Der Niedergang der Arbeitsgesellschaft und die Kritik der Politischen Ökonomie.
Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt
des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht
verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt
erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.
Hegel
Gut ein Jahrhundert lang war die Marx‘sche
Kritik der Politischen Ökonomie der heimliche oder erklärte Be- zugspunkt für die Entwicklung zwar nicht der Volkswirtschaftslehre, aber der
politischen Gesellschaftswissen- schaften. Seit 1990 ist es still um
sie geworden. Der Grund war kein Paradigmenwechsel in der Theorie,
son- dern ein realgeschichtliches Ereignis. Nicht das Kapital war
zusammengebrochen. Die Theorie schien obsolet.
Theorie schien man gar nicht mehr zu brauchen: Das Ende der Geschichte war gekommen. Da brach mit In- tenet
und New Economy ein neues Zeitalter aus. Die Euphorie war groß. Die
Spekulationsblase ist geplatzt, und Skepsis machte sich breit. Was für
ein Zeitalter soll das werden? Spaßgesellschaft, Mediengesellschaft,
Wissensgesellschaft, Globales Dorf – die Federführung hat das
Feuilleton, die Wissenschaft bleibt ratlos. Ganz ohne Theorie geht es
auch nicht; aber woher nehmen?
Wenn wir schon nicht
wissen, welches Zeitalter beginnt, wissen wir doch, welches Zeitalter zu
Ende geht, oder könnten es wissen. Die einzige Theorie, die beansprucht
hatte, ein Gesamttableau der bürgerlichen Gesellschaft zu geben, war
das Klassische System der Politischen Ökonomie gewesen, doch von dem war
nur, aber immer- hin, die Kritik übrig geblieben. Die war keine
Volkswirtschaftslehre, keine positive Theorie des Wirtschaftens unter
kapitalistischen Bedingungen (und hätte als solche obsolet werden
können), sondern war die Bloßlegung dieser Bedingungen. Der
Zusammenbruch des sowjetischen Gesellschaftssystems konnte sie nicht
dementieren, weil sie nicht von ihm handelt.
Vilfredo Pareto hat vor über hundert Jahren darauf verwiesen, daß am Anfang der Marx’schen Theoriebildung das politische Programm[1]steht;
von ihm geht alles aus. Die Kritik der Politischen Ökonomie sei nicht
dessen retroaktive wissenschaftliche Herleitung, sondern ein
gewissermaßen apagogischer Anhang zum Programm: dazu bestimmt, es vorab
zu sichern gegen die Einwände, die vom Standpunkt der klassischen
Politischen Ökonomie vorgebracht werden könnten, indem er ihr die Gründe
streitig machte. Während jene die Herrschaft des Kapitalverhältnisses
rechtfertigt, indem sie es aus ökonomischen Gesetzen herleitet, deckt
die Kritik die historischen Ereignisse auf, die zur Ausbildung dieser
Gesetze geführt haben – und daß sie nur vorübergehend gelten. Und
insofern gibt sie selber ein Gesamttableau der bürgerlichen
Gesellschaft.
*
Daß das Menschenleben von Arbeit geprägt ist, ist
kein Naturzustand. Daß die Gesellschaft von der Wirtschaft beherrscht
wird, verdankt sie einem historischen Ereignis und keinem Gesetz.
Wirtschaften bedeutet:
die Allokation knapper Ressourcen. Diese primäre Definition beruht auf
einer durchaus nicht selbstverständlichen historischen Prämisse: daß die
Ressourcen so knapp sind, dass ihre Verteilung ein Problem darstellt.
Und dabei handelt es sich nicht um eine schlichte Tatsache, sondern um
ein Verhältnis zwischen zwei fraglichen Größen: der Vermehrbarkeit der
Ressourcen einerseits und der Menge der Bedürfnisse andererseits.
Allokation der Ressourcen bedeutet daher: die Entscheidung darüber,
welche – und wessen – Bedürfnisse bei der Verteilung mehr gelten sollen
als andere.
Wären beide Größen –
Umfang der Bedürfnisse, Umfang der Ressourcen – gegeben, entstünde kein
wirtschaftliches Problem. Das Problem wäre rein politisch: Wer setzt
sich durch? In einem spezifischen Sinn wirtschaftlich wird das Problem
nur dann, wenn die beiden Variablen – Bedürfnisse/Ressourcen – durch ein
Bedingungsverhältnis einander vermittelt sind; kein logisches, sondern
ein sachliches. Ein solches tritt ein in dem Moment, wo die Ressourcen
durch Arbeit vermehrt werden können; denn damit stellt sich die Frage:
wer arbeitet wie viel? Es ist zugleich die Frage: Legitimieren sich die
individuellen, um die Ressourcen konkurrierenden Bedürfnisse durch
eigene Arbeit, oder aus anderen Quellen? Nicht alle haben gleiche
Bedürfnisse, aber alle haben auch nicht gleiche Kräfte. Genauer gesagt,
der Bedürftigste ist nicht der Stärkste.
Wirtschaften ist keine
Konstante des menschlichen Gattungslebens. Es bildet die Rückseite der
Fähigkeit des Menschen, durch Arbeit mehr zu erzeugen, als er
verbraucht. Wirtschaftsgesellschaft und Arbeitsgesellschaft bedeuten
dasselbe. Entstanden sind sie mit der Sedentarisierung und dem Übergang
zum Ackerbau.
In der Welt der Jäger und Sammler waren
jahrmillionenlang die Ressourcen nicht eo ipso knapp, und die
Verteilung war kein Problem. War die Gegend, die eine Menschengruppe bewohnte,
abge- wei det, wanderte sie weiter. Wur- den die Zeichen beizeiten
erkannt, trat Knappheit gar nicht ein. Um 1790 betrugt in England, dem
damals reichsten Land der Erde, die tägliche Lebensmittelration 2.322
Kalorien, die der Armen nur 1.508.
Heutige Jäger- und
Sammlervölker verzehren ihrerseits rund 2.300 Kalorien oder mehr. Sie
essen nicht nur reichlich, sondern auch besser: Der Anteil an Fleisch
macht rund sechs Teile, der an pflanzlicher Kost vier Teile aus, während
die Engländer sich zu einem großen Teil von Getreide ernährten. Im
übrigen handelt es sich bei den heutigen Jägern und Sammlern um
abgedrängte Restpopulationen, die sich im Lauf ihrer Geschichte an die
unwirtlichsten Landstriche angepaßt haben…
Der Getreideanbau
bringt einen qualitativen Wandel. Durch Arbeit wird es möglich, einen
stetigen Überschuß zu erzeugen. Ein beständiges Bevölkerungswachstum
tritt ein. Ursprünglich trat Knappheit momentan als Mangel an einer
bestimmten, absoluten Anzahl benötigter Dinge auf. Nun herrscht
ständiger Mangel durch das stetige Wachstum der Bedürfnisse. Ab hier
reden wir von Geschichte in einem bestimmten Sinn: “Diese Erzeugung
neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat.”[2] Welche Bedürfnisse gelten sollen, wird nun strittig.
Daß die Bedürftigsten
nicht auch die leistungsfähigsten sind, ist naturgegeben. Alte und
Kinder jagen nicht und helfen bestenfalls beim Sammeln. Sie sind in
Momenten der Not aber auch am meisten gefährdet. Aus diesem trockenen
Grund kommt es vor dem Ackerbau nicht zu Überbevölkerung. Erst
Seßhaftigkeit und Getreidebau erlauben Vorratshaltung. Gelegentliche
Knappheiten werden überbrückt. Ab jetzt wird gewirtschaftet. Nachwuchs
bedeutet nun Vermehrung der Arbeitskraft: Die früheste Möglichkeit, die
Produktivkraft zu steigern, ist Bevölkerungswachstum. Je mehr Hände,
umso mehr Boden kann bestellt werden.
Erstmals geschehen ist dies vor rund zwölftausend Jahren im damali- gen Fruchtbaren Halbmond vom Jordantal über den Norden Syriens bis nach Mesopotamien, wo die Oasenstädte umringt waren von viehtreibenden Beduinenstämmen.
Durch
die Konkurrenz neuer Bedürfnisse auf der einen, mit einer wachsenden
Menschenmasse auf der andern Seite wird die Allokation erstmals zum
Problem, denn diese Konkurrenz ist dauerhaft und prägt
schließlich die Formen des Zusammenlebens. Das Naturverhältnis wird
überlagert von gesellschaftlichen Bestimmungen. Eine Differenzierung
beginnt in jene, die Anspruch auf die “höheren Bedürfnisse” haben, und
solche, die überzählig sind und denen im Notfall auch die primären
Bedürfnisse verweigert werden. Denn der Boden, an dem die Arbeit
ausgeführt wird, ist monopolisierbar. Der Arbeiter kann von ihm
abgetrennt werden.
Die Arbeitsgesellschaft hat wohl all das ermöglicht, was
unsern kulturellen Fortschritt ausmacht. Aber sie hat auch den Hunger
und die Unterernährung in die Welt gesetzt. Ursprünglich war der Mangel –
wie der Überfluß – nur eine momentane Ausnahme, die nicht lange genug
währte, um die Formen des Zusammenlebens zu prägen. Denn wurde Knappheit
zum Dauerzustand, starb die Gruppe aus. Unter solchen Umständen
geschieht die Allokation naturwüchsig, eine gesellschaftliche
Formbestimmung muß sich nicht ausbilden.
Nicht aus dem Eigentum
folgt die Differenzierung, sondern aus tatsächlicher Differenzierung
bildet sich das Eigentum. Nicht Alle waren seßhaft geworden, nicht Alle
betrieben Ackerbau. Die Herrenvölker folgen weiterhin als Jäger den
Wanderungen der Tiere, bis sie zu ihren Hirten werden.
Die
Hirtenvölker scheuen die Arbeit, aber nicht deren Früchte. Die Habe muß
verteidigt werden. Die Herausbildung einer Kriegerkaste reproduziert im
Innern den Gegensatz zu den nomadisierendenHerren im Äußern. Auch die
inneren Herren arbeiten nicht. Sie zehren von der Mehrarbeit der Andern.
Die Aneignung geschieht politisch, nicht ‘wirtschaftlich’. Vom
Arbeitsprodukt greift sie schließlich auf das Arbeitsmittel selbst über.
(Dasselbe wiederholt sich mit der Ausbildung der Grund- herrschaft im
frühmittelalterlichen Europa.)
Mit
der wachsender Arbeitsproduktivität einerseits und der Monopolisierung
des Bodens andererseits wird eine relative Überbevölkerung zur
Geschichtskonstante, der Mangel für die Vielen und die Akkumulation von
Reichtum bei wenigen wird zum Dauerzustand, es beginnt der Klassenkampf,
und das Politische entwickelt sich zu einem autonomen Bereich des
gesellschaftlichen Lebens.
Arbeit
ist das allgemeine Mittel zur Behebung von Notdurft; “Arbeit überhaupt,
die allgemeine Möglichkeit des Reichthums, die werthschaffenden
Thätigkeit (als Vermögen) überhaupt”.Sie
ist das Nützliche-an-sich und Ressource-schlechthin. An die Stelle der
Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der ‚Wert’ der Nationalökonomen:
wiederum eine Nützlichkeit-an-sich, also wiederum Arbeit – als die
allgemeinste Ware; “Gebrauchswert für andre, gesellschaftlicher
Gebrauchswert”[4]
Ist von Gesetzen die Rede, seien
es rechtliche, ökonomische oder Naturgesetze, stellt sich die Frage:
Wer hat sie erlassen und wer sorgt wie für ihre Geltung? Ökonomische
Gesetze kommen zustande, wenn die Wirtschaftssubjekte nach ihnen suchen,
weil sie sie brauchen, und wenn zugleich im realen Wirtschaftsgeschehen
Regelmäßigkeiten vorkommen, die man finden kann.
Nur wer Vieles
regelmäßig vergleichen muß, braucht ein gemeinsames Maß für Alles. Wer
nur ab und zu das Eine gegen das Andere abwägt, kann sich mit bloßem
Schätzen begnügen: ‘Was würde ich für den Gebrauch dieser Sache anlegen
wollen?’ Chop knives wurde Karl Marx von den Londoner Gassenjungen
gefragt. Dann wurden die Taschenmesser gezückt, und wer das schlechtere
vorwies, musste noch einiges drauflegen, bis der Halter des besseren mit
dem Handel zufrieden war. Barter heißt diese Form gelegentlichen
Tauschhandels zwischen zufälligen Kontrahenten.
Solange der Austausch
nur punktuell stattfindet, bleibt ihm ein Charakter von Willkür und
Kontingenz. Ein Durchschnitt, aus dem sich eine Regel ermitteln ließe,
kann sich ohne Kontinuität in Raum und Zeit nicht ausbilden.
Ursprünglich findet Tausch nur an den Rändern der naturwüchsigen
Gemeinschaften statt, schon bei Jägern und Sammlern. Wobei gelegentlich
nicht der Austausch Zweck des Grenzverkehrs ist, sondern der Verkehr
Zweck des Tauschs – um dem Raub zuvor zu kommen.
Vieles,
was die Ethnologie unter den (überdehnten) Begriff Potlatch faßt,
gehört in diese Kategorie. Einen rudimentären Handel darf man schon für
die Crô-Magnon-Zeit annehmen: In den Höhlen der Dordogne wurden Lager
von Ziermuscheln gefunden, die von der Nordsee stammten. Ausgetauscht
wird nicht das Notwendige, sondern das, was übrig ist. Das ist Luxus,
darauf kann man verzichten.
Der
erste reguläre Handelsartikel (und das erste ‘allgemeine Äquivalent’)
war das Salz. Das lag nicht an den Verkehrsformen, sondern am
Gebrauchswert. Erstens ist das Salz haltbar und läßt sich beliebig
teilen. Aber zweitens und vor allem wird es von jedermann gebraucht.
Allerdings
erst seit dem Übergang zum Ackerbau. Die Jäger und Sammler, deren Kost
zu einem guten Teil aus Fleisch bestand, nahmen mit ihrer Nahrung
genügend Salze auf. Erst bei überwiegender Ernährung aus Getreide wird
eine besondere Zufuhr von Kochsalz nötig. Salz wird nicht überall
gewonnen. Ein regelmäßiger Fernhandel geht dem Nahhandel voraus.
Arbeitsteilung bedingt
Handel, Handel fördert die Arbeitsteilung. Alle Handwerke, Flechten,
Schnitzen, Weben und das Anfertigen von Waffen wurden zunächst neben den
Hauptbeschäftigungen – Jagen und Sammeln – von allen mehr oder weniger
geschickt mit betrieben. In den Siedlungen der Jungsteinzeit trat die
Töpferei hinzu, die eine erste Spezialisierung gebracht haben wird. Zum
ersten wirklichen Beruf wurde das Schmieden, das außer besonderen
Kenntnissen auch ein besonderes Zeitbudget verlangt. Wäre nicht jeder
Gebrauchswert ein so besonderer, bedürfte es keines Tauschs.
Wird der Austausch regulär und
ist ein Markt einmal entstanden, greift die Arbeitsteilung auf die
Produktion selbst über. Produziert wird nun von vornherein für das
Bedürfnis der Andern, in der Gewißheit, daß sie produzieren werden, was
ich selber brauche. Auf den Marktplätzen wird ein gemeinsamer Maßstab
gesucht, und gefunden wird er, bezeugt von Aristoteles bis Luther, in
der gefühlten Menge an “Mühsal”, das die Verfertigung seines Produkts
einen jeden gekostet hat: mhd. arebeit heißt nichts anderes. Aber noch
sind die Märkte lokal. Die kleinste Störung der Handelswege kann zu
Knappheiten führen, die spekulative Monopolpreise hervorbringen.
Markt-Wirtschaft indes
bedeutet eo ipso Industrie- gesellschaft. Daß regelmäßig nur gleiche
Wertgrößen sich gegen einander austauschen, setzt voraus, daß Arbeit
regelmäßig als Lohnarbeit stattfindet. “Denn solange das Arbeitsvermögen
nicht selbst sich austauscht, beruht die Grundlage der Produktion noch
nicht auf dem Austausch, sondern der Austausch ist bloß ein enger Kreis,
der auf Nichtaustausch auf seiner Basis ruht, wie in allen der
bürgerlichen Produktion vorhergehenden Stufen.”[5]Es
fehlt die alles entscheidende Bedingung. “Das Herrschen nämlich des
Tauschwert selbst und der Tauschwert produzierenden Produktion
unterstellt fremdes Arbeitsvermögen als Tauschwert – d. h. Trennung des
lebendigen Arbeitsvermögens von seinen objektiven Bedingungen.”[6]
Hier gewinnt nun die
‘überschüssige Bevölkerung’, die bislang in der Wirtschaft nur als tote
Kosten eine Rolle gespielt hat, eine positive, formbestimmende Geltung.
Das ist die Masse all derer, die im Laufe der Jahrhunderte von ihrem
ursprünglichen Arbeitswerkzeug, dem Boden, enteignet und vertrieben
wurden – in verstärkten Maß im England des 18. Jahrhunderts, als der
Adel in großem Stil (verpachtetes) Ackerland in (selbstbewirtschaftetes)
Weideland umwandelte.
Freilich
spielt die überschüssige Be- völkerung ihre formbestimmende Rolle nicht
aus eigenem Vermögen. Eine technische Neuerung weist ihr diesen Platz
zu.Es war
der Gebrauchswert der Dampfmaschine, des im Werkzeug fest angelegten
‘fixen’ Kapitals, der den Gebrauchswert des Arbeitsvermögens, die
Arbeit, zum Tauschwert-an-sich bestimmt hat.
Erst, wenn die Arbeit ihrerseits als
Ware gehandelt wird, kann sie sich im Austauschprozeß als dessen
durchschnittlich gültiger Maßstab ‘ausmitteln’. An ihm kann Alles
miteinander verglichen und gegeneinander getauscht werden. Die Bedürfnisse behaupten sich als geltend
durch das Maß, in dem sie über (eigenes oder fremdes) Arbeitsvermögen
verfügen, gültig wird ein Bedürfnis als tauschwertbewehrte “effektive
Nachfrage”. Durch die bestimmte Art der Produktion ist eine bestimmte
Weise der Aneignung eo ipso mit’gesetzt’. Seither verteilen die
Ressourcen ‘sich selber’, d. h. nach einer ökonomischen Regel, auf die
Bedürfnisse: “Die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der
Arbeit [auf die 'verschiedenen Bedürfnismassen']
durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der
gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen
Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert.”[7]
Diese Regel beruht auf
der Doppelnatur der Arbeit. Sie ist einerseits Verausgabung eines
lebendigen Vermögens. Andererseits kann sie – unter gegebenen sachlichen
Voraussetzungen – mehr ‘Werte’ schaffen, als zu dessen eigener
Erzeugung und Erhaltung erforderlich waren. Wer über dieses Vermögen
verfügt, eignet sich den Mehr-Wert an, nicht wer es (verausgabend)
realisiert. Dieses “Wertgesetz” ist keine den Sachen selber innewohnende
Kraft noch eine eigenmächtige Bewegung der Begriffe, sondern nur die
gedankliche Schematisierung eines wirklichen Geschehens unter gegebenen
Bedingungen.
Die Bedingungen waren,
daß die Ressourcen schlechterdings knapp, aber schlechterdings durch
Arbeit vermehrbar sind, und daß Arbeit die allgemeingültige Ware ist,
weil Lohnarbeit vorherrscht. Das wiederum setzt voraus, daß das
Arbeitsvermögen regelmäßig von den Mitteln seiner Realisierung getrennt
ist.
Die
Vermehrung der Ressourcen beruht auf der wachsenden Produktivität der
Arbeit; das heißt: fortschreitender Arbeitsteilung und Kooperation. Zu
einem prozessierenden System wurden sie in der mechanisierten Fabrik
der Großen Industrie ausgebildet.Technologisch bedeuten sie die
progressive Übertragung von Leistungen des lebendigen Arbeiters auf das
Arbeitsmittel. Im indu striellen Fertigungsprozeß kommt die Arbeit
wesentlich als Durchschnittsgröße vor, Verausgabung von standardisierter
Kraft, technischem Geschick und nervlicher Ausdauer; wobei
die individuelle Intelligenz des lebendigen Arbeiters nur residual und
als Fehlerquelle auftritt. Es handelt sich um all das, was an der
produktiven Handlung wiederholbar ist. Ist es wiederholbar, dann ist es
mechanisierbar. All dies wird im Lauf der technischen Entwicklung
sukzessive in das Arbeitsmittel selbst eingebaut: in die Maschine.
„In dem Maße aber, wie
die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wahren
Reichtums abhängig weniger von dem Quantum angewandter Arbeit, als von
der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt
werden und die selbst wieder in keinem Verhältnis stehen zur
unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr
abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der
Technologie. Was Tätigkeit des Arbeiters war, wird Tätigkeit der
Maschine.“ So tritt der Arbeiter „neben den Produktionsprozeß, statt
sein Hauptagent zu sein. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form
aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört [auf] und
muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert
[Maß] des Gebrauchswerts.“
Mit andern Worten, das Wertgesetz verfällt.
Es
ist – unmittelbar – der Gebrauchswert des fixen Kapitals, der sich
ändert, und – mittelbar – der Gebrauchswert der verbleibenden lebendigen
Arbeit: “Hier wieder ein Beispiel von der Wichtigkeit der Bestimmung
des Gebrauchswerts für die ökonomische Formbestimmung.”[10]
Seine
Erfüllung findet der Prozeß der technologischen Arbeitsteilung in den
computergesteuerten automatisierten Werkstätten der Gegenwart.Dort wird noch lange
nicht die größte Menge an Gebrauchsgegenständen, aber längst die größte
Wertmasse erzeugt. In deren Werkhallen überwacht ein Fachmann einen
Komplex von Automaten, die die Arbeiten von einst Hunderten besorgen. Er
versteht was davon, aber er tut normalerweise nichts. Dort entsteht
täglich der vielfache Wert seines monatlichen Arbeitsentgelts, wobei es
auf ein paar Nullen mehr oder weniger nicht ankommt. Kann man sagen,
diese Wertmasse bestünde aus seiner “unbezahlten Mehrarbeit”? Dem
‘Begriff’ entspricht es weiterhin, aber der Begriff ist offenbar aus
seinen Nähten geplatzt. Er ist unverhältnismäßig geworden und der Sache
nicht mehr angemessen.
Nun
ist auch noch ein Teil, nämlich der kombinatorische Anteil der
lebendigen Intelligenz als ‘Programm’ kodiert worden und auf die
Maschinen selbst übergegangen. Als Spezifikum der wirklichen lebendigen
Arbeit, das schlechterdings nicht digitalisiert und kybernetisiert
werden kann, ist am Ende des Prozesses allein der inventive,
konzipierende Anteil der Intelligenz übrig geblieben: das lebendige
Einbildungs- und Urteilsvermögen. Die Arbeitsteilung erreicht einen
Punkt, wo sie die Qualität der Arbeit verändert. Die
‘Gebrauchswertseite’ macht sich gegen die bloße Formbestimmung (wieder)
geltend. Das Individuelle gewinnt über den Durchschnitt die Oberhand.
Der Tauschwert verfällt.
Ressourcen,
die durch Arbeit vermehrt werden können, sind an sich nun nicht mehr
knapp. Virtuell sind die Bedürfnisse befriedigt, “produktionell”
herrscht Überfluß. Wo Mangel aktuell noch immer auftritt, ist er kein
ökonomisches, sondern lediglich ein Verteilungsproblem, das “nur noch”
politisch gelöst werden muß. Und umgekehrt werden zusehends solche
Ressourcen knapp, die durch Arbeit nicht vermehrt werden können und ipso
facto keinen Tauschwert haben. Deren Verteilung auf die Bedürfnisse ist
von Anfang an keine ökonomische, sondern “nur” eine politischen
Aufgabe.
Arbeit bleibt übrig als schiere Intelligenz: Einbildungs-
und Urteilsvermögen. Deren Betätigung bezeichnen wir mit dem
aktivischen Zeitwort wissen. Insofern ist die Feuilletonrede vom
“Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft” treffender als
ihre Kolporteure denken. Freilich, nicht die Datei – nicht die Daten und
schon gar nicht deren Gespeichertsein – macht Wissen aus, sondern die
Generierung von Wißbarem; denn die Kombinatorik besorgt die Maschine.
Ein so auf seinen ‘einfachsten Ausdruck’ zurückgeführtes Arbeitsvermögen
ist nun nicht mehr regelmäßig getrennt von den Bedingungen seiner
Ausübung. Es reicht ein Internetanschluß, mag man zugespitzt sagen.
Aber
Intelligenz hat keinen Tauschwert. Weil einbilden und urteilen nur actu
geschieht und als solches nicht wiederholbar ist, wird der Philosoph
sagen. Doch die Erzeugnisse von Einbildung und Urteil kann man sehr wohl
wiederholen, sogar hersagen, ohne sie zu verstehen. Und gerade darum
hat Intelligenz keinen Tauschwert: “Das Produkt der geistigen Arbeit
steht immer tief unter ihrem Wert. Weil die Arbeitszeit, die nötig ist,
um sie zu reproduzieren, in gar keinem Verhältnis steht zu der
Arbeitszeit, die zu ihrer Originalproduktion erforderlich ist. Z.B. den binomischen Lehrsatz kann ein Schuljunge in einer Stunde lernen.”[11]
Der
Tauschwert ist keine sachliche Eigenschaft des Produkts, sondern eine
durch den gesellschaftlichen Verkehr ihm zugerechnete Größe, “nur eine
eingebildete, d.h. bloß soziale Existenzweise der Ware, die mit ihrer
körperlichen Realität nichts zu schaffen hat; sie wird vorgestellt”[12] nicht
als die Arbeit, die gestern zu seiner Herstellung wirklich aufgewendet
wurde, sondern als die Arbeit, die heute notwendig wäre, um es wieder
herzustellen.
Die
Ausbildung – oder sagen wir besser: die Bildung einer lebendigen
Intelligenz mag viele lange Jahre dauern und ein Vermögen kosten. Aber
ihre Produktionen sind so gut wie gar nichts ‘wert’, weil schon morgen
sie die Spatzen von den Dächern pfeifen oder ein ABC-Schütze mit der
Maus klickt. Wo soll da ein Mehr-Wert herkommen? Selbst in seinem
innersten Kern, dem Doppelcharakter der Arbeit, führt sich das
Wertgesetz ad absurdum.
Das
Arbeitsprodukt muß, um als individueller Gebrauchswert zur Geltung zu
kommen, zwischenhin die allgemeine Geltung als Tauschwert annehmen. Der
Ort dieses Umschlags ist öffentlich: der Markt. Öffentlich ist auch der
Umschlagplatz der Gedanken, öffentlicher denn je: das Internet. Zur
Geltung kommen beide durch Verkehr.
Die Arbeiten tauschen sich nicht
unmittelbar gegeneinander. Arbeit ist reell immer eine bestimmte,
qualitativ besondere Tätigkeit, Gebrauchswert, und kann unmittelbar
nicht verglichen werden; sondern nur privat “geschätzt”. Verglichen wird
die Produktivität der – durchschnittlichen – Arbeit: vergegenständlicht
im Tauschwert des Arbeitsprodukts. Das Produkt der Intelligenz sind die
Gedanken. Vergleichen kann man sie auch mittelbar nicht. Aber sie
‘vergegenständlichen’ sich auf ihre Weise, im Datenspeicher. Doch der
Tauschwert des
Buchs
beruht nicht auf den vergegenständlichten, schriftlich symbolisierten
Gedanken, sondern auf seinem Materialwert: den Herstellungskosten. Hinzu
kommt, als imaginäres, spekulatives Element, der Idealwert der Namen:
der Ruf des Autors und des Verlegers. Die beeinflussen den Absatz. Ob
und wie weit, kann aber nicht gemessen, sondern wiederum nur geschätzt
werden (so wie der Käufer seinen Gebrauchswert ‘schätzen’ muß). Das gilt
für “alle Produkte der Kunst und Wissenschaft, Bücher, Gemälde, Statuen
usw. eingeschlossen, soweit sie sich dinglich darstellen”.[13]
Um
Tauschwert zu haben, muß sich die verausgabte Arbeitskraft irgendwo in
Res extensa vergegenständlichen, denn anders könnte sie nicht angeeignet
werden, nämlich so, dass jeder Andere von ihrem Gebrauch ausgeschlossen
ist. Sollten Gedanken ‘Wert’ haben, so könnte er doch nicht als
Tauschwert erscheinen: Denn sie können nicht den Eigentümer wechseln.
Sie sind, einmal in die Welt gesetzt, öffentlicher Besitz. Sie sind das
Öffentlichste überhaupt. Angeeignet werden kann der Datenträger, der sie
speichert. Ist aber das Medium selber öffentlich, entfällt auch das.
Sie sind eine virtuelle Realität. Nur virtuell, soweit sie erst noch
vernommen werden müssen. Aber real sind sie auch unabhängig von ihrem
Träger. Genauer gesagt, ist das Medium auch global und öffentlich
zugänglich – irgendwo müssen sie schon gespeichert sein, aber wo und wie
ist ganz gleichgültig, es könnte in Vergessenheit geraten, ohne der
Präsenz der Gedanken Abtrag zu tun. ‘Wirklich real’, nämlich ursächlich
wirkend werden sie freilich erst durch die Intelligenz, die sie
vernimmt.
Die
Nützlichkeit der Arbeiten kann nur mittelbar, durch den Tauschwert
verallgemeinert werden. Die Gedanken sind unmittelbar allgemein, sie
‘haben’ keinen Wert, sondern sind ein Gut. Darum werden sie nicht
ausgetauscht, sondern mitgeteilt. Wie weit sie geschätzt werden, wird
man an ihren Wirkungen erkennen. Aber messen kann man es nicht.
Noch sind Fragen des geistigen
Eigentums erst in der Popmusik wirtschaftlich akut. Dort betrifft das
Urheberrecht lediglich die Melodie, jenes einzig ‘diskursive’ Element
der Musik, das sich
digital objektivieren läßt. Darüber hinaus reduziert es sich seit dem
kommerziellen Niedergang der Datenträger auf den ewig prekären
Kopierschutz. Rhythmik, Klangmischung, Harmoniefolgen, Stil – also
alles, was den sound und mithin das Allereigenste eines pop acts
ausmacht – lassen sich nicht schützen, weil sie sich nicht
vereindeutigen und hinreichend bezeichnen lassen. Und ist es eine
Utopie, daß schließlich noch die Stimmen der Sänger gesampelt und
digital nachgeahmt werden? Von “Austausch” wird man in dieser Branche
schon kaum noch reden können. Aber sie ist nur die Tête der
technologischen Entwicklung. Zugleich bleibt die ungebremste Exuberanz
der Unterhaltungsindustrie selber der sichtbarste Indikator für das
Veralten der Arbeitsgesellschaft.[14] Die
IT-Revolution durch das Internet hat bei der Entfaltung der
Produktivkräfte dieselbe Dimension wie einst die industrielle Revolution
nach der Erfindung der Dampfmaschine. Brachte jene die Vollendung der
Arbeitsgesellschaft, so bringt diese ihre Auflösung.
Wir
wissen, welche Welt zu Ende geht. Wir wissen nicht, welche Welt
entsteht. Es nützt nichts, aus dem Kaffeesatz zu lesen, welcher
Parameter uns morgen ‘Maß und Substanz’ der Werte liefern kann, wenn es
denn die Arbeit nicht mehr tut. Man muß sich – vielleicht noch nicht
wir, aber die zwei, drei Generationen nach uns – auf eine Welt
einstellen, in der die Sachen nichts mehr ‘wert’ , oder wo nicht mehr
die Sachen etwas ‘wert’ sind. Das wäre keine andere Art des
Wirtschaftens, sondern es wäre kein Wirtschaften mehr. Kein Ermitteln
von Durchschnittsgrößen in blinden, selbstgesteuerten ‘Prozessen ohne
Subjekt’, sondern Einbilden und Urteilen, wann und wo sich’s ergibt.
Keine ökonomische, sondern eine politische Gesellschaft.
Nach der Erfindung des
aufrechten Gangs, nach dem Einbruch der Arbeit in unser Gattungsleben
wird dies unser dritter Großer Sprung. Es ist allerdings das erste Mal,
daß wir in vollem Bewußtsein springen. Das gibt der Feuilletonvokabel
Wissensgesellschaft eine unerwartete Pointe.
*
Das
Wertgesetz sagt nichts über die Eigenschaften von Dingen, sondern
beschreibt Verhältnisse zwischen Personen. Gegen den Satz ‘Die
Verhältnisse haben sich geändert’ wäre der Einwand ‘Aber die Dinge sind
noch dieselben’ wahr, aber ohne Bedeutung. Tant pis für die
Wirklichkeit, wird der Hegelianer sagen, wenn das Wirkliche seinem
Begriff entweicht. Aber auf einen Autor, dem man eine “materialistische
Geschichtsauffassung” nachsagt, wird er sich dabei nicht berufen wollen.
Nach
dem politischen Programm geht das Kapital in der proletarischen
Revolution unter. “Mit der Entwicklung der großen Industrie” produziert
die Bourgeoisie “vor allem ihre eigenen Totengräber. Ihr Untergang und
der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.”[15]
Daraus ist nun nichts geworden.
Nach
der Kritik der Politischen Ökonomie geht das Kapital am Sinken der
Durchschnittsprofitrate zugrunde. “Je entwickelter also schon das
Kapital, je mehr Surplusarbeit es geschaffen hat, um so furchtbarer muß
es die Produktiv- kraftentwickeln, um sich nur in geringem Maße zu
verwerten, d.h. Mehrwert zuzufügen… Die Selbstverwertung des Kapitals
wird schwieriger in dem Maße, wie es schon verwertet ist. Die Vermehrung
der Produktivkräfte würde dem Kapital gleichgültig; die Verwertung
selbst, weil ihre Proportion minim geworden ist; und es hätte aufgehört,
Kapital zu sein.”[16] Es
ist der Gebrauchswert des ‘fixen’ Kapitals, der sich formbestimmend
geltend macht. “Es zeigt sich hier [...], wie der Gebrauchswerth, der
uns ursprünglich nur als materielles Substrat der ökonomischen
Verhältnisse erscheint, selbst in die ökonomische Kategorie eingreift.”[17]
Das
läßt sich der Natur der Sache nach nicht rechnerisch ermitteln. Die
Menge der Profite ist global, grob gesagt, gleich der Menge der
Mehrwerte; doch das einemal bezogen auf das eingesetzte Gesamtkapital,
das andre Mal bezogen nur auf die Menge des Arbeitslohns. Weder die
globale Menge der Profite noch die globale Menge der Arbeitslöhne lassen
sich statistisch erfassen, und folglich ein Durchschnittsverhältnis
schon gar nicht errechnen. Ob die Profitrate global sinkt oder nicht,
ließe sich nur aus krisenhaften Momenten im globalen Marktgeschehen, und
nur mit großem interpretatorischem Scharfblick, erschließen. Allerdings
– nur dort ist es auch von Belang. Doch weder der gegenwärtige
Welthandelsboom noch eine momentane Börsenschwäche beweisen unmittelbar
dieses oder jenes.
Jede technische
Revolution entwertet das vorhandene, im Maschinenpark angelegte (‘fixe’)
Kapital und verbilligt den ‘zirkulierenden’ Anteil am ‘konstanten’
Kapital (Werkstoffe); und senkt so die ‘organische Zusammensetzung’ des
Kapitals zugunsten des ‘variablen’ Anteils, der Arbeitslöhne, die allein
Mehrwert generieren. Die – noch erst beginnende – IT-Revolution
bedeutet, rein als technologische Innovation innerhalb des industriellen
Rahmens aufgefaßt, eine Kapitalvernichtung, wie sie zuvor nur die
Weltkriege gebracht haben. Bei offenkundig weiter steigender
Arbeitsproduktivität ist nicht abzusehen, daß die
Durchschnittsprofitrate sinken müßte. Doch wie dem auch sei: Das ist
eine ‘innertheoretische’ Frage, die ich hier nicht auszuführen habe.
Das
Verständnis der Kritik der Politischen Ökonomie war stets belastet von
dem ebenso verschämten wie hartnäckigen Vorurteil, es ginge überall nur
um die Formbestimmung, und neben dem Tauschwert sei der Gebrauchswert
ohne theoretischen Belang. So ist es freilich in der Politischen
Ökonomie. Aber eben darauf zielte die Kritik: Es ist die besondere Natur
der Arbeitskraft als Ware, daß ihr Gebrauchswert – nämlich ihre
produktive Verausgabung – durch seinen Gegensatz zu ihrem Tauschwert
formbestimmend wird für das ganze System der bürgerlichen Gesellschaft.
Der Tauschwert ist durchaus nicht die höhere, sondern lediglich eine
historisch, d. h. situativ bedingte Darstellungsweise der reellen
Nützlichkeiten dieses oder jenen Dings. Ausschlaggebend wird am Ende die
Qualität, nicht die Travestie.
Vergeblich hat Marx
darauf bestanden, “daß also bei mir der Gebrauchswert eine ganz anders
wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie”.[18] Die Kritik wurde in eine positive Lehre verkehrt und einem feudalbürokratischen Vergeudungs- und Verknappungsregime [19] dienstbar
gemacht, in der sie untergegangen ist. Der Fetischismus der bloßen Form
ist das Lendentuch aller bürokratischen Herrschaft. Er ist ein Arkanum
in rationellem Gewand. “Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem
nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von
außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu
akkomodieren sucht, nenne ich gemein.”[20] Mit
dieser Gemeinheit hat es nun ein Ende, die Parasitenwirtschaft ist
selber untergegangen. Die Wissenschaft kann auf ihren eignen Standpunkt
zurückkehren. Theorie wird wieder benötigt.
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Anmerkungen
[1] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei, Marx-Engels-Werke, Berlin (O) 1968ff., Bd. 4, S. 459-493
[2] K. Marx in: Die Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 28
[3] ders., ‘Zweiter Entwurf des Kapitals’, Marx-Engels-GesamtAusgabe, Abt. II/3.1, Berlin 1976, S. 36
[4] ders., Das Kapital I, MEW 23, S. 55
[5] ders., Grundrisse, MEW 42, S. 574f
[6] ebd., S. 417. - Ein individuelles Bedürfnis (=nach Gebrauchswert) gilt als gesellschaftliche Nachfrage (=nach
Tauschwert) nur, wenn es als 'Kommando über fremde Arbeitskraft'
auftritt. Tritt es lediglich als Kommando über eigne Arbeitskraft auf,
muss es diese erst zu Geld machen, "veräußern", in 'Kommando über fremde
Arbeitskraft' umtauschen, um zu gesellschaftlicher Geltung zu gelangen.
Gelingt ihr das nicht, wird sie nicht als Nachfrage geltend, bleibt privat, fällt gesellschaftlich nicht ins Gewicht. - Nicht die konkrete Arbeit zählt, sondern die anteilige Verfügung über das Abstraktum Arbeitskraft.
[7] ders., Brief an Ludwig Kugelmann, 11. 7. 1868; MEW Bd. 32, S. 553
[8] “Die
Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der
Handarbeit… vollendet sich … in der auf Grundlage der Maschinerie
aufgebauten großen Industrie.” K. Marx, Das Kapital I, MEW Bd. 23, S. 446
[9] K. Marx, Grundrisse, in: MEW, Bd. 42, S. 600f.
[10] ders., Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, S. 489
[11] aaO., MEW Bd. 26.1, S. 329
[12] ebd., S. 141f.
[13] ebd., S. 142
[14] siehe hierzu J. Ebmeier, Michael Jackson – das Phänomen, Mainz 1999
[15] Manifest der kommunistischen Partei, aaO., S. 474
[16] K. Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 258f.
[17] ders., ‘Zweiter Entwurf…’, MEGA Abt. II/3.5, Berlin 1976, S. 1676
[18] ders., Randglossen zu Adolph Wagners Lehrbuch…, in: MEW, Bd. 19, S. 371
[19] siehe hierzu Leo Trotzki, Die verratene Revolution in: ders., Schriften 1, Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Bd.1.2, Hamburg 1988, S.687-1011
[20]K. Marx, Theorien über den Mehrwert/2, MEW 26.2, S. 112
[Motto aus: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hegel-Werke, Ffm. 1969-71, Bd. 7, S. 28]
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