]

Für das operierende Kapital ist der Bezugspunkt aber nicht der Durchschnitt, auch unmittelbar noch nicht die Gewinnspanne der Konkurrenten, sondern die absolute Größe, die ein Geldbetrag haben muß, um wieder als Kapital fungieren zu können. Wie groß die Summe seines Gewinns sein muß, um neu ins Geschäft einzutreten, oder eine bestehende Anlage so zu erweitern, daß sie zusätzlichen Profit erbringt. Das heißt, so lange die Akkumulation schneller voranschreitet, als die Profite sinken…

Das Modell der KPÖ hilft dem individuellen Kapital kein bisschen bei seinen Entscheidungen. Es erlaubt lediglich, das globale wirtschaftliche Geschehen danach zu befragen, welche krisenhaften Ereignisse als Ausdruck einer global fallenden Profitrate interpretiert werden können.

[Wert]

Der 'naturalistische Wertbegriff' (Preobraschenski gg. Bucharin) ist die Vorstellung, der Wert sei eine sachliche Eigenschaft der Waren als res extensae. Das gilt aber nicht einmal für den Gebrauchswert. Sicher, hätte das Getreidekorn keinen so hohen Anteil an Kohlehydraten, hätte es keinen Nährwert für die Menschen. Aber der Nährwert der Kohlehydrate liegt nicht in ihnen selbst begründet, sondern in der Organisation des menschlichen Stoffwechsels. Jene ist zu diesem hinzugetreten, nicht umgekehrt. [Na ja, Selektion und Anpassung…] Der Tauschwert entsteht (um im Bilde zu bleiben), weil der menschliche Stoffwechsel auch Fett, Proteine und Mineralien braucht, und sie sich nicht gegenseitig ersetzen können. Eine überschüssige Menge Kohlehydrate muß daher gegen eine fehlende Menge Fett oder Protein eingetauscht werden. So geschieht es, dass die drei im gegebenen Fall einander vergleichbar werden. Ihre Vergleichbarkeit liegt nicht in ihrer stofflichen Zusammensetzung – gerade an der nicht –, sondern in der Natur des Bedürfnisses, auf das sie stoßen.

……

'Wert' ist eine rein logische Funktion, bloß fiktionale "Rechengröße" in einem Gedankenexperiment, der Nichts entspricht von Allem, das im reellen Wirtschaftsprozess tatsächlich vorkommt. 'Wert' ist ein Wert, der "vorkommen würde, wenn" in einem arbeitsteiligen Gemeinwesen, wo jeder nur für Andere produziert, vorab ein Plan aufgestellt würde von der verfügbaren Arbeitszeit (wobei die unterschiedlichen Arbeitsqualitäten auf "zusammengesetzte" Arbeit umgerechnet wären), und dann die Produkte der Einzelnen auf die – ebenfalls vorab quantitativ umgerechneten – Bedürfnisse verteilt würden. Siehe "Randglossen zum Gothaer Programm": 'Zunächst' würde jeder von den vorliegenden Produkten den Anteil erhalten, der seinem Anteil an der verausgabten Arbeit(szeit) entspricht. An der Lohnhöhe würde sich gegenüber der Markt-Wirtschaft also kaum was ändern (bloß die Privatrevenue der Bourgeois; verrechnet gegen das Gehalt der nun erforderlichen Planungsfachleuten); ein 'Mehrwert' würde immer noch zurückgehalten zwecks Instandhaltung und Akkumulation. Erst in einem "2. Stadium" wären nicht die 'Werte' der Produkte Maßstab der Verteilung, sondern die Gewichtung der Bedürfnisse. Dann wäre der 'Wert' = 'durchschnittliche Arbeitszeit' eine bloße Messeinheit; nicht mehr Maßstab!

(Fragt sich freilich, ob sich ohne Tauschwert, der dazwischenträte, die 'Zusammengesetztheit' der Arbeiten aus so und soviel 'Durchschnittsarbeiten' irgendwie ermitteln ließe! Man müsste es aus den 'Produktionskosten' einer jeden 'Arbeitskraft' errechnen – also was er wie lange gelernt hat; wobei kein Mittel wäre, zu erfahren, ob er das, was er gelernt hat, auch wirklich tut! Wo der Tauschwert herrscht, erfährt man's – hinterher: Wenn das Zeug nicht gegen die Konkurrenz bestehen kann. In der DDR gab's keine Konkurrenz, daher… [usw.]! M. a. W., die 'gesellschaftlich notwendige' Durchschnittsarbeit ist ebenso eine fiktionale Größe zwecks Gedankenexperiment.)

Aber wenn sie nicht die Arbeit zum Maß nähmen; wenn sie jeden einzelnen Gegenstand dem je individuellen Bedürfnissen nach je besonderen Gesichtspunkten zumessen würden – dann wäre eben auch das deren jeweiligen 'Wert'. Nur dass es eben kein allgemeines Maß der Werte gäbe. So wird man sich die 'naturwüchsige' Verteilung in den ursprünglichen Gemeinschaften denken müssen. Daß dabei 'Alle gleich' gewesen wären, wird man kaum annehmen können.

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit [20] als Wert dieser Produkte, als ein von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteil der Gesamtarbeit existieren."
Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, MEW 19, S. 19f.

Entwurf, 16. 5. 2015

* 

Hier bricht der Entwurf ab. Ob die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie ist - ein Modell der bürgerlichen Gesellschaft -, blieb unbeantwortet. Was hat mich vom Weiterschreiben abgehalten? Wohl eine dringendere Arbeit, denn ein Geheimnis ist die Ausführung ja nicht:

Das theoretische Modell, von dem Marx ausgeht, ist das Klassische System der Politischen Ökonomie, auch das Smith-Ricardosche System genannt. Tatsächlich hat Marx, als er begonnen hat, an dem Werk zu arbeiten, das schließlich unter dem Titel Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie erschien, noch gemeint, er sei lediglich dabei, dieses System zu vervollständigen.

Einer Vervollständigung bedurfte es allerdings. Denn das theoretisch bedeutendste Problem dieser Theorie, wo nämlich der Mehrwert herkommt, wird bei Smith nur gestreift und von Ricarde als Problem nicht einmal mehr erkannt.

Wenn nämlich alle Marktteilnehmer Warenbesitzer sind und untereinander alle ihre Waren zu ihrem Arbeitswert, nämlich ihren Herstellungskosten, austauschen, wie es das Wertgesetz fordert, bleibt der Wert des Gesamtprodukts immer derselbe, ein Zuwachs geschieht nicht. 

Smith machte bei seiner Grundannahme, dass der Wert jeder Ware in der in ihr vergegenständlichten Arbeit bestünde, eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Arbeit selbst hat nämlich bei ihm einen natürlichen, nicht ihrerseits durch Arbeit bestimmten konstanten Wert, nämlich den Kornpreis. Die Arbeiter ernähren sich von Brot, das wird aus Korn gebacken, aber das Korn ist ein Produkt des Bodens, der Natur (gr. physis) und nicht der Arbeit. Das war ein physio kratischer Rest, und dies ausgerechnet mitten im Kern des ganzen Systems.* Ricardo hat Smith deswegen gescholten, aber eine andere Lösung vorgeschlagen hat er nicht; er hat nicht einmal eingesehen, dass eine Lösung theoretisch notwendig war.

Marx hat sich lange bei dem Versuch aufgehalten, den Mehrwert aus dem Begriff des Werts zu entwickeln und hat sich dabei zu seinem unglückseligen "Kokettieren mit der Hegel'schen Ausdrucksweise"  verleiten lassen; dies aber ohne Ergebnis. Erst als er sich, ersatzweise, dem Studium der wirklichen Geschichte der Produktionsweisen zuwendet - Formen, die der kapitalistischen Produktionsweise vorhergehen -, fällt ihm auf, dass der Lohnarbeiter im Unterscheid zu allen andern Marktteilnehmern kein gegenständliches Produkt zum Tausch anbietet, sondern sein lebendiges Arbeitsvermögen selbst. Etwas anderes hat er nicht, aber mit seiner bloßen Arbeitskraft kann er selber nichts anfangen: Ihm fehlen die Arbeitsmittel; mit andern Worten: das Kapital.

Das war nicht immer so; sie verfügten einmal über ein Arbeitsmittel; über Boden, früher, als sie noch Bauern waren, sei es als Pächter, sei es als Teilhaber am Gemeindeland. Wie kam es, dass sie darüber heute nicht mehr verfügen - etwa durch den 'Tausch gleicher Werte'? Keineswegs, sondern durch außerökonomische Gewalt; sie sind von Grund und Boden vertrieben worden.

Erst seither ist Arbeitskraft überhaupt zur austauschbaren Ware geworden, "von Natur" ist sie eine personale Eigenschaft. Sie kann daher auch nicht verkauft, sondern muss auf Zeit vermietet werden. Jetzt erst und unter diesen Bedindungen wird ihr Wert durch ihre Herstellungs-, d. h. Reproduktionskosten bestimmt. Aber daraus folgt unmitelbar, dass ihre Produkte nicht dem Eigentümer der Arbeitskraft gehören, sondern dem, der sie während der Arbeitszeit gemietet hat, denn der hat sie sachlichen Mittel bereitgestellt, die dem Arbeiter überhaupt erst erlaubt haben, seine Arbeitskraft zu verausgaben. Die Verausgabung der Arbeitskraft gehört dem Kapitaleigner, denn der hat sie bezahlt.

Kurz gesagt, eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ist die Kritik der Politischen Ökonomie nur, indem sie ein Kritik am Modell der Smith-Ricardoschen Schule ist. Als Theorie ist sie rein negativ. 

Das hat seine besondere Pointe. Denn da, wo die Kritik doch einen positiven Beitrag zur ökonomischen Theorie leistet, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nämlich (das schon vor Marx erahnt, abere nicht ausgeführt wurde), erweist sich, dass das, was von einer Theorie in specie erwartet wird: ein wirkliches Geschehen in Begriffe zu fassen, im Bereich des menschlichen Handelns gar nicht möglich ist. Zwar ist das Gesetz absolut und, wie es der Begriff verlangt, allzeit wirksam; aber ob in der gegenständlichen Welt aus der Tendenz jemals ein Akut wird, also ob die Profitrate jemals wirklich fällt, ist ausschließlich eine Sache der Wirklichkeit, die nur aus Zufällen besteht. Dass es irgendwann geschieht, ist logisch genauso gut möglich, wie dass es nie geschieht.

Insofern liefert die Kritik der Politischen Ökonomie einen abschließenden Beitrag über die Brauchbarkeit nomothetische und idiographischer Wissenschaft in der Geschichtsbetrachtung.

*) Es war weniger dumm, als es hinterher aussieht, denn es hatte den Augenschein für sich. Zu Smith's Zeit gab es in England Preisstatistiken seit rund 50 Jahren - und in dieser Zeit hatte sich der Kornpreis kaum verändert.