Aber dieß ist nicht alles: Das Individuum A dient dem
Bedürfnisse des Individuums B vermittelst der Waare a, nur insofern und
weil das Individuum B dem Bedürfniß des Individuums A vermittelst der
Waare b dient und vice versa. Jedes dient dem andren um sich selbst zu
dienen; jedes bedient sich des andren wechselseitig als seines Mittels.
Es ist
nun beides in dem Bewußtsein der beiden Individuen vorhanden: 1) daß
jedes nur seinen Zweck erreicht, soweit es dem andren als Mittel dient;
2) daß jedes nur Mittel für das andre (Sein für andres) wird als
Selbst-zweck
(Sein für sich); 3) daß die Wechselseitigkeit, wonach jedes zugleich
Mittel
und Zweck, und zwar nur seinen Zweck erreicht, insofern es Mittel wird,
und nur Mittel wird, insofern es sich als Selbstzweck sezt, daß jeder
sich
also als Sein für andres sezt, insofern er Sein für sich, und der andre
als Sein
für ihn, insofern er Sein für sich – daß diese Wechselseitigkeit ein
nothwendiges fact ist, vorausgesezt als natürliche Bedingung des
Aus-tauschs, daß
sie aber als solche jedem der beiden Subjekte des Austauschs
gleichgültig
ist, und ihm diese Wech-selseitigkeit nur Interesse hat, so weit sie
sein
Interesse als das des andren ausschliessend, ohne Beziehung darauf
befriedigt.
D. h. das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des Ge-/sammtakts
erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten anerkannt, aber als
solches ist es nicht Motiv, sondern geht so zu sagen nur hinter dem
Rücken
der in sich selbst reflectirten Sonderinteressen, dem Einzelinteresse im
Gegensatze zu dem des andren vor. Nach dieser lezten Seite kann das
Individuum höchstens noch das tröstliche Bewußtsein haben, daß die
Befriedigung seines gegensätzlichen Einzelinteresses grade die
Verwirklichung des aufgehobnen Gegensatzes, des gesell-schaftlichen
allgemeinen Interesses ist.
Aus dem Akt des Austauschs selbst
ist das Individuum, jedes derselben in sich reflectirt als
ausschließliches und
herrschendes (bestimmendes) Subject desselben. Damit ist also die
vollständige Freiheit des Individuums gesezt: Freiwillige Transaction;
Gewalt
von keiner Seite; Setzen seiner als Mittel, oder als dienend, nur als
Mittel
um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Uebergreifende zu
setzen;
endlich das selbstsüchtige Interes-se, kein darüber stehendes
verwirklichend;
der andre ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Interesse
verwirkli-chend
anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche
Interesse eben nur in der Dop-pelseitigkeit, Vielseitigkeit, und
Verselbstständigung nach den verschiednen Seiten der Austausch des
selbst-süchtigen Interesses ist. Das allgemeine Interesse ist eben die
Allgemeinheit
der selbstsüchtigen Interessen.
_____________________________________________
Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 167f. [MEW 42, S. 169f.]
Nota. - Das bürgerliche Individuum ist a priori als vergesellschaftet gesetzt: So 'findet es sich vor'. Vergesellschaftet aber nicht naturwüchsig durch leibhaftige Angehörigkeit zu einer Lebensgemeinschaft, sondern vorab vermittelt durch
eine überpersönliche Instanz, den Markt; außerdem können die Andern ihm
fremd bleiben. Als Markt-teilnehmer ist er eine öffentliche Person,
ansonsten wird er privat, was er in den naturwüchsigen Gemeinschaf-ten niemals konnte.
Nota II. - Wenn
Sie übrigens meinen, Vermittlung, Fürsichsein und Anerkennung seien
Hegel'sche Schlüssel-wörter, liegen sie nur halb richtig. Zuvor waren
sie nämlich Fichte'sche Schlüsselwörter, bei dem hat sie der andere
geklaut.
JE
Die Verwandlung der Waare in
Tauschwerth sezt sie aber nicht einer
bestimmten andren Waare gleich, sondern drückt sie als Equivalent, ihr
Austauschbarkeitsverhältniß zu allen andren Waaren aus. Diese
Vergleichung, die im Kopf mit einem Schlag vorgenommen ist, wird in der
Wirklichkeit nur in einem bestimmten, durch das Bedürfniß bestimmten
Umkreis
realisirt, und nur successive. (Z. B. ich tausche der Reihe nach ein
Ein-/kommen von 100 Thalern, wie es meine Bedürfnisse mit sich bringen,
gegen einen ganzen Umkreis von Waaren aus, deren Summe = dem Tauschwerth von 100 Th.)
Um also die Waare auf einen Schlag
als Tauschwerth zu
realisiren und ihr die allgemeine Wirkung des Tauschwerths zu geben,
reicht der Austausch mit einer besondren Waare nicht aus. Sie muß mit
einem dritten Ding ausgetauscht werden, das nicht selbst wieder eine
besondre Waare ist, sondern das Symbol der Waare als Waare, des
Tauschwerths der Waare selbst; das also sage die Arbeitszeit als solche
repräsentirt, sage ein Stück Papier oder Leder, welches einen aliquoten
Theil Arbeitszeit repräsentirt. (Ein solches Symbol unterstellt die allgemeine Anerkennung; es kann nur ein gesellschaftliches Symbol sein; es drückt in der That
nur ein gesellschaftliches Verhältniß aus.)
Dieß Symbol repräsentirt die
aliquoten Theile der Arbeitszeit; den Tauschwerth in solchen aliquoten
Theilen, als fähig sind durch einfache arithmetische Combination alle
Verhältnisse der Tauschwerthe unter einander auszudrücken. Dieß Symbol,
dieß materielle Zeichen des Tauschwerths ist ein Product des Tausches
selbst, nicht die Ausführung einer a priori gefaßten Idee. (In fact wird
die
Waare, die als Mittler des Austauschs gebraucht wird, erst nach und nach
in
Geld verwandelt, in ein Symbol; sobald das geschehn ist, kann ein Symbol
derselben sie selbst wieder ersetzen. Sie wird jezt bewußtes Zeichen des
Tauschwerths.)
_____________________________________________
Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 78f. [MEW 42, S. 79]
Nota. – Begriff ist Symbol. Als solches unterstellt es allgemeine Anerkennung: Das ist der springende Punkt, denn die kann historisch gegeben oder nicht gegeben sein, und das ist eine rein faktische Frage.
Eine logische Schwierigkeit – nämlich beim Gebrauch der Begriffe – liegt
darin, dass das Symbol sowohl eine Klasse wirklicher konkreter Dinge
bezeichnen kann, als auch eine bloße gedankliche Abstraktion oder gar
Projektion. Ob das eine oder das andere, sieht man dem Symbol selber
nicht an; man kann sie verwechseln.
JE, 7. 10. 15
Howard Terpning, Crow Pipe Ceremony
Die Arbeitszeit selbst existirt als
solche nur subjektiv, nur in der Form
der Thätigkeit. Insofern sie als solche austauschbar (selbst Waare) ist,
ist sie
nicht nur quantitativ, sondern qualitativ bestimmt und verschieden,
keineswegs allgemeine, sich gleiche Arbeitszeit; sondern entspricht als
Subjekt
ebensowenig der die Tausch-werthe bestimmenden allgemeinen Arbeitszeit,
wie die besondren Waaren und Producte ihr als Objekt entsprechen.
Der Satz von A. Smith, daß der
Arbeiter neben seiner besondren Waare
eine allgemeine Waare produciren muß, in andren Worten daß er einem
Theil
seiner Producte die Form des Geldes geben muß, überhaupt seiner Waare,
soweit sie nicht als Gebrauchswerth für ihn, sondern als Tauschwerth
dienen
soll – heißt subjektiv ausgedrückt, weiter nichts, als daß seine
besondre
Arbeitszeit nicht unmittelbar gegen jede andre besondre Arbeitszeit
ausgetauscht werden kann, sondern daß diese ihre allgemeine
Austauschbarkeit
erst vermittelt werden, daß sie eine gegenständliche von ihr selbst
verschiedne Form annehmen muß, um diese allgemeine Austauschbarkeit zu
erlangen.
Die Arbeit des Einzelnen, im Akt
der Production selbst betrachtet, ist das
Geld, womit er unmittelbar das Product, den Gegenstand seiner besondren
Thätigkeit kauft; aber es ist ein besondres Geld, das eben nur dieß
bestimmte Product kauft. Um unmittelbar das allgemeine Geld zu sein,
müßte
sie von vornherein nicht besondre Arbeit, sondern allgemeine sein, d. h.
von vorn herein als Glied der allgemeinen Production gesezt sein. In
dieser Voraussetzung aber würde nicht erst der Austausch ihr den
allgemeinen Charakter geben, sondern ihr vorausgesezter
gemeinschaftlicher
Character würde die Theilnahme an den Producten bestimmen.
Der gemeinschaftliche Character der
Production würde von vorn herein das Product
zu einem gemeinschaftli- chen, allgemeinen machen. Der ursprünglich in
der Production stattfindende Austausch – der kein Austausch von
Tauschwerthen wäre, sondern von Thätigkeiten, die durch
gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären, durch gemeinschaftliche
Zwecke –
würde von vornherein die Theilnahme des Einzelnen an der
gemeinschaftli- chen Productenwelt einschliessen. Auf der Grundlage der
Tauschwerthe, wird die Arbeit erst durch den Aus-tausch als allgemein
gesezt.
Auf dieser [=der gemeinschaftlichen] Grundlage wäre sie als solche gesezt vor dem Austausch; d. h.
der Austausch der Producte wäre überhaupt nicht das Medium, wodurch
die Theilnahme des Einzelnen an der allgemeinen Production vermittelt
würde. Vermittlung muß natürlich stattfinden.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 102 [MEW 42, S. 103f.
Nota. – Aller
Kollektivismus wie alle Ganzheits- und Gemeinschaftstümelei war Marx
herzlich fremd. Den Kommunismus stellte er sich vor als eine Vereinigung
der Freien und Gleichen, nicht als das Versickern des autonomen
bürgerlichen Subjekts im urwüchsigen Gemeinwesen. Gesellschaft sollte
er sein in einem eminenteren Sinn als die bürgerliche, nämlich so, dass
die Freien und Gleichen ihre wechselseitige Vermittlung selber und bei
klarem Bewusstsein vornehmen, statt sie einem blinden Mechanismus zu
überlassen, der hinter ihrem Rücken webt und wirkt. Nicht ein Ganzes
sollte er sein, sondern das Allgemeine, in dem jeder seine Freiheit hat,
die ihre Schranke nur in der Freiheit der andern Gleichen findet, mit
denen er sich vermittelt.
JE
Wenn in der Theorie der Begriff des Werths dem des Capitals vorhergeht,
andrerseits aber zu seiner reinen Entwicklung wieder eine auf das Capital
gegründete Productionsweise unterstellt, so findet dasselbe in der Praxis
statt. Die Oekonomen betrachten daher das Kapital auch nothwendig bald
als Schöpfer der Werthe, Quelle derselben, wie andrerseits sie Werthe für
die Bildung des Capitals voraussetzen und es selbst nur als eine Summe von
Werthen in einer bestimmten Function darstellen.
Die Existenz des Werths
in seiner Reinheit und Allgemeinheit sezt eine Productionsweise voraus,
worin das einzelne Product aufgehört hat, ein solches für den
Producenten
überhaupt und noch mehr für den einzelnen Arbeiter zu sein und ohne die
Realisirung durch die Circulation nichts ist. Es ist keine formelle
Bestimmung für den, der einen Infinitesimaltheil einer Elle Cattun
schafft, daß sie
Werth ist, Tauschwerth. Wenn er nicht einen Tauschwerth, Geld
geschaffen,
hätte er überhaupt nichts geschaffen. Diese Werthbestimmung selbst hat
also
zu ihrer Voraussetzung eine gegebne historische Stufe der
gesellschaftlichen
Productionsweise und ist selbst ein mit derselben gegebnes, also
historisches Verhältnis.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 174 [MEW 42, S. 177]
Nota. – Erinnert
sich noch einer? Bis 1990 gab es auf Erden ein kollektivistisches,
"sozialistisches" Gesell-schaftssystem mit (mehr oder weniger) zentral
gelenkter Staatswirtschaft, das sich mühte, den 'Wert' der Pro-duktion
zu ermitteln, ohne zu bemerken, dass das Problem dabei kein technisches –
das Ermitteln – war, son-dern dass ihre Produkte schlicht und einfach
einen 'Wert' nicht hatten. Sie
hatten Gebrauchswert, meist einen ge-ringen, aber Tauschwert hatten sie
gar nicht. In Millionenauflage erschienen Lehrbücher der Politischen Ökono-mie des Sozialismus, in denen allen Ernstes von 'sozialistischer Marktwirtschaft' die Rede war - Markt ohne Kapi-talverhältnis! Markt ohne Konkurrenz! Wert ohne... Austausch von Arbeit und Kapital.
Im selben Staatsverlag erschienen
in der Regel die Werke von Marx zur Kritik der Politischen Ökonomie. Wie
war solcher Schwachsinn möglich? Ganz einfach: Es gab keine öffentliche
Kritik. Was immer der Staatsverlag druckte, war das jeweils letzte Wort. Dass
dieses Gesellschaftssystem untergegangen ist, ist sachlich nicht
scha-de. Gedanklich hat es den Verdienst, dass jene Verheerung des
Geistes zu einem Ende gekommen ist.
JE, 18. 11. 15
Der Weg eines Wissensfachs von der Aporetik, die zwanglos von einem Problem zum andern fortgeht, so wie sie es sich (praktisch) stellen, zur Wissenschaft ist in den idiographischen Disziplinen nichts anderes als die Aus- arbeitung des theoretischen Modells, in dem das Idion logisch schematisiert ist. Es ist die Bestimmung eines Be- griffs – seinem Umfang (extensio) und seinem Inhalt (intensio) nach.
Die Politische Ökonomie ist keine 'nomothetische' Gesetzeswissenschaft, sondern eine historische und idiogra- phische Disziplin. Der Begriff, den sie sucht, um ein Modell zu entwerfen, in das sie die idia, mit denen sie zu tun bekommt, einsetzen kann, ist der Wert. Es ist der Wert der Arbeit, wie Adam Smith herausgefunden (aber nicht konsequent durchgeführt) hat.
Das Modell hat einen kardinalen Fehler: Es kann nicht begreiflich machen, wie im Verlauf des Wirtschaftens immer mehr Wert entsteht. Wenn alle Güter gegen ihr Äquivalent ausgetauscht werden, kommt an keiner Stelle etwas hinzu; eine Akkumulation käme nicht zustande; das Kapital wäre nicht erklärt. Das ist die wissensprag- matische Seite der Kritik der Politischen Ökonomie.
Ihre logisch-theoretische Seite ist dagegen die Kritik am Begriff: Denn die Arbeit schafft Wert, aber sie hat kei- nen. Was Wert hat, ist lediglich die Arbeitskraft. Der Unternehmer mietet die Arbeitskraft zu ihrem Wert, um sie zeitweise aufzubrauchen, und bezahlt, was es kostet, sie wieder herzustellen. Aber ihm gehört nun die Arbeit, die neuen Wert schafft; und der ist darum seiner.
Das Mysterium ist, dass die Arbeitskraft regelmäßig nicht über die Mittel verfügt, um sich selber als wirkliche Arbeit zu realisieren, und sich selbst veräußern muss, um sich nur selber reproduzieren zu können. Wie Friedrich Engels schon in seinen Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie geahnt hatte, beruht die Geltung des Wertge- setzes darauf, dass es in seinem Grunde nicht gilt.
Die Bedingungen der
unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht
identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern
auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die
Produk-tivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität
der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der
Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die
absolute Produktions-kraft noch durch die absolute Konsumtionskraft;
sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonisti-scher
Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der
Gesellschaft auf ein, nur inner-halb mehr oder minder enger Grenzen
veränderliches Minimum reducirt.
Sie ist ferner
beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des
Kapitals und nach Produktion von Mehrwerth auf erweiterter
Stufenleiter. Dies ist Gesetz für
die kapitalistische Produktion, ge-geben durch die beständigen
Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig
verknüpfte
Entwerthung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und
die Nothwendigkeit, die Pro-duktion zu verbessern und ihre
Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des
Unter-gangs.
Der Markt muß daher
beständig ausgedehnt werden, sodaß
seine Zusammenhänge und die sie regelnden Be-dingungen immer mehr
die Gestalt eines von den Producenten unabhängigen Naturgesetzes
annehmen, immer unkontrollirbarer werden. Der innere Widerspruch sucht
sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion.
Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr geräth sie
in
Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse
beruhen.
Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Uebermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem
Uebermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zusammengebracht,
die Masse des pro-ducirten Mehrwerths sich steigern würde, steigert sich
eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser
Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird.
____________________________________________
Das Kapital III, MEGA II.15; S. 241 [MEW 25, S. 254f.]
Nota. –
Das mächtigste Mittel, mit dem der Stalinismus die Marx'schen Lehren
um ihre revolutionäre Spreng-kraft gebracht hat, war ihre Umdeutung zu
einer objektivistischen Gesetzessammlung. Wie die Natur
im Großen und Ganzen, so wäre die Geschichte der Menschen im
Besonderen, und wären ganz speziell die historisch auf einander
folgenden Produktionsweisen von Gesetzen durchherrscht, von denen ganz im Dunkeln bleibt, wer sie erlassen haben könnte.
Gegen Proudhon und
andere Reformer, die den Kapitalismus meinten durch Manipulationen in
der Zirkula-tionssphäre, durch Ausschaltung des Zwischenhandels oder
Abschaffung des Geldes überwinden zu können, hebt Marx immer wieder
hervor, dass das Kapitalverhältnis in den Produktionsbedingungen begründet
ist, und diese schaffen Zwangsläufigkeiten, die 'mit der
Unerbittlichkeit von Naturgesetzen' wirken, ohne dass die Individuen
sich ihnen durch freien Willen entziehen könnten und ohne selbst sich
ihrer bewusst zu werden. Obiges ist eine von den 'Stellen', auf die die
Rede von den ökonomischen 'Gesetzen' sich beruft – und an denen zugleich
ihr rein gleichnishafter Gebrauch augenfällig wird. Es läuft immer
wieder nur auf dies eine hinaus: Die Menschen machen ihre Geschichte
nicht unter frei gewählten Bedingungen; aber sie machen sie selber.
Nota II. – Ginge es um die 'absolute Konsumtionskraft', nämlich um die faktischen Bedürfnisse
aller Gesell-schaftsmitglieder, so müsste es unter kapitalistischen
Bedinungen keinerlei Verwertungsprobleme und Absatz-krisen geben. Es
zählt aber nur die mit Geld bewehrte Konsumtionskraft, die "über
fremde Arbeit verfügt". Es geht nicht um die Bedürfnisse selbst, sondern
darum, wieviel sie unter den gegebenen Eigentumsverhältnissen gelten.
JE
Gleichzeitig mit dem
Fall der Profitrate wächst die Masse des Kapitals und geht Hand in Hand
mit ihr eine Entwertung des vorhandnen Kapitals, welche diesen Fall
aufhält und der Akkumulation von Kapitalwert einen beschleunigenden
Antrieb gibt.
Gleichzeitig mit der
Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere
Zusammensetzung des Kapi-tals, die relative Abnahme des variablen Teils
gegen den konstanten.
Diese verschiednen
Einflüsse machen sich bald nebeneinander im Raum, bald mehr nacheinander
in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der
widerstreitenden Agentien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur
gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen,
die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen.
Der Widerspruch, ganz
allgemein ausgedrückt, besteht darin, dass die kapitalistische
Produktionsweise die Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der
Produktivkräfte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen
Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen,
innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie
andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und sein
Verwertung im höchsten Maß (d. h. beschleunigten Anwachs dieses Werts)
zum Ziel hat. Ihr spezi-fischer Charakter ist auf den vorhandnen
Kapitalwert als Mittel zur größtmöglichen Verwertung dieses Werts
gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein:
Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und
Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon
produzierte Pro-duktivkräfte.
Die periodische
Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen
Produktionsweise immanen-tes Mittel ist, den Fall der Profitrate /
aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwert durch Bildung von
Neuwert zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich
der Zirkulationsprozess des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet
von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses.
____________________________________________
Das Kapital III, MEW 25, S. 259f. [ MEGA II.15, S. 245f.]
Nota. – Die theoretische Bedeutung obiger Passage für die elementare Stellung des Falls der Profitrate in der Theorie des Kapitals ist offenkundig. –
Aber sie hat eine meta-theoretische Seite: Der buchstäblich Grund-legende Denkfehler der rationalistischen metaphysischen Systeme war die Identifizierung von logischem Grund mit realer Ursache (von Sein und Gel-tung).
Die Vermengung von (logischem) Widerspruch und (realem) Gegensatz ist
nur ihre Umkehrung. Und in dieser Gestalt taucht sie unverhofft bei Marx
wieder auf: Es ist ein Überrest seines 'Kokettierens mit der Hegel' schen Ausdrucksweise', in dem sich allerdings eine andauernde Unsicherheit über die sog. dialektischen Methode verbirgt, die Marx immer wieder dazu verleitet, die logische Darstellung mit der reellen Beschreibung zu ver-mengen.
Dass
der Produktionsprozess und der Zirkulationsprozess nicht in derselben
Geschwindigkeit und auch nicht am selben 'Platz' geschehen und ihre
Synchronisierung periodisch durch Selbstvernichtung eines Teils des
Kapitals wiederhergestellt werden muss, ist ein Realvorgang. Dass das
unbegrenzte Wachstum der Produktion und ihre gleichzeitige Begrenzung
durch die Verwertungsmöglichkeit im Begriff des Kapitals beieinander
liegen, ist dagegen ein logischer Widerspruch. Es ist aber nicht die
Logik, die den Prozesse antreibt – sie beschreibt ihn lediglich. Und
dass etwas im Begriff widersprüchlich ist, bedeutet noch nicht, dass es
in der Realität auf seine Auflösung hindrängt.
Das hat
Marx auch nicht sagen wollen? Nein, sicher nicht. Aber er hat sich so
ausgedrückt, dass epigonale Buchstabengelehrte es (in behördlichem
Auftrag) so darstellen konnten.
JE
10. 12. 15