Samstag, 22. Dezember 2018

Bonapartismus I.

Ratapoil, H. Daumier

Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode. Bis zum 2. Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer Vorbereitung absolviert, sie absolviert jetzt die andre. Sie vollendete erst die parlamentarische Gewalt, um sie stürzen zu können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet sie die Exekutivgewalt, reduziert sie auf ihren reinsten Ausdruck, isoliert sie, stellt sie sich als einzigen Vorwurf gegenüber, um alle ihre Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzentrieren. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit vollbracht hat, wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maulwurf!

Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und militärischen Organisation, mit ihrer weit- schichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer andern halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monar- chie, beim Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herrschaftlichen / Privilegien der Grundei- gentümer und Städte verwandelten sich in ebenso viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstreitenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zentralisiert ist. 


Die erste französische Revolution mit ihrer Aufgabe, alle lokalen, territorialen, städtischen und provinziellen Sondergewalten zu brechen, um die bürgerliche Einheit der Nation zu schaffen, mußte entwickeln, was die absolute Monarchie begonnen hatte: die Zentralisation, aber zugleich den Umfang, die Attribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon vollendete diese Staatsmaschinerie. Die legitime Monarchie und die Julimonarchie fügten nichts hinzu als eine größere Teilung der Arbeit, in demselben Maße wachsend, als die Teilung der Arbeit innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue Gruppen von Interessen schuf, also neues Material für die Staatsverwaltung. 

Jedes gemeinsame Interesse wurde sofort von der Gesellschaft losgelöst, als höheres, allgemeines Interesse ihr gegenübergestellt, der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsglieder entrissen und zum Gegenstand der Regierungs- tätigkeit gemacht, von der Brücke, dem Schulhaus und dem Kommunalvermögen einer Dorfgemeinde bis zu den Eisenbahnen, dem Nationalvermögen und der Landesuniversität Frankreichs. 

Die parlamentarische Republik endlich sah sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den Repressivmaßregeln die Mittel und die Zentralisation der Regierungsgewalt zu verstärken. Alle Umwälzungen vervollkommneten die Maschine statt sie zu brechen. Die Parteien, die abwechselnd um die Herrschaft rangen, betrachteten die Besitznahme dieses ungeheueren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers.

Aber unter der absoluten Monarchie, während der ersten Revolution, unter Napoleon war die Bürokratie nur das Mittel, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restauration, unter Louis-Philippe, unter der parlamentarischen Republik war sie das Instrument der herrschenden Klasse, so sehr sie auch nach Eigenmacht strebte.

Erst unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat völlig verselbständigt zu haben. Die Staatsmaschinerie hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an der Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt, ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf den Schild gehoben von einer trun- kenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erkauft hat, nach der er stets von neuem mit der Wurst wer- fen muß. Daher die kleinlaute Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Atem stocken läßt. Es fühlt sich wie entehrt.

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Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, VII. Kapitel; Berlin (O) 1960, S. 196f.



 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Mystifikation der Arbeit.


„Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesell- schaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern.“ 

Erster Teil des Paragraphen: „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.“
 

Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft. Jene Phrase findet sich in allen Kinderfibeln und ist insofern richtig, als unter- stellt wird, daß die Arbeit mit den dazugehörigen Gegenständen und Mitteln vorgeht. 

Ein sozialistisches Programm darf aber solchen bürgerlichen Redensarten nicht erlauben, die Bedingungen zu verschweigen, die ihnen allein einen Sinn geben. Nur  soweit der Mensch sich von vornherein als Eigentümer zur Natur, der ersten Quelle aller Arbeitsmittel und –gegenstände, verhält, sie als ihm gehörig behandelt, wird seine Arbeit Quelle von Gebrauchswerten, also auch von Reichtum. 

Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben.
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aus Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei ("Kritik des Gothaer Programms") in 
MEW 19, S. 13


Nota. - Das Gothaer Programm war als Plattform für die Vereinigung der Lassalleaner mit den 'marxistischen' Eisenachern in einem Kuhhandel entstanden. Da die Lassalleaner in der Sache überall nachgeben mussten, wollten sie wenigstens auf dem Papier kompensiert werden. Das Ergebnis war ein heilloses Mischmasch aus allerlei sozialistischen Phrasen verschiedenster Provenienz. Marx und Engels waren geneigt, sich von diesem Potpourri öffentlich zu distanzieren. Sie ließen sich von Bebel und Liebknecht schließlich doch überreden. 

Die Arbeit machen typischerweise die Apologeten der bürgerlichen Wirtschaftsordnung zum Fetisch. Da tun sie die Unternehmer und die Unternommenen in einen Sack und lässt unter den Tisch fallen, dass die sachlichen Bedingungen, die wirkliche Arbeit überhaupt erst möglich machen, von einer Seite her vorab monopolisiert sind - und es sieht fast so aus, als täten sie den Eigentümern des Arbeitsvermögens einen Gefallen, wenn sie ihnen die erforderlichen Arbeitsmittel  'überlassen'. Dass das Monopol über die Arbeitsmittel aus einer vorangegangenen Okkupation hervorgegangen ist, gerät im Weihrauch aus dem Blick.
JE


Dienstag, 18. Dezember 2018

Stücklohn (Akkord).



Diese verschiednen Formen des Arbeitslohns gehn das allgemeine Verhältnis nichts an. Es ist übrigens auf der Hand liegend, daß beim Stücklohn die- selbe Frage eintritt: Woher kommt der Mehrwert? 

Offenbar, daß das Stück nicht ganz bezahlt wird; daß mehr Arbeit in dem Stück absorbiert ist als für es in Geld bezahlt wird. Also das ganze Phänomen nur dadurch zu erklären (alle andren Erklärungsweisen setzen es schließ- lich immer wieder voraus), daß der Arbeiter nicht seine Arbeit verkauft als Ware — und das ist sie, sobald sie vergegenständlicht ist, in welchem Gebrauchswert immer, also stets als Resultat des /Arbeitsprozesses, also meist, bevor die Arbeit gezahlt wird —, sondern sein Arbeitsvermögen, bevor es gearbeitet hat und sich als Arbeit verwirklicht hat. 

Das Resultat — daß der vorausgesetzte Wert oder die Geldsumme, die der Käufer in die Zirkulation warf, nicht nur reproduziert ist, sondern sich verwertet hat, in einer bestimmten Proportion gewachsen, zu dem Wert ein Mehrwert hinzugekommen ist —, dies Resultat wird nur in dem unmittelbaren Produktionsprozeß verwirklicht, denn erst hier wird aus dem Arbeitsvermögen wirkliche Arbeit, vergegenständlicht sich die Arbeit in einer Wa- re. Dies Resultat ist, daß der Käufer mehr vergegenständlichte Arbeit in der Form von Ware zurückerhält, als er in der Form von Geld vorgeschossen hat. Während des Arbeitsprozesses selbst ist dieser Mehrwert — dieses Surplus vergegenständlichter Arbeitszeit erst entsprungen, die er später wieder in Zirkulation wirft, indem er die neue Ware verkauft. 

Aber dieser zweite Akt, in dem der Mehrwert wirklich entspringt und das Kapital in der Tat produktives Kapi- tal wird, kann nur eintreten infolge des ersten Akts und ist nur eine Konsequenz des spezifischen Gebrauchs- werts der Ware, die im ersten Akt zu ihrem Wert gegen Geld ausgetauscht wird. 

Der erste Akt findet aber nur statt unter gewissen historischen Bedingungen. Der Arbeiter muß frei sein, um über sein Arbeitsvermögen als sein Eigentum verfügen zu können, also weder Sklave, Leibeigner, Höriger. Andrerseits muß er ebensowohl die Bedingungen, sein Arbeitsvermögen verwirklichen zu können, verloren haben. Also weder zu eignem Gebrauch wirtschaftender Bauer oder Handwerker sein, überhaupt er muß auf- gehört haben, Eigentümer zu sein. Es ist unterstellt, daß er als Nichteigentümer arbeitet und die Bedingungen seiner Arbeit ihm als fremdes Eigentum gegenüberstehn. 

In diesen Bedingungen liegt also auch, daß die Erde ihm als fremdes Eigentum gegenübersteht; daß er ausge- schlossen ist vom Gebrauch der Natur und ihrer Produktionen. Es ist dies der Punkt, worin das Grundeigen- tum als eine notwendige Voraussetzung der Lohnarbeit und daher des Kapitals erscheint. Im übrigen ist es bei der Betrachtung des Kapitals als solchem nicht weiter zu berücksichtigen, indem die der kapitalistischen Form der Produktion entsprechende Form des Grundeigentums selbst ein historisches Produkt der kapitalistischen Produktionsweise ist. 

In dem Dasein des Arbeitsvermögens als Ware, angeboten vom Arbeiter selbst — liegt also ein ganzer Umkreis von historischen Bedingungen, unter denen allein die Arbeit Lohnarbeit, daher das Geld Kapital werden kann. Es handelt sich dabei natürlich darum, daß die Produktion im allgemeinen auf dieser Grundlage beruht, die Lohnarbeit und ihre Verwendung durch Kapital nicht als sporadische Erscheinung auf der Oberfläche der Gesellschaft vorkommt, sondern daß dies herrschendes Verhältnis.
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 103f.
 



Nota. - Unmittelbar bevor Marx mit dem Begriff, d. h. mit dem "herrschenden Verhältnis" argumentiert, hatte er freilich vorgerechneet, wie auch im Stücklohn letztlich die Arbeitszeit als Maßstab gilt; nämlich im Durchschnitt. Stücklohn kommt nur zur Anwendung, wenn der bestimmte Arbeiter - die bestimmte Gruppe von Arbeitern - in ihrem Durchschnitt den allgemeinen Durchschnitt unterbieten.
JE



 

Montag, 17. Dezember 2018

Zunächst verlängert der technische Fortschritt die Arbeitszeit.


Eine der ersten Folgen der Einführung neuer Maschinerie, bevor sie herrschend in ihrem Produktionszweig geworden ist, ist, die Arbeitszeit der Arbeiter zu verlängern, die fortfahren, mit den alten unvollkommenen Produktionsmitteln zu arbeiten. 

Die mit der Maschinerie produzierte Ware, obgleich sie über ihrem individuellen Wert verkauft wird, d. h. über dem Quantum in ihr selbst enthaltner Arbeitszeit, wird unter dem bisherigen gesellschaftlichen, allgemeinen Wert derselben Produktspezies verkauft. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion dieser be- stimmten Ware ist daher gefallen, nicht aber die für die mit den alten Produktionsinstrumenten arbeitenden Arbeiter. Reichen also 10 Stunden Arbeitszeit hin zur Reproduktion seines Arbeitsvermögens, so enthält sein Produkt von 10 Stunden nicht mehr 10 Stunden notwendiger Arbeitszeit, nämlich unter den neuen gesellschaft- lichen Produktionsbedingungen zur Herstellung dieses Produkts notwendiger Arbeitszeit, sondern vielleicht nur 6 Stunden. 

Wenn er daher 14 Stunden arbeitet, so stellen diese seine 14 Stunden nur 10 Stunden notwendiger Arbeitszeit dar, und es sind nur 10 Stunden notwendige Arbeitszeit in ihnen realisiert. Das Produkt hat daher auch nur den Wert eines Produkts von 10 Stunden allgemeiner notwendiger gesellschaftlicher Arbeit. Er müßte die Arbeits- zeit verlängern, wenn er selbständig arbeitet. Arbeitet er als Lohnarbeiter, also notwendig auch Surpluszeit, so wird bei aller Verlängrung der absoluten Arbeitszeit die durchschnittliche Surplusarbeit für den Kapitalisten nur herauskommen, indem sein Lohn unter den frühren average fällt, d. h. von den mehr Stunden, die er arbeitet, weniger von ihm selbst angeeignet werden, nicht, weil seine Arbeit produktiver, sondern weil sie unproduktiver geworden, nicht, weil er in kleinrer Arbeitszeit dasselbe Quantum von Produkt schafft, sondern weil das ihm zufallende Quantum verringert wird. 
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 323 



Nota I. -  Was sich als Gesetzt der Konkurrenz darstellt, ist nichts anderes als die Zeitverzögerung, mit der sich die Veränderungen des Durchschnitts auf der Gebrauchswertseite in verändertem Durchschnitt auf der Tauschwert- seite durchsetzen. Das ist trivial und hat mit Schicksalfügung nichts zu tun.
 
Nota II. - Unter den Bedingungen einer entwickelten Arbeiterbewegung kann der Kapitalist weder beim Lohn noch bei der Arbeitszeit schalten und walten, wie er will. Umso größer der Druck, den technischen Vorsprung der Konkurrenten aufzuholen und, wenn möglich, zu überholen. Der Klassenkampf beschleunigt die Akkumu- lation, indem er die Konkurrenz der Kapitalien verschärft. 

Schon wieder so eine Stelle, wo der Gebrauchswert (der Arbeitskraft) in die Formbestimmung eingreift.
JE

Sonntag, 16. Dezember 2018

Eine höhere Stufe der Arbeitsteilung.

Arbeitsteilung in der Steinzeit, Wiktor Wasnezow

Mit der Einführung der Maschinerie, mit welcher die Arbeitsmittel großen Wertumfang annehmen und sich in massenhaften Gebrauchswerten darstellen, wächst dieser Unterschied zwischen Arbeitsprozeß und Verwertungs- prozeß und wird ein bedeutendes Moment in der Entwicklung der Produktivkraft und dem Charakter der Produk- tion. Ein Atelier von mechanischen Webstühlen z.B., das während 12 Jahren leistet, ist die Abnutzung der Ma- schinerie usw. während des Arbeitsprozesses an einem Tage unbedeutend und erscheint daher der Wertteil der Maschinerie, der in der einzelnen Ware wiedererscheint oder selbst in dem Produkt eines ganzen Jahres, relativ unbedeutend. Die vergangene, vergegenständlichte Arbeit tritt hier massenhaft in den Arbeitsprozeß ein, wäh- rend nur ein relativ unbedeutender Teil dieses Teils des Kapitals sich in demselben Arbeitsprozeß abnutzt, also in den Verwertungsprozeß eintritt und daher als Wertteil im Produkt wiedererscheint. 

Wie bedeutend daher immer die Wertgröße sei, welche die in den Arbeitsprozeß eingehnde Maschinerie und die mit ihr gegebnen Baulichkeiten usw. darstellen, geht, mit dieser Gesamtwertmasse verglichen, immer nur ein relativ geringer Teil derselben in den täglichen Verwertungsprozeß, daher in den Wert der Ware, ein, verteuert die Ware relativ, aber nur unbedeutend und in viel geringerem Maße, als die von der Maschinerie ersetzte Hand- arbeit sie verteuern würde. Wie groß daher auch der Teil des Kapitals, der in Maschinerie ausgelegt ist, erschei- nen möge gegen den Teil, der in der lebendigen Arbeit ausgelegt ist, welcher diese Maschinerie als Produktions- mittel dient, so erscheint diese Proportion sehr gering, wenn der Wertteil der Maschinerie, der in der einzelnen Ware wiedererscheint, verglichen wird mit der in derselben Ware aufgesaugten lebendigen Arbeit, und erscheint der von beiden — Maschinerie und Arbeit — dem einzelnen Produkt zugesetzte Wertteil gering — im Verhält- nis zum Wert des Rohmaterials selbst. 

Es ist erst mit der Maschinerie, daß die gesellschaftliche Produktion auf großer Stufenleiter die Kraft erwirbt, Produkte, die ein großes Quantum vergangner Arbeit darstellen, also große Wertmassen, ganz in den Arbeits- prozeß eingehen zu lassen, ganz als Produktionsmittel, während nur ein relativ geringer aliquoter Teil derselben in den während des einzelnen Arbeitsprozesses vor sich gehenden Verwertungsprozesses eingeht. Das Kapital, was in dieser Form in jeden einzelnen Arbeitsprozeß eingeht, ist groß, aber das Verhältnis, worin sein Gebrauchs- wert während dieses Arbeitsprozesses vernutzt, konsu- miert wird und sein Wert daher ersetzt werden muß, ist relativ klein. Die Maschinerie wirkt ganz als Arbeitsmittel, setzt dem Produkt aber nur Wert zu im Verhältnis, worin der Arbeitsprozeß sie entwertet, eine Entwertung, die / durch den Grad der Abnutzung ihres Gebrauchs- werts während des Arbeitsprozesses bedingt ist. 
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 321f.  



Nota. - Ohne die Ausbildung des Kapitals wäre die Einführung von Maschinen und der Übergang zu erwei- terter, industrieller Arbeitsteilung nicht möglich gewesen.

Einfache Kooperation in den Ateliers der Manufakturen konnte Ludwig XIV. selbst durchführen. Um Geld zu verdienen, denn seine Kriege waren nicht minder kostspielig als das Bauen in Versailles. Er produzierte Luxus- güter, die auch er selbst gebrauchen konnte - zum Selbstkostenpreis. Die gewaltigen Investitionen, die die Ein- führung von Maschinen erfordert hätten, konnte er sich gar nicht leisten, denn ein Gewinn im kommenden Jahr linderte nicht seine Geldknappheit im Moment.

Der Fürst kann nur selber industrieller Kapitalis werden, wenn es fähig ist, ganz und gar Kapitalist zu werden. Solange seine Privatschatulle Teil des Staatshaushalts ist, ist daran nicht zu denken.

Mit andern Worten, die Verheerungen des Frühkapitalismus und der industriellen Revolution waren historisch unumgänglich; die nachträglichen Romantisierungen aristokratischer Staatssozialisten konnten es nicht vertu- schen.
JE

Samstag, 15. Dezember 2018

Formale und reale Subsumtion der Arbeit unters Kapital.

Chaplin
 
Die Vermehrung der Produktivkraft durch die einfache Kooperation und Teilung der Arbeit kostet dem Ka- pitalisten nichts. Sie sind unentgeltliche Naturkräfte der gesellschaftlichen Arbeit in den bestimmten Formen, die sie unter der Herrschaft des Kapitals annimmt. 

Die Anwendung der Maschinerie [hingegen!] bringt nicht nur Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ins Spiel im Unterschied von der Arbeit des vereinzelten Individuums. Sie verwandelt einfache Naturkräfte in Potenzen der gesellschaftlichen Arbeit, wie Wasser, Wind, Dampf, Elektrizität usw. Dies abgesehn von der Benutzung der mechanischen Gesetze, die in dem eigentlichen, arbeitenden Teil (i. e. direkt das Rohmaterial mechanisch oder chemisch verwandelnden Teil der Maschinerie) wirkt. 

Indes unterscheidet sich diese Form der Vermehrung der Produktivkräfte, hinc der notwendigen Arbeitszeit dadurch: Ein Teil der bloßen Naturkraft, die angewandt wird, ist in dieser ihrer anwendbaren Form Produkt der Arbeit, wie die Verwandlung von Wasser in Dampf. Wo die bewegende Kraft, wie das Wasser z. B. natürlich als Wasserfall und dgl. vorgefunden wird {höchst charakteristisch, nebenbei bemerkt, daß die Franzosen das Wasser im Lauf des 18. Jahrhunderts horizontal wirken ließen, die Deutschen stets es künstlich brachen}, ist das Medi- um, wodurch seine Bewegung auf die eigentliche Maschinerie fortgeleitet wird, z. B. Wasserrad, Produkt der Arbeit. 

Ganz und gar aber gilt dies von der unmittelbar den Rohstoff umformenden Maschinerie selbst. Die Maschine- rie also, im Unterschied von der einfachen Kooperation und der Teilung der Arbeit in der Manufaktur, ist produ- zierte Produktivkraft; sie kostet; sie tritt als Ware (direkt als Maschinerie oder indirekt als Ware, die konsumiert werden muß, um der bewegenden Kraft die erheischte Form zu geben) in die Produktionssphäre, worin sie als Maschinerie wirkt, als ein Teil des konstanten Kapitals. Wie jeder Teil des konstanten Kapitals fügt sie dem Produkt den Wert zu, der in ihr selbst enthalten ist, d. h,, verteuert es um die Arbeitszeit, die zu ihrer eignen Produktion erheischt war. 

Die Maschinerie also, im Unterschied von der einfachen Kooperation und der Teilung der Arbeit in der Manu- faktur, ist produzierte Produktivkraft; sie kostet; sie tritt als Ware (direkt als Maschinerie oder indirekt als Ware, die konsumiert werden muß, um der bewegenden Kraft die erheischte Form zu geben) in die Produktionssphä- re, worin sie als Maschinerie wirkt, als ein Teil des konstanten Kapitals. Wie jeder Teil des konstanten Kapitals fügt sie dem Produkt den Wert zu, der in ihr selbst enthalten ist, d. h., verteuert es um die Arbeitszeit, die zu ihrer eignen Produktion erheischt war. ...

In dem Maße, wie die Maschinerie aus ihrer Kindheitsstufe heraustritt, sich von den Dimensionen und dem Charakter des Handwerkszeugs unterscheidet, das sie ursprünglich ersetzt, wird sie massenhafter und teurer, er-/heischt mehr Arbeitszeit zu ihrer Produktion, steigt ihr absoluter Wert, obgleich sie relativ wohlfeiler wird, d. h., obgleich die wirksamre Maschinerie in dem Verhältnis ihrer Wirksamkeit weniger kostet als die minder wirksame, d. h., das Quantum Arbeitszeit, das ihre eigne Produktion kostet, in viel ge- ringrem Verhältnis wächst als das Quantum Arbeitszeit, das sie ersetzt. Jedenfalls aber steigt ihre absolute Teuerkeit progressiv, fügt sie also absolut größern Wert der von ihr produzierten Ware hinzu, namentlich im Vergleich zu dem Hand- werkszeug oder selbst den einfachen und den auf Teilung der Arbeit beruhenden Instrumenten, die sie im Pro- duktionsprozeß ersetzt. 
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 318f.



Nota. - Der Ausdruck kommt hier zwar noch nicht vor, aber es geht um den Unterschied, den M. später als den zwischen formeller und reeller Subsumtion der Arbeit unter das Kapital beschreiben wird. Die einfache Koope- ration - = Teilung der Arbeit - innerhalb derselben Werkstatt könnte ein x-beliebiger Meister einführen, wenn sein Produkt nicht zünftig reglementiert wäre. Aber ein kapitalistischer Unternehmer muss sie einführen, wenn die Konkurrenz ihn zum Einsatz von Maschinen zwingt.

Denn ungezwungen würde er Maschinen niemals einführen: Sie kosten erst einmal viel Geld. Die Konkurrenz - der Warenmarkt - muss erst ein Ausmaß erreicht haben, das ihm wie ein Zwang vorkommt, damit er diese Inve- stition riskiert. Mit andern Worten, das Kapital muss schon so weit entwickelt sein, dass ein höherer Grad der Arbeitsteilung (durchschnittlich) gesellschaftlich notwendig geworden ist.

Es ist dies eine von den vielen Stellen, wo das Soffliche - der Gebrauchswert - unmittelbar in die Formbestim- mung eingreift (oder umgekehrt die Formbestimmung in den Gebrauchswert; aber das ist logisch dasselbe).
JE

 

Freitag, 14. Dezember 2018

Notwendig und durchschnittlich.

wolfram

Es ist nur in einzelnen Fällen, daß der Kapitalist durch Einführung der Maschinerie direkte Herabsetzung des Ar- beitslohns bezweckte, obgleich dies stets der Fall, wenn er an die Stelle der geschickten Arbeit einfache und an die Stelle der Arbeit erwachsener Männer die Arbeit von Frauen und Kindern setzt. 

Der Wert der Ware ist durch die in ihr enthaltne gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Bei Einführung neuer Maschinerie, solange die Masse der Produktion noch auf Grundlage der alten Produktionsmittel fort- dauert, kann der Kapitalist die Ware unter ihrem gesellschaftlichen Wert verkaufen, obgleich er sie über ihrem individuellen Wert verkauft, d.h. über der Arbeitszeit, die er unter dem neuen Produktionsprozeß zu ihrer Her- stellung bedarf. Hier scheint also der Mehrwert für ihn aus dem Verkauf — der Übervorteilung der andren Wa- renbesitzer, dem Steigen des Preises der Ware über ihren Wert, herzustammen, nicht aus der Verminderung der notwendigen Arbeitszeit und der Verlängerung der Surplusarbeitszeit. 

Indes ist auch das nur Schein. Durch die ausnahmsweise Produktivkraft, die die Arbeit hier im Unterschied von der Durchschnittsarbeit in demselben Geschäftszweig erhalten, wird sie im Verhältnis zu derselben höhre Ar- beit, so daß z. B. eine Arbeitsstunde derselben gleich  5/4 Arbeitsstunden der Durchschnittsarbeit, einfache Ar- beit auf höherer Potenz. Der Kapitalist zahlt sie aber wie die Durchschnittsarbeit. Eine geringre Zahl Arbeits- stunden wird so gleich einer größeren Zahl Arbeitsstunden der Durchschnittsarbeit. Er bezahlt sie als Durch- schnittsarbeit und verkauft sie als das, was sie ist, höhere Arbeit, von der ein bestimmtes Quantum = einem höheren Quantum der Durchschnittsarbeit. Der Arbeiter braucht hier also nur geringre Zeit zu arbeiten, unter der Voraussetzung, als der Durchschnittsarbeiter, um denselben Wert zu produzieren. 

Er arbeitet also in der Tat geringere Arbeitszeit — als der Durchschnittsarbeiter — um das Äquivalent für seinen Arbeitslohn oder die zur Reproduktion seines Arbeitsvermögens nötigen Lebensmittel zu produzieren. Er gibt also eine größre Zahl Arbeitsstunden als Surplusarbeit dem Kapitalisten, und es ist nur diese relative Surplusarbeit, die dem letztern beim Verkauf den Überschuß des Preises der Ware über ihren Wert liefert. Er realisiert diese Surplusarbeitszeit, oder, was dasselbe, diesen Surpluswert nur im Verkauf, der also nicht aus dem Verkauf, sondern aus der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und daher der relativen Vermehrung der Surplusarbeitszeit herstammt. 

Selbst wenn der Kapitalist, der die neue Maschinerie einführt, höheren als den Durchschnittsarbeitslohn zahlte, rührte der von ihm realisierte Uberschuß über den normalen Mehrwert, den von den andren Kapitalisten in demselben Geschäftszweig realisierten Mehrwert, nur davon her, daß der Arbeitslohn nicht in demselben Ver- hältnis vermehrt wird, in welchem  / diese Arbeit über die Durchschnittsarbeit steigt, daß also stets eine relative Vermehrung der Surplusarbeitszeit stattfindet. Dieser Fall also auch subsumiert unter das allgemeine Gesetz, daß der Mehrwert = Surplusarbeit. 

Die Maschinerie — sobald sie kapitalistisch angewandt wird, sich nicht mehr in ihren Anfängen befindet, worin sie meist nichts als machtvolleres Handwerksinstrument ist — setzt die einfache Kooperation voraus, und zwar er- scheint diese, wie wir weiter sehn werden, als viel wichtigeres Moment in ihr wie in der auf Teilung der Arbeit beruhenden Manufaktur, wo sie sich nur im Prinzip der multiples geltend macht, i.e. nicht nur darin, daß die verschiednen Operationen unter verschiedne Arbeiter verteilt sind, sondern daß Verhältniszahlen stattfinden, worin bestimmte Anzahl von Arbeitern gruppenweis je den einzelnen Operationen zugeteilt, unter sie subsu- miert ist. Im mechanischen Atelier, der entwickeltsten Form der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie, ist es wesentlich, daß viele dasselbe tun. Es ist sogar sein Hauptprinzip. 

Die Anwendung der Maschinerie setzt ferner ursprünglich als Existenzbedingung die auf Teilung der Arbeit beruhnde Manufaktur voraus, indem die Maschinenfabrikation selbst — also die Existenz der Maschine — auf einem Atelier beruht, worin das Prinzip der Teilung der Arbeit vollständig durchgeführt. Erst auf weiterer Entwicklungsstufe findet Maschinenfabrikation selbst auf Grundlage der Maschinerie — durch mechanisches Atelier — statt. 

„In den Anfängen des mechanischen Ateliers bot eine Werkstatt dem Auge die Teilung der einzelnen Arbeiten in mannigfachen Abstufungen dar; die Feile, der Bohrer, die Drechselbank hatten ein jedes je nach dem Grad der Geschicklichkeit seine Arbeiter; aber die Fingerfertigkeit, mit der Arbeiter mit Feilen oder Bohrern umgin- gen, ist heute durch Maschinen zum Hobeln, zum Fräsen von Falzen in Holz und zum Bohren versetzt, wäh- rend die manuelle Arbeit der Eisen- und Kupferdreher von der maschinell betriebenen Drehbank übernommen wurde." (p.30, 31, Ure, 1.1, I.e.) 

Die in der Manufaktur entwickelte Teilung der Arbeit wiederholt sich einerseits im Innern des mechanischen Ateliers, obgleich in sehr vermindertem Maßstab; andrerseits, wie wir später sehn werden, wirft das mechani- sche Atelier die wesentlichsten Prinzipien der auf Teilung der Arbeit beruhenden Manufaktur über den Haufen. Endlich vermehrt die Anwendung der Maschinerie die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft, die Ver- vielfältigung der besondren Geschäftszweige und unabhängigen Produktionssphären. 

Ihr Grundprinzip ist Ersetzung geschickter Arbeit durch einfache Arbeit; also auch Reduktion der Masse des Arbeitslohns auf den Durchschnittsarbeitslohn oder Reduktion der notwendigen Arbeit der Arbeiter auf das / Durchschnittsminimum und Reduktion der Produktionskosten des Arbeitsvermögens auf die Produktions- kosten des einfachen Arbeitsvermögens. 
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 315ff.




Nota. - Als gesellschaftlich notwendige Arbeit gilt der Durchschnitt. Wer über dem Durchschnitt liegt, macht Verlust, weil sein Produkt unverkäuflich geworden ist. Wer unter dem Durchschnitt bleibt, macht einen größeren als den durchschnittlichen Gewinn - und sei es nur, weil er mehr, nämlich billiger verkauft als die andern. Das ist der springende Punkt beim Durchschnitt: Er ändert sich, indem einige darunter bleiben; aber nicht, wenn andere darüber bleiben: Die fallen einfach aus. Das ist 'Gesetz'.
JE