Donnerstag, 22. März 2018

Vermittlung, Für-sich-sein und gegenseitige Anerkennung.



Aber dieß ist nicht alles: Das Individuum A dient dem Bedürfnisse des Individuums B vermittelst der Waare a, nur insofern und weil das Individuum B dem Bedürfniß des Individuums A vermittelst der Waare b dient und vice versa. Jedes dient dem andren um sich selbst zu dienen; jedes bedient sich des andren wechselseitig als seines Mittels. 

Es ist nun beides in dem Bewußtsein der beiden Individuen vorhanden: 1) daß jedes nur seinen Zweck erreicht, soweit es dem andren als Mittel dient; 2) daß jedes nur Mittel für das andre (Sein für andres) wird als Selbst-zweck (Sein für sich); 3) daß die Wechselseitigkeit, wonach jedes zugleich Mittel und Zweck, und zwar nur seinen Zweck erreicht, insofern es Mittel wird, und nur Mittel wird, insofern es sich als Selbstzweck sezt, daß jeder sich also als Sein für andres sezt, insofern er Sein für sich, und der andre als Sein für ihn, insofern er Sein für sich – daß diese Wechselseitigkeit ein nothwendiges fact ist, vorausgesezt als natürliche Bedingung des Aus-tauschs, daß sie aber als solche jedem der beiden Subjekte des Austauschs gleichgültig ist, und ihm diese Wech-selseitigkeit nur Interesse hat, so weit sie sein Interesse als das des andren ausschliessend, ohne Beziehung darauf befriedigt. 

D. h. das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des Ge-/sammtakts erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten anerkannt, aber als solches ist es nicht Motiv, sondern geht so zu sagen nur hinter dem Rücken der in sich selbst reflectirten Sonderinteressen, dem Einzelinteresse im Gegensatze zu dem des andren vor. Nach dieser lezten Seite kann das Individuum höchstens noch das tröstliche Bewußtsein haben, daß die Befriedigung seines gegensätzlichen Einzelinteresses grade die Verwirklichung des aufgehobnen Gegensatzes, des gesell-schaftlichen allgemeinen Interesses ist. 

Aus dem Akt des Austauschs selbst ist das Individuum, jedes derselben in sich reflectirt als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subject desselben. Damit ist also die vollständige Freiheit des Individuums gesezt: Freiwillige Transaction; Gewalt von keiner Seite; Setzen seiner als Mittel, oder als dienend, nur als Mittel um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Uebergreifende zu setzen; endlich das selbstsüchtige Interes-se, kein darüber stehendes verwirklichend; der andre ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Interesse verwirkli-chend anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche Interesse eben nur in der Dop-pelseitigkeit, Vielseitigkeit, und Verselbstständigung nach den verschiednen Seiten der Austausch des selbst-süchtigen Interesses ist. Das allgemeine Interesse ist eben die Allgemeinheit der selbstsüchtigen Interessen. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 167f. [MEW 42, S. 169f.


 
Nota. - Das bürgerliche Individuum ist a priori als vergesellschaftet gesetzt: So 'findet es sich vor'. Vergesellschaftet aber nicht naturwüchsig durch leibhaftige Angehörigkeit zu einer Lebensgemeinschaft, sondern vorab vermittelt durch eine überpersönliche Instanz, den Markt; außerdem können die Andern ihm fremd bleiben. Als Markt-teilnehmer ist er eine öffentliche Person, ansonsten wird er privat, was er in den naturwüchsigen Gemeinschaf-ten niemals konnte.

Nota II. - Wenn Sie übrigens meinen, Vermittlung, Fürsichsein und Anerkennung seien Hegel'sche Schlüssel-wörter, liegen sie nur halb richtig. Zuvor waren sie nämlich Fichte'sche Schlüsselwörter, bei dem hat sie der andere geklaut.
JE


Mittwoch, 21. März 2018

Geld, Symbol und allgemeine Anerkennung.



Die Verwandlung der Waare in Tauschwerth sezt sie aber nicht einer bestimmten andren Waare gleich, sondern drückt sie als Equivalent, ihr Austauschbarkeitsverhältniß zu allen andren Waaren aus. Diese Vergleichung, die im Kopf mit einem Schlag vorgenommen ist, wird in der Wirklichkeit nur in einem bestimmten, durch das Bedürfniß bestimmten Umkreis realisirt, und nur successive. (Z. B. ich tausche der Reihe nach ein Ein-/kommen von 100 Thalern, wie es meine Bedürfnisse mit sich bringen, gegen einen ganzen Umkreis von Waaren aus, deren Summe = dem Tauschwerth von 100 Th.) 

Um also die Waare auf einen Schlag als Tauschwerth zu realisiren und ihr die allgemeine Wirkung des Tauschwerths zu geben, reicht der Austausch mit einer besondren Waare nicht aus. Sie muß mit einem dritten Ding ausgetauscht werden, das nicht selbst wieder eine besondre Waare ist, sondern das Symbol der Waare als Waare, des Tauschwerths der Waare selbst; das also sage die Arbeitszeit als solche repräsentirt, sage ein Stück Papier oder Leder, welches einen aliquoten Theil Arbeitszeit repräsentirt. (Ein solches Symbol unterstellt die allgemeine Anerkennung; es kann nur ein gesellschaftliches Symbol sein; es drückt in der That nur ein gesellschaftliches Verhältniß aus.) 

Dieß Symbol repräsentirt die aliquoten Theile der Arbeitszeit; den Tauschwerth in solchen aliquoten Theilen, als fähig sind durch einfache arithmetische Combination alle Verhältnisse der Tauschwerthe unter einander auszudrücken. Dieß Symbol, dieß materielle Zeichen des Tauschwerths ist ein Product des Tausches selbst, nicht die Ausführung einer a priori gefaßten Idee. (In fact wird die Waare, die als Mittler des Austauschs gebraucht wird, erst nach und nach in Geld verwandelt, in ein Symbol; sobald das geschehn ist, kann ein Symbol derselben sie selbst wieder ersetzen. Sie wird jezt bewußtes Zeichen des Tauschwerths.)
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 78f. [MEW 42, S. 79]


Nota.  Begriff ist Symbol. Als solches unterstellt es allgemeine Anerkennung: Das ist der springende Punkt, denn die kann historisch gegeben oder nicht gegeben sein, und das ist eine rein faktische Frage. 

Eine logische Schwierigkeit  nämlich beim Gebrauch der Begriffe  liegt darin, dass das Symbol sowohl eine Klasse wirklicher konkreter Dinge bezeichnen kann, als auch eine bloße gedankliche Abstraktion oder gar Projektion. Ob das eine oder das andere, sieht man dem Symbol selber nicht an; man kann sie verwechseln.
JE, 7. 10. 15

 

Dienstag, 20. März 2018

Ein Allgemeines gibt es nur als Vermittlung.

Howard Terpning, Crow Pipe Ceremony
 
Die Arbeitszeit selbst existirt als solche nur subjektiv, nur in der Form der Thätigkeit. Insofern sie als solche austauschbar (selbst Waare) ist, ist sie nicht nur quantitativ, sondern qualitativ bestimmt und verschieden, keineswegs allgemeine, sich gleiche Arbeitszeit; sondern entspricht als Subjekt ebensowenig der die Tausch-werthe bestimmenden allgemeinen Arbeitszeit, wie die besondren Waaren und Producte ihr als Objekt entsprechen. 

Der Satz von A. Smith, daß der Arbeiter neben seiner besondren Waare eine allgemeine Waare produciren muß, in andren Worten daß er einem Theil seiner Producte die Form des Geldes geben muß, überhaupt seiner Waare, soweit sie nicht als Gebrauchswerth für ihn, sondern als Tauschwerth dienen soll – heißt subjektiv ausgedrückt, weiter nichts, als daß seine besondre Arbeitszeit nicht unmittelbar gegen jede andre besondre Arbeitszeit ausgetauscht werden kann, sondern daß diese ihre allgemeine Austauschbarkeit erst vermittelt werden, daß sie eine gegenständliche von ihr selbst verschiedne Form annehmen muß, um diese allgemeine Austauschbarkeit zu erlangen.

Die Arbeit des Einzelnen, im Akt der Production selbst betrachtet, ist das Geld, womit er unmittelbar das Product, den Gegenstand seiner besondren Thätigkeit kauft; aber es ist ein besondres Geld, das eben nur dieß bestimmte Product kauft. Um unmittelbar das allgemeine Geld zu sein, müßte sie von vornherein nicht besondre Arbeit, sondern allgemeine sein, d. h. von vorn herein als Glied der allgemeinen Production gesezt sein. In dieser Voraussetzung aber würde nicht erst der Austausch ihr den allgemeinen Charakter geben, sondern ihr vorausgesezter gemeinschaftlicher Character würde die Theilnahme an den Producten bestimmen. 

Der gemeinschaftliche Character der Production würde von vorn herein das Product zu einem gemeinschaftli- chen, allgemeinen machen. Der ursprünglich in der Production stattfindende Austausch – der kein Austausch von Tauschwerthen wäre, sondern von Thätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären, durch gemeinschaftliche Zwecke – würde von vornherein die Theilnahme des Einzelnen an der gemeinschaftli- chen Productenwelt einschliessen. Auf der Grundlage der Tauschwerthe, wird die Arbeit erst durch den Aus-tausch als allgemein gesezt. Auf dieser  [=der gemeinschaftlichen] Grundlage wäre sie als solche gesezt vor dem Austausch; d. h. der Austausch der Producte wäre überhaupt nicht das Medium, wodurch die Theilnahme des Einzelnen an der allgemeinen Production vermittelt würde. Vermittlung muß natürlich stattfinden. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 102 [MEW 42, S. 103f.


Nota.  Aller Kollektivismus wie alle Ganzheits- und Gemeinschaftstümelei war Marx herzlich fremd. Den Kommunismus stellte er sich vor als eine Vereinigung der Freien und Gleichen, nicht als das Versickern des autonomen bürgerlichen Subjekts im urwüchsigen Gemeinwesen. Gesellschaft sollte er sein in einem eminenteren Sinn als die bürgerliche, nämlich so, dass die Freien und Gleichen ihre wechselseitige Vermittlung selber und bei klarem Bewusstsein vornehmen, statt sie einem blinden Mechanismus zu überlassen, der hinter ihrem Rücken webt und wirkt. Nicht ein Ganzes sollte er sein, sondern das Allgemeine, in dem jeder seine Freiheit hat, die ihre Schranke nur in der Freiheit der andern Gleichen findet, mit denen er sich vermittelt.
JE

Sonntag, 18. März 2018

Was begrifflich vorhergeht, kommt historisch danach.


Wenn in der Theorie der Begriff des Werths dem des Capitals vorhergeht, andrerseits aber zu seiner reinen Entwicklung wieder eine auf das Capital gegründete Productionsweise unterstellt, so findet dasselbe in der Praxis statt. Die Oekonomen betrachten daher das Kapital auch nothwendig bald als Schöpfer der Werthe, Quelle derselben, wie andrerseits sie Werthe für die Bildung des Capitals voraussetzen und es selbst nur als eine Summe von Werthen in einer bestimmten Function darstellen. 

Die Existenz des Werths in seiner Reinheit und Allgemeinheit sezt eine Productionsweise voraus, worin das einzelne Product aufgehört hat, ein solches für den Producenten überhaupt und noch mehr für den einzelnen Arbeiter zu sein und ohne die Realisirung durch die Circulation nichts ist. Es ist keine formelle Bestimmung für den, der einen Infinitesimaltheil einer Elle Cattun schafft, daß sie Werth ist, Tauschwerth. Wenn er nicht einen Tauschwerth, Geld geschaffen, hätte er überhaupt nichts geschaffen. Diese Werthbestimmung selbst hat also zu ihrer Voraussetzung eine gegebne historische Stufe der gesellschaftlichen Productionsweise und ist selbst ein mit derselben gegebnes, also historisches Verhältnis. 
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Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 174 [MEW 42, S. 177]


Nota. – Erinnert sich noch einer? Bis 1990 gab es auf Erden ein kollektivistisches, "sozialistisches" Gesell-schaftssystem mit (mehr oder weniger) zentral gelenkter Staatswirtschaft, das sich mühte, den 'Wert' der Pro-duktion zu ermitteln, ohne zu bemerken, dass das Problem dabei kein technisches – das Ermitteln – war, son-dern dass ihre Produkte schlicht und einfach einen 'Wert' nicht hatten. Sie hatten Gebrauchswert, meist einen ge-ringen, aber Tauschwert hatten sie gar nicht. In Millionenauflage erschienen Lehrbücher der Politischen Ökono-mie des Sozialismus, in denen allen Ernstes von 'sozialistischer Marktwirtschaft' die Rede war - Markt ohne Kapi-talverhältnis! Markt ohne Konkurrenz! Wert ohne... Austausch von Arbeit und Kapital. 

Im selben Staatsverlag erschienen in der Regel die Werke von Marx zur Kritik der Politischen Ökonomie. Wie war solcher Schwachsinn möglich? Ganz einfach: Es gab keine öffentliche Kritik. Was immer der Staatsverlag druckte, war das jeweils letzte Wort. Dass dieses Gesellschaftssystem untergegangen ist, ist sachlich nicht scha-de. Gedanklich hat es den Verdienst, dass jene Verheerung des Geistes zu einem Ende gekommen ist.
JE, 18. 11. 15

Montag, 12. März 2018

Der Begriff und die politische Ökonomie.

 
Der Weg eines Wissensfachs von der Aporetik, die zwanglos von einem Problem zum andern fortgeht, so wie sie es sich (praktisch) stellen, zur Wissenschaft ist in den idiographischen Disziplinen nichts anderes als die Aus- arbeitung des theoretischen Modells, in dem das Idion logisch schematisiert ist. Es ist die Bestimmung eines Be- griffs – seinem Umfang (extensio) und seinem Inhalt (intensio) nach.

Die Politische Ökonomie ist keine 'nomothetische' Gesetzeswissenschaft, sondern eine historische und idiogra- phische Disziplin. Der Begriff, den sie sucht, um ein Modell zu entwerfen, in das sie die idia, mit denen sie zu tun bekommt, einsetzen kann, ist der Wert. Es ist der Wert der Arbeit, wie Adam Smith herausgefunden (aber nicht konsequent durchgeführt) hat.

Das Modell hat einen kardinalen Fehler: Es kann nicht begreiflich machen, wie im Verlauf des Wirtschaftens immer mehr Wert entsteht. Wenn alle Güter gegen ihr Äquivalent ausgetauscht werden, kommt an keiner Stelle etwas hinzu; eine Akkumulation käme nicht zustande; das Kapital wäre nicht erklärt. Das ist die wissensprag- matische Seite der Kritik der Politischen Ökonomie.

Ihre logisch-theoretische Seite ist dagegen die Kritik am Begriff: Denn die Arbeit schafft Wert, aber sie hat kei- nen. Was Wert hat, ist lediglich die Arbeitskraft. Der Unternehmer mietet die Arbeitskraft zu ihrem Wert, um sie zeitweise aufzubrauchen, und bezahlt, was es kostet, sie wieder herzustellen. Aber ihm gehört nun die Arbeit, die neuen Wert schafft; und der ist darum seiner.

Das Mysterium ist, dass die Arbeitskraft regelmäßig nicht über die Mittel verfügt, um sich selber als wirkliche Arbeit zu realisieren, und sich selbst veräußern muss, um sich nur selber reproduzieren zu können. Wie Friedrich Engels schon in seinen Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie geahnt hatte, beruht die Geltung des Wertge- setzes darauf, dass es in seinem Grunde nicht gilt.



Freitag, 2. März 2018

Ökonomische Gesetze?



Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produk-tivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktions-kraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonisti-scher Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein, nur inner-halb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reducirt. 

Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwerth auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, ge-geben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwerthung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Nothwendigkeit, die Pro-duktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Unter-gangs. 

Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, sodaß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Be-dingungen immer mehr die Gestalt eines von den Producenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollirbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr geräth sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. 

Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Uebermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem Uebermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zusammengebracht, die Masse des pro-ducirten Mehrwerths sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird. 
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Das Kapital III, MEGA II.15; S. 241 [MEW 25, S. 254f.]


Nota. – Das mächtigste Mittel, mit dem der Stalinismus die Marx'schen Lehren um ihre revolutionäre Spreng-kraft gebracht hat, war ihre Umdeutung zu einer objektivistischen Gesetzessammlung. Wie die Natur im Großen und Ganzen, so wäre die Geschichte der Menschen im Besonderen, und wären ganz speziell die historisch auf einander folgenden Produktionsweisen von Gesetzen durchherrscht, von denen ganz im Dunkeln bleibt, wer sie erlassen haben könnte.

Gegen Proudhon und andere Reformer, die den Kapitalismus meinten durch Manipulationen in der Zirkula-tionssphäre, durch Ausschaltung des Zwischenhandels oder Abschaffung des Geldes überwinden zu können, hebt Marx immer wieder hervor, dass das Kapitalverhältnis in den Produktionsbedingungen begründet ist, und diese schaffen Zwangsläufigkeiten, die 'mit der Unerbittlichkeit von Naturgesetzen' wirken, ohne dass die Individuen sich ihnen durch freien Willen entziehen könnten und ohne selbst sich ihrer bewusst zu werden. Obiges ist eine von den 'Stellen', auf die die Rede von den ökonomischen 'Gesetzen' sich beruft – und an denen zugleich ihr rein gleichnishafter Gebrauch augenfällig wird. Es läuft immer wieder nur auf dies eine hinaus: Die Menschen machen ihre Geschichte nicht unter frei gewählten Bedingungen; aber sie machen sie selber.

Nota II. Ginge es um die 'absolute Konsumtionskraft', nämlich um die faktischen Bedürfnisse aller Gesell-schaftsmitglieder, so müsste es unter kapitalistischen Bedinungen keinerlei Verwertungsprobleme und Absatz-krisen geben. Es zählt aber nur die mit Geld bewehrte Konsumtionskraft, die "über fremde Arbeit verfügt". Es geht nicht um die Bedürfnisse selbst, sondern darum, wieviel sie unter den gegebenen Eigentumsverhältnissen gelten.
JE

Donnerstag, 1. März 2018

Realer Gegensatz und logischer Widerspruch.



Gleichzeitig mit dem Fall der Profitrate wächst die Masse des Kapitals und geht Hand in Hand mit ihr eine Entwertung des vorhandnen Kapitals, welche diesen Fall aufhält und der Akkumulation von Kapitalwert einen beschleunigenden Antrieb gibt.

Gleichzeitig mit der Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere Zusammensetzung des Kapi-tals, die relative Abnahme des variablen Teils gegen den konstanten.

Diese verschiednen Einflüsse machen sich bald nebeneinander im Raum, bald mehr nacheinander in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der widerstreitenden Agentien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen.

Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, dass die kapitalistische Produktionsweise die Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und sein Verwertung im höchsten Maß (d. h. beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezi-fischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert als Mittel zur größtmöglichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon produzierte Pro-duktivkräfte.

Die periodische Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise immanen-tes Mittel ist, den Fall der Profitrate / aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwert durch Bildung von Neuwert zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich der Zirkulationsprozess des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses.
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Das Kapital III, MEW 25, S. 259f. [ MEGA II.15, S. 245f.]


Nota. – Die theoretische Bedeutung obiger Passage für die elementare Stellung des Falls der Profitrate in der Theorie des Kapitals ist offenkundig. – 

Aber sie hat eine meta-theoretische Seite: Der buchstäblich Grund-legende Denkfehler der rationalistischen metaphysischen Systeme war die Identifizierung von logischem Grund mit realer Ursache (von Sein und Gel-tung). Die Vermengung von (logischem) Widerspruch und (realem) Gegensatz ist nur ihre Umkehrung. Und in dieser Gestalt taucht sie unverhofft bei Marx wieder auf: Es ist ein Überrest seines 'Kokettierens mit der Hegel' schen Ausdrucksweise', in dem sich allerdings eine andauernde Unsicherheit über die sog. dialektischen Methode verbirgt, die Marx immer wieder dazu verleitet, die logische Darstellung mit der reellen Beschreibung zu ver-mengen. 

Dass der Produktionsprozess und der Zirkulationsprozess nicht in derselben Geschwindigkeit und auch nicht am selben 'Platz' geschehen und ihre Synchronisierung periodisch durch Selbstvernichtung eines Teils des Kapitals wiederhergestellt werden muss, ist ein Realvorgang. Dass das unbegrenzte Wachstum der Produktion und ihre gleichzeitige Begrenzung durch die Verwertungsmöglichkeit im Begriff des Kapitals beieinander liegen, ist dagegen ein logischer Widerspruch. Es ist aber nicht die Logik, die den Prozesse antreibt – sie beschreibt ihn lediglich. Und dass etwas im Begriff widersprüchlich ist, bedeutet noch nicht, dass es in der Realität auf seine Auflösung hindrängt. 

Das hat Marx auch nicht sagen wollen? Nein, sicher nicht. Aber er hat sich so ausgedrückt, dass epigonale Buchstabengelehrte es (in behördlichem Auftrag) so darstellen konnten.
JE


10. 12. 15