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Freitag, 1. Juni 2018

Das Bedürfnis ist thetisch.

 

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannig- faltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, MEW 42, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen.
  
2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideologie (Feuerbachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste geschichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Natur ist also die Rede: generatio aequivoca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben [Wollen], und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.**

*) MEW 3, S. 44

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.  


In den während der sechziger Jahre zu einiger Prominenz gelangten Pariser Manuskripten zeigte Marx sich un-verholen als Feuerbachianer, in der Heiligen Familie stellten Marx und Engels ihren 'Materialismus' groß heraus; doch über Feuerbach hinaus gegangen sind sie erst in der Deutschen Ideologie, und zwar an ebendiesem Punkt: Bei Feuerbach heißt Bedürftigkeit leidend sein. Nur als Leidenden habe der bisherige Materialismus den Menschen auffassen können, die tätige Seite sei ausschließlich von den idealistischen Philosophen entwickelt worden. Die neu eingeführte Auffassung vom Bedürfnis als einem produktiven Vermögen war der erste originär 'marxistische' Gedanke.

19. 7. 15 



Freitag, 16. Dezember 2016

Eine idiographische Geisteswissenschaft.



Der Gegensatz zwischen der Kritik der Politischen Ökonomie und der Politischen Ökonomie selbst lässt sich ausdrücken als der Gegensatz zwischen einer "nomothetischen" und einer "idiographischen" Wissenschaft. Nämlich so, dass die Politische Ökonomie glaubt, die Naturgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zur Dar- stellung zu bringen - vgl. Mirabeaus Rede am Grab von Dr. Quesnay -, wohingegen Marx ganz ausdrücklich nur die "Bewegungsgesetze" dieser besondern Gesellschaftsformation, dieser historischen Individualgestalt "analysiert": und  zwar gerade nicht als die immanenten Bewegungsgesetze "der Sachen selbst", sondern sie "versteht" als die typischen Handlungsweisen - "Verkehrsformen" - der austauschenden Individuen.

Und diese 'Handlungsweisen' werden folgerichtig eben nicht aus ihren 'Ursachen' "begriffen", sondern aus ihren Zwecken verstanden. Die Kritik der Politischen Ökonomie ist die verstehende Deutung einer besonderen historischen Ge- stalt: Sie handelt nicht von "Gesetzen", die in ihr kausal wirken, sondern von den Zwecken ("Werten"!!!), die in ihr als bestimmend gelten; sofern sie also mit "Gesetzen" zu tun hat, ist sie nicht nomo"thetisch", sondern allenfalls nomographisch.

Also ob man die Distinktion Diltheys oder Windelbands zugrundlegt, ist hier ganz wurscht. Freilich, dass es sich bei der "klassischen" Ökonomie um einer Geisteswissenschaft handelt, die sich als eine Natur wissenschaft missversteht - diese kritische Einsicht lässt sich mit Windelbands Begriffen klarer fassen.

22. 7. 88


 

Sonntag, 19. Juli 2015

Das Bedürfnis ist thetisch.

 

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannig- faltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, MEW 42, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen.
  
2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ideologie (Feuerbachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste geschichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Na- tur ist also die Rede: generatio aequivoca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben [Wollen], und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.**

*) MEW 3, S. 44

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.  


Nachtrag, Juni 2015

In den während der sechziger Jahre zu einiger Prominenz gelangten Pariser Manuskripten zeigte Marx sich unverholen als Feuerbachianer, in der Heiligen Familie stellten Marx und Engels ihren 'Materialismus' groß heraus; doch über Feuerbach hinaus gegangen sind sie erst in der Deutschen Ideologie, und zwar an ebendiesem Punkt: Bei Feuerbach heißt Bedürftigkeit leidend sein. Nur als Leidenden habe der bisherige Materialismus den Menschen auffassen können, die tätige Seite sei ausschließlich von den idealistischen Philosophen entwickelt worden. Die neu eingeführte Auffassung vom Bedürfnis als einem produktiven Vermögen war der erste originär 'marxistische' Gedanke.