Montag, 24. Dezember 2018

Engels über Bonapartismus.

geo

Ausnahmsweise indes kommen Perioden vor, wo die kämpfenden Klassen einander so nahe das Gleichgewicht halten, daß die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin momentan eine gewisse Selbständigkeit gegenüber bei- den erhält. So die absolute Monarchie des 17. und 18. Jahrhunderts, die Adel und Bürgertum gegeneinander balanciert; so der Bonapartismus des ersten und namentlich des zweiten französischen Kaiserreichs, der das Proletariat gegen die Bourgeoisie und die Bourgeoisie gegen das Proletariat ausspielte. Die neueste Leistung in dieser Art, bei der Herrscher und Beherrschte gleich komisch erscheinen, ist das neue deutsche Reich Bismarck- scher Nation: Hier werden Kapitalisten und Arbeiter gegeneinander balanciert und gleichmäßig geprellt zum Besten der verkommnen preußischen Krautjunker. 
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Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, Berlin (O) 1962, S. 167


Nota. - Hervorzuheben war, dass der Bonapartismus des 19. Jahrhundert etwas so völlig Neues nicht war, das es nötig machte, die allgmeine Theorie vom Klassencharakter des Staates zu revidieren: Er hatte seinen histori- schen Vorläufer und sein Vorbild in der absoluten Monarchie. 

Aber der entscheidende Unterschied: Die absoluten Monarchie begleiteten und bewerkstelligten den Übergang von der Feudalordnung zur bürgerlichen Produktionsweise - und das dauerte gut zwei Jahrhunderte. Der Bona- partismus dagegen ist ein momentanes Konjunkturprogramm im Rahmen einer bürgerlichen Gesellschaft, in der der Staat sich im Prinzip schon repäsentativ legitimieren muss. Ohne allgemeines Wahlrecht, und sei es nur als Drohung im Hintergrund, hat er keinen dauernden Bestand: Er braucht die Massen - zumindest, um sie zu ma- növrieren. 

Mehr darf er ihnen freilich nicht erlauben, sonst fallen die Klassen der Besitzenden, die er gegeneinander aus- spielt, gemeinsam über ihn her. Es ist ein prekäres Balancespiel, bei dem - von Louis XIV. bis Wladimir Putin - auswärtige Militärabenteuer zum Blitzableiter für innere Spannungen guten Dienst erweisen; aber auch Feuer an die Lunte legen können.

Und eines haben Bonapartismus und Absolutismus im Kern gemeinsam: Sie bedürfen zu ihrer Herrschaft eines stabilen bürokratischen Staatsapparats. Er ist ihre wahre "Massenbasis" und ihr unerschöpfliches Korruptions- mittel.
JE

Sonntag, 23. Dezember 2018

Bonapartismus II: Die Parzellenbauern

J.-F. Millet

Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht in der Luft. Bonaparte vertritt eine Klasse, und zwar die zahl- reichste Klasse der französischen Gesellschaft, die Parzellenbauern.

Wie die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigentums, wie die Orléans die Dynastie des Geldes, so sind die Bonapartes die Dynastie der Bauern, d.h. der französischen Volksmasse. Nicht der Bonaparte, der sich dem Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der Bonaparte, der das Bourgeoisparlament auseinanderjagte, ist der Auserwählte der Bauern. Drei Jahre war es den Städten gelungen, den Sinn der Wahl vom 10. Dezember zu ver- fälschen und die Bauern um die Wiederherstellung des Kaiserreichs zu prellen. Die Wahl vom 10. Dezember 1848 ist erst erfüllt worden durch den coup d’état vom 2. Dezember 1851.

Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in gleicher Situation leben, aber ohne in man- nigfache Beziehung zueinander zu treten. Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinander, statt sie in wechselsei- tigen Verkehr zu bringen. Die Isolierung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunikations- mittel und die Armut der Bauern. Ihr Produktionsfeld, die Parzelle, läßt in seiner Kultur keine Teilung der Ar- beit zu, keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannigfaltigkeit der Entwicklung, keine Verschieden- heit der Talente, keinen Reichtum der gesellschaftlichen Verhältnisse. 


Jede einzelne Bauernfamilie genügt beinah sich selbst, produziert unmittelbar selbst den größten Teil ihres Konsums und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr im Austausche mit der Natur als im Verkehr mit der Ge- sellschaft. Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Parzelle, ein andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf, und ein Schock Dörfer macht ein Departement. So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet. 

Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung, von denen der andern Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bil- den sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang unter den Parzellenbauern besteht, die Dieselbig- keit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müs- sen vertreten werden. Ihr Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungs-/gewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt. Der politische Einfluß der Parzellenbauern findet also darin seinen letzten Ausdruck, daß die Exekutivgewalt sich die Gesellschaft unterordnet.
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Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, VII. Kapitel; Berlin (O) 1960, S. 197f.


Nota. - Das war die Elementaraufgabe der französischen Revolution gewesen: der aufkommenden Industrie einen inneren Markt zu schaffen, der sie nach außen instand setzte, gegen die Engländer zu konkurrieren; Napoleons Kontinentalsperre hat ihn besiegelt. Der innere Markt, das war ein Ozean von landwirtschaftlichen Kleinunternehmern, die nun nicht mehr Pächter bei einem feudalen Grundherrn, sondern selber Herren auf ihrer Scholle waren; selber Geld in die Hände bekamen, mit dem sie einheimische Produkte kaufen - und für das sie sich bei französischen Banken verschulden konnten.

Sie waren die Basis für Napoleons Siegeszug in Europa, und fortan entschied sich die innere Politik Frankreichs daran, welcher Partei es gelang, die ländliche Kleinbourgeoisie hinter sich zu sammeln.

Schaffung des inneren Marktes ist die Kernaufgabe einer jeden bürgerlichen Revolution. Die organische Unfä- higkeit der Bauernschaft, eine eigene Partei zu bilden, war hernach das Kernproblem aller bürgerlichen Revolu- tionen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern und zwang die Revolution, permanent zu werden... oder eben zu scheitern.

Es ist nicht die "Borniertheit des Landlebens", das die Bauernschaft zu eigener gesellschaftspolitischer Identität unfähig macht. Es ist die Eigenheit ihrer Stellung zueinander im Unterschied zu den andern Klassen: die "Diesel- bigkeit ihrer Interessen", die jedoch "keine Gemeinsamkeit" erzeugt. Jede Parzelle hat im Prinzip dieselben In- teressen wie die Nachbarparzelle, aber ein jede nur für sich und im - fast alltäglichen - Streitfall gegen die andern. Wollten sie sich ihre eigenen Repräsentanten geben, würden sie immer nur den kleinsten gemeinsamen Nenner vertreten können; und alsbald von Neidern verdrängt werden. Vertreten werden müssen sie von einem väterli- chen Gönner, der keiner von ihnen ist, der über ihnen allen steht und es gut mit ihnen meint. Sie können selber keine Richtung vorgeben, sondern durch ihre Masse immer nur der einen oder andern Richtung den Ausschlag verschaffen. 

Diese zwei Jahrhunderte alte Vorgeschichte prägt die französische Innenpolitik bis heute.
JE


Samstag, 22. Dezember 2018

Bonapartismus I.

Ratapoil, H. Daumier

Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode. Bis zum 2. Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer Vorbereitung absolviert, sie absolviert jetzt die andre. Sie vollendete erst die parlamentarische Gewalt, um sie stürzen zu können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet sie die Exekutivgewalt, reduziert sie auf ihren reinsten Ausdruck, isoliert sie, stellt sie sich als einzigen Vorwurf gegenüber, um alle ihre Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzentrieren. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit vollbracht hat, wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maulwurf!

Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und militärischen Organisation, mit ihrer weit- schichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer andern halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monar- chie, beim Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herrschaftlichen / Privilegien der Grundei- gentümer und Städte verwandelten sich in ebenso viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstreitenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig geteilt und zentralisiert ist. 


Die erste französische Revolution mit ihrer Aufgabe, alle lokalen, territorialen, städtischen und provinziellen Sondergewalten zu brechen, um die bürgerliche Einheit der Nation zu schaffen, mußte entwickeln, was die absolute Monarchie begonnen hatte: die Zentralisation, aber zugleich den Umfang, die Attribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon vollendete diese Staatsmaschinerie. Die legitime Monarchie und die Julimonarchie fügten nichts hinzu als eine größere Teilung der Arbeit, in demselben Maße wachsend, als die Teilung der Arbeit innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue Gruppen von Interessen schuf, also neues Material für die Staatsverwaltung. 

Jedes gemeinsame Interesse wurde sofort von der Gesellschaft losgelöst, als höheres, allgemeines Interesse ihr gegenübergestellt, der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsglieder entrissen und zum Gegenstand der Regierungs- tätigkeit gemacht, von der Brücke, dem Schulhaus und dem Kommunalvermögen einer Dorfgemeinde bis zu den Eisenbahnen, dem Nationalvermögen und der Landesuniversität Frankreichs. 

Die parlamentarische Republik endlich sah sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den Repressivmaßregeln die Mittel und die Zentralisation der Regierungsgewalt zu verstärken. Alle Umwälzungen vervollkommneten die Maschine statt sie zu brechen. Die Parteien, die abwechselnd um die Herrschaft rangen, betrachteten die Besitznahme dieses ungeheueren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers.

Aber unter der absoluten Monarchie, während der ersten Revolution, unter Napoleon war die Bürokratie nur das Mittel, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restauration, unter Louis-Philippe, unter der parlamentarischen Republik war sie das Instrument der herrschenden Klasse, so sehr sie auch nach Eigenmacht strebte.

Erst unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat völlig verselbständigt zu haben. Die Staatsmaschinerie hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an der Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt, ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf den Schild gehoben von einer trun- kenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erkauft hat, nach der er stets von neuem mit der Wurst wer- fen muß. Daher die kleinlaute Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Atem stocken läßt. Es fühlt sich wie entehrt.

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Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, VII. Kapitel; Berlin (O) 1960, S. 196f.



 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Mystifikation der Arbeit.


„Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesell- schaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern.“ 

Erster Teil des Paragraphen: „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.“
 

Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft. Jene Phrase findet sich in allen Kinderfibeln und ist insofern richtig, als unter- stellt wird, daß die Arbeit mit den dazugehörigen Gegenständen und Mitteln vorgeht. 

Ein sozialistisches Programm darf aber solchen bürgerlichen Redensarten nicht erlauben, die Bedingungen zu verschweigen, die ihnen allein einen Sinn geben. Nur  soweit der Mensch sich von vornherein als Eigentümer zur Natur, der ersten Quelle aller Arbeitsmittel und –gegenstände, verhält, sie als ihm gehörig behandelt, wird seine Arbeit Quelle von Gebrauchswerten, also auch von Reichtum. 

Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben.
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aus Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei ("Kritik des Gothaer Programms") in 
MEW 19, S. 13


Nota. - Das Gothaer Programm war als Plattform für die Vereinigung der Lassalleaner mit den 'marxistischen' Eisenachern in einem Kuhhandel entstanden. Da die Lassalleaner in der Sache überall nachgeben mussten, wollten sie wenigstens auf dem Papier kompensiert werden. Das Ergebnis war ein heilloses Mischmasch aus allerlei sozialistischen Phrasen verschiedenster Provenienz. Marx und Engels waren geneigt, sich von diesem Potpourri öffentlich zu distanzieren. Sie ließen sich von Bebel und Liebknecht schließlich doch überreden. 

Die Arbeit machen typischerweise die Apologeten der bürgerlichen Wirtschaftsordnung zum Fetisch. Da tun sie die Unternehmer und die Unternommenen in einen Sack und lässt unter den Tisch fallen, dass die sachlichen Bedingungen, die wirkliche Arbeit überhaupt erst möglich machen, von einer Seite her vorab monopolisiert sind - und es sieht fast so aus, als täten sie den Eigentümern des Arbeitsvermögens einen Gefallen, wenn sie ihnen die erforderlichen Arbeitsmittel  'überlassen'. Dass das Monopol über die Arbeitsmittel aus einer vorangegangenen Okkupation hervorgegangen ist, gerät im Weihrauch aus dem Blick.
JE


Dienstag, 18. Dezember 2018

Stücklohn (Akkord).



Diese verschiednen Formen des Arbeitslohns gehn das allgemeine Verhältnis nichts an. Es ist übrigens auf der Hand liegend, daß beim Stücklohn die- selbe Frage eintritt: Woher kommt der Mehrwert? 

Offenbar, daß das Stück nicht ganz bezahlt wird; daß mehr Arbeit in dem Stück absorbiert ist als für es in Geld bezahlt wird. Also das ganze Phänomen nur dadurch zu erklären (alle andren Erklärungsweisen setzen es schließ- lich immer wieder voraus), daß der Arbeiter nicht seine Arbeit verkauft als Ware — und das ist sie, sobald sie vergegenständlicht ist, in welchem Gebrauchswert immer, also stets als Resultat des /Arbeitsprozesses, also meist, bevor die Arbeit gezahlt wird —, sondern sein Arbeitsvermögen, bevor es gearbeitet hat und sich als Arbeit verwirklicht hat. 

Das Resultat — daß der vorausgesetzte Wert oder die Geldsumme, die der Käufer in die Zirkulation warf, nicht nur reproduziert ist, sondern sich verwertet hat, in einer bestimmten Proportion gewachsen, zu dem Wert ein Mehrwert hinzugekommen ist —, dies Resultat wird nur in dem unmittelbaren Produktionsprozeß verwirklicht, denn erst hier wird aus dem Arbeitsvermögen wirkliche Arbeit, vergegenständlicht sich die Arbeit in einer Wa- re. Dies Resultat ist, daß der Käufer mehr vergegenständlichte Arbeit in der Form von Ware zurückerhält, als er in der Form von Geld vorgeschossen hat. Während des Arbeitsprozesses selbst ist dieser Mehrwert — dieses Surplus vergegenständlichter Arbeitszeit erst entsprungen, die er später wieder in Zirkulation wirft, indem er die neue Ware verkauft. 

Aber dieser zweite Akt, in dem der Mehrwert wirklich entspringt und das Kapital in der Tat produktives Kapi- tal wird, kann nur eintreten infolge des ersten Akts und ist nur eine Konsequenz des spezifischen Gebrauchs- werts der Ware, die im ersten Akt zu ihrem Wert gegen Geld ausgetauscht wird. 

Der erste Akt findet aber nur statt unter gewissen historischen Bedingungen. Der Arbeiter muß frei sein, um über sein Arbeitsvermögen als sein Eigentum verfügen zu können, also weder Sklave, Leibeigner, Höriger. Andrerseits muß er ebensowohl die Bedingungen, sein Arbeitsvermögen verwirklichen zu können, verloren haben. Also weder zu eignem Gebrauch wirtschaftender Bauer oder Handwerker sein, überhaupt er muß auf- gehört haben, Eigentümer zu sein. Es ist unterstellt, daß er als Nichteigentümer arbeitet und die Bedingungen seiner Arbeit ihm als fremdes Eigentum gegenüberstehn. 

In diesen Bedingungen liegt also auch, daß die Erde ihm als fremdes Eigentum gegenübersteht; daß er ausge- schlossen ist vom Gebrauch der Natur und ihrer Produktionen. Es ist dies der Punkt, worin das Grundeigen- tum als eine notwendige Voraussetzung der Lohnarbeit und daher des Kapitals erscheint. Im übrigen ist es bei der Betrachtung des Kapitals als solchem nicht weiter zu berücksichtigen, indem die der kapitalistischen Form der Produktion entsprechende Form des Grundeigentums selbst ein historisches Produkt der kapitalistischen Produktionsweise ist. 

In dem Dasein des Arbeitsvermögens als Ware, angeboten vom Arbeiter selbst — liegt also ein ganzer Umkreis von historischen Bedingungen, unter denen allein die Arbeit Lohnarbeit, daher das Geld Kapital werden kann. Es handelt sich dabei natürlich darum, daß die Produktion im allgemeinen auf dieser Grundlage beruht, die Lohnarbeit und ihre Verwendung durch Kapital nicht als sporadische Erscheinung auf der Oberfläche der Gesellschaft vorkommt, sondern daß dies herrschendes Verhältnis.
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 103f.
 



Nota. - Unmittelbar bevor Marx mit dem Begriff, d. h. mit dem "herrschenden Verhältnis" argumentiert, hatte er freilich vorgerechneet, wie auch im Stücklohn letztlich die Arbeitszeit als Maßstab gilt; nämlich im Durchschnitt. Stücklohn kommt nur zur Anwendung, wenn der bestimmte Arbeiter - die bestimmte Gruppe von Arbeitern - in ihrem Durchschnitt den allgemeinen Durchschnitt unterbieten.
JE



 

Montag, 17. Dezember 2018

Zunächst verlängert der technische Fortschritt die Arbeitszeit.


Eine der ersten Folgen der Einführung neuer Maschinerie, bevor sie herrschend in ihrem Produktionszweig geworden ist, ist, die Arbeitszeit der Arbeiter zu verlängern, die fortfahren, mit den alten unvollkommenen Produktionsmitteln zu arbeiten. 

Die mit der Maschinerie produzierte Ware, obgleich sie über ihrem individuellen Wert verkauft wird, d. h. über dem Quantum in ihr selbst enthaltner Arbeitszeit, wird unter dem bisherigen gesellschaftlichen, allgemeinen Wert derselben Produktspezies verkauft. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion dieser be- stimmten Ware ist daher gefallen, nicht aber die für die mit den alten Produktionsinstrumenten arbeitenden Arbeiter. Reichen also 10 Stunden Arbeitszeit hin zur Reproduktion seines Arbeitsvermögens, so enthält sein Produkt von 10 Stunden nicht mehr 10 Stunden notwendiger Arbeitszeit, nämlich unter den neuen gesellschaft- lichen Produktionsbedingungen zur Herstellung dieses Produkts notwendiger Arbeitszeit, sondern vielleicht nur 6 Stunden. 

Wenn er daher 14 Stunden arbeitet, so stellen diese seine 14 Stunden nur 10 Stunden notwendiger Arbeitszeit dar, und es sind nur 10 Stunden notwendige Arbeitszeit in ihnen realisiert. Das Produkt hat daher auch nur den Wert eines Produkts von 10 Stunden allgemeiner notwendiger gesellschaftlicher Arbeit. Er müßte die Arbeits- zeit verlängern, wenn er selbständig arbeitet. Arbeitet er als Lohnarbeiter, also notwendig auch Surpluszeit, so wird bei aller Verlängrung der absoluten Arbeitszeit die durchschnittliche Surplusarbeit für den Kapitalisten nur herauskommen, indem sein Lohn unter den frühren average fällt, d. h. von den mehr Stunden, die er arbeitet, weniger von ihm selbst angeeignet werden, nicht, weil seine Arbeit produktiver, sondern weil sie unproduktiver geworden, nicht, weil er in kleinrer Arbeitszeit dasselbe Quantum von Produkt schafft, sondern weil das ihm zufallende Quantum verringert wird. 
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 323 



Nota I. -  Was sich als Gesetzt der Konkurrenz darstellt, ist nichts anderes als die Zeitverzögerung, mit der sich die Veränderungen des Durchschnitts auf der Gebrauchswertseite in verändertem Durchschnitt auf der Tauschwert- seite durchsetzen. Das ist trivial und hat mit Schicksalfügung nichts zu tun.
 
Nota II. - Unter den Bedingungen einer entwickelten Arbeiterbewegung kann der Kapitalist weder beim Lohn noch bei der Arbeitszeit schalten und walten, wie er will. Umso größer der Druck, den technischen Vorsprung der Konkurrenten aufzuholen und, wenn möglich, zu überholen. Der Klassenkampf beschleunigt die Akkumu- lation, indem er die Konkurrenz der Kapitalien verschärft. 

Schon wieder so eine Stelle, wo der Gebrauchswert (der Arbeitskraft) in die Formbestimmung eingreift.
JE

Sonntag, 16. Dezember 2018

Eine höhere Stufe der Arbeitsteilung.

Arbeitsteilung in der Steinzeit, Wiktor Wasnezow

Mit der Einführung der Maschinerie, mit welcher die Arbeitsmittel großen Wertumfang annehmen und sich in massenhaften Gebrauchswerten darstellen, wächst dieser Unterschied zwischen Arbeitsprozeß und Verwertungs- prozeß und wird ein bedeutendes Moment in der Entwicklung der Produktivkraft und dem Charakter der Produk- tion. Ein Atelier von mechanischen Webstühlen z.B., das während 12 Jahren leistet, ist die Abnutzung der Ma- schinerie usw. während des Arbeitsprozesses an einem Tage unbedeutend und erscheint daher der Wertteil der Maschinerie, der in der einzelnen Ware wiedererscheint oder selbst in dem Produkt eines ganzen Jahres, relativ unbedeutend. Die vergangene, vergegenständlichte Arbeit tritt hier massenhaft in den Arbeitsprozeß ein, wäh- rend nur ein relativ unbedeutender Teil dieses Teils des Kapitals sich in demselben Arbeitsprozeß abnutzt, also in den Verwertungsprozeß eintritt und daher als Wertteil im Produkt wiedererscheint. 

Wie bedeutend daher immer die Wertgröße sei, welche die in den Arbeitsprozeß eingehnde Maschinerie und die mit ihr gegebnen Baulichkeiten usw. darstellen, geht, mit dieser Gesamtwertmasse verglichen, immer nur ein relativ geringer Teil derselben in den täglichen Verwertungsprozeß, daher in den Wert der Ware, ein, verteuert die Ware relativ, aber nur unbedeutend und in viel geringerem Maße, als die von der Maschinerie ersetzte Hand- arbeit sie verteuern würde. Wie groß daher auch der Teil des Kapitals, der in Maschinerie ausgelegt ist, erschei- nen möge gegen den Teil, der in der lebendigen Arbeit ausgelegt ist, welcher diese Maschinerie als Produktions- mittel dient, so erscheint diese Proportion sehr gering, wenn der Wertteil der Maschinerie, der in der einzelnen Ware wiedererscheint, verglichen wird mit der in derselben Ware aufgesaugten lebendigen Arbeit, und erscheint der von beiden — Maschinerie und Arbeit — dem einzelnen Produkt zugesetzte Wertteil gering — im Verhält- nis zum Wert des Rohmaterials selbst. 

Es ist erst mit der Maschinerie, daß die gesellschaftliche Produktion auf großer Stufenleiter die Kraft erwirbt, Produkte, die ein großes Quantum vergangner Arbeit darstellen, also große Wertmassen, ganz in den Arbeits- prozeß eingehen zu lassen, ganz als Produktionsmittel, während nur ein relativ geringer aliquoter Teil derselben in den während des einzelnen Arbeitsprozesses vor sich gehenden Verwertungsprozesses eingeht. Das Kapital, was in dieser Form in jeden einzelnen Arbeitsprozeß eingeht, ist groß, aber das Verhältnis, worin sein Gebrauchs- wert während dieses Arbeitsprozesses vernutzt, konsu- miert wird und sein Wert daher ersetzt werden muß, ist relativ klein. Die Maschinerie wirkt ganz als Arbeitsmittel, setzt dem Produkt aber nur Wert zu im Verhältnis, worin der Arbeitsprozeß sie entwertet, eine Entwertung, die / durch den Grad der Abnutzung ihres Gebrauchs- werts während des Arbeitsprozesses bedingt ist. 
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Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 321f.  



Nota. - Ohne die Ausbildung des Kapitals wäre die Einführung von Maschinen und der Übergang zu erwei- terter, industrieller Arbeitsteilung nicht möglich gewesen.

Einfache Kooperation in den Ateliers der Manufakturen konnte Ludwig XIV. selbst durchführen. Um Geld zu verdienen, denn seine Kriege waren nicht minder kostspielig als das Bauen in Versailles. Er produzierte Luxus- güter, die auch er selbst gebrauchen konnte - zum Selbstkostenpreis. Die gewaltigen Investitionen, die die Ein- führung von Maschinen erfordert hätten, konnte er sich gar nicht leisten, denn ein Gewinn im kommenden Jahr linderte nicht seine Geldknappheit im Moment.

Der Fürst kann nur selber industrieller Kapitalis werden, wenn es fähig ist, ganz und gar Kapitalist zu werden. Solange seine Privatschatulle Teil des Staatshaushalts ist, ist daran nicht zu denken.

Mit andern Worten, die Verheerungen des Frühkapitalismus und der industriellen Revolution waren historisch unumgänglich; die nachträglichen Romantisierungen aristokratischer Staatssozialisten konnten es nicht vertu- schen.
JE