Dienstag, 30. Januar 2018

Ist die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie?


Gerrit Dou

Die KpÖ ist keine positive Beschreibung der wirklichen ökonomischen Vorgänge. Sie ist ein logisches Modell. Das Wirtschaftsgeschehen ist aber keine logische Operation, sondern besteht aus wirklichen Alltagsereignissen. Wozu also das Modell?

Der Test auf die Theorie ist in der Wissenschaft, sagt Marx [irgendwo?], das Experiment. Anders als in den Naturwissenschaften könne man in den Gesellschaftswissenschaften keine Versuchsanordnungen arrangieren. Das Gedankenexperiment müsse das Labor ersetzen. Das logische Modell ist dazu da, Gedankenexperimente zu ermöglichen.

Auch die positive Volkswirtschaftslehre liebt Modelle: mathematische Modelle. Ihr Zweck ist es, den wirtschaftlichen Akteuren – bis hin zu den Wirtschaftspolitikern – Gedankenexperimente zu erlauben, die ihnen einen Anhaltspunkt für praktische Entscheidungen geben. Im reellen Wirtschaftsgeschehen sind Experimente übrigens durchaus möglich. Schon mancher Unternehmer hat sein Geschäft nach dem trial an error Prinzip betrieben. War er dann pleite, dann ist er um eine Erfahrung reicher, aber um sein Kapital ärmer. Beim nächsten Mal würde er es besser machen, aber leider gibt es kein nächstes Mal. Dem zockenden Wirtschaftspolitiker mag es ebenso ergehen. Mathematische Modelle sind praktisch-spezifisch. Der praktische Zweck ist a priori gegeben: der größtmöglich Nutzen für den, der zu entscheiden hat. Das Modell erlaubt zu errechnen, welcher kurzfristige Nutzen heute meinen langfristigen Nutzen morgen und übermorgen kompromittieren könnte; und rät gegebenenfalls an, auf das unmittelbar Naheliegende zu verzichten.

Das logische Modell der KPÖ hat nicht den Zweck, praktische Entscheidungen zu ermöglichen. Es dient dazu, durch experimentelle Versuche am Modell Fragen zu formulieren, die an das wirkliche Wirtschaftsgeschehen gestellt werden können, um das Funktionieren des Gesamtgeschehens zu verstehen. Es ist ein kritisches Werkzeug gegenüber dem ökonomischen Globalprozeß, und keine Untersuchung individueller Entscheidungsmöglichkeiten.

So wie im Übrigen die "Versuchanordnung" des Naturwissenschaftlers in seinem Labor ebenfalls nicht die wirkliche Natur ist, sondern eben ein Modell davon – genauer gesagt, das Modell eines vorab gedanklich isolierten Teils davon. Seine Ergebnisse bilden keineswegs die Vorgänge in der Wirklichkeit ab, sondern geben ein cue, ein kritisches Werkzeug für deren Beobachtung. Freilich stellt auch der ökonomische Globalprozeß, den das Modell der KPÖ 'repräsentiert', nicht das ganze gesellschaftliche Leben dar, sondern - wiederum - nur einen davon gedanklich vorab isolierten Teil…

[Fall der Profitrate]

Das Kapital interessiert sich nicht für die Rate, sondern für seinen Profit – im Verhältnis zu… Ja, im Verhältnis wozu?

Den Aktionär interessiert allerdings die Rate: Wie hoch ist seine Rendite, im Vergleich zur Rendite in andern Unternehmen (oder Geschäftszweigen)? Ist sie nämlich niedriger als dort, verschiebt er seine Anlage in den profitableren Sektor. Ist die Durchschnittsrendite 5%, dann wird er mit 4% nicht zufrieden sein. Liegt sie bei 3%, wird er sich mit 4% glücklich schätzen (und es bald mit dem konkurrierenden Kapital zu tun bekommen, das nun in seinen Sektor  strömt). Der Aktionär zieht seine Anlage erst dann aus dem Verkehr, wenn er gar nichts mehr bekommt – und legt einen Schatz an. [Die um sich greifenden Hedge Fonds…?]

Für das operierende Kapital ist der Bezugspunkt aber nicht der Durchschnitt, auch unmittelbar noch nicht die Gewinnspanne der Konkurrenten, sondern die absolute Größe, die ein Geldbetrag haben muß, um wieder als Kapital fungieren zu können. Wie groß die Summe seines Gewinns sein muß, um neu ins Geschäft einzutreten, oder eine bestehende Anlage so zu erweitern, daß sie zusätzlichen Profit erbringt. Das heißt, so lange die Akkumulation schneller voranschreitet, als die Profite sinken…

Das Modell der KPÖ hilft dem individuellen Kapital kein bisschen bei seinen Entscheidungen. Es erlaubt lediglich, das globale wirtschaftliche Geschehen danach zu befragen, welche krisenhaften Ereignisse als Ausdruck einer global fallenden Profitrate interpretiert werden können.

[Wert]

Der 'naturalistische Wertbegriff' (Preobraschenski gg. Bucharin) ist die Vorstellung, der Wert sei eine sachliche Eigenschaft der Waren als res extensae. Das gilt aber nicht einmal für den Gebrauchswert. Sicher, hätte das Getreidekorn keinen so hohen Anteil an Kohlehydraten, hätte es keinen Nährwert für die Menschen. Aber der Nährwert der Kohlehydrate liegt nicht in ihnen selbst begründet, sondern in der Organisation des menschlichen Stoffwechsels. Jene ist zu diesem hinzugetreten, nicht umgekehrt. [Na ja, Selektion und Anpassung…] Der Tauschwert entsteht (um im Bilde zu bleiben), weil der menschliche Stoffwechsel auch Fett, Proteine und Mineralien braucht, und sie sich nicht gegenseitig ersetzen können. Eine überschüssige Menge Kohlehydrate muß daher gegen eine fehlende Menge Fett oder Protein eingetauscht werden. So geschieht es, dass die drei im gegebenen Fall einander vergleichbar werden. Ihre Vergleichbarkeit liegt nicht in ihrer stofflichen Zusammensetzung – gerade an der nicht , sondern in der Natur des Bedürfnisses, auf das sie stoßen.

……

'Wert' ist eine rein logische Funktion, bloß fiktionale "Rechengröße" in einem Gedankenexperiment, der Nichts entspricht von Allem, das im reellen Wirtschaftsprozess tatsächlich vorkommt. 'Wert' ist ein Wert, der "vorkommen würde, wenn" in einem arbeitsteiligen Gemeinwesen, wo jeder nur für Andere produziert, vorab ein Plan aufgestellt würde von der verfügbaren Arbeitszeit (wobei die unterschiedlichen Arbeitsqualitäten auf "zusammengesetzte" Arbeit umgerechnet wären), und dann die Produkte der Einzelnen auf die – ebenfalls vorab quantitativ umgerechneten – Bedürfnisse verteilt würden. Siehe "Randglossen zum Gothaer Programm": 'Zunächst' würde jeder von den vorliegenden Produkten den Anteil erhalten, der seinem Anteil an der verausgabten Arbeit(szeit) entspricht. An der Lohnhöhe würde sich gegenüber der Markt-Wirtschaft also kaum was ändern (bloß die Privatrevenue der Bourgeois; verrechnet gegen das Gehalt der nun erforderlichen Planungsfachleuten); ein 'Mehrwert' würde immer noch zurückgehalten zwecks Instandhaltung und Akkumulation. Erst in einem "2. Stadium" wären nicht die 'Werte' der Produkte Maßstab der Verteilung, sondern die Gewichtung der Bedürfnisse. Dann wäre der 'Wert' = 'durchschnittliche Arbeitszeit' eine bloße Messeinheit; nicht mehr Maßstab!

(Fragt sich freilich, ob sich ohne Tauschwert, der dazwischenträte, die 'Zusammengesetztheit' der Arbeiten aus so und soviel 'Durchschnittsarbeiten' irgendwie ermitteln ließe! Man müsste es aus den 'Produktionskosten' einer jeden 'Arbeitskraft' errechnen – also was er wie lange gelernt hat; wobei kein Mittel wäre, zu erfahren, ob er das, was er gelernt hat, auch wirklich tut! Wo der Tauschwert herrscht, erfährt man's – hinterher: Wenn das Zeug nicht gegen die Konkurrenz bestehen kann. In der DDR gab's keine Konkurrenz, daher[usw.]! M. a. W., die 'gesellschaftlich notwendige' Durchschnittsarbeit ist ebenso eine fiktionale Größe zwecks Gedankenexperiment.)

Aber wenn sie nicht die Arbeit zum Maß nähmen; wenn sie jeden einzelnen Gegenstand dem je individuellen Bedürfnissen nach je besonderen Gesichtspunkten zumessen würden – dann wäre eben auch das deren jeweiligen 'Wert'. Nur dass es eben kein allgemeines Maß der Werte gäbe. So wird man sich die 'naturwüchsige' Verteilung in den ursprünglichen Gemeinschaften denken müssen. Daß dabei 'Alle gleich' gewesen wären, wird man kaum annehmen können.

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit [20] als Wert dieser Produkte, als ein von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteil der Gesamtarbeit existieren."
Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, MEW 19, S. 19f.

Entwurf, 16. 5. 2015

* 

Hier bricht der Entwurf ab. Ob die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie ist - ein Modell der bürgerlichen Gesellschaft -, blieb unbeantwortet. Was hat mich vom Weiterschreiben abgehalten? Wohl eine dringendere Arbeit, denn ein Geheimnis ist die Ausführung ja nicht:

Das theoretische Modell, von dem Marx ausgeht, ist das Klassische System der Politischen Ökonomie, auch das Smith-Ricardosche System genannt. Tatsächlich hat Marx, als er begonnen hat, an dem Werk zu arbeiten, das schließlich unter dem Titel Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie erschien, noch gemeint, er sei lediglich dabei, dieses System zu vervollständigen.

Einer Vervollständigung bedurfte es allerdings. Denn das theoretisch bedeutendste Problem dieser Theorie, wo nämlich der Mehrwert herkommt, wird bei Smith nur gestreift und von Ricarde als Problem nicht einmal mehr erkannt.

Wenn nämlich alle Marktteilnehmer Warenbesitzer sind und untereinander alle ihre Waren zu ihrem Arbeitswert, nämlich ihren Herstellungskosten, austauschen, wie es das Wertgesetz fordert, bleibt der Wert des Gesamtprodukts immer derselbe, ein Zuwachs geschieht nicht. 

Smith machte bei seiner Grundannahme, dass der Wert jeder Ware in der in ihr vergegenständlichten Arbeit bestünde, eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Arbeit selbst hat nämlich bei ihm einen natürlichen, nicht ihrerseits durch Arbeit bestimmten konstanten Wert, nämlich den Kornpreis. Die Arbeiter ernähren sich von Brot, das wird aus Korn gebacken, aber das Korn ist ein Produkt des Bodens, der Natur (gr. physis) und nicht der Arbeit. Das war ein physio kratischer Rest, und dies ausgerechnet mitten im Kern des ganzen Systems. Ricardo hat Smith deswegen gescholten, aber eine andere Lösung vorgeschlagen hat er nicht; er hat nicht einmal eingesehen, dass eine Lösung theoretisch notwendig war.

Marx hat sich lange bei dem Versuch aufgehalten, den Mehrwert aus dem Begriff des Werts zu entwickeln und hat sich dabei zu seinem unglückseligen "Kokettieren mit der Hegel'schen Ausdrucksweise"  verleiten lassen; dies aber ohne Ergebnis. Erst als er sich, ersatzweise, dem Studium der wirklichen Geschichte der Produktionsweisen zuwendet - Formen, die der kapitalistischen Produktionsweise vorhergehen -, fällt ihm auf, dass der Lohnarbeiter im Unterscheid zu allen andern Marktteilnehmern kein gegenständliches Produkt zum Tausch anbietet, sondern sein lebendiges Arbeitsvermögen selbst. Etwas anderes hat er nicht, aber mit seiner bloßen Arbeitskraft kann er selber nichts anfangen: Ihm fehlen die Arbeitsmittel; mit andern Worten: das Kapital.

Das war nicht immer so; sie verfügten einmal über ein Arbeitsmittel; über Boden, früher, als sie noch Bauern waren, sei es als Pächter, sei es als Teilhaber am Gemeindeland. Wie kam es, dass sie darüber heute nicht mehr verfügen - etwa durch den 'Tausch gleicher Werte'? Keineswegs, sondern durch außerökonomische Gewalt; sie sind von Grund und Boden vertrieben worden.

Erst seither ist Arbeitskraft überhaupt zur austauschbaren Ware geworden, "von Natur" ist sie eine personale Eigenschaft. Sie kann daher auch nicht verkauft, sondern muss auf Zeit vermietet werden. Jetzt erst und unter diesen Bedindungen wird ihr Wert durch ihre Herstellungs-, d. h. Reproduktionskosten bestimmt. Aber daraus folgt unmitelbar, dass ihre Produkte nicht dem Eigentümer der Arbeitskraft gehören, sondern dem, der sie während der Arbeitszeit gemietet hat, denn der hat sie sachlichen Mittel bereitgestellt, die dem Arbeiter überhaupt erst erlaubt haben, seine Arbeitskraft zu verausgaben. Die Verausgabung der Arbeitskraft gehört dem Kapitaleigner, denn der hat sie bezahlt.

Kurz gesagt, eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ist die Kritik der Politischen Ökonomie nur, indem sie ein Kritik am Modell der Smith-Ricardoschen Schule ist. Als Theorie ist sie rein negativ. 

Das hat seine besondere Pointe. Denn da, wo die Kritik doch einen positiven Beitrag zur ökonomischen Theorie leistet, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nämlich (das schon vor Marx erahnt, abere nicht ausgeführt wurde), erweist sich, dass das, was von einer Theorie in specie erwartet wird: ein wirkliches Geschehen in Begriffe zu fassen, im Bereich des menschlichen Handelns gar nicht möglich ist. Zwar ist das Gesetz absolut und, wie es der Begriff verlangt, allzeit wirksam; aber ob in der gegenständlichen Welt aus der Tendenz jemals ein Akut wird, also ob die Profitrate jemals wirklich fällt, ist ausschließlich eine Sache der Wirklichkeit, die nur aus Zufällen besteht. Dass es irgendwann geschieht, ist logisch genauso gut möglich, wie dass es nie geschieht.

Insofern liefert die Kritik der Politischen Ökonomie einen abschließenden Beitrag über die Brauchbarkeit nomothetische und idiographischer Wissenschaft in der Geschichtsbetrachtung.






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