Dienstag, 30. August 2016
Freiheit und Gleichheit als Idee.
Wenn also die ökonomische Form, der Austausch, nach allen Seiten hin die Gleichheit der Subjekte sezt, so der Inhalt, der Stoff, individueller sowohl wie sachlicher, der zum Austausch treibt, die Freiheit. Gleichheit und Freiheit sind also nicht nur respectirt im Austausch, der auf Tauschwerthen beruht, sondern der Austausch von Tauschwerthen ist die productive, reale Basis aller Gleichheit und Freiheit.
Als reine Ideen sind sie blos idealisirte Ausdrücke desselben; als entwickelt in juristischen, politischen, socialen Beziehungen sind sie nur diese Basis in einer andren Potenz. Dieß hat sich denn auch historisch bestätigt. Die Gleichheit und Freiheit in dieser Ausdehnung sind grade das Gegentheil der antiken Freiheit und Gleichheit, die eben den entwickelten Tauschwerth nicht zur Grundlage haben, vielmehr an seiner Entwicklung caput gehn.
Sie setzen Productionsverhältnisse voraus, die in der alten Welt noch nicht realisirt waren; auch nicht im Mittel-alter. Direkte Zwangsarbeit ist die Grundlage der ersten; das Gemeinwesen ruht auf dieser als existirender Un-terlage; Arbeit selbst als Privilegium, als noch in ihrer Besonderung, nicht als allgemein Tauschwerthe produci-rend, geltend die Grundlage des zweiten. Weder ist die Arbeit Zwangsarbeit; noch, wie im 2ten Fall, findet sie statt mit Rücksicht auf ein Gemeinsames als ein Höhres (Corporationen).
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Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 168 [MEW 42, S. 170]
Montag, 29. August 2016
Das allgemeine Interesse ist die Allgemeinheit der selbstsüchtigen Interessen.
Aber dieß ist nicht alles: Das Individuum A dient dem Bedürfnisse des Individuums B vermittelst der Waare a, nur insofern und weil das Individuum B dem Bedürfniß des Individuums A vermittelst der Waare b dient und vice versa. Jedes dient dem andren um sich selbst zu dienen; jedes bedient sich des andren wechselseitig als seines Mittels.
Es ist nun beides in dem Bewußtsein der beiden Individuen vorhanden: 1) daß jedes nur seinen Zweck erreicht, soweit es dem andren als Mittel dient; 2) daß jedes nur Mittel für das andre (Sein für andres) wird als Selbst-zweck (Sein für sich); 3) daß die Wechselseitigkeit, wonach jedes zugleich Mittel und Zweck, und zwar nur seinen Zweck erreicht, insofern es Mittel wird, und nur Mittel wird, insofern es sich als Selbstzweck sezt, daß jeder sich also als Sein für andres sezt, insofern er Sein für sich, und der andre als Sein für ihn, insofern er Sein für sich – daß diese Wechselseitigkeit ein nothwendiges fact ist, vorausgesezt als natürliche Bedingung des Austauschs, daß sie aber als solche jedem der beiden Subjekte des Austauschs gleichgültig ist, und ihm diese Wechselseitigkeit nur Interesse hat, so weit sie sein Interesse als das des andren ausschliessend, ohne Beziehung darauf befriedigt.
D. h. das gemeinschaftliche Interesse, was als Motiv des Ge-/sammtakts erscheint, ist zwar als fact von beiden Seiten anerkannt, aber als solches ist es nicht Motiv, sondern geht so zu sagen nur hinter dem Rücken der in sich selbst reflectirten Sonderinteressen, dem Einzelinteresse im Gegensatze zu dem des andren vor. Nach dieser lezten Seite kann das Individuum höchstens noch das tröstliche Bewußtsein haben, daß die Befriedigung seines gegensätzlichen Einzelinteresses grade die Verwirklichung des aufgehobnen Gegensatzes, des gesell-schaftlichen allgemeinen Interesses ist.
Aus dem Akt des Austauschs selbst ist das Individuum, jedes derselben in sich reflectirt als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subject desselben. Damit ist also die vollständige Freiheit des Individuums gesezt: Freiwillige Transaction; Gewalt von keiner Seite; Setzen seiner als Mittel, oder als dienend, nur als Mittel um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Uebergreifende zu setzen; endlich das selbstsüchtige Inter-esse, kein darüber stehendes verwirklichend; der andre ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Interesse ver-wirklichend anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche Interesse eben nur in der Doppelseitigkeit, Vielseitigkeit, und Verselbstständigung nach den verschiednen Seiten der Austausch des selbstsüchtigen Interesses ist. Das allgemeine Interesse ist eben die Allgemeinheit der selbstsüchtigen Inter-essen.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 , S. 167f. [MEW 42, S. 169f.]
Nota. - Die "dialektische Form der Darstellung" dient hier offenkundig einem sarkastischen, einem kritischen Zweck, nicht einem dogmatisch mystifizierenden.
JE
Sonntag, 28. August 2016
Freiheit und Anerkennung als Gleiche.
Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch das Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine fähig ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem andren als Eigenthümer des Objekts des Bedürfnisses des andren gegen- übersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres Bedürfniß / etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist.
Es kömmt sonst nicht vor, daß Elephanten für Tiger oder Thiere für andre Thiere produciren. Z. B. Ein Bienenschwarm bildet au fond nur eine Biene, und sie produciren alle dasselbe. Ferner. So weit nun diese natürliche Verschiedenheit der Individuen und der Waaren derselben (Producte, Arbeit etc sind hier noch gar nicht verschieden; sondern existiren nur in der Form von Waaren oder wie Herr Bastiat nach Say will Diensten; Bastiat bildet sich ein indem er die ökonomische Bestimmung des Tauschwerths auf den natürlichen Inhalt desselben, Waare oder Dienst reducirt, also unfähig ist das ökonomische Verhältniß des Tauschwerths als solchen festzuhalten, habe er einen grossen Fortschritt gemacht über die klassischen Oekonomen der englischen Schule, die fähig sind, die Productionsverhältnisse in ihrer Bestimmtheit als solche festzuhalten, in ihrer reinen Form) das Motiv bildet zur Integrirung dieser Individuen, zu ihrer gesellschaftlichen Beziehung als Austauschende, worin sie sich als Gleiche vorausgesezt sind und bewähren, kömmt zur Bestimmung der Gleichheit noch die der Freiheit hinzu.
Obgleich das Individuum A Bedürfniß fühlt nach der Waare des Individuums B, bemächtigt es sich derselben nicht mit Gewalt, noch vice versa, sondern sie erkennen sich wechselseitig an als Eigenthümer, als Personen, deren Willen ihre Waaren durchdringt. Danach kommt hier zunächst das juristische Moment der Person herein und der Freiheit, so weit sie darin enthalten ist. Keines bemächtigt sich des Eigenthums des andren mit Gewalt. Jedes entäussert sich desselben freiwillig.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 , S. 166f. [MEW 42, S. 168f.]
Nota. - Das klingt wieder so, als hätte er es von Hegel. Der hatte es aber von Fichte.
JE
Samstag, 27. August 2016
Ihre materiale Verschiedenheit ist Bedingung ihrer formalen Gleichheit.
Was nun den Inhalt angeht ausserhalb dem Akt des Austauschs, der sowohl Setzen als Bewähren der Tausch-werthe, wie der Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb der ökonomischen Form-bestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche Besonderheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre natürliche Bedürfniß der Austauschenden, oder beides zusammengefaßt, der verschiedene Gebrauchswerth der auszutauschenden Waaren.
Dieser der Inhalt des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung liegt, so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden, macht vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das Individuum B und in dem-selben Gegenstand seine Arbeit realisirt hätte, wie das Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production hin betrachtet.
Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm; diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen Gleichheit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin sie zu einander als produc-tiv treten.
Nach dieser natürlichen Verschiedenheit betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für B, und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt die natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß der Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander, sondern integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als objectivirt in der Waare ein Bedürfniß für das Individuum A ist und vice versa; so daß sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaftlicher Be-ziehung zu einander stehn.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 , S. 166 [MEW 42, S. 168]
Nota. - Stoff und Form, Sein und Geltung, unterscheiden sich erst im Akt des Austauschs. Geltung gilt immer erst und nur für Handelnde (und handelten sie auch zuerst nur im Denken).
JE
Freitag, 26. August 2016
Geltende Form und gleichgültiger Stoff.
In der That, soweit die Waare oder die Arbeit nur noch als Tauschwerth bestimmt ist und die Beziehung wo-durch die verschiednen Waaren auf einander bezogen werden als Austausch dieser Tauschwerthe gegen ein-ander, ihre Gleichsetzung, sind die Individuen, die Subjekte, zwischen denen dieser Process vorgeht, nur ein-fach bestimmt als Austauschende. Es existirt absolut kein Unterschied zwischen ihnen, soweit die Formbestim-mung in Betracht kommt, und dieß ist die ökonomische Bestimmung, die Bestimmung worin sie in dem Ver-kehrsverhältniß zu einander stehn; der indicator ihrer gesellschaftlichen Funktion oder gesellschaftlichen Bezie-hung zu einander.
Jedes der Subjekte ist ein Austauschender; d. h. jedes hat dieselbe gesellschaftliche Beziehung zu dem andren, die das andre zu ihm hat. Als Subjekte des Austauschs ist ihre Beziehung daher die der Gleichheit. Es ist un-möglich irgendeinen Unterschied oder gar Gegensatz unter ihnen auszuspüren, nicht einmal eine Verschieden-heit.
Ferner die Waaren, die sie austauschen, sind als Tauschwerthe Equivalente oder gelten wenigstens als solche (es könnte nur subjektiver Irrthum in der wechselseitigen Schätzung stattfinden, und sofern das eine Individuum etwa das andre prellte, geschähe es nicht durch die Natur der socialen Funktion, in der sie einander gegenüber-stehn, denn diese ist dieselbe; in ihr sind sie gleich; sondern nur [durch] die natürliche Schlauheit, Ueberredungs-kunst etc, kurz nur die rein individuelle Ueberlegenheit des einen Individuums über das andre. Der Unterschied wäre ein natürlicher, der die Natur des Verhältnisses als solchen nichts angeht, und der, wie mit Hinsicht auf weitre Entwicklung gesagt werden kann, sogar durch die Concurrenz etc noch abgeschwächt und seiner origi-nellen Potenz beraubt wird).
Soweit die reine Form, die ökonomische Seite des Verhältnisses betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier eigentlich noch ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen unter- schiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt werden kann, daß er noch ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch un- mittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die formell unterschieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die Austauschenden; in derselben Bestimmung gesezt; die Gegenstände ihres Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind, sondern aus-drücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind; endlich der Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben als Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt wer-den.
Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt des Austauschs als Gleichgeltende und zugleich als Gleichgültige gegen-/ein-ander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und bewäh-ren sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist.
Da sie nur so als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser Equivalenz im Austau-sche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indivi-dueller Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre sonstigen individuellen Eigenheiten. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und bewähren sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 , S. 165f. . [MEW 42, S. 166ff.]
Nota. - Hier geht es nicht um Sachen - Personen, Dinge... -, sondern um Verhältnisse. Wenn Sachen als Substanzen gedacht werden, sind ihre Verhältnisse zu einander Form. Diese Verhältnisse bestimmen heißt Formbestimmung.
JE
Donnerstag, 25. August 2016
Das Schillern des Geldes.
Das Geld in seiner lezten, vollendeten Bestimmung erscheint nun nach allen Seiten als ein Widerspruch, der sich selbst auflöst; zu seiner eignenAuflösung treibt. Als allgemeine Form des Reichthums steht ihm die ganze Welt der wirklichen Reichthümer gegenüber. Es ist die reine Abstraction derselben, – daher so festgehalten blose Einbildung. Wo der Reichthum in ganz materieller, handgreiflicher Form als solcher zu existiren scheint, hat er seine Existenz blos in meinem Kopf, ist ein reines Hirngespinst. Midas.
Andrerseits als materieller Repräsentant des allgemeinen Reichthums wird es blos verwirklicht, indem es wieder in Circulation geworfen, gegen die einzelnen besondren Weisen des Reichthums verschwindet. In der Circulation bleibt es als Circulationsmittel; aber für das aufhäufende Individuum geht es verloren und dieß Verschwinden ist die einzig mögliche Weise es als Reichthum zu versichern. Die Auflösung des Aufgespeicherten in einzelnen Genüssen ist seine Verwirklichung. Es kann nun wieder von andren Einzelnen aufgespeichert werden, aber dann fängt derselbe Prozeß von neuem an.
Ich kann sein Sein für mich nur wirklich setzen, indem ich es als bloses Sein für andre hingebe. Will ich es festhalten, so verdunstet es unter der Hand in ein bloses Gespenst des wirklichen Reichthums. Ferner: Das Vermehren desselben durch seine Aufhäufung, daß seine eigne Quantität das Maaß seines Werths ist, zeigt sich wieder als falsch. Wenn die andren Reichthümer sich nicht aufhäufen, so verliert es selbst seinen Werth in dem Maaß in dem es aufgehäuft wird. Was als seine Vermehrung erscheint, ist in der That seine Abnahme. Seine Selbstständigkeit ist nur Schein; seine Unabhängigkeit von der Circulation besteht nur in Rücksicht auf sie, als Abhängigkeit von ihr.
Es giebt vor allgemeine Waare zu sein, aber ihrer Natürlichen Besonderheit wegen, ist es wieder eine besondre Waare, deren Werth sowohl von Nachfrage und Zufuhr abhängt, als er wechselt mit seinen spezifischen Pro-ductionskosten. Und da es selbst in Gold und Silber sich incarnirt, wird es in jeder wirklichen Form einseitig; so daß wenn das eine als Geld das andre als besondre Waare und vice versa erscheint und so jedes in beiden Be-stimmungen erscheint. Als der absolut Sichre, ganz von meiner Individualität unabhängige Reichthum, ist es zugleich als das mir ganz äusserliche, das Absolut Unsichre, das durch jeden Zufall von mir getrennt werden kann.
Ebenso die ganz widersprechenden Bestimmungen desselben als Maaß, Circulationsmittel, und Geld als solches. Endlich in der lezten Bestimmung widerspricht es sich noch, weil es den Werth als solchen / repräsen-tiren soll; in der That aber nur ein identisches Quantum von veränderlichem Werth repräsentirt. Es hebt sich daher auf als vollendeter Tauschwerth.
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Grundrisse, MEGA II/1.1 , S. 157f. [MEW 42, S. 160]
Mittwoch, 24. August 2016
Arbeitsteilung - Mühsal - freie Arbeit.
Du sollst arbeiten im Schweiß deines Angesichts! war Jehovas Fluch, den er Adam mitgab. Und so als Fluch nimmt A. Smith die Arbeit. Die „Ruhe“ erscheint als der adaequate Zustand, als identisch mit „Freiheit“ und „Glück“. Daß das Individuum „in seinem normalen Zustand von Gesundheit, Kraft, Thätigkeit, Geschicklich-keit, Gewandtheit“ auch das Bedürfniß einer normalen Portion von Arbeit hat, und von Aufhebung der Ruhe, scheint A. Smith ganz fern zu liegen. Aller- dings erscheint das Maaß der Arbeit selbst äusserlich gegeben, durch den zu erreichenden Zweck und die Hindernisse, die zu seiner Erreichung durch die Arbeit zu über-winden. Daß aber diese Ueberwindung von Hindernissen an sich Bethätigung der Freiheit – und daß ferner die äusseren Zwecke den Schein blos äusserer Naturnothwendigkeit abgestreift erhalten und als Zwecke, die das Individuum selbst erst sezt, gesezt werden – also als Selbstverwirklichung, Vergegenständlichung des Subjects, daher reale Freiheit, deren Action eben die Arbeit ahnt A. Smith ebenso wenig.
Allerdings hat er Recht, daß in den historischen Formen der Arbeit als Sklaven- Frohnde-Lohnarbeit die Arbeit stets repulsiv, stets als äussere Zwangsarbeit erscheint und ihr gegenüber die Nichtarbeit als „Freiheit, und Glück“. Es gilt doppelt: von dieser gegensätzlichen Arbeit; und was damit zusammenhängt der Arbeit, die sich noch nicht die Bedingungen, subjektive und objektive, geschaffen hat (oder auch gegen den Hirten- etc Zustand, der sie verloren hat), damit die Arbeit travail attractif, Selbstverwirklichung des Individuums sei, was keineswegs meint, daß sie bloser Spaß sei, bloses amusement, wie Fourier es sehr grisettenmässig naiv auffaßt. Wirklich freie Arbeiten z. B. Componiren ist grade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung.
Die Arbeit der materiellen Production kann diesen Charakter nur erhalten, dadurch daß 1) ihr gesellschaftlicher Charakter gesezt ist, 2) daß sie wissenschaftlichen Charakters, zugleich allgemeine Arbeit ist, nicht Anstrengung des Menschen als bestimmt dressirter Naturkraft, sondern als Subject, das in dem Productionsprocess nicht in blos natürlicher, naturwüchsiger Form, sondern als alle Naturkräfte regelnde Thätigkeit erscheint. Uebrigens denkt A. Smith nur an die Sklaven des Capitals. Z. B. selbst der halbkünstlerische Arbeiter des Mittelalters ist nicht zu rangiren unter seine Definition. Was wir aber hier zunächst wollen, ist nicht auf seine / nicht auf seine Ansicht von der Arbeit eingehn, seine philosophische, sondern das ökonomische Moment.
Die Arbeit blos als Opfer betrachtet und darum werthsetzend, als Preiß der für die Dinge bezahlt wird und ihnen daher Preiß giebt, je nachdem sie mehr oder weniger Arbeit kosten, ist rein negative Bestimmung. Daher konnte denn Herr Senior z. B. das Capital zu einer Productionsquelle im selben Sinn wie die Arbeit, sui generis machen, eine Productionsquelle von Werth, weil auch der Capitalist ein Opfer bringe, das Opfer der abstinence, indem er sich bereichert, statt sein Product direct aufzuessen. Ein blos negatives schafft nichts. Wenn die Arbeit dem Arbeiter z. B. Vergnügen macht – wie sicher dem Geizigen Senior's abstinence – so verliert das Product nichts an seinem Werth. Die Arbeit allein producirt; sie ist die einzige Substanz der Producte als Werthe. ❲Wie wenig Proudhon die Sache verstanden hat, geht aus seinem Axiom hervor, daß jede Arbeit ein Surplus läßt. Was er bei dem Capital verneint, verwandelt er in natürliche Eigenschaft der Arbeit.
Der Witz ist vielmehr, daß die zur Fristung der absoluten Bedürfnisse nothwendige Arbeitszeit freie Zeit läßt (verschieden auf den verschiednen Stufen der Entwicklung der Productivkräfte) und daher Surplusproduce geschaffen werden kann, wenn Surplusarbeit gearbeitet wird. Das Verhältniß selbst aufzuheben ist der Zweck; so daß das Surplusproduce selbst als nothwendiges erscheint. Schließlich die materielle Production jedem Menschen Surpluszeit zu andrer Thätigkeit läßt.
Darin nun nichts Mystisches mehr. Ursprünglich die freiwilligen Gaben der Natur reich, oder wenigstens nur anzueignen. Von vornherein naturwüchsig Association (Familie) und ihr entsprechende Theilung der Arbeit und Cooperation. Denn ebenso ursprünglich die Bedürfnisse arm. Sie entwickeln sich selbst erst mit den Productivkräften.
Ihr Maaß, die Arbeitszeit – gleiche Intensivität vorausgesezt – ist daher das Maaß der Werthe. Der qualitative Unterschied der Arbeiter, soweit er nicht naturwüchsig ist, durch Geschlecht, Alter, Körperkraft etc gesezt, also au fond nicht den qualitativen Werth der Arbeit, sondern die Theilung der Arbeit, ihre Differenzirung ausdrückt – ist selbst erst historisches Resultat und wird für die grosse Masse der Arbeit wieder aufgehoben, indem diese einfache ist; die qualitativ höhre aber ihr Maaß an der einfachen ökonomisch erhält.
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Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 499/599 [MEW 42, S. 512f.]
Nota. - Nur dies zum Schlussabsatz: Die Arbeitsteilung führt historisch zur Ausbildung von Arbeiten unter-schiedlichster Qualität. Aber die Maschinerie reduziert sie "für die große Masse" wieder auf einfache Arbeit - und an ihr, nur an ihr kann die qualitativ höhere Arbeit gemessen werden.
Die Mechanisierung der Arbeit tendiert dahin, eine "durchschnittliche, gesellschaftlich notwendige" Arbeit faktisch entstehen zu lassen. Automation und Digitalisierung tendieren dagegen dahin, die einfachen Arbeiten abzuschaffen - und mit ihnen das Maß für die qualitativ höheren!
Eine weitere Stelle, an der sichtbar wird, dass mit der digitalen Revolution der Tauschwert unmöglich werden muss.
JE
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