Montag, 14. Dezember 2015

Der Wucher selbst macht noch kein Kapital.



Soweit Sklaverei herrscht, oder soweit das Mehrprodukt vom Feudalherrn und seiner Gefolgschaft aufgegessen wird, und Sklavenbesitzer oder Feudalherr dem Wucher verfallen, bleibt die Produktionsweise auch dieselbe; nur wird sie härter für die Arbeiter. Der verschuldete Sklavenhalter oder Feudalherr saugt mehr aus, weil er selbst mehr ausgesaugt wird. 

Oder schließlich macht er dem Wucherer Platz, der selbst Grundeigenthümer oder Sklavenbesitzer wird, wie der Ritter im alten Rom. An die Stelle der alten Ausbeuter, deren Exploitation mehr oder minder patriarcha-lisch, weil großentheils politisches Machtmittel war, tritt ein harter, geldsüchtiger Emporkömmling. Aber die Produktionsweise selbst wird nicht verändert. 
____________________________________________
Das Kapital III, MEGA II.15; S. 587 [MEW 25, S. 610]





Sonntag, 13. Dezember 2015

Rolle des Wuchers bei der Bildung des Kapitals.


Quentin Metsys, Die Geldverleiher

Der Wucher ist gegenüber dem konsumirenden Reichthum historisch wichtig als selbst ein Entstehungsproceß des Kapitals. Wucherkapital und Kaufmannsvermögen vermitteln die Bildung eines vom Grundeigenthum un-abhängigen Geldvermögens. Je weniger der Charakter des Produkts als Waare sich entwickelt, je weniger sich der Tauschwerth der Produktion in ihrer ganzen Breite und Tiefe bemächtigt hat, desto mehr erscheint Geld als der eigentliche Reichthum als solcher, als der allgemeine Reichthum, gegenüber seiner beschränkten Dar-stellungsweise in Gebrauchswerthen. Darauf beruht die Schatzbildung. 

Abgesehn vom Geld als Weltgeld und Schatz, ist es namentlich die Form des Zahlungsmittels, worin es als absolute Form der Waare auftritt. Und es ist namentlich seine Funktion als Zahlungsmittel, die den Zins und damit das Geldkapital entwickeln. Was der verschwenderische und korrumpirende Reichthum will, ist Geld als Geld, Geld als Mittel alles zu kaufen. (Auch zum Schuldenzahlen.) 

Wozu der kleine Producent vor allem Geld braucht, ist zum Zahlen. (Die Verwandlung der Naturalleistungen und Lieferungen an Grundherrn und Staat in Geldrente und Geldsteuern spielt hier eine große Rolle.) In bei-den Fällen wird das Geld als Geld gebraucht. Auf der andren Seite wird die Schatzbildung erst real, erfüllt ihren Traum im Wucher. 
____________________________________________
Das Kapital III, MEW 25, S. 611f. [ MEGA II.15, S. 588]


Nota. - Nicht das Geld selber, soviel es auch sein mag, ist Kapital. Zu Kapital wird es erst, indem es gegen Arbeit ausgetauscht wird. Dazu muss einerseits Arbeit regelmäßig als Ware zum Kauf angeboten werden, und muss die Technik Unternehmungen von solchem Umfang erlauben, die den regelmäßigen Ankauf von Arbeit lukrativ machen. Dafür wiederum musste eine gewisse Menge von Geld zuvor angehäuft worden sein; und sei es zunächst als Schatz. 

Das sind historisch-faktische Bedingungen, die mit dem 'Begriff' des Geldes gar nichts zu tun haben. Sie gehen im wesentlichen auf Kosten der Landwirtschaft; auf Kosten der Bauern, die ihre in Geld verwandelten Feudal-lasten bezahlen müssen, ohne selber Geldeinkommen zu erzielen; und auf Kosten der Landadligen, die mehr verpulvern, als sie ihren Bauern abpressen können, und daher pumpen müssen.
JE

Freitag, 11. Dezember 2015

Die Arbeit des Herrschens und Leitens.

C. Bloch, Samson bei den Philistern

Daß die Herrschaft, wie im politischen, so im ökonomischen Gebiet, den Gewalthabern die Funktionen des Herrschens auflegt, d. h. auf ökonomischem Gebiet also, daß sie verstehn müssen, die Arbeitskraft zu konsu-miren – sagt Aristoteles mit dürren Worten und fügt hinzu, daß kein großes Wesen mit dieser Aufsichtsarbeit zu machen sei, weshalb der Herr, sobald er vermögend genug ist, die "Ehre" dieser Plackerei einem Aufseher überläßt. 375 / 398 

Die Arbeit der Oberaufsicht und Leitung, soweit sie aus dem gegensätzlichen Charakter, aus der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit entspringt, und daher allen auf dem Klassengegensatz beruhenden Produktionsweisen mit der kapitalistischen gemeinsam ist, ist auch im kapitalistischen System unmittelbar und unzertrennbar ver-quickt mit den produktiven Funktionen, die alle kombinirte gesellschaftliche Arbeit einzelnen Individuen als besondre Arbeit auferlegt. Der Arbeitslohn eines Epitropos oder régisseur, wie er im feudalen Frankreich hieß, trennt sich vollständig vom Profit und nimmt auch die Form des Arbeitslohns für geschickte Arbeit an, sobald das Geschäft auf hinreichend großer Stufenleiter betrieben wird, um einen solchen Dirigenten (manager) zu zahlen, obgleich deßwegen unsre industriellen Kapitalisten noch lange nicht "Staatsgeschäfte treiben oder phi-losophiren". 
376 / 399f.

Dem Geldkapitalisten gegenüber ist der industrielle Kapitalist Arbeiter, aber Arbeiter als Kapitalist, d. h. als Exploiteur fremder Arbeit. Der Lohn, den er für diese Arbeit beansprucht und bezieht, ist genau gleich dem angeeigneten Quantum fremder Arbeit und hängt direkt ab, soweit er sich der nothwendigen Mühe der Exploi-tation unterzieht, vom Ausbeutungsgrad dieser Arbeit, nicht aber vom Grad der Anstrengung, die diese Exploi-tation ihm kostet, und die er gegen mäßige Zahlung auf einen Dirigenten abwälzen kann. Nach jeder Krisis kann man in den englischen Fabrikbezirken genug Ex-Fabrikanten sehn, die ihre eignen frühern Fabriken jetzt als Dirigenten der neuen Eigenthümer, oft ihrer Gläubiger, für einen billigen Lohn beaufsichtigen. 
377/ 400f.
______________________________________________________________
Das Kapital III, MEGA II.15; S. 375; 376; 377 [MEW 25, S. 398; 399f.; 400f.]






Donnerstag, 10. Dezember 2015

Realer Gegensatz und logischer Widerspruch.


Gleichzeitig mit dem Fall der Profitrate wächst die Masse des Kapitals und geht Hand in Hand mit mit ihr eine Entwertung des vorhandnen Kapitals, welche diesen Fall aufhält und der Akkumulation von Kapitalwert einen beschleunigenden Antrieb gibt.

Gleichzeitig mit der Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere Zusammensetzung des Kapi-tals, die relative Abnahme des variablen Teils gegen den konstanten.

Diese verschiednen Einflüsse machen sich bad nebeneinander im Raum, bald mehr nacheinander in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der widerstreitenden Agentien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen.

Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, dass die kapitalistische Produktionsweise die Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und sein Verwertung im höchsten Maß (d. h. beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezi-fischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert als Mittel zur größtmöglichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon produzierte Pro-duktivkräfte.

Die periodische Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise immanen-tes Mittel ist, den Fall der Profitrate / aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwert durch Bildung von Neuwert zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich der Zirkulationsprozess des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses.
____________________________________________
Das Kapital III, MEW 25, S. 259f. [ MEGA II.15, S. 245f.]


Nota. – Die theoretische Bedeutung obiger Passage für die elementare Stellung des Falls der Profitrate in der Theorie des Kapitals ist offenkundig. – 

Aber sie hat eine meta-theoretische Seite: Der buchstäblich Grund-legende Denkfehler der rationalistischen metaphysischen Systeme war die Identifizierung von logischem Grund mit realer Ursache (von Sein und Gel-tung). Die Vermengung von (logischem) Widerspruch und (realem) Gegensatz ist nur ihre Umkehrung. Und in dieser Gestalt taucht sie unverhofft bei Marx wieder auf: Es ist ein Überrest seines 'Kokettierens mit der Hegel' schen Ausdrucksweise', in dem sich allerdings eine andauernde Unsicherheit über die sog. dialektischen Methode verbirgt, die Marx immer wieder dazu verleitet, die logische Darstellung mit der reellen Beschreibung zu ver-mengen. 

Dass der Produktionsprozess und der Zirkulationsprozess nicht in derselben Geschwindigkeit und auch nicht am selben 'Platz' geschehen und ihre Synchronisierung periodisch durch Selbstvernichtung eines Teils des Kapitals wiederhergestellt werden muss, ist ein Realvorgang. Dass das unbegrenzte Wachstum der Produktion und ihre gleichzeitige Begrenzung durch die Verwertungsmöglichkeit im Begriff des Kapitals beieinander liegen, ist dagegen ein logischer Widerspruch. Es ist aber nicht die Logik, die den Prozesse antreibt – sie beschreibt ihn lediglich. Und dass etwas im Begriff widersprüchlich ist, bedeutet noch nicht, dass es in der Realität auf seine Auflösung hindrängt. 

Das hat Marx auch nicht sagen wollen? Nein, sicher nicht. Aber er hat sich so ausgedrückt, dass epigonale Buchstabengelehrte es (in behördlichem Auftrag) so darstellen konnten.
JE






Dienstag, 8. Dezember 2015

Wie bei wachsendem Mehrwert der Profit sinkt.


Sobald die neue Produktionsweise anfängt sich auszubreiten, und damit der Beweis thatsächlich geliefert ist, daß diese Waaren wohlfeiler producirt werden können, müssen die Kapitalisten, die unter den alten Produkti-onsbedingungen arbeiten, ihr Produkt unter ihrem vollen Produktionspreis verkaufen, weil der Werth dieser Waare gefallen ist, die von ihnen zur Produktion erheischte Arbeitszeit über der gesellschaftlichen steht. Mit einem Wort – es erscheint dies als Wirkung der Konkurrenz – sie müssen ebenfalls die neue Produktionsweise einführen, worin das Ver- hältniß des variablen Kapitals zum konstanten vermindert ist.

Alle Umstände, die bewirken, daß die Anwendung der Maschinerie den Preis der damit producirten Waaren verwohlfeilert, reduciren sich stets auf Verringerung des Quantums Arbeit, das von einer einzelnen Waare ab-sorbirt wird; zweitens aber auf Verringerung des Verschleißtheils der Maschinerie, dessen Werth in die einzelne Waare eingeht. Je weniger rasch der Verschleiß der Maschinerie, auf desto mehr Waaren vertheilt er sich, desto mehr lebendige Arbeit ersetzt sie bis zu ihrem Reproduktionstermin. In beiden Fällen vermehrt sich Quantum und Werth des fixen konstanten Kapitals gegenüber dem variablen.
____________________________________________
Das Kapital III, MEGA II.15; S. 261 [MEW 25, S. 275f.]



Nota. – Der Mehrwert ist das Verhältnis des neu hinzugefügten Werts zum Wert der lebendigen Arbeit (=va-riables Kapital). Der Profit ist das Verhältnis dieses Mehrwerts zum eingesetzten Gesamtkapital; wenn der Wert des konstanten+fixen Kapitals absolut stärker wächst als der Mehrwert, vermindert sich die Profitrate. (Beden-kend immer: Der Profit erscheint als Gewinn in der Unternehmensbilanz; der Mehrwert lässt sich nicht einmal errechnen.)
JE



Montag, 7. Dezember 2015

Die Schranke des Fortschritts.



Eine Entwicklung der Produktivkräfte, welche die absolute Anzahl der Arbeiter verminderte, d. h., in der That die ganze Nation befähigte, in einem geringern Zeittheil ihre Gesammtproduktion zu vollziehn, würde Revolu-tion herbeiführen, weil sie die Mehrzahl der Bevölkerung außer Kurs setzen würde. Hierin erscheint wieder die specifische Schranke der kapitalistischen Produktion, und daß sie keineswegs eine absolute Form für die Ent-wicklung der Produktivkräfte und Erzeugung des Reichthums ist, vielmehr mit dieser auf einem gewissen Punkt in Kollision tritt. 

Partiell erscheint diese Kollision in periodischen Krisen, die aus der Ueberflüssigmachung bald dieses bald je-nes Theils der Arbeiterbevölkerung in ihrer alten Beschäftigungsweise hervorgehn. Ihre Schranke ist die über-schüssige Zeit der Arbeiter. Die absolute Ueberschußzeit, die die Gesellschaft gewinnt, geht sie nichts an. Die Entwicklung der Produktivkraft ist ihr nur wichtig, sofern sie die Mehrarbeitszeit der Arbeiterklasse vermehrt, nicht die Arbeitszeit für die materielle Produktion überhaupt vermindert; sie bewegt sich so im Gegensatze. 
____________________________________________
Das Kapital III, MEGA II.15; S. 260 [MEW 25, S. 274]  



Nota. - Einstweilen sieht es immer noch so aus, als könne das kapitalistische System die Erübrigung menschli-cher Arbeit, die die digitale Revolution mit sich bringt, nicht verkraften. Überschüssige Zeit bedeutet auch weiterhin nur Arbeitslosigkeit; statt Reichtum wird Mangel erzeugt.
JE


Sonntag, 6. Dezember 2015

Der größte Teil des Bankkapitals ist rein fiktiv.


businessinsider

Die Reservefonds der Banken, in Ländern entwickelter kapitalistischer Produktion, drücken immer im Durchschnitt die Größe des als Schatz vorhandnen Geldes aus, und ein Theil dieses Schatzes besteht selbst wieder aus Papier, bloßen Anweisungen auf Gold, die aber keine Selbstwerthe sind. Der größte Theil des Bankierkapitals ist daher rein fiktiv und besteht aus Schuldforderungen (Wechseln), Staatspapieren (die ver-gangnes Kapital repräsentiren) und Aktien (Anweisungen auf künftigen Ertrag). 

Wobei nicht vergessen werden muß, daß der Geldwerth des Kapitals, den diese Papiere in den Panzerschrän-ken des Bankiers vorstellen, selbst soweit sie Anweisungen auf sichre Erträge (wie bei den Staatspapieren) oder soweit sie Eigenthumstitel auf wirkliches Kapital (wie bei den Aktien), durchaus fiktiv ist und von dem Werth des wirklichen Kapitals, das sie wenigstens theilweise vorstellen, abweichend regulirt wird; oder wo sie bloße Forderung auf Erträge vorstellen und kein Kapital, die Forderung auf denselben Ertrag in beständig wechseln-dem fiktivem Geldkapital sich ausdrückt. Außerdem kommt noch hinzu, daß dies fiktive Bankierkapital gro-ßentheils nicht sein Kapital, sondern das des Publikums vorstellt, das bei ihm deponirt, sei es mit, sei es ohne Zinsen. 
____________________________________________
Das Kapital III, MEGA II.15; S. 467. [MEW 25, S. 487]