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Freitag, 29. Juni 2018

Tausch- und Gebrauchswert II.

Erziehung?

Es wäre also, wie aus dem obigen hervorgeht, reine Faselei, bei Analyse der Ware - weil sie sich einerseits als Gebrauchswert oder Gut, andrerseits als „Wert“ darstellt - nun bei dieser Gelegenheit allerlei banale Reflexio- nen über Gebrauchswerte oder Güter „anzuknüpfen“, die nicht in den Bereich der Warenwelt fallen, wie „Staatsgüter“, „Gemeindegüter“ etc., wie es Wagner und der deutsche Professor in general tut, oder über das Gut „Gesundheit“ etc.

Wo der Staat selbst kapitalistischer Produzent, wie bei Exploitation von Minen, Waldungen etc., ist sein Pro- dukt „Ware“ und besitzt daher den spezifischen Charakter jeder andren Ware. Andrerseits hat der vir obscurus übersehn, daß schon in der Analyse der Ware bei mir nicht stehngeblieben wird bei der Doppelweise, worin sie sich darstellt, sondern gleich weiter dazu fortgegangen wird, daß in diesem Doppelsein der Ware sich darstellt zwiefacher Charakter der Arbeit, deren Produkt sie ist: der nützlichen Arbeit, i.e. den konkreten Modi der Arbei- ten, die Gebrauchswerte schaffen, und der abstrakten Arbeit, der Arbeit als Verausgabung der Arbeitskraft, gleich- gültig in welcher „nützlichen“ Weise sie verausgabt werde (worauf später die Darstellung des Produktionspro- zesses beruht); 


daß in der Entwicklung der Wertform der Ware, in letzter Instanz ihrer Geldform, also des Geldes, der Wert einer Ware sich darstellt im Gebrauchswert der andern, d.h. in der Naturalform der andern Ware; daß der Mehrwert selbst abgeleitet wird aus einem „spezifischen“ und ihr exklusive zukommenden Gebrauchswert der Arbeitskraft etc. etc.; <371> daß also bei mir der Gebrauchswert eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie, daß er aber notabene immer nur in Betracht kommt, wo solche Betrachtung aus der Analyse ge- gebner ökonomischer Gestaltungen entspringt, nicht aus Hin- und Herräsonieren über die Begriffe oder Worte „Gebrauchswert“ und „Wert“.
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Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie”, MEW 19, S. 370f. 



Nota. - "Daß also bei mir der Gebrauchswert eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Öko- nomie" - dies ist, theoretisch besehen, der wesentliche Unterschied zwischen der Politischen Ökonomie und der Marx'schen Kritik. Die Politische Ökonomie hat in der Tat von Qualitäten gänzlich abgesehen und sich auf die 'Formseite' beschränkt (was die Wagner'sche Begriffswirtschaft überhaupt erst möglich macht). Dem entspricht vollkommen ihr Desinteresse am historisch-Konkreten. Ihre Welt ist die Abstraktion, in der die urteilend täti- gen Menschen untergehen. 

Das Kapital verstehen heißt die Herkunft des Mehrwerts erkennen. Und das ist die: Wie alle Waren, hat auch die Arbeitkraft zwei Seiten - einen Gebrauchs- und einen Tauschwert. Doch ihr Gebrauchswert ist die leben- dige produktive Arbeit selbst, und die gehört dem Kapitalisten, der sie gekauft hat. Dem Arbeiter bleibt ledig- lich der Tauschwert, und der besteht aus den Reproduktionskosten der Arbeitskraft. Die Differenz zwischen diesen beiden, dem Produkt der Arbeit und den Reproduktionskosten der Arbeitskraft, ist der Mehr wert. Die bloße Formanalyse kann das nie erkennen. Es wurde ein Rückgriff in die Realgeschichte notwendig.

Das Qualitative lässt sich, wie das Historische, nur anschauen. Die Konstruktion aus Begriffen jedoch kann nur Verhältnisse beschreiben - aber nicht, was sich verhält. Wer diese statt der andern Methode wählt, gibt zu er- kennen, worauf er hinauswill. 

Das ist nicht nur 'am Grunde' der Kritik der Politischen Ökonomie so. Es bewährt sich auch an ihrem Schlussstein, dem 'tendenziellen Fall der Profitrate':

Mit dem wachsenden Anteil des fixen Kapitals (=Maschinerie) am Gesamtwert und schrumpfendem variablen Kapital wird der Anteil des Mehr werts am Gesamtkapital immer geringer, wäh- rend er im Verhältnis zum va- riablen Kapital astronomische Höhen erreicht. Die Mehrwertrate ist das Verhältnis des Werts der unbezahlten Mehrarbeit zum Wert der Artbeitskraft = Arbeitslohn. Seinen Profit misst der Kapitalist aber nicht am Verhält- nis zum Arbeitslohn, sondern am Verhältnis zum gesamten vorgeschossenen Kapital. Mit wachsender organi- scher Zusammensetzung, d. h. Anteil des fixen Kapitals am Gesamtkapital, wird daher die Mehrwertrate zwar steigen, die Profitrate aber fallen. Es wird sich immer weniger lohnen, in die Industrie zu investieren.

Das lässt sich überhaupt nicht in Formeln und Begriffe fassen. Es kann, wenn es soweit ist, nur rein faktisch beschrieben werden. Das bedeutet zu allem Überfluss: Ob es aber überhaupt je soweit kommt, lässt sich nicht theoretisch beurteilen. Es ist kein Verhältnis darzustellen, sondern ein Faktum müsste eintreten, doch wenn nicht, dann nicht.

*

Dass Marx sich so umfänglich an Adolph Wagner aufgehalten hat, ist politisch begründet. Nicht nur war Wagner eine akademische Autorität ersten Ranges (schließlich sogar Rektor der Berliner Universität),  sondern auch ein namhafter Kathedersozialist auf dem äußersten rechten Flügel der Konservativen. In wirtschaftstheo- retischer Hinsicht folgte er Karl Rodbertus, der als Begründer des "Staatssozialismus" gilt. Er konnte anders als andere Ökonomen Marxens Kapital nicht einfach ignorieren, und Marx konnte ihn nicht ignorieren, solange in der deutschen Arbeiterbewgung die Erinnerung an Lassalle noch lebendig war.
JE


Donnerstag, 28. Juni 2018

Tausch- und Gebrauchswert I.

 
...und derselbe Wagner rangiert mich (p. 49, Note) unter die Leute, nach denen der „Gebrauchswert“ ganz „aus der Wissenschaft“ „entfernt“ werden soll. Alles das sind „Faseleien“. De prime abord gehe ich nicht aus von „Begriffen“, also auch nicht vom „Wertbegriff“, und habe diesen daher auch in <369> keiner Weise „einzutei- len“. Wovon ich ausgehe, ist die einfachste gesellschaftliche Form, worin sich das Arbeitsprodukt in der jetzigen Gesellschaft darstellt, und dies ist die „Ware“.

Sie analysiere ich, und zwar zunächst in der Form, worin sie erscheint. Hier finde ich nun, daß sie einer- seits in ihrer Naturalform ein Gebrauchsding, alias Gebrauchswert ist; andrerseits Träger von Tauschwert, und unter diesem Gesichtspunkt selbst „Tauschwert“. Weitere Analyse des letzteren zeigt mir, daß der Tauschwert nur eine „Er- scheinungsform“, selbständige Darstellungsweise des in der Ware enthaltnen Werts ist, und dann gehe ich an die Analyse des letzteren.

Es heißt daher ausdrücklich, p. 36, 2. Ausg.: „Wenn es im Eingang dieses Kapitels in der gang und gäben Manier hieß: Die Ware ist Gebrauchswert und Tauschwert, so war dies, genau gesprochen, falsch. Die Ware ist Gebrauchswert oder Gebrauchsgegenstand und ‚Wert‘.  Sie stellt sich dar als dies Doppelte was sie ist, sobald ihr Wert eine eigne, von ihrer Naturalform verschiedne Erscheinungsform besitzt, die des Tausch- werts“ etc. Ich teile also nicht den Wert in Gebrauchswert und Tauschwert als Gegensätze, worin sich das Abstrakte, „der Wert“, spaltet, sondern die konkrete gesellschaftliche Gestalt des Arbeitsprodukts; „Ware“ ist einerseits Gebrauchswert und andrerseits „Wert“, nicht Tauschwert, da die bloße Erscheinungsform nicht ihr eigner Inhalt ist.

Zweitens: Nur ein vir obscurus, der kein Wort des „Kapitals“ verstanden hat, kann schließen: Weil Marx in einer Note zur ersten Ausgabe des „Kapitals“ allen deutschen Professoralkohl über „Gebrauchswert“ im all- gemeinen verwirft und Leser, die etwas über wirkliche Gebrauchswerte wissen wollen, auf „Anleitungen zur Warenkunde“ verweist, - daher spielt der Gebrauchswert bei ihm keine Rolle. Er spielt natürlich nicht die Rolle seines Gegenteils, des „Wertes“, der nichts mit ihm gemein hat, als daß „Wert“ im Namen „Gebrauchswert“ vorkommt. Er hätte ebensogut sagen können, daß der „Tauschwert“ bei mir beiseite gesetzt wird, weil er nur Erscheinungsform des Wertes, aber nicht der „Wert“ ist, da für mich der „Wert“ einer Ware weder ihr Gebrauchswert ist, noch ihr Tauschwert. 


Wenn man die „Ware“- das einfachste ökonomische Konkretum - zu analysieren hat, hat man alle Beziehungen fernzuhalten, die mit dem vorliegenden Objekt der Analyse nichts zu schaffen haben. Was aber von der Ware, soweit sie Gebrauchswert, zu sagen ist, habe ich daher in wenigen Zeilen gesagt, andrerseits aber die charakteri- stische Form hervorgehoben, in der hier der Gebrauchswert - das Arbeitsprodukt - erscheint; nämlich: <370> „Ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein. Wer durch sein Produkt sein eignes Bedürfnis befriedigt, schafft zwar Gebrauchswert, aber nicht Ware. Um Ware zu produzieren, muß er nicht nur Gebrauchswert produzieren, sondern Gebrauchswert für andre, gesellschaft- lichen Gebrauchswert“ (p. 15). {Dies die Wurzel des Rodbertusschen „gesellschaftlichen Gebrauchswerts“.}

Damit besitzt der Gebrauchswert - als Gebrauchswert der „Ware“ - selbst einen historisch-spezifischen Cha- rakter. Im primitiven Gemeinwesen, worin z.B. die Lebensmittel gemeinschaftlich produziert und verteilt wer- den unter den Gemeindegenossen, befriedigt das gemeinsame Produkt direkt die Lebensbedürfnisse jedes Ge- meindegenossen, jedes Produzenten, der gesellschaftliche Charakter des Produkts, des Gebrauchswerts, liegt hier in seinem (gemeinsamen) gemeinschaftlichen Charakter. {Herr Rodbertus dahingegen verwandelt den „gesellschaft- lichen Gebrauchswert“ der Ware in den „gesellschaftlichen Gebrauchswert“ schlechthin, faselt daher.}

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Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie”, MEW 19, S. 366ff. 
 

 


Nota. - Das sollte der Klärung dienen; tatsächlich hat es später der Mystifikation gedient. -

'Wert ist Inhalt, Tauschwert ist seine Form': Zu Marxens Zeit war Hegel ein toter Hund, er konnte nicht ahnen, dass ihn später Generationen von Epigonen ihrer Begriffsanknüpfungsmethode neuen Typs dienstbar machen würden; in pragmatischer Absicht: Um glaubhaft zu machen (denkbar ward es nie), dass in ihrem Realexistieren- den 'das Wertgesetz' gälte und eine 'sozialistische Marktwirtschaft' begründe, wurde der Wert zu einem an-sich-Seienden verklärt ("naturalistischer Wertbegriff" hat E. Preobraschenski das genannt). Dem hat Marx mit obiger Formulierung Vorschub geleistet.

Der Wert ist Inhalt des Tauschwerts; nämlich soweit der Tauschwert im gesellschaftliche Verkehr erscheint, aber verdinglicht zu Geld im Preis. Erst die Kritik deckt auf, dass im Tauschwert enthalten ist das 'Quantum der gesellschaftlich notwendigen Arbeit'. Diesen Kern der Politischen Ökonomie hat die Kritik ja gerade nicht verworfen, sondern spezifiziert: Arbeit ist selber 'Maß und Substanz' des Werts - nämlich auch des Werts der Arbeitskraft. Die Arbeit selbst ist wert, hat aber keinen Wert.

Im kritischen Denken wenig geübte Leser mögen es sich so vorstellen, dass 'der Wert' zuerst 'an sich' ist und dann 'als Tauschwert erscheint'. Dabei gibt es logisch gar kein Zuerst/Danach - aber Logik ist das, was bei Be- griffen zählt. In der historischen Entwicklung ist es aber so, dass in dem wachsenden Umfang, wie die Menschen dazu übergehen, ihre Erzeugnisse auszutauschen, sich qua Durchschnitt die Arbeit zum allgemeinen Maß au- sbildet.
JE 

Mittwoch, 27. Juni 2018

Deutschprofessorale Begriffswirtschaft III.

Ai Weiwei

Aber Herr Wagner will uns oder sich selbst weismachen, daß er, statt 2 Namen den selben Gehalt zu geben, vielmehr von der Bestimmung „Gut“ zu einer davon unterschiednen, weiterentwickelten Bestimmung „Wert“ fortgeschritten ist, und dies geschieht einfach dadurch, daß er „Dingen der Außenwelt“ „beziehungsweise“ das Wort „Güter“ unterschiebt, ein Prozeß, der wieder dadurch „verdunkelt“ wird, daß er „den Gütern“ „bezie- hungsweise“ die „Dinge der Außenwelt“ unterschiebt. Seine eigne Konfusion erreicht so den sichern Effekt, seine Leser konfus zu machen. Er hätte diese schöne „Ableitung“ auch umkehren können wie folgt: Indem der Mensch die Dinge der Außenwelt, welche Befriedigungsmittel seiner Bedürfnisse sind, als solche Befriedigungs- mittel von den übrigen Dingen der Außenwelt unterscheidet und daher auszeichnetwürdigt er sie, legt er ihnen Wert bei oder gibt ihnen das Attribut „Wert“; man kann dies auch so ausdrücken, daß er ihnen das Attribut „Gut“ als Charaktermal beilegt oder sie als „Gut“ achtet <367> oder schätzt. 

Dadurch wird den „Werten“, beziehungsweise den Dingen der Außenwelt der Begriff „Gut“ beigelegt. Und so ist aus dem Begriff „Wert“ der Begriff „Gut“ im allgemeinen „abgeleitet“. Es handelt sich bei allen derartigen Ab- leitungen nur darum, von der Aufgabe, deren Lösung man nicht gewachsen ist, abzuleiten.  Aber Herr Wagner geht im selben Atem vom „Wert“ der Güter in aller Geschwindigkeit zum „Messen“ dieses Werts über. Der Inhalt bleibt absolut derselbe, wäre das Wort Wert überhaupt nicht hineingeschmuggelt worden. 

Es könnte gesagt werden: Indem der Mensch gewisse Dinge der Außenwelt, die etc. zu „Gütern“ stempelt, wird er nach und nach diese „Güter“ untereinander vergleichen und, entsprechend der Hierarchie seiner Bedürfnisse, in eine gewisse Rangordnung bringen, d.h. wenn man es so nennen will, sie „messen“.  Von der Entwicklung der wirklichen Maße dieser Güter, i.e. der Entwicklung ihrer Größenmaße, darf Wagner hier beileibe nicht sprechen, da dies den Leser zu lebhaft daran erinnern würde, wie wenig es sich hier um das handelt, was sonst unter „Wertmessen“ verstanden wird. 

{Daß das Auszeichnen von (Hinweisen auf) Dingen der Außenwelt, die Befriedigungsmittel menschlicher Be- dürfnisse sind, als „Güter“ auch benamst werden kann: diesen Dingen „Wert beilegen“, konnte Wagner nicht nur wie Rau aus dem „deutschen Sprachgebrauch“ nachweisen, sondern: Da ist das lateinische Wort dignitas = Wür- de, Würdigkeit, Rang etc., welches Dingen beigelegt auch „Wert“ bedeutet; dignitas ist abgeleitet von dignus und dies von dic, point out show, auszeichnen, zeigen. dignus meint also pointed out; daher auch digitus, der Finger, womit man zeigt ein Ding, darauf hinweist; griechisch: δεικ-νυμι, δακ-τυλο (Finger); got[isch]: ga-tecta (dico); deutsch: zeigen; und wir könnten noch zu viel weiteren „Ableitungen“ kommen, in Betracht, daß δεκνυμι oder δεικνω (sichtbar machen, zum Vorschein bringen, hinweisen) mit δχομαι den Grundstamm δεκ (hinhalten, nehmen) gemein hat.}

So viel Banalität, tautologischer Wirrwarr, Wortklauberei, Erschleichungsmanöver bringt Herr Wagner in nicht ganz 7 Zeilen fertig. Kein Wunder, daß dieser Dunkelmann (vir obscurus) nach diesem Kunststück mit großem Selbstgefühl fortfährt: „Der vielfach streitige und durch manche oft nur scheinbar tiefsinnige Untersuchungen noch verdunkelte Wertbegriff entwickelt sich einfach“ (indeed) {rather „verwickelt“ sich}, „wenn man, wie bisher ge- schehen“ {nämlich von Wagner} „vom Bedürfnis <368> und der wirtschaftlichen Natur des Menschen ausgeht und zum Gutsbegriff gelangt und an diesen den Wertbegriff - anknüpft“ (p. 46).  Man hat hier die Begriffs wirtschaft, deren angebliche Entwicklung beim vir obscurus herausläuft auf das „Anknüpfen“ und gewissermaßen aufs „Aufknüp- fen“. 

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Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie”, MEW 19, S. 366ff. 
 




 

Dienstag, 26. Juni 2018

Deutschprofessorale Begriffswirtschaft II.

flix-brix

Bei Herrn Wagner wird diese „Deduktion“ aber noch schöner, weil er es mit „dem“ Menschen, nicht mit „den“ Menschen zu tun hat. Diese sehr einfache „Deduktion“ drückt Herr Wagner so aus: „Es ist ein natürliches Stre- ben des Menschen“ (lies: des deutschen Ökonomieprofessors), „das Verhältnis“, wonach Dinge der Außenwelt als Befriedigungsmittel menschlicher Bedürfnisse nicht nur sind, sondern als solche sprachlich anerkannt sind und daher auch dienen.
 

Es ist „das natürliche Bestreben“ eines deutschen Ökonomieprofessors, die ökonomische Kategorie „Wert“ aus einem „Begriff“ abzuleiten, und das erreicht er dadurch, daß, was in der politischen Ökonomie vulgo „Ge- brauchswert“ heißt, „nach deutschem Sprachgebrauch“ in „Wert“ schlechthin umgetauft wird. 

Und sobald der „Wert“ schlechthin gefunden ist, dient er hinwiederum wieder dazu, „Gebrauchswert“ aus dem „Wert schlechthin“ abzuleiten.  Man hat dazu nur das „Gebrauchs“fragment, das man fallen ließ, wieder vor den „Wert“ schlechthin zu setzen. Ist in der Tat Rau (siehe p. 88), der uns schlicht sagt, daß es „nötig ist“ (für die deutschen Professoralschulmeister) „festzusetzen, was unter Wert schlechthin gemeint sei“, und der naiv hinzu- setzt: „und es ist dem deutschen Sprachgebrauch gemäß, hierzu - den Gebrauchswert zu wählen.  {In der Chemie heißt chemischer Wert eines Elements die Anzahl, worin eins seiner Atome sich mit Atomen andrer Elemente verbin- den kann. Aber auch das Verbindungsgewicht der Atome hieß Äquivalenz, Gleichwert verschiedner Elemente etc. etc. Also muß man erst den Begriff „Wert schlechthin“ bestimmen etc. etc.} 

Bezieht sich der Mensch auf Dinge als „Befriedigungsmittel seiner Bedürfnisse“, so bezieht er sich auf sie als „Güter“, teste Wagner. Er legt ihnen das Attribut „Gut“ bei; der Inhalt dieser Operation wird in keiner Art dadurch verändert, daß Herr Wagner dies umtauft in „Wert beilegen“. Sein eignes faules Bewußtsein kommt sofort „zum Verständnis“ in dem nächstfolgenden Satz: „Dies geschieht durch die Schätzung (Wertschätzung), wodurch den Gütern, beziehungs- weise den Dingen der Außenwelt Wert beigelegt und derselbe gemessen wird.“

Wir wollen kein Wort darüber verlieren, daß Herr Wagner den Wert ableitet aus der Wertschätzung (er selbst fügt dem Wort Schätzung, um die <365> Sache „zum deutlichen Bewußtsein und Verständnis zu bringen“, in Parenthese „Wertschätzung“ zu). „Der Mensch“ hat das „natürliche Bestreben“, dies zu tun, die Güter als „Wer- te“ zu „schätzen“, und gestattet so Herrn Wagner, die von ihm versprochne Leistung des „Wert begriffs im all- gemeinen“ abzuleiten. Wagner schmuggelt nicht umsonst dem Wort „Gütern“ „beziehungsweise“ die „Dinge der Außenwelt“ unter. Er ging davon aus: Der Mensch „verhält“ sich zu „Dingen der Außenwelt“, die Befriedi- gungsmittel seiner Bedürfnisse sind, als zu „Gütern“.

Er schätzt diese Dinge also eben dadurch, daß er sich zu ihnen als „Gütern“ verhält. Und wir haben für diese „Schätzung“ bereits frühere „Umschreibung“ gehabt, dahin lautend z. B.: „Der Mensch steht mit der ihn um- gebenden Außenwelt als bedürftiges Wesen in fortdauernder Berührung und erkennt, daß in jener viele Bedingungen seines Lebens und Wohlbefindens liegen“ (p. 8). Dies heißt doch weiter nichts, als daß er „die Dinge der Außenwelt schätzt“, sofern sie sein „bedürftiges Wesen“ befriedigen, Befriedigungsmittel seiner Bedürfnisse sind, und darum, wie wir vorher hörten, sich zu ihnen als „Gütern“ verhält. Nun kann man, namentlich, wenn man das „natürliche“ Professoral-„Bestreben“ fühlt, den Begriff des Werts im allgemeinen abzuleiten, dies: „den Dingen der Außenwelt“ das Attribut „Güter“ beilegen, auch benamsen, ihnen „Wert beilegen“.

Man hätte auch sagen können: Indem der Mensch sich zu den seine Bedürfnisse befriedigenden Dingen der Außenwelt als „Gütern“ verhält, „preist“ er sie, legt ihnen also „Preis“ bei, und damit wäre denn die Ableitung des Begriffs des „Preises schlechthin“ durch die Verfahrensart „des“ Menschen dem Professor germanicus ready cut geliefert. Alles, was der Professor selbst nicht tun kann, läßt er „den“ Menschen tun, der aber in der Tat selbst wieder nichts ist, als der Professoralmensch, der die Welt begriffen zu haben meint, wenn er sie unter abstrakten Rubriken rangiert.

Sofern aber den Dingen der Außenwelt „Wert beilegen“ hier nur eine andere Redensart ist für den Ausdruck, ihnen das Attribut „Güter“ beilegen, so ist damit beileibe nicht, wie das Wagner erschleichen will, den „Gütern“ selbst „Wert“ beigelegt als eine von ihrem „Gutsein“ verschiedne Bestimmung. Es ist nur dem Wort „Gut“ das Wort „Wert“ untergeschoben. {Es könnte, wie wir sehen, auch das Wort „Preis“ untergeschoben werden. Es könnte auch das Wort „Schatz“ untergeschoben werden; denn indem „der“ Mensch gewisse „Dinge der Außen- welt“ zu „Gütern“ stempelt, 366 „schätzt“ er sie und verhält sich daher zu ihnen als einem „Schatz“. Man sieht daher, wie die 3 ökonomischen Kategorien Wert, Preis, Schatz von Herrn Wagner auf einen Schlag aus „dem natürlichen Streben des Menschen“, dem Professor seine vernagelte Begriffs(Vorstellungs)welt zu liefern, hervorgezaubert werden konnten.}

Aber Herr Wagner hat den dunklen Trieb, seinem Labyrinth von Tautologie zu entschlüpfen und ein „weiteres etwas“ oder „etwas weiteres“ zu erschleichen. Daher die Phrase; „wodurch den Gütern, beziehungsweise den Dingen der Außenwelt Wert beigelegt etc. wird“.  Da Herr Wagner das Stempeln von „Dingen der Außenwelt“ zu Gütern, d.h. das Auszeichnen und Fixieren derselben (in der Vorstellung) als Befriedigungsmittel menschlicher Bedürfnisse, ditto benamst hat: diesen „Dingen Wert beilegen“, so kann er dies ebensowenig nennen: „den Gütern“ selbst Wert beilegen, als er sagen könnte, dem „Wert“ der Dinge der Außenwelt Wert beilegen.  

Aber der salto mortale wird gemacht in dem Wort „Gütern, beziehungsweise den Dingen der Außenwelt Wert beilegen“.  Wagner hätte sagen müssen: das Stempeln gewisser Dinge der Außenwelt zu „Gütern“ kann auch genannt werden: diesen Dingen „Wert beilegen“, und dies ist die Wagnersche Ableitung des „Wertbegriffs“ schlechthin oder im allgemeinen. Der Inhalt wird nicht verändert durch diese Änderung des sprachlichen Ausdrucks. Es ist stets nur das Auszeichnen oder Fixieren in der Vorstellung der Dinge der Außenwelt, welche Befriedigungsmittel menschlicher Bedürfnisse sind; in der Tat also nur die Erkennung und Anerkennung gewisser Dinge der Außenwelt als Befriedigungsmittel von Bedürfnissen „des“ Menschen (der jedoch als solcher in der Tat am „Begriffsbedürfnis“ leidet).  
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Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie”, MEW 19, S. 364ff. 



Nota. - Einen eigenen theoretischen Wert haben diese Absätze nicht. Sie klingen wie eine Parodie, aber es ist die Selbstparodie des deutschen Professors, der meint, die Dinge der Welt verstehen zu können, indem er mit dem Besteck vordefinierter Begriffe durch sie hindurchfährt. Woher hat er die Begriffe? Mal aus dem "Sprachge- brauch", mal aus der Etymologie, mal aus dem Mixbecher.

Ein Schlaumeier wird sagen: Eben! Er schnitzt seine Begriffe nicht ordentlich, "entwickelt" sie nicht dialektisch, "leitet" sie nicht "ab", usw. Mit der Hegel'schen Methode hatte Marx es in den Grundrissen aber selbst versucht, doch als er den 'Mehr'wert aus dem Begriff vom 'Wert' ableiten wollte, kam er nicht vom Fleck. Er musste in die Realgeschichte zurückgreifen und einen ganz neuen Anlauf nehmen. Hegel war gewiss klüger als Adolph Wagner. Aber grundsätzlich verfolgten sie dieselbe deutschprofessorale Wolff-Baumgarten'sche Methode: aus Begriffen eine Welt zusammensetzen.

Begriffe taugen als Seziermesser der Kritik, nicht aber als Bausteine im Lego-Kasten.
JE



 

Montag, 25. Juni 2018

Deutschprofessorale Begriffswirtschaft I.

Tinguely

Also: die Menschen fingen tatsächlich damit an, gewisse Dinge der Außenwelt als Befriedigungsmittel ihrer eignen Bedürfnisse sich anzueignen etc. etc.; später kommen sie dazu, sie auch sprachlich als das, was sie in praktischer Erfahrung für sie sind, nämlich als Befriedigungsmittel ihrer Bedürfnisse zu bezeichnen, als Dinge, die sie „befriedigen“. 

Nennt man nun diesen Umstand, daß die Menschen solche Dinge nicht nur praktisch als Befriedigungsmittel ihrer Bedürfnisse behandeln, sondern sie auch in der Vorstellung und, weiter, sprachlich als ihre Bedürfnisse, also sie selbst „befriedigende“ Dinge bezeichnen {solange das Bedürfnis des Menschen nicht befriedigt ist, ist er im Unfrieden mit seinen Bedürfnissen, also mit sich selbst}, nennt man dies, „nach dem deutschen Sprachge- brauch“, ihnen einen „Wert beilegen“, so hat man bewiesen, daß der allgemeine Begriff „Wert “entspringt aus dem Verhalten der Menschen zu den in der Außenwelt / vorgefundnen Dingen, welche ihre Bedürfnisse be- friedigen, und mithin, daß dies der Gattungsbegriff von „Wert“ ist und alle andern Wertsorten, wie z.B. der chemische Wert der Elemente, nur eine Abart davon.
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Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie”, MEW 19, S. 363f.

 

Nota. - Die Randglossen zu Wagner haben in der Literatur nicht die Beachtung gefunden, die sie verdienen. Der Grund ist ein einfacher. Das Schreiben über Marx'sche Texte wurde über die Jahrzehnte als epigonale Fleißauf- gabe betrieben, deren substanzielle Dürftigkeit unter mystifizierendem Wörterrauschen versteckt werden muss- te. Doch eben davon handeln diese Randglossen: vom Wortgeklingel des professoralen Dunkelmanns mit Begrif- fen. Marxens bissiger Ton ist wohlverständlich, denn er selbst hatte es sich ja nicht leicht gemacht, sich dem Hegel'schen Begriffssalat zu entwinden. 
JE